2. LiteraturCamp in Heidelberg vom 24. bis 25. Juni 2017

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Es wurde viel geboten in Heidelberg an diesem Wochenende des 24. und 25. Juni 2017 – vor allem in literarischen Angelegenheiten. Bereits am Mittwoch, dem 21. Juni hatten die Literaturtage im Spiegelzelt auf dem Universitätsplatz begonnen. Das Deutsch-Amerikanische Institut hatte eine Schreibwerkstatt für Drehbuchautoren im Programm. Und dann fand das 2. LiteraturCamp Heidelberg statt, von dem ich berichten möchte. Veranstaltungsort war wieder das Dezernat 16, auch bekannt als die Alte Feuerwache, das einen ganz besonderen Charme besitzt.

Foto: Inka Bankwitz

Am Vorabend des LiteraturCamps (#litcamp17) lud die Regionalgruppe Rhein-Neckar wieder zu einem Come-together der teilnehmenden BücherFrauen im schönen Restaurant „Il Zafferano“ ein. Diesmal belief sich die Beteiligung jedoch nahezu auf einen intimen Rahmen, da neben drei Mitgliedsfrauen aus Rhein-Neckar „nur“ noch Frauke Ehlers aus der Stuttgarter Städtegruppe anwesend war. Die geringe Teilnehmerinnenzahl tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Im kleinen Kreise ließ es sich intensiv austauschen, sodass wir bereits „warmgebabbelt“ ins literarische Wochenende starten konnten.

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Fan der für ein Barcamp üblichen Vorstellungsrunde bin. Leider ist es mir diesmal nicht gelungen, diese zu vermeiden. So habe ich jedoch auch die lange Schlange bei der Session-Vorstellung miterleben dürfen‒ ein beeindruckendes Erlebnis.

Die Session-Dichte war dementsprechend hoch. Wie immer bei Barcamp-Berichten kann daher nur eine kleine Auswahl von Themen vorgestellt werden.

Foto: Inka Bankewitz

Der kreative Prozess

Begonnen habe ich mit einer Session zum Thema „Der kreative Prozess ‒ von Musen und der Suche nach Inspiration“. Von BücherFrau Tanja Steinlechner, die gleichzeitig Leiterin der Autorenschule „Schreibhain“ ist, erhoffte ich mir die richtigen Tipps, um einen Kuss der Muse(n) erhaschen zu können.

Zunächst ging es um den kreativen Prozess und dessen vier Abschnitte Exploration, also das Entdecken und Sammeln von Themen, Inkubation, die Reifezeit, in der die gesammelten Informationen ins Unterbewusste sinken und verarbeitet werden, Illumination, die herbeigesehnte Erleuchtung, und zum Schluss Überprüfung und Ausarbeitung.

Welche Rolle der Flow, also das „Aufgehen in der gerade ausgeübten Tätigkeit“ dabei spielt, wurde ebenfalls kurz erläutert. Hier sei auf Mihaly Csíkzentmihályi, Flow und Kreativität verwiesen, dessen Flow-Prinzip vorgestellt wurde.

Doch in den Flow kommen und einen kreativen Prozess auslösen ‒ kann das jeder? Ist jeder, wie Beuys behauptet hatte, ein Künstler oder bedarf es einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur, um Kreativität entwickeln und darüber hinaus auch noch ausleben zu können? Laut Tanja Steinlechner ist es hilfreich, eine komplexe und sogar widersprüchliche Persönlichkeit zu sein. Für mich war das fast ein therapeutischer Satz, fühlte ich mich mit meinen vielen Widersprüchen doch bisher mehr widerspenstig und nicht der Norm entsprechend als kreativ und künstlerisch veranlagt.

Jetzt fehlte mir also nur noch der bereits erwähnte Kuss der Muse(n): Hier war die Botschaft eine zwiespältige: Bisher hatte ich immer angenommen, dass die Muse(n) willkürlich ihre Küsschen in die Schar der Kunstschaffenden werfen, sodass sich diejenigen glücklich schätzen können, die davon getroffen werden. Nun habe ich gelernt, dass sich der Kuss der Muse(n) sehr wohl erarbeiten lässt. Wie das gelingen kann, dafür gab es für jede der vier Phasen des kreativen Prozesses ein paar Hinweise. Und nein, verraten werde ich die natürlich nicht. Ich geh jetzt lieber meinen Wanderrucksack packen, denn so viel sei gesagt: Es gilt erst einmal den Musenberg zu erklimmen.

Leseplattformen

Foto: Inka Bankewitz

Leser*innenplattformen im Internet hieß die nächste Session, die ich besucht habe. Zunächst wurden verschiedene Leseplattformen wie goodreads, LovelyBooks oder Literaturschock diskutiert. Dabei war auffallend, dass verschiedene Plattformen für verschiedene Funktionen genutzt wurden. So wurde bei goodreads das eigene Bücherregal gelobt, LovelyBooks bietet dafür viele Leserunden an und bei Literaturschock sind Austausch und die Diskussion auf einem hohen Niveau. Alle anwesenden Nutzer*innen berichteten, dass sie ihre Leseplattform-Aktivitäten mit weiteren Social-Media-Kanälen wie Twitter und Facebook flankierten.

Wozu werden Leseplattformen überhaupt benötigt? Hier standen der Austausch mit Gleichgesinnten, aber auch die Durchführung von Leserunden im Fokus. Kontrovers wurde der Sinn und Zweck eines Lesestatus diskutiert. Die direkte Ansprache von Blogger*innen durch Autor*innen können aber auch Social-Reading-Plattformen nicht ersetzen. Dies war für mich die Quintessenz aus dieser Session.

Ich bekenne zudem, dass ich zwar bei LovelyBooks registriert bin, mir die dort angebotenen Bücher aber selten zusagen und ich noch kein Buch dort gewonnen habe. Das Thema werde ich in naher Zukunft auf jeden Fall noch einmal auffrischen.

Gendermarketing

Auch bei meiner dritten Session, die Gendermarketing zum Thema hatte, wurde heiß diskutiert. In der Diskussion um rosa und hellblaue Buchcover im Kinder- und Jugendbuchbereich wurde deutlich, dass sich das Problem um die eigene Achse dreht: Die Verlage behaupten, die Nachfrage nach gendergetrennten Büchern sei so groß, dass sie geschlechterneutrale Bücher gar nicht verkaufen könnten. Die Kund*innen wiederum bemängeln ein Angebot an Buchtiteln, die für alle Geschlechter geeignet sind und in denen nicht nur Geschlechter-Stereotype vorkommen. Auf der Strecke bleiben bei all der Diskussion Inhalt und Kreativität der Autor*innen. Diese bekommen nämlich immer häufiger Aufträge, Bücher zu schreiben, die dem letzten großen Erfolgstitel auf der Bestsellerliste ähnlich sind. Ein Blick auf Selfpublisher zeigt aber auch: Diese wählen für ihre Titel viel häufiger genderneutrale Cover aus und scheinen den Klischees deutlich weniger verbunden als die Verlagshäuser, die unter einem deutlich höheren wirtschaftlichen Zwang stehen.

Wie kann dieser Kreislauf unterbrochen werden? Eine schnelle Lösung wurde auch in dieser Diskussion nicht gefunden. Dafür vielleicht die einzige, die tatsächlich wirken könnte: nämlich dass jeder Mensch bei sich selbst anfängt und seine Grundsätze zum Thema Geschlechterneutralität überdenkt. Diese Grundsätze gilt es dann in die eigene Umwelt zu transportieren. In die eigene Familie durch eine entsprechende Erziehung der eigenen Kinder, in Kitas, in Schulen und letztendlich auch in Buchhandlungen, in Bibliotheken, aber auch in Mode- und Spielwarengeschäfte. Denn Gendermarketing ist nicht nur ein Thema der Buchbranche. Steigt die Nachfrage nach geschlechterneutralen Büchern, trauen sich vielleicht auch die Verlage, wieder mehr Bücher ins Programm zu nehmen, deren Inhalte jenseits von glitzernden Prinzessinnen und kämpfenden Rittern liegen.

SEO für Blogger

In der anschließenden Session zum Thema SEO für Blogger ging es dann deutlich ruhiger zu, auch wenn es nicht minder interessant war. Edda Klepp fasste das Wichtigste dazu informativ zusammen. Warum ist SEO wichtig (Reichweite, Interaktionen, Steigerung des Bekanntheitsgrades)? Wie funktioniert Google (Keywords, Ranking, Wichtigkeit von Inhalten)? Was ist bei Keywords zu beachten (Lesbarkeit, spezifisch und relevant)? Wie sieht eine gute Onpage- und Offpage-Optimierung aus?

Einzig die Frage nach der SEO für andere Suchmaschinen wie DuckDuckGo oder Bing konnte niemand beantworten. Da jedoch 90 Prozent aller Internetnutzer*innen auf Google als Suchmaschine zurückgreifen, werden auch in der Ausbildung zum/r Online-Marketing-Manager*in diese Varianten erst gar nicht behandelt.

Von LOG.OS zu Mojoreads

Mit der Session zu Mojoreads endete mein erster Tag auf dem LiteraturCamp. Für die BücherFrauen ist die Plattform mojoreads nichts Neues, lediglich der Name scheint unbekannt. Gestartet ist die Plattform bereits vor wenigen Jahren, und u. a. mit Unterstützung der BücherFrauen unter dem Namen LOG.OS. Warum ist es zum Namenswechsel gekommen? Der Name LOG.OS hatte für zu viele Missverständnisse gesorgt. Lest selbst.

Dabei handelt es sich um eine Leseplattform, die eine Verbindung von der Leseprobe über den E-Book-Kauf bis hin zum Austausch mit anderen schaffen möchte. Neben einer Desktop-Version gibt es auch eine App für Android und IOS, sodass das Angebot der Plattform auch auf dem Smartphone und Tablet abrufbar ist. Bereits jetzt ist ein Vollsortiment an E-Books abrufbar, ab Herbst soll es sogar möglich sein, Bücher auch als Printausgabe zu bestellen.

Was mir besonders an der Plattform gefallen hat, sind die Leseproben: Diese werden individuell erstellt. Zehn Prozent eines Titels können als Leseprobe geladen werden, wobei diese an einer beliebigen Stelle des Textes beginnen kann. Somit wird ein richtiges „Reinlesen“ in einen Titel ermöglicht.

Mehr Informationen zur Plattform gibt es in einem Interview, das Jana Stahl mit Volker Oppmann, dem Kopf hinter Mojoreads, geführt hat. Das Interview aus der monatlichen Büchersendung „Frisch Gepresst“ vom Sonntag, 9. Juli, kann hier nachgehört werden: Miteinander lesen: Leseplattform mojoreads.

Quo vadis Buchhandel?

Dies war die einzige Session, die ich am Sonntag besucht habe. In der Gesprächsrunde ging es vornehmlich darum, worin der Mehrwert des stationären Buchhandels gegenüber dem Online-Buchhandel liegt und wie dieser erreicht werden kann. Als wichtigster Pluspunkt für den stationären Buchhandel wurde die Beratung durch die/den Buchhändler*in genannt.

Wer geht eigentlich heute noch in die Buchhandlungen? Hier war man sich einig, dass dies die Vielleser*innen sind. Diese haben meist eine Stammbuchhandlung, über die sie sich ihren Lesestoff organisieren. Die Zielgruppe, die in die Buchhandlungen gelockt werden soll, ist daher die der Gelegenheitsleser*innen. Diese bestellen meist online, sprich bei Amazon, da sie über den Onlineriesen auch noch Artikel aus anderen Segmenten bestellen können. Auch der Zeitfaktor spielt hierbei eine große Rolle. Da kann am Sonntagabend noch schnell bestellt werden und innerhalb der nächsten Tage ist das gewünschte Buch im Briefkasten, ohne dass es noch in der Buchhandlung abgeholt werden muss.

Und wie bekommt man diese Zielgruppe nun in die Buchhandlungen? Das klappt z. B. mit der Aktion Lieblingsbuch, bei der ein Buch durch den/die Autor*in signiert wird und in die Buchhandlung geliefert wird, wo es dann abgeholt werden kann. Doch auch Aktionen wie der Indiebookday, bei dem nicht nur unabhängige Verlage im Mittelpunkt stehen, sondern auch der Buy-local-Gedanke, oder Buchgenuss nach Ladenschluss, z. B. bei der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm, können potenzielle Kund*innen in die Buchhandlung locken.

Sind die Kund*innen erst mal vor Ort, spielen das Lichtkonzept und Gemütlichkeit eine große Rolle; gepaart mit einer guten Beratung und ausgesuchten Leseempfehlungen, evtl. auch gegen den Trend (s. o. den Bericht zum Gendermarketing), kann dies durchaus die eine oder den anderen Kunden dauerhaft binden.

Fazit

Das LiteraturCamp war mit über 200 Teilnehmer*innen wieder sehr gut besucht. Die angebotenen Sessions haben ein breites Spektrum an Themen abgedeckt und die Sessions, die ich besucht habe, waren durchweg interessant. Auch das „Außenrum“ war stimmig, angefangen vom Veranstaltungsort und dem Catering über den kleinen Pool zur Abkühlung bis hin zum Austausch mit anderen. Verbesserungswünsche habe ich nur bei zwei Punkten: Die Vorstellungsrunde finde ich überflüssig, gerade bei 200 Teilnehmer*innen, auch wenn diese zum Repertoire jeder „Unkonferenz“ gehört. Auch die Nachtsessions, die erst um 19.30 Uhr begannen und bis 22.00 Uhr gingen, waren für meinen Geschmack zu viel des Guten. Meine Aufnahmekapazität war um diese Zeit bei Weitem überschritten und mein Bedarf, über Literatur zu reden, gedeckt. Davon abgesehen finde ich es toll, dass es das LiteraturCamp in dieser Form gibt und freue mich jetzt schon auf eine Neuauflage im nächsten Jahr!

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Inka Bankwitz

Autorin: Inka Bankwitz

Inka Bankwitz hat europäische Kunstgeschichte und Politikwissenschaft studiert und arbeitet im Lektorat eines juristischen Fachbuchverlages. Bei den BücherFrauen ist sie seit 2009 Mitglied. Seit 2015 ist sie Sprecherin der Regionalgruppe Rhein-Neckar, seit 2016 auch eine der beiden überregionalen Social Media-Koordinatorinnen der BücherFrauen.

6 Kommentare

  1. Spannende Themen, vor allem das Thema Gendermarketing hat mich seit dem Literaturcamp nicht mehr losgelassen. Da würde ich mir wünschen, mal einen intensiven Einblick in die Überlegungen von Verlagsmarketing zu erhalten.

    • Inka Bankwitz

      Mich lässt das Thema auch nicht mehr los und v.a. begegnet es mir in letzter Zeit öfter. In meinem Berufsleben spielt es zwar keine Rolle, privat bin ich allerdings schon davon betroffen.

      Veranstaltungen zu dem Thema anzubieten, finde ich eine gute Idee.

  2. Danke, Inka für Deinen interessanten Bericht, der mir doch noch einen guten Überblick verschafft hat. Nachdem ich meine eigene Session gehalten hatte ( Wie kann ich mich als Autor/ in gegen Sklaverei engagieren), war ich leider gesundheitlich aus dem Verkehr gezogen. Ich hatte mich so krass auf die nightsession zum Poetry Slam gefreut, denn das wird sonst nur als u 20 angeboten;) Hoffentlich kommt der Teilgeber zum nächsten Barcamp wieder. LG Juliane ((Nachteulen wie ich finden night sessions gut)

    • Inka Bankwitz

      Die Night Sessions kamen auch bei vielen anderen Teilnehmer*innen gut an und die angebotenen Themen waren durchaus interessant.

  3. Gabriele Kalmbach

    Sehr interessanter Beitrag, liebe Inka! Beim nächsten Literaturcamp komme ich sicher auch gerne nach Heidelberg zu Euch! Ich hatte angenommen, ein „Literaturcamp“ wende sich nur an Belletristik-Autorinnen – da war ich auf der falschen Fährte. So ein breites und genre-übergreifendes Spektrum an Themen, wie Du es beschreibst, ist auch für Bloggerinnen, Buchhändlerinnen, Sachbuch-Autorinnen uva. spannend… Herzliche Grüße an die Rhein-Neckar-Bücerfrauen, Gabriele

  4. Inka Bankwitz

    Die Teilnehmer*innen kamen aus sehr unterschiedlichen Bereichen der Buchbranche und dieses breite Spektrum erlaubt einen tollen Blick über den eigenen Tellerrand. Die Möglichkeit mit Menschen und Themen außerhalb der eigenen Buchbranchen-Blase zukommen, ist immer wieder schön und sehr erkenntnisreich.

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