Das Buch der Zukunft – Perspektiven auf der Social Media Week Hamburg

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Wie werden wir in Zukunft lesen? Dieser spannungsreichen Frage war eine Panel-Diskussion im Rahmen der Social Media Week Hamburg gewidmet. Vier Experten und Expertinnen sprachen mit Sanja Stankovic von den Digital Media Women über ihre Visionen für das Buch der Zukunft und zeigten dabei vor allem eins: die Bandbreite der Diskussion.

Der Eventraum der Hochschule Macromedia ist brechend voll: Am 27. Februar, dem letzten Tag der diesjährigen Social Media Week (#SMWHH), finden sich nochmal viele interessierte Gäste zusammen, um einen Blick in die Zukunft des Buches zu werfen. Die Zeit ist knapp: Für die Diskussion haben Tea Herovic (Oetinger34), Christoph Kappes (Sobooks.de GmbH), Jan Karsten (CulturBooks Verlag) und Kai Wels (Egmont Ehapa Media GmbH) gerade mal eine Stunde Zeit. So schaffen sie es vor allem, Schlaglichter auf eine komplizierte Entwicklung zu werfen.

Einen Blick in die Zukunft werfen v. l. n. r.: Christoph Kappes, Jan Karsten, Sanja Stankovic, Tea Herovic und Kai Wels.

Einen Blick in die Zukunft werfen v. l. n. r.: Christoph Kappes, Jan Karsten, Sanja Stankovic, Tea Herovic und Kai Wels.

Die Zukunft in fünf Thesen

Zum Einstieg geben Tea und Christoph (auf der SMW wird sich konsequent geduzt) Impulse für die Diskussion, indem sie anhand ihrer aktuellen Projekte fünf Thesen zur Zukunft des Buches aufstellen.

Was Tea voraussieht:

  • Der Content wird stark von Nutzer-Feedback geprägt sein.
  • Das Buch der Zukunft wird nicht zuerst in Printform publiziert.
  • Es wird neue Literaturformen geben und „Nischenliteratur“ rückt stärker in den Marktfokus.
  • „Hochliteratur“ wird teurer, hochwertiger und exklusiver.
  • Die Grenzen zwischen Buch und Software werden stärker verschwimmen.

Was Christoph voraussieht:

  • Das Buch der Zukunft wird im Browser gelesen.
  • Die digitale Form des Lesens, Kommentierens und Verlinkens wird dem Charakter des Buches als Teil eines kommunikativen Austauschprozesses gerechter als das isolierte Lesen einer Printpublikation.
  • Soziale Empfehlungen sind für den Leser relevanter als Bestsellerlisten.
  • Das Buch der Zukunft wird sich in vielen Dimensionen verändern (Textform, Autorschaft, Verbreitung etc.), so dass es sich dem Paid Content immer weiter annähert.
  • Das Buch der Zukunft wird weiterhin die Ordnungsleistungen des herkömmlichen Buchs erfüllen.

Starke Thesen, die leider nicht mehr im Einzelnen diskutiert werden. Aber sie verweisen schon mal auf Themen, die im Folgenden auf dem Podium angerissen werden: die Gestaltung und die Zielgruppe von digitalen Büchern; die Aufgaben der Verlage; die Gegenüberstellung von „hoher“ und Unterhaltungsliteratur; die Frage danach, wo Kulturgut anfängt und wo es aufhört; und nicht zuletzt die Bedeutung und die Grenzen von Leser-Feedback.

Christoph Kappes über das Lesen im Browser: „HTML war am Anfang für Texte gedacht.“

Christoph Kappes über das Lesen im Browser: „HTML war am Anfang für Texte gedacht.“

Content statt Buch

So springt man gleich hinein in die Frage, wie denn eigentlich die Verlage heutzutage mit der digitalen Herausforderung umgehen. Kai wirft der Buchbranche vor, zu behäbig und starr zu sein, um rechtzeitig auf technische Entwicklungen zu reagieren: Immer noch denke sie von Messe zu Messe, dabei verändere sich der Buchmarkt heutzutage viel schneller. Als Lösungsansatz scheinen aber immer mehr Verlage auf digitale Imprints zu setzen, um die technischen Möglichkeiten auszuprobieren und flexibler auf aktuelle Trends reagieren zu können.

Aber nicht nur die Verlage tun sich manchmal schwer damit, etablierte Strukturen neu zu denken: Auch manche Autoren und Autorinnen sind skeptisch, wenn nicht mehr vom Buch, sondern nur noch von Content die Rede ist. Die Erfahrung hat zumindest Christoph mit Sobooks gemacht. Diese Plattform für „Social Books“ ermöglicht es Nutzern, Bücher im Browser zu lesen, zu kommentieren und in sozialen Netzwerken zu teilen. Aber diese Öffnung des Textes sagt nicht allen Autoren zu: Ein Werk soll auch für sich allein stehen können. Wenn dann auch noch Leser anfangen, im Buch miteinander zu chatten und sich über ganz andere Dinge als das Gelesene auszutauschen, fühlt man sich als Autor schnell irritiert.

Tea Herovic: „Die Tradition, den Kindern etwas vorzulesen, ist sehr haptisch.“

Tea Herovic: „Die Tradition, den Kindern etwas vorzulesen, ist sehr haptisch.“

Unterhaltung vs. Literatur?

Wann wie gelesen wird, hängt aber generell von dem jeweiligen Buch und der Lesesituation ab. Print und Digital schließen sich dabei nicht gegenseitig aus. Tea bestätigt das fürs Kinderbuch: Unterwegs werde zwar gern digital gelesen (und Unternehmen wie Lufthansa fragen gezielt digitale Unterhaltungsmedien für junge Reisende nach), aber beim Vorlesen im heimischen Rahmen habe das Printbuch immer noch die Nase vorn. Besonders illustrierte Bücher würden aber auch von den vielen multimedialen Möglichkeiten im digitalen Bereich profitieren. Hier hat sich schon bei der Konzeption viel getan: Es wird nicht mehr in der Kategorie eines fertigen Buchs gedacht, sondern daran, für welche Formen sich die Geschichte eignet. In diesem Zusammenhang wird auch das Leser-Feedback immer wichtiger, zum Beispiel auf Online-Portalen wie Oetinger34, wo die Leser und Leserinnen bereits in den Entstehungsprozess der Bücher eingebunden werden.

Das ist aber nicht der Regelfall. Bei CulturBooks zum Beispiel wird das Programm gemacht, auf das die Verantwortlichen Lust haben – ohne bei jedem Titel auf die Wünsche und Erwartungen der Leser zu schielen. Jan meint, dass sich Verlage oft gerade durch die erstarkende Konkurrenz der Selfpublisher dazu verleiten ließen, übereilt Bücher zu veröffentlichen, die aktuellen Trends entsprechen. So würden aber nur wiederkehrende Muster bedient und E-Books mit anspruchsloser Genre-Literatur gleichgesetzt werden. Das sei aber der falsche Weg: Im Gegenteil, man müsse sich Qualität leisten. So sieht sich CulturBooks als Vermittler zwischen dem E-Book und den literaturaffinen Lesern und Leserinnen, die skeptisch vor dem digitalen Angebot stehen. Es müsse klar werden, dass digital eben auch hochwertig und literarisch sein kann.

Volles Haus in der Hochschule Macromedia am Ende der Social Media Week 2015

Volles Haus in der Hochschule Macromedia am Ende der Social Media Week 2015

Nutzerverhalten im Wandel

Unabhängig vom Inhalt ist aber auch die Form des Buches der Zukunft schwer vorauszusehen. Das Nutzerverhalten der jungen Leser und Leserinnen ändert sich schnell: Wenn gestern noch Facebook bei ihnen in war, tauschen sie sich heute eher auf Snapchat und Whatsapp aus. Besonders schnell wachsende Nutzerzahlen weist auch die Online-Community Wattpad auf, auf der sich überwiegend Fanfiction-Autoren und -Autorinnen tummeln. (Auf diese sind bereits große Verlage aufmerksam geworden, so zum Beispiel Piper, das dort unter #erzaehlesuns den Piper Award ins Leben gerufen hat.)

Einig sind sich alle darin, dass es schwierig ist, aus dem Nutzerverhalten der jungen Leser und Leserinnen von heute auf zukünftige Trends in der Buchbranche zu schließen. Aber Christoph gibt zu bedenken, dass Nutzer, die mit 15 Jahren nur online lesen, vermutlich auch als Erwachsene nicht mehr zu Print wechseln werden: Die Entwicklung geht nur in eine Richtung.

Da wird auch schon die Zeit knapp. Aus dem Publikum kommen noch einige Fragen (Tea verteidigt überzeugt die Bedeutung von Verlagen: „Unsere Aufgabe ist es, Autoren aufzubauen!“), dann ist die Veranstaltung auch schon um. Schade – es wurde sehr viel angerissen, aber nicht in Ruhe diskutiert, und die Zuhörer und Zuhörerinnen gingen mit summendem Kopf und vielen Fragen ins Wochenende.

Es ist deutlich geworden, dass Lesegewohnheiten im Fluss sind und E-Book auch nicht gleich E-Book ist. Die Zukunft des Buches bereitet vielen Menschen Kopfzerbrechen, aber über all den Debatten dürfen wir nicht vergessen, dass wir es sind, die sie in der Hand haben – mit unseren Visionen, unserem Nutzerverhalten, unserer Neugierde. So lohnt es sich immer wieder, darüber zu sprechen, wohin denn nun die Reise des Buches geht.

Alle Bilder © Copyright Xenia Zarafu, SMWHH.

Autorin: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

Ein Kommentar

  1. Danke für diesen sehr interessanten Artikel! – Ich merke mal an: Auch der alte Plattenspieler wurde totgesagt und hat ein Revival erlebt 😉

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