Drei Autorinnen – drei Bücher: Britta Jürgs

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Wiederentdeckungen sind wir inzwischen seit 20 Jahren von ihr gewohnt: In ihrem Verlag präsentiert Britta Jürgs immer wieder Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, die in Vergessenheit geraten sind. In diesem Monat stellt uns die ehemalige Vorsitzende der BücherFrauen und BücherFrau des Jahres 2011 einige ihrer Lieblingsautorinnen und -bücher vor.

 

© Klara-Emilia Kajdi

Britta Jürgs, Literatur- und Kunstwissenschaftlerin, Verlegerin des 1997 von ihr gegründeten AvivA Verlags. Natürlich sind die Bücher ihres Verlages auch alles Lieblingsbücher, aber darüber hinaus hat sie noch viel mehr Lieblingsautorinnen und -bücher, als sie hier nennen kann, weshalb ihr die Wahl durchaus schwerfiel.

 

 

 

Drei Autorinnen:

Yoko Tawada (geb. 1960)

Egal, ob es sich um Romane oder Erzählungen handelt, um Gedichte, Theaterstücke oder um literarische Essays: Die 1960 in Tokio geborene Yoko Tawada, die seit 1982 in Deutschland lebt und im November 2016 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde, ist in sämtlichen Gattungen zuhause. Ihre sinnlich-farbigen Texte, ob nun in Abenteuer der deutschen Grammatik, in Überseezungen oder akzentfrei, lassen uns völlig neue (Sprach-)Bilder entdecken. Tawada eröffnet uns in ihren Grenzüberschreitungen neue Sichtweisen auf scheinbar Selbstverständliches und Vertrautes und lädt mit viel Witz zu einer Abenteuerreise in die Sprache ein. Und auch visuell und haptisch sind die allesamt im Konkursbuch veröffentlichten, liebevoll gestalteten Bücher Tawadas eine wahre Freude.

 

Fred Vargas (geb. 1957)

Ich mag Politkrimis, die sich mit der gesellschaftlichen Realität auseinandersetzen, ganz besonders die der Autorinnen von Herland. Doch eine meiner Lieblingsautorinnen macht genau das überhaupt nicht, sondern schreibt poetische Kriminalromane, in denen sie mit Mythen und Legenden spielt und vergrabene Knochen- und andere Funde zu einem stimmigen und durchaus rationalen Ganzen zusammensetzt. Ihre ungewöhnlichen, überbordenden Geschichten um den nicht minder ungewöhnlichen Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg aus dem Pariser 13. Arrondissement sorgen immer wieder für Überraschungen. Umgeben ist der eigenbrötlerische und intuitive Adamsberg unter anderem von dem alleinerziehenden Weißweinvernichter Danglard und der mächtigen Violette Retancourt, die vor allem in Sous les vents de Neptune (deutsch Der vierzehnte Stein) einen grandiosen Auftritt hat. Schon lange kein Geheimtipp mehr, aber auch eine Autorin, die zeigt, dass Krimis „richtige Literatur“ sind (es soll Menschen geben, die das bezweifeln).

 

Herta Müller (geb. 1953)


Ihre Sprache zog mich von Anfang an in den Bann, komprimiert und bildgewaltig zugleich, diese Kombination aus kurzen Sätzen und ungeheuer poetischen Bildern. Schon die Buchtitel: Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt, Der Fuchs war damals schon der Jäger, Reisende auf einem Bein oder Barfüßiger Februar. Darin geht es um das Leben im „Land des Diktators“, in Rumänien, auf dem banatschwäbischen Dorf und in der Stadt, um das Weggehen und Nicht-Ankommen, um Heimat und Fremde – „Angekommen wie nicht da“.

 

 

Drei Bücher:

Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura

Mythen, Märchen, Geschlechtsumwandlung und Gleichberechtigung: Ein fantastischer Roman, in dem die Trobadora Beatriz nach 808 Jahren aus dem Dornröschenschlaf erwacht, sich darüber wundert, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter auch 1968 in Paris noch nicht erreicht ist. Mithilfe der S-Bahn-Triebwagenfahrerin mit Germanistikdiplom Laura Salman, die sie zu ihrer „Spielfrau“ ernennt, erkundet sie die sozialistische Realität der 1970er-Jahre. Doch auch im „gelobten Land“ der DDR scheinen bei Liebesbeziehungen und im familiären Alltag Theorie und Praxis auseinanderzuklaffen. In die Romanhandlung sind Märchenelemente ebenso verwoben wie Interviews, Briefe, wissenschaftliche Exkurse oder der Bericht über eine wunderhafte Geschlechtsumwandlung. Der Montageroman von 1974 bildet zusammen mit Amanda. Ein Hexenroman von 1983 und dem postum rekonstruierten fragmentarischen dritten Teil Das heroische Testament von 1998 eine im wahrsten Sinne fantastische Trilogie über die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Schullektüre im Deutsch-Leistungskurs der 11. Klasse und immer noch ein Lieblingsbuch: geistreich, witzig, wunderbar!

 

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Mit dem ersten Satz aus Kindheitsmuster, Christa Wolfs Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit und Jugend, mit (nationalsozialistischer) Vergangenheit und (sozialistischer) Gegenwart, begann meine Christa-Wolf-Lektüre. Erinnern und Vergessen blieben ein großes Thema bei Christa Wolf und sind es auch für mich in meinen Lektüren und bei dem, was mich als Verlegerin umtreibt. Doch so wichtig auch Kindheitsmuster für meine Lesebiografie war, mein Lieblingsbuch von Christa Wolf ist der schmale Band Kein Ort. Nirgends über ein fiktives Treffen am Rhein im Jahre 1804 zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, dem berühmten Dichter und der mir damals unbekannten Dichterin, auf deren Werk mich Christa Wolf durch ihr Büchlein neugierig machte.

 

 

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Wie modern ein Buch von 1932 sein kann, erfuhr ich wohl zum ersten Mal durch Keuns Roman Das kunstseidene Mädchen, der durchaus der Beginn meines Faibles für Autorinnen der zwanziger und dreißiger Jahre gewesen sein könnte. Da ging es in der Ich-Perspektive, flapsig und schnoddrig, teils naiv, teils ziemlich lebensklug, aber immer mit viel Humor, um eine junge Frau, die ihren Job verliert und die es aus der Provinz nach Berlin zieht, um „ein Glanz“ zu werden. Das klappt natürlich nicht, aber die Nöte der kunstseidenen Doris im Berlin der Weimarer Republik wirken alles andere als antiquiert.

 

 

 

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Doris Hermanns

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin. Sie ist als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen bei www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2017 erschien ihre Übersetzung von "Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren" von Susan Hawthorne. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

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