Equal Pay Day 2017 | Ungleiche Bezahlung zwischen Männern und Frauen ist ein Skandal

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„Es wird Zeit, dass wir über Geld auf Augenhöhe reden. Dann kommen wir auch bei der Chancen- und Gleichberechtigung voran”, stellt die FairPay-Expertin und ehemalige BPW-Präsidentin Henrike von Platen fest. „Frauen müssen sichtbar werden: Denn wer ins Blickfeld gerät, gewinnt auch leichter Verbündete und Macht.”

Der Verein Business and Professional Women (BPW) Germany e.V. hat 2008 die Initiative „Rote Tasche” ins Leben gerufen, die auf der „RedPurseCampaign” aus den USA basiert. Die rote Tasche symbolisiert die große Lücke, die zwischen der Bezahlung von Frauen und Männern klafft.

Seit der Gründung des Verbands vor mehr als 85 Jahren ist die Differenz leicht abgeschmolzen und liegt in Deutschland nicht mehr bei 30 Prozent, sondern bei 21 Prozent. Geht es im selben Tempo weiter, dauert es bis zum Jahr 2226, bis es Lohngleichheit gibt. Viel zu lange für Henrike von Platen. Sie appelliert: „Um die Welt zu verändern, braucht es Mut, Kraft und Verbündete. Und es braucht Netzwerkende, die das Ganze in die Hand nehmen.” Um mehr über die Kampagne und Ziele zu erfahren, hat sich Yvonne de Andrés für die BücherFrauen mit Henrike von Platen getroffen und ein paar Fragen gestellt.

Das Logo des Kongresses 10 Jahre Equal Pay Day am 18. März 2017 in Berlin

10 Jahre Equal Pay Day
18. März 2017 Kongress in Berlin (Bild: BPW)

de Andrés: Was bedeutet für den BPW der Equal Pay Day?

von Platen: Der Aktionstag Equal Pay Day sagt mit aller Deutlichkeit: Leute, wir haben ein Problem! Diese Klarheit ändert das Bewusstsein. Als wir 2008 den ersten EPD feierten, warf man uns vor, dass es die Lohnlücke überhaupt nicht gäbe. Im Laufe der Jahre hat sich die Diskussion stark verändert. Wir streiten nicht mehr darüber, ob es eine Lücke gibt, sondern nur noch darüber, wie groß sie ist. Das ist ein gewaltiger Schritt. Selbst die schärfsten Gegner können die Ungerechtigkeit nicht mehr leugnen!

de Andrés: Warum ist Entgeltgleichheit so wichtig, um Chancengleichheit zu erhalten?

von Platen: Es geht um gleiches Geld für gleiche und gleichwertige Arbeit. Es gibt Jobs, in denen ein Mann und eine Frau eben nicht das Gleiche bekommen, obwohl sie das Gleiche oder Gleichwertiges tun. Es gibt kein einziges vernünftiges Argument, um das zu rechtfertigen. Das ist pure Ungerechtigkeit. Man kann dann komplizierte Mathematik anwenden und irgendwelche strukturellen Aspekte „herausrechnen”. Aber am Ende ist es egal, ob der Unterschied statt 21 nur 7 Prozent beträgt. Es bleibt unfair. Selbst zwei Prozent sind zwei Prozent zu viel. Das Gute daran: „Herausrechnen” heißt Ursachen erkennen. Und diese Ursachen können wir gern beseitigen. Fairplay bringt FairPay! Dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Immer mehr Menschen machen mit. Jahr für Jahr wächst die Resonanz. Weit über 1.000 Aktionen von BPW Clubs und Kooperationspartnerverbänden finden am EPD deutschlandweit statt. Sie tragen die Empörung über die unfaire Praxis in die Gesellschaft hinein. Dabei stellen wir jedes Jahr andere Ursachen in den Mittelpunkt der Kampagne, etwa Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Ausbildungsvergütung versus Ausbildungskosten, Care-Arbeit, Teilzeit usw. Mit Erfolg: Immer mehr Menschen verstehen, dass und was sich ändern muss. Ungleiche Bezahlung ist kein Naturgesetz, sondern menschengemacht. Also können wir das auch anders machen, nämlich fair und gerecht. Daran kann jeder und jede einzelne mitwirken.

de Andrés: Wo liegt der Fokus heute für Sie?

von Platen: Die beiden wichtigsten Themen in der Vergangenheit waren für mich die Rollenstereotypen und die Transparenz. Am 18. März 2017 werden wir den zehnten Equal Pay Day begehen. Wir wollen alle Schwerpunkte der letzten Jahre zusammenfassen und Frauen und Männer zu Verbündeten in diesem FairPlay-Game machen. Dazu organisiert der BPW Germany mit dem Forum Equal Pay Day einen Kongress unter dem Motto „Endlich partnerschaftlich durchstarten!”. Wie lerne ich, offen und laut über Geld zu reden? Wie und wann miste ich meine Schubladen und Vorurteile aus? Wie und wo kann ich selbst fair und transparent handeln? Was kann und muss ich ab morgen tun, um etwas zu verändern? Auf diese Weise werden gemeinsam konkrete Maßnahmen erarbeitet, um den Gender Pay Gap zu beseitigen.

Henrike von Platen spricht bei einem Vortrag über 10 Jahre Equal Pay Day in Deutschland

Henrike von Platen spricht über 10 Jahre Equal Pay Day in Deutschland (Foto: Yvonne de Andrés)

de Andrés: Wie sieht der neue Rahmen „Goodbye Gender Pay Gap – Welcome Fair Pay” aus?

von Platen: Das Ziel ist klar: Wir schließen die Lücke! Merken Sie sich den Equal Pay Day für 2020; den feiern wir am 1. Januar. Bis dahin haben wir es geschafft!

Das wird nicht leicht. Geld, Macht und Einfluss gibt niemand gern ab. Aber wir schaffen das. Das geht nicht, wenn die einen 50 Prozent gegen die anderen 50 Prozent kämpfen. Es müssen – und werden – über kurz oder lang 100 Prozent sich für 100 Prozent einsetzen. Wir bewegen uns schon jetzt deutlich hin zu einer fairen Gesellschaft. Männer und Frauen profitieren gemeinsam davon, wenn 100 Prozent der Gesellschaft fair bezahlt werden. Junge Menschen wollen – Männer wie Frauen – auf Augenhöhe reden, arbeiten und leben. Dazu passt weder das 50er-Jahre-Hausfrauenbild noch das Mad-Men-Macho-Modell. Derzeit entstehen viele neue Arbeitsformen in der digitalen Welt, Transparenz wird großgeschrieben – hoffentlich auch bald bei der Bezahlung von Arbeit. Es geht nicht allein um Geld, es geht um Wertschätzung von Arbeit und Gleichwertigkeit.

de Andrés: Warum sind Gehälter keine Privatsache? Warum ist Gehaltstransparenz wichtig?

von Platen: Geheimnisse sind manipulativ und unterminieren unser Vertrauen. Geheimnisse können gefährlich sein und auch ziemlich unfair. Gehälter sind gehütete Geheimnisse. Die Folge ist, dass es immer noch Menschen gibt, die den faktisch bewiesenen Gehaltsunterschied nicht glauben. Er ist nicht spürbar, er ist nicht sichtbar, weil in Deutschland über Gehälter nicht gesprochen wird. Geld ist ein großes Tabu. Das ändert sich gerade. Wenn uns klar ist, was andere verdienen, dann fangen wir an, nachzudenken. Ungerechtigkeit empfinden alle vernünftigen Menschen als negativ. Sie werden aktiv, um Ungerechtigkeit abzuschaffen. Die Erfahrung zeigt, dass auch Männer sich für eine faire Bezahlung von Frauen einsetzen, sobald sie die unfaire Bezahlung offen sehen.

de Andrés: Ist Fair Pay der nächste Schritt in Richtung Gleichberechtigung?

von Platen: Ja, klar. Wir bewegen uns insgesamt allerdings im Schneckentempo. Seit über 100 Jahren ist gleiches Geld für gleiche und gleichwertige Arbeit ein Thema. Frauen mussten in all den Jahren unterschiedliche Kämpfe führen. Dabei ist das Thema Geld immer wieder in den Hintergrund getreten. Selbst Tarife sind nicht völlig diskriminierungsfrei. Und nicht alle Menschen arbeiten tarifgebunden. Bei außer- oder übertariflichen Gehältern sind die Diskrepanzen teilweise schockierend hoch. Ich kenne Fälle, in denen Männer das Dreifache ihrer Kolleginnen verdienen, das Dreifache! Die Aufarbeitung dieser Ungerechtigkeiten dauert bislang leider viel zu lange. Transparenz wird das Veränderungstempo deutlich erhöhen.

de Andrés: Ist Transparenz die größte Hürde in der Umsetzung?

von Platen: Es ist die aufregendste Hürde, weil Transparenz ein Tabubruch ist. Wir machen die Gehaltszettel nackig. Wow. Das ist schlimmer als der erste Bikini. 1970 war es noch ein Skandal, als die erste Abgeordnete im Hosenanzug im Bundestag erschien. Heute unvorstellbar, wo sogar Vorstandsvorsitzende von Dax-Konzernen in Turnschuhen auftreten. Rollenstereotype und Denkmuster zu verändern, ist schwer, aber möglich. Transparenz ist gerade ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Darüber lesen wir jeden Tag etwas in der Zeitung. Nur nicht beim Gehalt. Warum ist es peinlich, darüber zu reden? Viele haben Angst vor Neid. Ich bin davon überzeugt: Wenn es überhaupt zu Neiddebatten kommt, werden diese sehr schnell wieder schwinden. Frauen in Hosenanzügen sind ja auch kein Skandal mehr.

de Andrés: Was ist der Stand der FairPay-Petition?

von Platen: Die Kampagne baut sich nach und nach auf. Jede Frau, die FairPay will, sollte unter www.fairpay-heute.de unterschreiben. Jede Stimme zählt. Es reicht nicht zu sagen, ich bin BPW-Mitglied oder BücherFrau oder beim DJB. Nein, das genügt nicht. Durch die Partnerverbände unterstützen uns theoretisch etwa sechs Millionen Menschen. Das sind deutlich mehr als die 3.500 Unterschriften und 120 Statements, die wir bislang gesammelt haben. Ich hätte gern sechs Millionen Unterschriften. Dann kann niemand mehr übersehen, dass wir Fairness wollen!

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Equal Pay Kongress am Samstag, 18. März 2017 in Berlin
Endlich partnerschaftlich durchstarten

Wir wollen mit Ihnen diskutieren und entwickeln, was jede und jeder Einzelne zur Schließung der Lohnlücke beitragen kann! World Café, Workshops, Impulsvorträge, Markt der Möglichkeiten und Poetry Slam. Ein ganzer Tag für unsere partnerschaftliche Zukunft. Mitten in Berlin.

Sichern Sie sich Ihr kostenloses Ticket – solange es noch welche gibt! Zum 10. Equal Pay Day laden wir Frauen und Männer aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu einem großen Kongress ein: Ob Sie am Anfang oder in der Mitte Ihres Berufslebens stehen. Ob Sie Führungsverantwortung tragen oder nicht: Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind! Anmeldung erforderlich.

Yvonne de Andrés

Autorin: Yvonne de Andrés

Yvonne de Andrés ist freiberufliche Senior Consultant in einer Unternehmensberatung. Sie ist eine der zwei Pressefrauen der Berliner BücherFrauen.

2 Kommentare

  1. Danke für das interessante Interview! Jede Aktion und Ermutigung, fairpay zu fördern, ist super. Meine Erfahrung ist, dass sich auch das Denken der (jüngeren) Frauen verändert und die Vorbehalte, über Geld zu sprechen, weniger werden. Seit vielen Jahren coache ich Frauen auf ihrem Berufsweg und auch zu Einkommensfragen. Es tut sich was! Vielleicht auch, weil die Partner nicht mehr per se die Haupternährerrolle wollen oder bieten können. Praktischer Tipp: bei Stepstone gibt es regelmäßig aktuelle Gehaltsreports – Frau muss nicht auf die Medien warten, um sich zu informieren und auf Gehaltsverhandlungen vorzubereiten. Wichtig ist, sich auf den Weg zu mehr Gleichbezahlung zu machen!

  2. Yvonne de Andrés

    Liebe Susanne Grohs,

    herzlichen Dank für den Kommentar und den Hinweis. Aus meiner Sicht gibt es viele wichtige Schritte die gegangen werden müssen. Wir BücherFrauen haben uns unter anderem vorgenommen mit unserer „Mehr.Wert-Studie Gleichstellung in der Buchbranche“ in die nächste Erhebungsrunde zu gehen.

    http://www.buecherfrauen.de/news-home/1651-podiumsdiskussion-gleichstellung-in-der-buchbranche/

    Der Rahmen des Aktionstag Equal Pay Day 2017 bietet dazu auch vielfältige Gelegenheiten.

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