Jessica Mitford: Hunnen und Rebellen. Meine Familie und das 20. Jahrhundert

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Jessica Mitford wuchs mit fünf Geschwistern als Tochter eines englischen Peers auf, als Kind mehr oder weniger abgeschottet von der Umwelt. In ihren Lebenserinnerungen gibt sie uns Einblick in schrullige Familienrituale, vermittelt aber auch einen guten Eindruck des Lebensgefühls einer zwischen zwei Weltkriegen heranwachsenden Generation. Faschismus oder Kommunismus? Die politischen Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts treiben einen Keil zwischen die Geschwister, ohne sie jedoch zu spalten.

Die Mitford-Kinder besuchen keine öffentliche Schule, werden von Gouvernanten unterrichtet, deren Verweildauer meistens nicht sehr lang ist. Einzig diejenige, die ihre Schützlinge in der Kunst des Ladendiebstahls unterweist, darf schließlich bleiben. Freundschaften mit Dorfkindern sind tabu und so schaffen die Geschwister sich ihren ganz eigenen Kosmos. Alle entwickeln ihre individuelle Überlebensstrategie. Nancy Mitford z.B. findet Zuflucht im Schreiben und wird später zu einer bekannten Autorin. Diana heiratet einen Brauerei-Erben und wird zu einem Society-Girl, bis sie, wie ihre Schwester Unity, Gefallen an faschistischem Gedankengut findet. Beide reisen nach München, um Hitler kennenzulernen.

Jessica hingegen hat ein anderes Idol: ihren entfernten Verwandten Esmond Romilly. In seinem militärisch ausgerichteten Internat zettelt er eine Rebellion an, wird der Schule verwiesen und zum schwarzen Schaf der Familie. Als er schließlich auf republikanischer Seite im Spanischen Bürgerkrieg kämpft, will Jessica ihm unbedingt folgen und brennt schließlich mit Esmond nach Spanien durch. Die beiden heiraten und leben in London, immer auf der Flucht vor Gläubigern. Als sich das politische Klima in Europa zunehmend verschärft, gehen sie in die USA, wo Jessica nach Esmonds Tod bleibt und zu einer engagierten Journalistin wird.

Eine wunderbar erzählte Lebensgeschichte eines eigensinnigen Mädchens, das als Heranwachsende zielstrebig und mutig seinen ganz eigenen Weg sucht und findet.

 

Jessica Mitford: Hunnen und Rebellen. Meine Familie und das 20. Jahrhundert. Berenberg, geb., 336 S., 25 Euro

Dieser Buchtipp erschien erstmals in der Zeitschrift EMOTION, in der jeden Monat Rezensionen von BücherFrauen veröffentlicht werden.

Autorin: Heike Carstensen

Lektorin in einem Fachbuchverlag in Paderborn.

Ein Kommentar

  1. Eva Hehemann

    Wir lesen gerade die frühen Romane von Nancy Mitford, von der wir schon einiges gelesen haben. Hoch amüsant! Sie macht sich sehr gekonnt und ohne direkte Anklage über die feine Gesellschaft ihrer Zeit lustig. Die Mitford-Schwestern sind wirklich ein spannendes Phänomen, alle so unterschiedlich und mit aufregenden Lebensgeschichten, verstrickt in die Politik der Epoche. Auf jeden Fall lesenswert.

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