#lesbar im Februar – (Un)faire Bezahlung, Disruption und Leseförderung

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Im Februar haben wir uns mit einem unerfreulichen, aber dringenden Thema beschäftigt: der Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen. Die MehrWert-Studie der BücherFrauen stammt zwar aus dem Jahr 2010, ist aber leider immer noch aktuell in ihren Beobachtungen. Sowohl die Lektorin Susanne Krones als auch die Teilnehmerinnen an der Podiumsdiskussion zum Thema Gleichstellung in der Buchbranche auf der diesjährigen future!publish bezogen sich in Gesprächen auf die Studie, die konkrete Situation in der Branche und ihre Folgen. Auch bei den Journalistinnen war das Thema (un)gleicher Lohn mit dem Fall Birte Meier sehr präsent. Abgerundet wird unsere Leseempfehlung für diesen Monat durch einen Artikel zum Selfpublishing als disruptiver Innovation in der Buchbranche, ein Interview zum Thema Leseförderung und ein Plädoyer gegen Angst und Hass in der Gesellschaft. Viel Spaß beim Lesen!

Das Motto der BücherFrauen lautet: Die Branche ist weiblich – aber das ist sie immer weniger, je weiter man die Karriereleiter hinaufklettert. Die Lektorin Susanne Krones stellt in diesem Interview im Deutschlandradio die Zahlen der MehrWert-Studie der BücherFrauen vor und zeigt die Problemfelder des Traumberufs Lektorin auf: „Es gibt allerdings sehr viele Frauen, die auch eher an den Rändern dieser Branche arbeiten, die als Freiberuflerinnen arbeiten, wo es einige sehr, sehr gut eingeführte gibt, aber auch sehr viele, die mit ihren Aufträgen längst nicht Vollzeit bestreiten können und auch unter sehr niedrigen Honoraren und sehr viel Konkurrenz leiden. Also, ich denke, man muss bei diesem Thema in jede Richtung sehr differenzieren und es gibt da sehr viele verschiedene Ecken in dieser an sich sehr kleinen Branche.“

Am 26. und 27. Januar fand in Berlin die 2. future!publish statt, der Kongress zum elektronischen Publizieren. Die BücherFrauen veranstalteten in diesem Rahmen eine Podiumsdiskussion mit Elisabeth Ruge, Dr. Valeska Henze und Yvonne de Andrés zum Thema Gleichstellung in der Buchbranche. Zwei schöne Beiträge zum Kongress mit interessanten Streiflichtern – nicht nur zur BücherFrauen-Veranstaltung – bieten die Buchhändlerin Sarah Reul und die Literaturbloggerin Mara Giese.

Das Gerichtsurteil im Fall der Frontal21-Redakteurin Birte Meier ging im Februar durch die Medien: Die „fest-freie“ Redakteurin hatte herausgefunden, dass ihre männlichen Kollegen beim ZDF bei gleicher Tätigkeit mehr verdienten, und war damit vor Gericht gezogen, ihre Klage wurde in erster Instanz jedoch abgewiesen. Die Journalistin Angelika Knop vom Journalistinnenbund greift diesen Fall auf, um auf die weitverbreiteten Lohnunterschiede in der Medienbranche aufmerksam zu machen, die die Medienunternehmen gern unter den Teppich kehren: „Wenn eine Journalistin wie Birte Meier das Gefühl hat, weniger Geld als ihre männlichen Kollegen zu bekommen, muss sie das erst einmal herausfinden und darlegen. Das übt zwar in investigativer Recherche, erfordert aber nahezu den Einbruch in die Personalabteilung. Denn die Kollegen sind gerne mal durch Verschwiegenheitsklauseln gebunden, über ihr Gehalt zu sprechen. Selbst diese hübschen Total-Buy-out-Verträge über seine Nutzungsrechte, die man als Freie im Friss-oder-Stirb-Modus vorgesetzt bekommt, untersagen einem ja schon, überhaupt über den Inhalt zu reden.“

Der Begriff „Disruption“ taucht immer wieder auf Kongressen der Buch- und Medienbranche auf, meist im Zusammenhang mit E-Books, denen zugeschrieben wird, die bestehenden Verhältnisse völlig durcheinanderzubringen und aufzulösen. Der Autor und Unternehmer Karl-Ludwig von Wendt schreibt nun, dass die Buchbranche die wahre disruptive Innovation bisher verkannt hat: das Selfpublishing. Er schildert, inwieweit die Möglichkeiten des Selfpublishings den Buchmarkt gravierend verändern können, auch wenn sie bislang in vielen Verlagen nicht ernst genommen werden: „Disruptive Technologien werden von etablierten Anbietern zunächst meist nicht ernst genommen. Selfpublisher machen aus Sicht vieler Buchmenschen keine ,richtigen‘ Bücher. Im klassischen Buchhandel findet Selfpublishing praktisch nicht statt. Niemand weiß genau, wie viele Selfpublisher es in Deutschland gibt oder wie viele Bücher sie verkaufen – in offizielle Statistiken gehen sie nicht ein. (…) Untersuchungen aus den USA legen nahe, dass dort Selfpublisher den Verlagen bereits einen großen Teil des Buchmarkts abgenommen haben und weiter auf dem Vormarsch sind (…) Dennoch spricht die offizielle Statistik von einem rückläufigen E-Book-Markt, weil die disruptive Technologie schlicht nicht eingerechnet wird.“

Immer wieder wird in den Medien beklagt, dass Kinder und Jugendliche, vor allem männlichen Geschlechts, heutzutage weniger lesen. Die Stiftung Lesen führt zahlreiche Projekte zur Leseförderung durch, auch für erwachsene Menschen. In diesem Interview spricht Simone Ehmig darüber, warum Lesen so wichtig für die ganze Gesellschaft ist und wie es nachhaltig gefördert werden kann: „Mit Lesen fängt alles an – deshalb gehen Lesen und ausreichende Lesekompetenzen alle etwas an. ,Mehr Leseförderung‘ bedeutet in diesem Sinne eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung aller relevanten Akteure. Die Bedeutung von Lesen und von Leseförderung muss auf politischer und gesellschaftlicher Ebene noch stärker präsent werden – deshalb Aktionstage und Kampagnen, die Politiker, Unternehmen und Prominente öffentlich für das Lesen werben und für Leseförderung eintreten lässt.“

In der aktuellen politischen Lage herrscht viel Unsicherheit. Auch auf Branchen-Veranstaltungen wird immer wieder ein besorgter oder bestürzter Blick über das Buch hinaus geworfen und sich gefragt, was da noch auf uns zukommen mag. Deswegen zum Abschluss ein Artikel des Journalisten Stefan Laurin, der zwar keine Antworten hat, aber bei seinem Streifzug durch die Geschichte der Angst in den letzten Jahrzehnten zum Schluss kommt, dass die Angstgesellschaft keine Lösung ist: „Die Welt ist dabei, in Hass und Armut zu versinken und auch Kriege in einem Umfang, wie man ihn seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr für möglich gehalten hat, scheinen nicht mehr undenkbar zu sein. Die Kultur der Aufklärung, eine ganze Zivilisation, die auf Freiheit, Vernunft und Selbstbestimmung aufgebaut war, ist bedroht. Und was tut man in einer Situation, in der alles, was einem wichtig ist, bedroht wird? Man geht zum Angriff über.“


Jeden Monat erscheinen im Netz so viele anregende und aufregende Texte, dass wir mit dem Lesen oft gar nicht mehr hinterherkommen. #lesbar sammelt diese Perlen und präsentiert sie jeden letzten Donnerstag im Monat auf dem BücherFrauen-Blog – handverlesene Lese- und Teilempfehlungen zu Themen, die BücherFrauen und andere buchbewegte Menschen interessieren.

Was findet Ihr #lesbar? Schickt uns Eure Artikelempfehlungen für den nächsten Monat!

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Autorin: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

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