#lesbar im Juni – Von Bibliotheken und feministischer Wissenschaft

| 2 Kommentare

Die Hälfte des Jahres 2017 ist schon rum – danke an alle, die hier auf dem Blog lesen, kommentieren und mitdiskutieren! Ohne Euch würde es uns hier bei Weitem nicht so viel Spaß machen. Spaß machen uns auch Nachrichten wie diese: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht dieses Jahr an die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood! Wir freuen uns sehr und gratulieren der Autorin herzlich. Neben all den schönen Porträts der Gewinnerin gab es im Juni auch noch viele andere interessante Beiträge zu lesen: über die Bedeutung von Bibliotheken im ländlichen Raum, die Stärken des Buchhandels und das Konzept von Bibliodiversität, aber auch über feministische Wissenschaftskritik und die Anfänge der Frauenbewegung. Wie immer gilt: Wenn Ihr spannende neue Online-Texte zu Branchen- oder feministischen Themen lest, lasst es uns wissen! Wir freuen uns immer über neue Leseempfehlungen. Jetzt aber erst mal viel Spaß mit den Lesetipps aus dem Juni!

Wenn man fragt, wo die digitale Transformation in ländlichen Gebieten stattfindet, denken die wenigsten zuerst an Bibliotheken. Wibke Ladwig belehrt uns in diesem Beitrag eines Besseren: Gerade Bibliotheken bringen den Menschen digitale Leseangebote näher, veranstalten Schulungen zur Benutzung von E-Readern, Suchmaschinen etc. und dienen als Coworking-Space und zur Vernetzung. Deswegen plädiert sie für eine gezielte Förderung von Bibliotheken durch die Kommunen: „Offene Angebote zur Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz dienen der Chancengleichheit und der Überwindung des digitalen Grabens in der Bevölkerung. Während die Ausleihe von Medien (Büchern, Filmen, Hörbüchern, Brettspielen, Computerspielen, Noten u. ä.) abnimmt, steigen die Besucherzahlen und die Nutzung als Orte zum Lernen, Arbeiten, Spielen, Lesen und Treffen an. Digitale Dienste wie die ‚Onleihe‘ und verschiedene Datenbanken schneiden nicht nur im Vergleich zu kommerziellen Angeboten sehr gut ab, sondern erfreuen sich auch reger Nutzung.“

Die Buchbranche ist in Bewegung – aber sollte sie es vielleicht etwas langsamer angehen lassen? Buchhändlerin und Verlegerin Martina Bergmann blickt auf den Buchhandel und schildert, warum Gründlichkeit und Expertise lohnende zeitliche Investitionen sind und auch im Zeitalter von Amazon und Buchblogs ein Erfolgsrezept bleiben: „Die Kernkompetenzen des Buchhandels sind in diesen überdrehten Zeiten nur scheinbar obsolet. Sie sind in Wahrheit die beste Versicherung für unser Fortbestehen. Lesen, denken, sortieren, kuratieren und empfehlen kostet Zeit, aber nicht sofort Geld. Dass man dieses auch braucht, dass es ohne eine solide wirtschaftliche Grundlage nicht geht – geschenkt. Aber gerade weil diese so schwierig zu schaffen und bewahren ist, haben die meisten Blogger, Berater und Besprecher sie nicht. Bücher hat inzwischen fast jeder, aber fast keiner noch die Buchhandlung drumzu.“ Auf die Kritik seitens der BuchbloggerInnen antwortet Martina Bergmann in einem eigenen Beitrag.

Im April fand in Frankfurt der Science March statt, der – im Rahmen einer weltweiten Initiative – zum Ziel hatte, der Politik nachdrücklich klarzumachen, dass sie wissenschaftliche Fakten nicht ignorieren darf. Ein gutes, wichtiges Vorhaben – aber ist dabei auch Platz für feministische Wissenschaft? Katharina Hoppe schildert ihre Erfahrungen und zeigt sich beunruhigt über den Glauben an eine „objektive“ Wissenschaft. Dabei ist dieses Wissenschaftsverständnis nicht nur oft männlich konnotiert, sondern unterschlägt wichtige Fragestellungen nach dem Zusammenhang der wissenschaftlichen Befunde und dem Raum, in dem diese entstehen. Hier setzt die feministische Wissenschaftskritik ein: „Wir müssen Räume schaffen, in denen gestritten werden kann und unterschiedliche wissenschaftliche Befunde allgemeinverständlich aufbereitet werden. Dies ist kein Angriff auf ‚die Anderen‘ (etwa die Naturwissenschaftler_innen), sondern der Versuch, besseres Wissen zu generieren, indem durch kritische Nachfragen Gewissheiten irritiert und die Gewordenheit von Wissensbeständen mitgedacht wird. Hierbei geht es darum, deutlich auszuweisen, wie Wissen entsteht, wem es nützt, welche Leben es fördert und welche es vergisst oder aufs Spiel setzt. All das ist Wissenschaft.“

Im Mai rief der Autor Sven Hensel die Aktion #Autorinnenzeit ins Leben – einen Monat lang waren Leserinnen und Leser aufgerufen, weibliche Schriftsteller sichtbar zu machen und zu würdigen. Gudrun Lerchbaum hat im Rahmen der Aktion ihr eigenes Bücherregal durchforstet und alle dort gefundenen Bücher von Frauen fotografiert und ins Netz gestellt, ob nun Hochliteratur oder Unterhaltung. Über das Ergebnis ihrer Bestandsaufnahme und die davon ausgelöste Diskussion schreibt sie auf Herland: „Denn selbstverständlich sind von Frauen geschriebene Bücher ebenso wenig zwangsläufig Frauenliteratur, wie Bücher von Männern als reine Männerliteratur bezeichnet werden können. Frauen wissen das. Diesbezüglich sind die Ergebnisse meiner Befragung eindeutig. In den Regalen fast aller Frauen überwiegt – oft zu ihrer eigenen Überraschung – der Anteil von Büchern männlicher Autoren klar. Während bei Frauen also das Geschlecht der Verfassenden eine untergeordnete Rolle spielt, kaufen die meisten Männer – sofern sie nicht für das Thema sensibilisiert sind –  fast ausschließlich von Männern geschriebene Literatur.“

Das Buch „Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren“ der australischen Autorin Susan Hawthorne ist seit Kurzem auch auf Deutsch erhältlich (Verbrecher Verlag, übersetzt von Doris Hermanns). Anlässlich des Erscheinens führte Sandra van Lente ein (englischsprachiges) Interview mit der Schriftstellerin über ihr Konzept von Bibliodiversität, die Rolle von unabhängigen Verlagen in der Branche, den Buchhandel, Feminismus und vieles mehr: „I see bibliodiversity in analogy with biodiversity: if you have biodiversity in an ecological system, then you have a dynamic balance. All the plants and animals, rocks, waters, the sky etc. are more likely to survive. Those things don’t survive if there’s an ecological crisis or when some plant or animal comes to dominate the environment. The same is true for cultures. Cultures can thrive while a wide range of people have a voice and the playing field is not tipped too steeply in favour of just one group or even a small number of groups who might fight about the highest market share.“

50 Jahre 68er – das runde Datum im nächsten Jahr veranlasste nicht nur die BücherFrauen, eine Bestandsaufnahme der Frauenbewegung in den letzten 50 Jahren zum Jahresthema 2018 zu wählen, sondern regte auch diesen Beitrag in der Süddeutschen an. Darin blicken fünf Frauen (Helke Sander, Cristina Perincioli, Dorothee Markert, Frigga Haug, Gesine Strempel) auf diese Zeit zurück und reflektieren das komplexe Zusammenspiel von 68er- und Frauenbewegung: „Die 68er-Bewegung hatte die Befreiung vor allem der Dritten Welt und der Arbeiterklasse zum Ziel. Eigentlich sollten alle befreit werden. Da befand die ein oder andere Frau: Vielleicht sollten wir auch befreit werden. Man muss das in der Entwicklung der damaligen Zeit sehen: Die Befreiung aus dem Mief der 50er, 60er Jahre, der Adenauer-Zeit, war ein Versprechen, selber über unsere Bedürfnisse nachdenken zu dürfen. Was wollen wir eigentlich? Bis dato wurde Frauen gesagt, was sie zu fühlen und zu wollen haben.“


Jeden Monat erscheinen im Netz so viele anregende und aufregende Texte, dass wir mit dem Lesen oft gar nicht mehr hinterherkommen. #lesbar sammelt diese Perlen und präsentiert sie jeden letzten Donnerstag im Monat auf dem BücherFrauen-Blog – handverlesene Lese- und Teilempfehlungen zu Themen, die BücherFrauen und andere buchbewegte Menschen interessieren.

Was findet Ihr #lesbar? Schickt uns Eure Artikelempfehlungen für den nächsten Monat!

Merken

Autorin: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

2 Kommentare

  1. Liebe Martha,-

    besten Dank für diesen 200. Beitrag (insgesamt) hier im Blog, eine schöne Zahl und auch schon, dass sie mit #lesbar und Deinem Engagement im Blog hier zusammenfällt. Darauf stoßen wir in den nächsten Wochen mal an, ja?

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.