#lesbar im Mai – Weibliches Lesen, weibliches Schreiben

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Das schöne sommerliche Wetter hat uns im Mai nicht davon abgehalten, wieder spannende Texte im Netz zu lesen und hier zu sammeln. Diesmal drehen sich viele Beiträge um das Lesen und Schreiben von Frauen: Nadja Schlüter und Ilija Trojanow kritisieren in ihren Texten den etablierten Literaturkanon mit seinem Fokus auf europäische männliche Autoren, Katharina Herrmann schildert, wie in der Diskussion von Buchblogs vs. Feuilleton immer auch alte Muster der Missachtung weiblicher Lesepraxis zum Einsatz kommen, und Gabriele Haefs zeigt auf, wie schwer es Weiblichkeit selbst auf der rein grammatischen Ebene hat. Von Weiblichkeit schreiben auch Nino Haratischwili in einem Brief an ihre Tochter und Claudia Wichmann in ihrer Stellungnahme für schreibende Mütter. Dass es für Frauen heutzutage trotz allem auch vorangeht, erzählt Miriam Meckel im Interview. Was sind Eure Erfahrungen? Wir freuen uns über Eure Kommentare! 

Noch bis zum 31. Mai konnte online über den LiBeraturpreis 2017 abgestimmt werden. Mit dem Preis wird gezielt eine Autorin aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der arabischen Welt geehrt – Autorinnen, deren Werke auf dem deutschen Buchmarkt immer noch schlecht repräsentiert sind. Bei „Literatur“ fallen den meisten Leserinnen und Lesern eben zuerst die Namen weißer männlicher Autoren ein. Warum eigentlich – und was können wir dagegen tun? Der Schriftsteller Ilija Trojanow plädiert in seinem Beitrag für mehr Vielfalt in der eigenen Lektüre: „Was wir bisher an Weltliteratur wahrgenommen haben, ist nicht frönen, sondern fasten. So wie die Jain in Indien nichts essen, was unter der Erde wächst, nehmen unsere literarischen Leitwölfe kaum etwas wahr, was südlich des Wendekreises des Krebses und östlich des Kaukasus gedeiht. Ich kenne promovierte Philosophen, die noch nie einen chinesischen oder indischen Text gelesen haben.“ Auch Nadja Schlüter kritisiert den literarischen Kanon, besonders an Schulen und Universitäten, und schildert, wie bereichernd Literatur von Frauen sein kann: „Seit ich mehr Bücher von Frauen lese, hat sich darum nicht nur die Zusammensetzung meines Bücherregals verändert, sondern auch das Lesen an sich. Ich lese generell wieder mehr, mit mehr Interesse, intensiver. Die Texte sind neu und aufregend. So, als hätte sich das alte, gewohnte Lese-Erlebnis irgendwie abgenutzt.“

Die Autorin Nino Haratischwili schreibt einen Brief an ihre Tochter. Darin lässt sie ihre Kindheit und Jugendzeit im sozialistischen Georgien Revue passieren – wo Frauen offiziell als gleichberechtigt galten, in Wirklichkeit aber zahllosen ungeschriebenen Regeln folgen mussten, um traditionellen gesellschaftlichen Normen von Weiblichkeit zu entsprechen. Sie musste feststellen, dass das auch im Westen nicht anders war, und glaubt heute auch nicht, dass ihre Tochter in Zukunft frei von diesen Normen und dem Kampf gegen sie sein wird. Gerade deswegen macht ihr Brief Mut, die eigene Freiheit nicht aufzugeben. „Offiziell waren wir gleichberechtigt, offiziell sollten wir unbedingt lernen, studieren, einen Beruf ergreifen, unabhängig sein, eigenes Geld verdienen, stark, klug, gewitzt, neugierig und wissensdurstig sein. Aber das war nur die glänzende Oberfläche, eine Fassade. Und die Frauen, auch jene, die für mich Vorbilder waren, spielten dieses Spiel mit, ohne zu widersprechen; sie fanden sich ab mit diesen ungeschriebenen Gesetzen, als gälte es, alles in Kauf zu nehmen, jede Ungerechtigkeit, jedes Leid, um bloß nicht die männliche, in meinem Fall georgische Ehre zu verletzen.“

Autorin und Mutter – eine Kombination, die nicht selten anzutreffen ist, aber viel Unverständnis und Vorurteile mit sich bringt. Die Autorin Claudia Wichmann schreibt offen über die Kritik und die Missgunst, die ihr in ihrem Alltag als schriftstellerisch tätige Mutter begegnen: „Während die von vielen Kolleginnen schon oft gehörte Bemerkung ‚Du kannst ja schreiben, während das Kind spielt!‘ lediglich Realitätsferne für das Verständnis von Fokus und Konzentration im Beisein von Kindern suggeriert, dürfen viel zu viele unserer Kolleginnen sich herabwürdigende Kommentare in Bezug auf den Wert und den Status ihrer eigentlichen Tätigkeit, eben dem Schreiben selbst, anhören. Anmerkungen wie ‚Na, du schreibst doch eh nur, bis du wieder eine richtige Arbeit findest!‘, ‚Schreiben ist doch ein nettes Hobby neben der Familie!‘ oder ‚Als Hausfrau hast du dafür ja auch Zeit!‘ machen deutlich, wie wenig Wertschätzung Mütter erfahren, die Angehörigen und Freunden offenbaren, dass sie schriftstellerisch tätig sind.“

Die Debatte Literaturblogs vs. Feuilleton ist inzwischen nichts Neues mehr, wird aber mit ungebrochener Aufregung geführt. Für eine neue Diskussionswelle im Mai hat Katharina Herrmann gesorgt, die in ihrem langen, klugen und gut belegten Beitrag die Muster offenlegt, mit denen die etablierte Literaturkritik Buchbloggerinnen und -blogger abwertet und lächerlich macht – und vor allem zeigt, dass auch diese Muster und Argumente nicht neu sind: „Die kulturell legitime Lesepraxis ist natürlich die männliche – es gibt ja auch erst seit ein paar Jahrzehnten weibliche Literaturkritiker. Seit dem 18. Jahrhundert machen Männer Witze über die weibliche Lesepraxis, wird das weibliche Lesen als Krankheit verteufelt, mitunter wird es Frauen sogar verboten zu lesen (…). Wenn nun also heute Feuilleton-Journalisten in einem spezifischen Kontext und abwertenden Ton die Beobachtungen aneinanderreihen, dass Blogger: weiblich sind, viel lesen, gefühlsbezogen urteilen – dann ist das nicht neutral, sondern bedient existierende, Jahrhunderte alte Distinktionsmuster und bedient zudem misogyne Muster. Das weibliche Lesen ist nicht vom selben Wert wie das männliche Lesen.“

Die deutsche Sprache hält für Büchermacherinnen und -macher so einige Hürden bereit, besonders wenn es um Geschlechterfragen geht. Die Übersetzerin und Autorin Gabriele Haefs macht in ihrem Beitrag darauf aufmerksam, wie häufig bei übersetzten Werken standardmäßig die grammatikalisch männliche Form eines Wortes gewählt wird, ohne Rücksicht auf Logik und Intention des Originals zu nehmen: „Ich glaube nicht einmal, dass es so gewollt ist, aber das Männliche gilt nun einmal als ‚normal‘, und also wird männlich übersetzt und das soll dann ‚neutral‘ sein. So ungefähr habe ich es immer wieder erlebt – und der Frust wird dann besonders groß, wenn ich es zur Sprache bringe und nur auf blöde Blicke stoße.“

Die FAS-Redakteurinnen Julia Encke und Karen Krüger interviewten Miriam Meckel, Herausgeberin der „Wirtschaftswoche“, über Feminismus, weibliche Vorbilder, Berichterstattung über Frauen und das Frauenbild von heute: „Wenn man sich mal die Cannes-Rolle mit den Werbespots aus den fünfziger Jahren anguckt, dann versteht man, wie das Frauenbild damals war. Wir haben Gott sei Dank Fortschritte gemacht. Aber wir können durchaus nicht selbstverständlich annehmen, dass dieser Prozess einfach so weitergeht. Gesellschaftliche Entwicklung verläuft ja nie linear. Es ist eher ein Vor und Zurück. Wir haben das Glück, uns im Durchschnitt noch immer voranzubewegen, aber das braucht immer wieder vollen Einsatz.“


Jeden Monat erscheinen im Netz so viele anregende und aufregende Texte, dass wir mit dem Lesen oft gar nicht mehr hinterherkommen. #lesbar sammelt diese Perlen und präsentiert sie jeden letzten Donnerstag im Monat auf dem BücherFrauen-Blog – handverlesene Lese- und Teilempfehlungen zu Themen, die BücherFrauen und andere buchbewegte Menschen interessieren.

Was findet Ihr #lesbar? Schickt uns Eure Artikelempfehlungen für den nächsten Monat!

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Autorin: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

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