#lesbar im November – Von Lesekultur 2030, E-Book-Flatrates und Popfeminismus

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Nachdem #lesbar im Oktober aufgrund der Buchmesse leider ausfallen musste, sind wir in diesem Monat wieder da mit Lesetipps für lange dunkle Abende! Der November ist für uns BücherFrauen immer ein ganz besonderer Monat, da wir uns dann zu unserer Jahrestagung versammeln – dieses Jahr in Berlin. Es gäbe viel Interessantes davon zu berichten, aber als #lesbar empfehlen wir auf jeden Fall den Impulsvortrag von BücherFrau und Verlegerin Britta Jürgs zum Jahresthema „Lesekultur 2030“. Eine weitere absolut lesenswerte Rede ist – als Nachtrag aus dem Oktober – die von Carolin Emcke zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Außerdem mit dabei: Beiträge zur Feminismusdebatte in Deutschland, ein Plädoyer der Schriftstellerin Nina George gegen E-Book-Flatrates und ein Interview mit der Schriftstellerin Zoë Beck über übersetzte Autorinnen. Viel Spaß beim Lesen!

Vom 11. bis zum 13. November fand im Rathaus Schöneberg in Berlin die Jahrestagung der BücherFrauen statt. Unter dem Motto „Lesekultur 2030“ diskutierten wir in Workshops und auf dem Podium darüber, wie das Lesen und die Buchbranche in Zukunft aussehen könnten. Zur Eröffnung der Tagung fand am 11. November eine Podiumsdiskussion statt, die Verlegerin und Vorstandsvorsitzende der Kurt Wolff Stiftung Britta Jürgs mit einem hervorragenden Impulsvortrag einleitete, in dem sie einen Überblick über die Geschichte der Lesekultur gab sowie wichtige Themen und Fragen umriss, die unsere Branche in der Gegenwart beschäftigen: „Wir brauchen nicht die Zunahme der Beliebigkeit, sondern ein Besinnen auf das Wesentliche. Bücher, die uns etwas Neues vermitteln, die uns andere Zeiten, Menschen, Lebensweisen näher bringen, Bücher, die die Nähe im vermeintlich Fremden finden und neue, ungewohnte Perspektiven im Alltäglichen aufzeigen. Bücher, die andere Geschichten erzählen, die zum Nachdenken anregen, die Fragen stellen. Und wir brauchen Bücher, die in vertretbarer Art und Weise produziert wurden.“

Diskussionen darum, wie „der“ Feminismus auszusehen und nicht auszusehen hat, reißen nie ab, aber diesen Monat erreichten uns zwei Artikel-Empfehlungen, die wir Euch nicht vorenthalten wollen. Zum einen schreibt taz-Autorin Jagoda Marinić darüber, dass der deutsche Feminismus ihr zu sehr im „Mädchenmodus“ stecken geblieben ist – sie wünscht sich mehr Empowerment, mehr direktes Aussprechen von Problemen und mehr Solidarität von Frauen untereinander. Zum anderen schildert Luise Strothmann, ebenfalls in der taz, wie drei junge Mädchen über berühmte Vorbilder den Feminismus für sich entdecken – ein amüsanter Artikel, der aber auch zum Nachdenken darüber einlädt, wie Feminismus heutzutage zum Label gemacht und vermarktet wird und was das bedeutet.

Im Kampf um Leserinnen und Leser auf dem digitalen Buchmarkt setzen Verlage – und SelfpublisherInnen – häufig auf Preisaktionen, zum Beispiel Flatrates, bei denen für eine geringe Monatsgebühr „all you can read“ angeboten wird. Die Autorinnen und Autoren bekommen bei diesen Aktionen nur einen Bruchteil dessen, was bei Verkäufen abfällt (was auch nicht sehr viel ist). Die Bestseller-Autorin und Beirätin des PEN-Präsidiums Nina George appelliert an Verlage, von diesen Modellen Abstand zu nehmen – und an AutorInnen, sich nicht alles bieten zu lassen: „Liebe Verlage, skippt eure Dumping-Geschäftsmodelle. Die Piraterie lässt sich von dieser Notwehrmaßnahme wenig beeindrucken, sondern nutzt Flatrates, um sich neue E-Book-Kopien zu beschaffen. Kundenfreundlichkeit heißt nicht nur Preispolitik; Literatur hat nicht die Aufgabe, billig zu sein. Sie soll Menschen von innen auskleiden mit Mut und Ideen, mit Gefühl und Wissen.“

Der Women in Translation Month ist eine 2014 von der Übersetzerin Meytal Radzinski ins Leben gerufene englischsprachige Initiative, die jedes Jahr im August darauf aufmerksam macht, dass sehr viel weniger Autorinnen als Autoren ins Englische übersetzt werden. Zum Anlass des #WITmonth 2016 führte Marcia Lynx Qualey ein Interview mit der Schriftstellerin Zoë Beck über die unterschiedliche Wahrnehmung von Autorinnen und Autoren. Das Interview ist nun auf Herland in seiner ungekürzten (englischen) Fassung nachzulesen: „When a man writes something, both genders are interested in it. At least, that is the claim. It is similar with movies: male protagonist – interest for both genders; female protagonist – chick flick. That is why if you want to reach everyone, you have to be a man or to write something about a man. It is absurd. We women are responsible for the majority of the revenues earned, but we are not taken seriously.“

Am 23. Oktober wurde der Publizistin Carolin Emcke auf der Frankfurter Buchmesse der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. In ihrer Rede sprach sie über Zugehörigkeit und Ausgrenzung und forderte die ganze Gesellschaft zum Widerstand gegen den Hass im Alltag auf. Die Rede steht vollständig online und ist absolut lesenswert – zu erwähnen sind aber auch die teilweise spöttischen Reaktionen namhafter Kritiker, die gerade die Verachtung demonstrieren, die Carolin Emcke in ihrer Rede als gesellschaftliches Problem herausstellt. In einem Beitrag auf Deutschlandradio Kultur kommentiert René Aguigah die Debatte.


Jeden Monat erscheinen im Netz so viele anregende und aufregende Texte, dass wir mit dem Lesen oft gar nicht mehr hinterherkommen. #lesbar sammelt diese Perlen und präsentiert sie jeden letzten Donnerstag im Monat auf dem BücherFrauen-Blog – handverlesene Lese- und Teilempfehlungen zu Themen, die BücherFrauen und andere buchbewegte Menschen interessieren.

Was findet Ihr #lesbar? Schickt uns Eure Artikelempfehlungen für den nächsten Monat!

Autorin: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

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