Mare Nostrum – Flucht und Asyl im Jugendbuch

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Flüchtlingen ein Gesicht geben und ihre Geschichte erzählen, diese Aufgabe haben Verlage inzwischen als die ihre angenommen. Kathrin Köller, die Fachjournalistin für Kinder- und Jugendliteratur, hat vier Bücher aus den Frühjahrprogrammen zu diesem Thema ausgewählt. Ihr Artikel erschien zuerst im Eselsohr (März 2015).

Vielleicht als Erstes ein Dank an die Kinder- und Jugendbuchverlage. In Zeiten, wo weltweit so viele Menschen wie noch nie auf der Flucht sind, aber Zahlen und Nachrichten uns weniger bewegen als Geschichten, publizieren die Kinder- und Jugendbuchverlage in diesem Frühjahr etliche Bücher, die Flüchtlingen Gesichter geben und die außerdem nicht nur gut gemeint sind, sondern richtig gute Geschichten erzählen. Vier davon seien an dieser Stelle vorgestellt.

Buchcover Paradiessucher

Rena Dumont: Paradiessucher. Hanser 2014.

Paradiessucher ist die Geschichte einer Flucht aus der Tschechoslowakei der 1980er Jahre, einer Gesellschaft, in der Willkür, Korruption und Mangelwirtschaft das Leben zwar nicht unmöglich machen, aber für Jugendliche wie die 17-jährige Lena unerträgliche Perspektivlosigkeit und Stillstand bedeuten. Jahrelang haben Lena und ihre Mutter auf das Visum für einen Besuch in der Bundesrepublik gewartet. Plötzlich und völlig unerwartet ist das Visum da und Lena bekniet ihre Mutter, mit ihr zu emigrieren. In dem Wissen, dass sie Freunde, Liebhaber und Familie verlassen müssen und ihre Chancen auf Asyl gering sind, machen sie sich auf den Weg. Lena kämpft mit Zweifeln und leidet unter Schuldgefühlen, sich und die Mutter für einen vagen Traum vom besseren Leben entwurzelt zu haben. Aber ihre Lebensenergie und ihr unbedingter Wille, sich auszuprobieren, sind so stark, dass sie einen auch als Leser förmlich vom Sofa reißen.

So tatendurstig und humorvoll wie Lena zum Beispiel dem bayerischen Landrat beibringt, dass sie unbedingt Deutsch lernen muss, ist man schon wegen dieses Romans glücklich, dass der Beamte sich überzeugen ließ. Denn die Geschichte von Lena ist auch die Geschichte von Rena Dumont, der Autorin. Oder, um mit ihren eigenen Worten zu sprechen: „Dies ist eine fiktive Geschichte, die ich im Kern so erlebt habe.“
Rena Dumont: Paradiessucher.
Hanser 2014. 304 Seiten, ab 14 Jahren.
Preis: 14,90 €
ISBN: 978-3-446-24164-0

Reise durch Mexiko

Buchcover: Train Kids

Dirk Reinhardt: Train Kids. Gerstenberg 2015

Dirk Reinhardt erzählt in Train Kids ebenfalls eine authentische Geschichte. Allerdings nicht seine eigene, sondern die vierer Kinder, die wie Tausende anderer Menschen jedes Jahr versuchen, mit dem Zug durch Mexiko in die USA zu gelangen. Erzählt wird aus der Perspektive des 15-jährigen Miguél, der sich aus Guatemala auf den Weg gemacht hat, um herauszufinden, warum seine Mutter, die ihre Familie vor Jahren zurückgelassen hat, nicht endlich ihn und seine Schwester in die USA nachholt. Auch die anderen Kinder, mit denen er sich zusammenschließt, sind auf der Suche nach Familienmitgliedern, die ihrerseits versucht haben, in das Gelobte Land zu fliehen, um genügend Geld für die Familie zu erarbeiten. Träume, die meistens schon auf dem Weg durch Mexiko zerplatzen.

Train Kids ist eine atemberaubende Reise entlang der Zugstrecke durch Mexiko. Vom ersten Tag an sind Miguél, Angel, Fernando und die als Junge verkleidete Jaz Mafia-Banden, Banditen, Polizisten, Hunger und Kälte ausgesetzt und leben in ständiger Furcht, entdeckt und wieder zurückgeschickt zu werden. Train Kids ist auch ein unglaublich spannender Abenteuerroman. Es geht um Freundschaft und Liebe, haarscharfes Entkommen aus brenzligen Situationen und darum, wie man in Extremsituationen Mensch bleiben kann. Ein Buch, bei dem man von der ersten bis zur letztem Minute mitfiebert, auch wenn man weiß, dass man selbst nicht den Funken einer Chance hätte auf dieser Höllenreise. Gewidmet ist das Buch den „echten“ Train Kids – „wo immer sie jetzt sind“.

Dirk Reinhardt: Train Kids.
Gerstenberg 2015. 320 Seiten, ab 13 Jahren
Preis: 14,95 (D) €
ISBN: 978-3-8369-5800-4

Romeo und Julia in Mecklenburg-Vorpommern

Buchcover: Sommer unter schwarzen Flügeln

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln. Oetinger 2015.

Sommer unter schwarzen Flügeln erzählt die Geschichte des rechtsradikalen Calvin Lüttke und der Asylbewerberin Nuri Aljafari, die sich aufgrund eines kuriosen, aber durchaus glaubwürdigen Zufalls kennenlernen und ineinander verlieben. Keine einfache Angelegenheit in dem vorpommerschen Küstenstädtchen, in dem Calvin die Rolle des Anführers eines Neonazi-Jugendtrupps übernehmen soll.

Autor Peer Martin, der lange als Sozialarbeiter mit rechtsradikalen Jugendlichen gearbeitet hat, gelingt es, die Neonazi-Szene in all ihren Widersprüchen zu porträtieren. Seine Charaktere bestechen durch authentische Sprache, und man kann durchaus Sympathien für die einzelnen Personen und ihre Nöte empfinden. Gleichzeitig erschüttert der Wahnsinn ihres Denkens.

Da ist zum Beispiel Calvins Mutter, die drei Kinder von Sozialhilfe großzieht, den schlagenden Neonazi-Vater zunächst rausgeschmissen hat, aber trotzdem in dem brutalen Trupp der Nazi-Kameraden keine Gefahr für das Wohlergehen ihres Sohnes sieht, sondern in der syrischen Freundin. Calvin selbst aber lässt sich durch Nuris Erzählungen in ein Syrien zu Beginn der Aufstände entführen. Fasziniert von den Bildern, die in seinem Kopf entstehen, wird es immer schwieriger für ihn, seine angestaute Wut auf Asylbewerber zu projizieren.

Nuri, die in ihrer Heimat kaum begreifbar Schreckliches erlebt hat und ebenfalls viel Wut mit sich herumträgt, muss erzählen und macht ihre Familie, ihre Freunde, ihr Land so sichtbar, dass sie nicht nur Calvins Empathiefähigkeit weckt, sondern auch die des Lesers. Sommer unter schwarzen Flügeln ist ein bewegender 500-Seiten-Wälzer, den man auch lange nachdem man ihn fertig gelesen hat, nicht vergisst.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln.
Oetinger 2015, 496 Seiten, ab 16/17,
Preis: 19,99 (D) €
ISBN: 978-3-789-14297-0

Ende einer Kindheit

Buchcover: Afghanistan. München. Ich

Hassan Ali Djan: Afghanistan. München. Ich. Herder 2015.

Hassan Ali Djan erzählt in Afghanistan. München. Ich die Geschichte von einem 11-Jährigen, der auszog, um seine Familie zu ernähren. So direkt und ohne Umschweife, wie der Titel daherkommt, so geradlinig erzählt Hassan Ali Djan seine Geschichte. Er nimmt seine Leser mit auf die Reise, die mit dem Tod des Vaters und dem Ende seiner Kindheit in einem unvorstellbar armen afghanischen Bergdorf beginnt. Er macht sich auf den Weg in den Iran und man fürchtet um sein Leben, wenn er als kleiner Junge auf den Baustellen in Teheran versucht, das Familieneinkommen zu bestreiten. Man bewundert ihn anschließend für seinen Mut, zu versuchen, aus der Armutsspirale auszubrechen und nach Europa zu gelangen. Man lernt die lebensgefährlichen Außengrenzen Europas und das negative Deutschlandbild der Flüchtlinge kennen.

Eingerollt in den Ersatzreifen eines Lasters, dessen Fahrtziel er nicht kennt, hofft auch Hassan, nicht in Deutschland zu landen, und fällt doch fast bewegungslos in der Nähe von München aus dem Reifen. Und dann lernt man das Deutschland aus der Perspektive von Flüchtlingen kennen. Ein Deutschland, in dem man sich ohnmächtig und „wie ein Taubstummer“ fühlt, pendelnd zwischen warten, nichts tun können, der Angst vor dem Abschiebungsbescheid und der Duldung. Ein Deutschland, in dem alles von einer kafkaesken „Anhörung“ abhängt. Hassan sieht viele Asylbewerber um ihn herum während des langen Wartens auf die alles entscheidenden Bescheide „den inneren Kompass verlieren“ und beschließt, unabhängig vom Ausgang seines Verfahrens Deutsch zu lernen.

Seine unglaubliche Hartnäckigkeit und Resilienz lassen ihn dann auch noch ein anderes Deutschland kennenlernen, das der Sozialarbeiter und Lehrer, die sich für Flüchtlinge engagieren, und der älteren Damen und Studenten, die ihm Deutsch beibringen und ihn mit ins Museum schleppen. Mit ihrer Hilfe kommt Hassan in Deutschland an und schafft es, eine Lehrstelle zu finden und seine Familie in Afghanistan zu ernähren.

Hassan Ali Djan: Afghanistan. München. Ich.
Meine Flucht in ein besseres Leben.
Herder 2015. 224 Seiten, ab 16/17
Preis: 19,99 (D) €
ISBN: 978-3-451-31304-2

Das wäre das gute Ende dieser Rezension gewesen. Aber an dem Tag, als dieser Artikel (März 2015, Anmerk. d. Red.) fertig werden muss, wird bekannt, dass gerade wieder mindestens 300 Flüchtlinge bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, ertrunken sind. Menschen wie Lena, wie Miguél und seine Freunde, Menschen wie Nuri und Hassan. Die Mutigsten der Mutigsten. Die Kinder- und Jugendbuchverlage haben ihnen Namen gegeben und angefangen, ihre Geschichten zu erzählen. Jetzt ist es an der Zeit, Flüchtlinge zu retten und ihnen eine Chance auf ein neues Leben in Sicherheit zu bieten.

Kathrin Köller

Autorin: Kathrin Köller

Kathrin Köller liest Kinder- und Jugendbücher seit sie denken kann. Zwischendurch studierte sie Englisch und Deutsch, arbeitete als Lehrerin und Schulbuchredakteurin und gab ihre Begeisterung für das Lesen an ihre zwei Kinder weiter. Seit einigen Jahren schreibt sie als Fachjournalistin für Kinder- und Jugendliteratur für das Fachmagazin "Eselsohr" und hat 2015 ihre erste eigene Buchreihe für Leseanfänger veröffentlicht.

3 Kommentare

  1. Danke für die schöne Zusammenfassung. Sehr sehr schade finde ich, dass etwas ältere Titel keine Beachtung mehr finden. Denn das Problem ist nicht neu!
    Sehr am Herzen liegt mir
    Anne-Laure Bondoux, Die Zeit der Wunder, Carlsen Verlag (auch als TB erhältlich), erschienen 2011, in Frankreich 2009.
    Da geht es um die Flucht eines Jungen aus „dem großen Durcheinander im Kaukasus“ (Georgien), aber die Fluchtgeschichte kann man 1:1 z.B. auf Syrien, Irak oder Afghanistan übertrage (großes Durcheinander im Nahen Osten). In dieser Geschichte kommen Sätze vor wie: „Ich weiß nicht, wer die Grenzen erfunden hat, ob Gott, Allah oder sonst jemand, aber ich finde, es war eine schlechte Idee. An der Grenze musst du vom Laster springen. So will es der Krieg.“ oder „Das einzige wirksame Heilmittel gegen die Verzweiflung ist die Hoffnung, Koumail“.
    Ich legen diese Geschichte ALLEN ans Herz (ab ca. 11 Jahren), weil sie u.a. zeigt, dass das Problem nicht ganz neu ist, aber die Fluchtgeschichten immer ähnlich sind.
    Wir haben das als Hörbuch herausgebracht, ich kann gern eins verschicken. Im Hörbuch-Booklet haben wir auch den Fluchtweg in eine Karte gezeichnet: Binnenflucht in Georgien, Odessa, Moldavien, Rumänien (Zuflucht bei Sintis), Ungarn, Österreich, Tankstelle in Deutschland (wo die Mutter von den Schleppern an der Autobahnraststätte einfach ausgesetzt wird), Frankreich.
    Ich möchte gar nicht unbedingt das Hörbuch anpreisen, kann aber zumindest die Buchausgabe sehr empfehlen, denn in dieser wunderbaren Geschichte kann man Fluchtgründe, Hoffnungen, Verzweiflung, Angewiesensein auf Schlepper etc. sehr gut nachvollziehen. Und die Geschichte geht dennoch halbwegs gut aus, weil es immer Menschen gab, die dem Jungen Koumail und seiner Mutter (es wird es ganz am Ende der Geschichte klar, dass es die Mutter ist) irgendwie geholfen haben.
    http://www.hoercompany.de/index.php?op=hoerbuecher&isbn=978-3-942587-06-8
    http://www.carlsen.de/taschenbuch/die-zeit-der-wunder/36483

    Herzliche Grüße, Andrea Herzog, Hamburg

  2. Ich kann auch noch etwas zum Thema beisteuern 🙂

    Marie-Thérèse Schins, meines Wissens Hamburger BücherFrau, hat im Oktober auf eigene Kosten ein Büchlein herausgebracht, um deutschen Kindern Asylantenkinder nahezubringen.

    Dazu gibt es einen Beitrag mit allen Erreichbarkeiten und „Verstrickungen“ auf meinem Blog: http://www.schwarzaufweiss-internet.de/kinder-aus-syrien-ich-will-keinen-krieg-shady-aus-damaskus-marie-therese-schins-machleidt

    Herzliche Grüße aus Lüneburg,
    Evelyn

  3. Die DAKJL (Deutsche Akademie für Kinder und Jugendliteratur eV. Volkach) hat ein Extrablatt mit ausgezeichneten Büchern für Kinder und Jugendliche zum Thema Flüchtlingskinder und Rassismus herausgebracht. Siehe link unten. Es ist ein sehr wichtiges Thema und wir freuen uns, dass vom Ariella Verlag auch ein Buch dabei ist!

    http://www.akademie-kjl.de/427/praemierungen-des-monats/buch-des-monats/buch-des-monats-2015/extrablatt-fluechtlingskinder-rassismus/

    herzliche Grüße,
    Myriam Halberstam

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