Marge Piercy: Menschen im Krieg

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Dieser packende Roman hinterlässt mehr Bilder im Kopf als jeder Hollywoodfilm. Marge Piercy verknüpft die Lebenswege von sechs Frauen und vier Männern zu einer Chronik, die 1939 beginnt und 1946 endet. Da ist zum Beispiel Jacqueline, die schicke junge Pariserin, die an der Sorbonne Philosophie studieren will. Doch dann kommen die Deutschen – und plötzlich soll sie keine Französin mehr sein. Sie schließt sich der Résistance an und schmuggelt jüdische Kinder über die Pyrenäen nach Spanien.

Louise lebt mit ihrer Tochter in New York und schreibt erfolgreiche Liebesromane. Als Zeitungsreporterin wird sie nach Europa geschickt, um von der Front zu berichten. Bernice, unbezahlte Hausangestellte ihres Vaters, träumt von einer Karriere als Pilotin. Als Fliegerinnen für Armeeflugzeuge gesucht werden, entdeckt sie nicht nur beruflich ihr wahres Selbst. Ihr Bruder Jeff, ein erfolgloser Landschaftsmaler, lässt sich als Spion anwerben und springt über Südfrankreich ab, wo er ein Agentennetz aufbauen soll. Dort begegnet er Jacqueline …
Für jede ihrer Figuren findet die Autorin eine eigene Sprache und Melodie, einen eigenen Rhythmus, begibt sich souverän in jede Perspektive. Und wir folgen atemlos diesen Frauen und Männern, die so verschieden und widersprüchlich sind, wie Menschen eben sind – auch im Krieg: egoistisch, mutig, selbstgefällig, ängstlich, liebeshungrig, verzweifelt…

U1_Piercy_MiK_72dpiAls dieses Buch vor 25 Jahren im amerikanischen Original erschien, schrieb Le Monde: „Es wäre zu wünschen, dass dieser so krasse wie charmante Roman auch in Deutschland gelesen wird.“ Der Hamburger Argument Verlag hat ihn in der feinen, puristisch gestalteten Reihe Literaturbibliothek neu aufgelegt – und alle, die zeitgeschichtliche Romane mögen, sollten ihn unbedingt lesen!
Die historischen Ereignisse sind ausnahmslos authentisch. Eine unglaubliche Menge an Details und Fakten füllen die knapp 1.000 Seiten – und es hätten gern noch mehr sein können! Marge Piercy hat einen so einzigartigen wie mitreißenden Roman geschrieben, dessen Aktualität immer wieder verblüfft. „Alle Amerikaner sind naiv“, schreibt Jacqueline 1943 in ihr Tagebuch. „Sie führen ihre Kriege immer hier bei uns, und so verstehen sie nicht, was Krieg ist. … Hinterher gehen sie nach Hause, wie nach der Arbeit, und für sie ist dann alles, wie es war, das Haus, der Garten, das Auto, das Bankkonto, die Familie. Mit den Folgen sitzen wir da.“

Marge Piercy: Menschen im Krieg – Gone to Soldiers. Argument, 1000 S., 37 Euro

Dieser Buchtipp erschien erstmals in der Zeitschrift EMOTION, in der jeden Monat Rezensionen von BücherFrauen veröffentlicht werden.

Autorin: Heike Herrberg arbeitet als Redakteurin, Lektorin und Autorin für Verlage, Stiftungen und Agenturen. Aktuelle Publikation: Wiener Melange – Frauen zwischen Salon und Kaffeehaus (Neuausgabe, Berlin 2014)

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für den tollen Artikel! Marge Piercy ist eine meiner liebsten Autorinnen und „Menschen im Krieg“ ist wirklich ein phantastisches und packendes Buch. Sehr sehr lesenswert!

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