Marion Voigt: Lebenslanges Lernen im alten Europa

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Ich bin Fan von Leonardo. Er bringt Leute dazu, sich auf neue Wege zu begeben. Wie das?

Die EU fördert lebenslanges Lernen zurzeit mit vier Einzelprogrammen, die Schulbildung, Hochschulbildung, Allgemeine Erwachsenenbildung und Berufliche Bildung abdecken. Letzteres läuft unter der Dachmarke Leonardo da Vinci und umfasst insbesondere Stipendien für Auslandsaufenthalte. (Im kommenden Jahr wird das Gesamtpaket unter dem Namen Erasmus+ mit veränderter Struktur weitergeführt.)

Vor einem Jahr fiel mir ein Zeitungsartikel darüber in die Hände: interkultureller Austausch für Berufstätige mit abgeschlossener Ausbildung oder abgeschlossenem Studium in allen EU-Staaten. Echt? Ohne Altersbeschränkung?

Ich recherchierte zunächst halbherzig, auch weil ich die Navigation auf dem weiterführenden Portal www.na-bibb.de verwirrend fand. Es gehört zur Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB), die in Deutschland das EU-Programm mitbetreut, unter anderem zuständig für Leonardo da Vinci. Auf der Website gibt es eine Projektdatenbank für individuelle Lernaufenthalte im Ausland. Diese sogenannten Pool-Projekte werden von Bildungseinrichtungen in Deutschland organisiert, bei denen man sich direkt bewerben kann.

Über die Suchmaske mit der Auswahl von Zielgruppe, Branche, Aufenthaltsdauer und Zielland gelangte ich zu einer Liste von Projektträgern für Praktika in Polen. Ein „Verein zur aktiven Unterstützung der europäischen Integration“ in Thüringen stellte unter dem Titel „Learning by Travelling – Weiterbildung in Europa“ Fördermittel in Aussicht. Auf dessen Website fand ich nähere Informationen und Bewerbungsformulare.

Und weiter? Wollte ich das jetzt in Angriff nehmen und einen Plan umsetzen, mit dem ich immer wieder mal in Gedanken gespielt hatte? Mein Slawistikstudium lag zwanzig Jahre zurück und in dieser Zeit hatten meine Sprachkenntnisse dramatisch gelitten. Mir war einerseits klar, dass ich im Berufs- und Familienalltag meine Defizite nicht würde ausgleichen können. Andererseits sah ich die Chance, mich als freie Lektorin und Literaturagentin weiter zu profilieren – indem ich Kompetenzen reaktivierte, die seit geraumer Zeit brachlagen.

Keine Frage, ich würde den Faden aufnehmen und mich bewerben. Der Entschluss fiel im Februar, nachdem ich mich mit meinem Mann darüber beraten hatte, wie lange wir uns trennen könnten … Ein halbes Jahr? Zu lang. Drei Monate? Hm. Zwei Monate fanden wir beide ganz okay. Das ließe sich auch mit den laufenden Aufträgen einigermaßen gut arrangieren. Ich rechnete mir aus, dass ich meine Kunden in einem Umfang von ein, zwei Stunden täglich weiter betreuen könnte.

Bis ich alle Unterlagen beisammen, Formulare ausgefüllt und den Letter of motivation geschrieben hatte, verging einige Zeit. Oft kostete es mich Überwindung, zusätzlich zu meinen sonstigen Pflichten diesen bürokratischen Aufwand zu betreiben. Hinzu kam, dass die Kommunikation mit dem Projektträger anfangs schleppend verlief. Ich hatte angenommen, dass man mir bei der Suche nach einem Praktikumspartner behilflich sein würde. Fehlanzeige. Also streckte ich selbst meine Fühler aus.

Wo wollte ich arbeiten? In einem Verlag, einer Buchhandlung, einer Bibliothek? In einer Kultureinrichtung oder Stiftung, die sich mit deutsch-polnischen Beziehungen, mit polnischer Literatur, dem polnischen Buchmarkt befasst? Mich interessierte alles und ich verschickte großzügig englischsprachige Mails mit meinem CV. Bei einer namhaften Stiftung fand man mich überqualifiziert, eine andere renommierte Institution ließ mich postwendend wissen, dass ich sehr gern im Oktober für drei Monate kommen könne. Hoppla, eigentlich hatte ich mir eher den gemächlichen Sommer vorgestellt, und dann doch drei Monate? Wir fanden schnell einen Kompromiss, aber leider machte die übergeordnete Behörde einen Rückzieher mit der Begründung, dass sie nur Praktikanten bis zu einem Alter von 28 Jahren aufnehmen. Pech.

Nachdem ich reichlich Absagen gesammelt hatte, riet mir eine Freundin, mich bei einer Bibliothek in Südpolen zu melden, deren Direktorin eine Partnerschaft mit einer deutschen Bibliothek eingehen wollte. Ich war mittlerweile sicher, dass ich im Sommer einen Intensivkurs an der polnischen Ostseeküste belegen würde, egal ob mit oder ohne Leonardo. Außerdem plante ich, im Mai die Warschauer Buchmesse zu besuchen. Der Stein kam ins Rollen.

Kurz vor der Abreise schrieb mir die Direktorin der Stadtbibliothek von Gorlice, dass sie mich gern als Praktikantin aufnehmen würden. Damit war meine Bewerbung beim Projektträger endlich vollständig und ich erhielt prompt eine vorläufige Zusage. Kaum zu glauben, ich war auf dem besten Weg, aus einer vagen Idee ein reales Projekt zu machen.

Mit dem Zug fuhr ich dreizehn Stunden lang bis Warschau, der erste Besuch, seit ich dort 1991 für meine Magisterarbeit recherchiert hatte. Die Hauptstadt im Frühling, die Buchmesse, die grassierende Angst vor dem Verschwinden des Lesers – ich saugte alles in mich auf. Von der melodiösen Sprache konnte ich nicht genug bekommen, verstand allerdings bestenfalls Lückentext.

Die Stadtbibliothek von Gorlice - Foto: Marion Voigt

Die Stadtbibliothek von Gorlice. Foto: Marion Voigt

Im Juli wurde mein Förderantrag offiziell bewilligt, alle notwendigen Unterlagen zwischen mir, dem Projektträger und dem Praktikumspartner wurden ausgetauscht, einschließlich Notfalltelefonnummern, und in einem halbstündigen Telefongespräch ging meine Betreuerin mit mir alle offenen Fragen durch. Für den Aufenthalt in Polen bekam ich eine Überweisung, die nach einem bestimmten Länderschlüssel etwa 70 Prozent sämtlicher Kosten decken sollte. Diese Finanzspritze erleichterte es mir erheblich, mich für insgesamt zwei Monate (weitgehend) aus meiner freiberuflichen Arbeit auszuklinken und die heißersehnte Fortbildung zu beginnen.

Mitte August reiste ich nach Sopot. Wieder mit dem Zug, wieder dreizehn Stunden. Die beiden Wochen Intensivkurs in dem Seebad bei Danzig nahm ich als Nagelprobe. Sollte ich gar nicht zurechtkommen, müsste ich das Praktikum ja nicht antreten … Aber die Zeit verging mir viel zu schnell dort am Meer und sie reichte gerade mal aus, um meine verschütteten Polnischgrundkenntnisse freizuschaufeln.

Die wenigen Wochen zwischen meiner Rückkehr und der erneuten Abreise vergingen mit Buchmesse und tausenderlei Vorbereitungen. Ich schloss laufende Aufträge ab und organisierte mein Büro so, dass ich es auch vom Laptop aus führen konnte. Endlich begann ich auch systematisch, Polnisch zu üben. Irgendwie konnte ich mir früher Vokabeln leichter einprägen, oder?

Inzwischen bin ich angekommen. Zum dritten Mal in Polen in diesem Jahr, auf meiner persönlichen Sternfahrt ins Nachbarland, jeweils knapp tausend Kilometer von Nürnberg nach Sopot, Warschau und Gorlice.

 

Arbeitsplatz von Marion Voigt in der Statdbibliothek Gorlice. Foto: Marion Voigt

Arbeitsplatz von Marion Voigt in der Stadtbibliothek Gorlice. Foto: Marion Voigt

 

Teil 1: Lebenslanges Lernen im alten Europa
Teil 2: Mit Leonardo in Polen (Lebenslanges Lernen)

Autorin: Marion Voigt

Freie Lektorin, Texterin und Literaturagentin; Slawistin M. A. Aktuelles Lieblingsbuch: Büchernärrinnen, ebersbach & simon, 2015, www.folio-lektorat.de

3 Kommentare

  1. Sowas hat man ab 30 tatsächlich gar nicht mehr auf dem Schirm, weil man – wie die Autorin ja auch durchblicken lässt – gleich Altersbeschränkungen vermutet. Meistens ist das ja auch so, deswegen freu ich mich, von einem Gegenbeispiel zu hören, und fange schon an zu überlegen, wie ich so einen Auslandsaufenthalt für mich auch möglich machen könnte. Auf jeden Fall ist es wünschenswert, dass solche Angebote ohne Altersbeschränkung zahlreicher werden.

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