Mentoring – quo vadis?

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Mentoring-Programme haben sich an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtung längst etabliert, wo sie zumeist auf die Förderung und Begleitung von NachwuchswissenschaftlerInnen hinwirken. Auch Berufs- und Interessenverbände haben die Vorteile von Mentoring-Programmen zur Qualifizierung von Berufsein-, -um- oder -aufsteigern längst erkannt. Beispielhaft genannt seien hier – neben dem seit vielen Jahren etablierten Mentoring-Programm der Bücherfrauen:

Auch in Unternehmen setzt sich in den letzten Jahren Mentoring zunehmend  als Instrument der strategischen Personalentwicklung und der kollektiven Organisationsentwicklung durch. Neben informellen Mentoring-Beziehungen, die die Integration von (meist jüngeren) KollegInnen oder MitarbeiterInnen in das Unternehmen fokussieren, ist Mentoring u. a. als Cross-Mentoring (mit Teilnehmern aus verschiedenen Unternehmen/Betrieben), Peer-Mentoring oder unternehmensinternes professionelles Mentoring-Programm organisiert. In Hamburg gibt es inzwischen sogar eine Organisation, die professionelles Mentoring für junge Väter in Führungspositionen anbietet (MENtoring).

Was ist eigentlich Mentoring?

Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert Mentoring in beruflichen Zusammenhängen folgendermaßen:

„Tätigkeit einer erfahrenen Person (Mentor/in), die ihr fachliches Wissen und ihre Erfahrungen an eine unerfahrene Person (Mentee) weitergibt. Ziel ist die Unterstützung bei der beruflichen und persönlichen Entwicklung. Im Gegensatz zum Coaching ist der Mentor (die Mentorin) üblicherweise nicht für diese Tätigkeit ausgebildet. Formal zielt Mentoring auf die Förderung außerhalb des üblichen Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnisses. Inhaltlich geht es darum, informelle Regeln zu vermitteln, in bestehende Netzwerke einzuführen, praktische Tipps zu geben und langfristig die Karriere zu fördern.“ (Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Mentoring, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/86532/mentoring-v7.html)

Soweit die Fakten. Um zu verdeutlichen, wie stark Mentoring die persönliche berufliche Entwicklung beeinflussen kann, möchte ich an dieser Stelle von meiner eigenen, ganz persönlichen Mentoring-Geschichte berichten.

Mentoring – einmal ganz persönlich

Das Thema Mentoring begleitete mich in meinem Berufsleben aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. In meinen ersten zwei Jahren als Führungskraft (Verlagsleiterin) hatte ich das große Glück, einen berufserfahrenen (informellen) Mentor an meiner Seite zu haben, der mich begleitete und bei der Überwindung der größten Klippen – der Bewältigung der neuen Herausforderungen – mental und fachlich unterstützte und mich in die (zumeist informellen) Spielregeln des verlegerischen Berufsalltags einführte. Mit großem Respekt und Dankbarkeit denke ich noch heute an die zahllosen Gespräche und Debatten, die wir über publizistische Themen sowie über die Besonderheiten und Tücken des akademischen Mikrokosmos führten. Auch wenn ich inzwischen auf fast zwanzig eigene Berufsjahre als Fach- und Wissenschaftslektorin zurückblicken kann und sich die Rahmenbedingungen und Fragestellungen sowohl in der Verlagsbranche als auch im Wissenschaftsbereich massiv verändert haben: Ich profitiere noch heute von dieser Zeit. Vor allem die Gelassenheit und Professionalität eines erfahrenen (und deutlich älteren) Kollegen empfand ich damals als besonders hilfreich. Wichtig ist mir an dieser Stelle zu betonen, dass ich sicherlich auch ohne diesen Mentor meinen beruflichen Weg erfolgreich bewältigt hätte. Die Mentoring-Beziehung hat mich seinerzeit jedoch innerlich gestärkt und mich ermutigt, einige Dinge aktiver anzugehen und dadurch viele Hindernisse und Schwierigkeiten zu umgehen oder deutlich leichter zu bewältigen.

Mentoring-CloudDer langfristige Nutzen dieser Mentoring-Beziehung ist mir in seiner ganzer Tragweite einige Jahre später erneut bewusst geworden, als ich selbst zwei junge Kolleginnen in den ersten Monaten ihres „Verlagslebens“ begleitete und in die Welt des wissenschaftlichen Verlegens einführen durfte. Die vielen Fragen, die die beiden mir als „Verlagsneulinge“ stellten, und deren fachliche Antworten ich persönlich längst als selbstverständliche Gewissheiten empfand, ermöglichten eine völlig neue Reflexion meiner eigenen beruflichen Biographie, die auch mich wieder ein Stück weiterbrachte. Noch heute sind wir freundschaftlich-kollegial miteinander verbunden und es ist wunderbar zu sehen, dass beide inzwischen die jeweils nächste Stufe auf ihrer persönlichen Karriereleiter erklommen haben.

Diese Erfahrung ermutigte mich ab 2013 zum ehrenamtlichen Engagement im Mentoring-Programm der Bücherfrauen e. V. Meine sehr geschätzte Kollegin Alexandra Legath und ich werben als Orga-Team der Städtegruppe München gemeinsam neue Mentees an, suchen für diese ganz individuell die jeweils geeignete Mentorin (das sogenannte Matching), organisieren das Rahmenprogramm mit moderierten Auftakt-, Zwischen- und Abschluss-Workshops und begleiten die Tandems durch das Mentoring-Jahr. Dabei lerne ich stets einiges über die Idee des professionellen Mentorings (Danke an dieser Stelle an Isabel Nitzsche, die die Workshops mit ihrer fachlichen Expertise „füttert“ und leitet!), knüpfe interessante Kontakte zu Kolleginnen und profitiere enorm von den Erfahrungen und Perspektiven der anderen Teilnehmerinnen. Der geschützte Raum des persönlichen Austauschs zu beruflichen, fachlichen und Karrierefragen ist ein ganz besonderes Erlebnis. Auch als „alte Häsin“ nehme ich aus jeder Runde immer wieder neue Impulse für meine eigene persönliche und berufliche Entwicklung mit – ganz im Sinne des lebenslangen Lernens!

Persönlich bin ich zum zweiten Mal als Mentorin aktiver Teil eines Tandems. Es macht sehr viel Freude zu sehen, mit wie viel Engagement und Enthusiasmus die Mentees in das gemeinsame Mentoringjahr starten, wie sie sich im Laufe des Jahres persönlich weiterentwickeln, mutiger und selbstbewusster werden und am Ende gestärkt und voller neuer Perspektiven, Pläne und Ziele ihrer eigenen Wege gehen. Viele wechseln bereits während des Mentoring-Jahres die Stelle, steigen auf, machen sich selbstständig oder setzen ihre eigenen beruflichen Vorstellungen anderweitig in die Tat um.

Mentoring und Professionalisierung

Als studierte Sozialwissenschaftlerin und Fachlektorin will und kann ich es auf diesen persönlichen Erfahrungen natürlich nicht beruhen lassen. Seit einigen Monaten setze ich mich auch auf fachlicher Ebene mit dem Thema Mentoring auseinander. Meine Recherchen mündeten zunächst – wie könnte es anders sein – in der Planung zu einem Fachbuch für die Unternehmenspraxis, das Mentoring als Teil der betrieblichen Personalentwicklung versteht. Hierfür habe ich inzwischen nicht nur ein wissenschaftlich bewandertes und praxiserfahrenes Autorinnenteam gefunden, das sich seit vielen Jahren mit Mentoring und der Evaluation von Mentoring-Programmen beschäftigt. Der Titel „Professionelles Mentoring in der betrieblichen Praxis. Entscheidungsgrundlagen und Erfolgsfaktoren“ erscheint voraussichtlich im Januar 2016 im Haufe Verlag.

Im Rahmen der Recherchen zu dem Titel hatte ich auch Kontakt zur Deutschen Gesellschaft für Mentoring e. V., die Mentoring-Experten bundesweit vereint und sich für die Qualitätssicherung und Zertifizierung von Mentoring-Programmen einsetzt. Der fachliche Austausch dazu lässt sich wirklich ausgesprochen spannend an. In ersten Gesprächen mit Kolleginnen der Mentoring-AG der Bücherfrauen sprachen wir im Herbst 2014 im Rahmen der Jahrestagung in München u. a. auch über die künftigen Möglichkeiten der Entwicklung und weiteren Professionalisierung des bestehenden Mentoring-Programms der Bücherfrauen.

Meine persönliche Vision für das Bücherfrauen-Mentoring-Programm wäre dabei weniger eine quantitative Ausweitung (mit aktuell 11 Tandems und 2 Orga-Frauen sind wir hier in München derzeit an der organisatorischen Kapazitätsgrenze angelangt und vielen kleineren Städtegruppen fehlen gänzlich die personellen Kapazitäten um ein eigenes Programm aufzustellen), sondern vielmehr

  • eine bessere Vernetzung, Austausch und Standardisierung über die Städtegruppen hinweg,
  • eine professionelle Evaluation und Dokumentation,
  • eine verstärkte (branchen-)öffentliche Sichtbarkeit des Programms und des ehrenamtlichen Engagements der (häufig) verbandsexternen Mentorinnen,
  • die mittelfristige Weiterentwicklung und Qualitätssicherung des schon jetzt sehr erfolgreichen Programms und
  • eine finanzielle Grundsicherung in Form von Sponsoring, um auch kleineren Städtegruppen Mentoring zu ermöglichen.

Insgesamt käme dies nicht nur dem Programm selbst – und damit v. a. den Mentees – zugute, sondern würde das Standing unseres Berufsverbands als eine wichtige Säule der (Frauen-)Nachwuchsförderung und Personalentwicklung für die Branche enorm stärken und neue Perspektiven und Kooperationen eröffnen. Die Attraktivität des Programms würde sich insbesondere auch für die Mentorinnen erhöhen (Stichwort: Sichtbarkeit und Qualitätssiegel) und damit würde auch die Arbeit der jeweiligen Orgateams vor Ort unterstützt und deutlich erleichtert werden.

Ich freue mich auf weitere Ideen und Mitstreiterinnen, Unterstützerinnen, konstruktive Kritikerinnen und eine lebendige und erfolgreiche Debatte im Rahmen der Jahrestagung der Bücherfrauen 2015 auf der Comburg im Herbst!

Christiane Engel-Haas
Social Science & Publishing, München

Autorin: Christiane Engel-Haas

ist Fachlektorin und Agentin für Fach- und Wissenschaftspublikationen. Die inhaltlichen Schwerpunkte ihrer Arbeit: Personalführung, Management, Sozialwissenschaften (Soziologie, Erziehungswissenschaft, Gender Studies), Gesundheit und Pflege und 'digital publishing'. Sie ist Bücherfrau seit 1996 und Teil des Mentoring-Orga-Teams der Städtegruppe München.

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