Mit Null zum Erfolg? Die deutsche Wirtschaft auf dem Genderprüfstand.

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Letztes Jahr war ich auf einer hochkarätig besetzten Veranstaltung im Felleshus der Nordischen Botschaften, bei der sich unter anderem Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, Jutta Allmendinger und die schwedische Finanzministerin Magdalena Andersson über gleiche bzw. ungleiche Arbeits- und Karrierebedingungen von Frauen in Schweden und Deutschland austauschten. Es war eine sehr interessante Veranstaltung, auf der ich zum Beispiel erfuhr, dass Gelder im schwedischen Finanzministerium nach dem Prinzip des ‚gender budgeting‘ verteilt werden oder dass die Abschaffung des Ehegattensplitting in Schweden ein entscheidender Schritt für eine größere/bessere Gleichstellung der Frauen war. Den größten und bleibenden Eindruck hinterließ bei mir aber ein schwedischer Unternehmer: Sven Hagströmer, der von der Arbeit seiner AllBright Stiftung erzählte. Er hatte die Stiftung 2011 gegründet, um sich für einen höheren Anteil von Frauen in Führungspositionen einzusetzen. Die Stiftung schaut sich jedes Jahr die Führungsetagen schwedischer Unternehmen an und sortiert sie dann in schwarze, graue und weiße Listen. Auf der weißen Liste landen alle, die 40 Prozent ihrer Unternehmensspitzen mit Frauen besetzt haben. Auf der schwarzen Liste landen diejenigen Unternehmen, die keine einzige Frau in der Geschäftsführung haben. Sie erhalten einen schwarzen Brief und werden öffentlichkeitswirksam bloßgestellt. Die AllBright Stiftung setzt gezielt auf „Naming and Shaming“ der Unternehmen und betreibt intensive Öffentlichkeitsarbeit für gendergerecht besetzte Führungsetagen.

Diesen Sommer bin ich Hagströmers Stimme wieder begegnet. Traditionell bestreiten Prominente aus Kultur, Politik und Wirtschaft jedes Jahr während der Sommermonate einstündige Radioprogramme, in denen sie von sich und ihrem Leben erzählen. Sven Hagströmer erzählte in seiner Sommerradiostunde von genau dieser Veranstaltung im Felleshus. Nicht nur mich hatte Hagströmers Bericht über die Arbeit der AllBright Stiftung beeindruckt sondern auch andere Vertreterinnen deutscher Frauenverbände und -netzwerke, die ihn nach der Veranstaltung bestürmten, so etwas doch auch in Deutschland zu machen. Gesagt, getan – im Frühjahr 2016 wurde die deutsche Schwesterstiftung gegründet und Ende September ist der erste deutsche Bericht erschienen.

Zielgröße für die Frauenquote: Null Frauen –  Status Quo in Deutschland

Quelle: AllBright Stiftung

Quelle: AllBright Stiftung

Mit dieser Überschrift bringt es der deutsche Bericht der AllBright Stiftung auf den Punkt. Im Bericht werden 160 Börsen-Unternehmen (DAX30, MDAX, SDAX und TecDax) unter die Lupe genommen und danach untersucht, welche Zielgrößen sie sich zur Erhöhung des Frauenanteils in ihren Vorständen gesetzt haben und mit welchem Erfolg sie diese Ziele bisher umsetzen konnten. Die betrachteten Unternehmen, die aufgrund des Quotengesetzes verpflichtet sind, sich eigene Zielgrößen für mehr Frauen in ihren Vorständen und Aufsichtsräten zu setzen, ignorieren die Idee, die hinter dieser gesetzlichen Vorschrift steht, weitestgehend. Die Unternehmen sind zwar verpflichtet, sich eine konkrete Zielgröße zu setzen, diese kann aber eben auch Null betragen. Nur 16 der 160 Unternehmen haben sich überhaupt eine Zielgröße gesetzt, die höher als der Status Quo ist. Bei den meisten liegt dieser Status Quo bei null.  Die Botschaft des Quotengesetzes – mehr Frauen in Führungspositionen – ist bei den deutschen Unternehmen ganz offensichtlich noch nicht angekommen. Auf der schwarzen AllBright-Liste stehen mehr als drei Viertel der Unternehmen, die derzeit keine einzige Frau in ihrem Vorstand haben. Sie setzten ihre Zielgröße bis Juni 2017 auf null und signalisieren damit eine Haltung, die die Geschäftsführer des deutschen Büros der AllBright Stiftung, Wiebke Ankersen und Christian Berg, überraschte: „Anders als in Schweden oder in multinationalen Unternehmen ist der Diversity-Gedanke bei deutschen Unternehmen noch nicht angekommen. Nur die großen DAX30-Unternehmen haben bisher erkannt, dass mehr Frauen in der Führungsriege gut für das Geschäft sind. Gut gemischte Teams entscheiden profitabler und weniger riskant und sie können mit ihrem breiteren Erfahrungshintergrund besser und flexibler auf die schnellen Veränderungen unserer Zeit reagieren.“

Quelle: AllBright Stiftung

Quelle: AllBright Stiftung

In den 160 Börsenunternehmen Deutschlands nehmen 631 Männer und nur 44 Frauen auf Vorstandsstühlen Platz; eine einzige Frau besetzt – gemeinsam mit einem männlichen Kollegen – die Position der Vorstandsvorsitzenden: Anke Schäferkordt von RTL. Während die DAX30-Unternehmen noch ein leichtes Umdenken erkennen lassen (21 der 44 Vorstandsfrauen arbeiten für diese Unternehmen), schneiden die anderen Unternehmen (MDAX, SDAX, TecDAX) unterirdisch ab. Nur ein einziges Unternehmen schaffte es in diesem Jahr auf die weiße Liste, die mittelständische Aareal-Bank aus Wiesbaden.

Für eine neue Unternehmenskultur: Gleichstellung von Frauen als Wirtschaftsfaktor

Auch Wiebke Ankersen und Christian Berg sind Sven Hagströmer auf der Veranstaltung im Felleshus begegnet und konnten sich für die Idee der AllBright Stiftung begeistern lassen. Sie leiten die Berliner Stiftung und haben nun Anfang Oktober schwarze, graue und einen weißen Brief versendet.

Quelle: AllBright Stiftung

Quelle: AllBright Stiftung

In der Presse sind die Ergebnisse auf großes Interesse gestoßen, nur die Unternehmen selbst üben Zurückhaltung. Allerdings zeigen die Erfahrungen in Schweden, dass Bericht und Briefe von den Unternehmen anfangs auch weitestgehend ignoriert wurde. Es hat einige Zeit gedauert, bis den Unternehmen die negative Werbung aufgefallen ist. Heute beschweren sie sich schon mal über das Ranking und den damit verbundenen Imageschaden.

Wiebke Ankersen berichtet, dass sie während der Recherchen erschüttert darüber war, das quasi immer gleiche Vorstandsbild auf den Websites und in den Geschäftsberichten der Unternehmen gesehen zu haben – ältere Männer in Anzug vor grauen Wänden –, und hat sich aus diesen Fotos eine kleine, mahnende Galerie für ihr Büro gebastelt: „Da wird einem die Monokultur in den Vorständen erst richtig bewusst!“ Auch Headhunter hätten ihr bestätigt, dass am Ende von Personalentscheidungen immer ein irrationales Moment stehe. Der männliche Kandidat ist die vertrautere Entscheidung, aber eben auch die bequeme Lösung. AllBright hat diesem Phänomen einen Namen gegeben – den „Thomas-Kreislauf“. Es heißen mehr Vorstandsmitglieder Thomas oder Michael (49) als es in den Vorständen insgesamt Frauen gibt (44). Dies ist ein grenzüberschreitendes Phänomen: Thomas heißt in Schweden „Anders“.

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Geschäftsführungsduo Wiebke Ankersen und Christian Berg

Wiebke Ankersen und Christian Berg planen ein bis zwei Studien im Jahr. Erstes Ziel in der Anfangsphase ihrer Arbeit ist es, die Stiftung bekannt zu machen und eine Öffentlichkeit für ihre Berichte zu schaffen. Bevor es aber an die Arbeit für den nächsten Bericht geht, steht am 21. November erst einmal die Gründung eines Stiftungsbeirat an, für den Mitglieder aus der deutschen Wirtschaft gewonnen werden konnten, die eher kein Thomas sind. Der Stiftungsbeirat wird jünger und weiblicher. Er wird aus erfolgreichen Managerinnen und Managern namhafter Unternehmen bestehen und soll die Arbeit der Stiftung in ihrer strategischen Ausrichtung beratend unterstützen sowie die Stiftung und ihre Ziele auch nach außen repräsentieren. Darüber hinaus möchten die deutschen Geschäftsführer der Stiftung aber auch in direkten Kontakt mit den Unternehmen treten und sich mit anderen Institutionen, Verbänden und Netzwerken, die sich für gendergerechte Unternehmensführung einsetzen, vernetzen. Erster Adressat der AllBright Stiftung ist die Wirtschaft. Denn es geht der Stiftung vor allem um eine neue Unternehmenskultur, zu der eben auch ein Anteil von mindestens 40 Prozent Frauen in der Unternehmensspitze gehört. Die Stiftung betrachtet sich nicht in erster Linie als Vertreterin von Fraueninteressen, sondern vielmehr als Vertreterin von Wirtschaftsinteressen – gegründet von Wirtschaftsvertretern will sie auf die Vorteile der Gleichstellung von Frauen für die Wirtschaft aufmerksam machen.

Schweden als Vorbild

In Schweden hat AllBright es mit seinen Berichten und einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit geschafft, einem Thema, das bereits in der öffentlichen Diskussion stand, einen Schub zu geben. Ähnliches erhofft man sich auch in Deutschland, auch wenn man sich bewusst sei, so der Schwede des Geschäftsführungsduos, Christian Berg, dass trotz vieler Ähnlichkeiten doch auch große kulturelle Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland bestehen, zum Beispiel bei Rollen- und Familienbildern oder auch im Umgang mit der Digitalisierung der Arbeitswelt: „Aber wir sind überzeugt, dass von einem Blick über den Tellerrand und dem gegenseitigen Austausch die Arbeit von AllBright insgesamt profitieren wird.“

Letztendlich setzt der Ansatz der AllBright Stiftung – trotz des öffentlichen Naming and Shaming – auf den Dialog. Zumindest hat die Arbeit der Stiftung in Schweden es geschafft, Dialogräume zu öffnen und die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das viele Unternehmensleitungen zwingt, die Wohlfühlzone des Thomas-Kreislaufs zu verlassen. Dabei ist es sicherlich hilfreich, dass AllBright selbst von unternehmerischen Denken und Handeln geprägt ist und seine Forderungen und Argumente entsprechend ableitet – die Abmahnung kommt quasi aus den eigenen Reihen. Sven Hagströmer ist überzeugt, dass eine ausgewogene Unternehmensführung sich positiv in den Geschäftsergebnissen abbildet und wird darin durch Ergebnisse verschiedener Studien unterstützt. Er beschreibt AllBright in seiner Sommerradiostunde als „eine feministische Initiative, die keine feministische Initiative ist“ und unterlegt dies mit Beyoncés „Girls run the world“.

Autorin: Valeska Henze

Politikwissenschaftlerin & Übersetzerin mit den Arbeits- und Sprachschwerpunkten Nordeuropa und Ostseeregion. Autorin verschiedener politischer Analysen zu Schweden und Polen; außerdem Dozentin, Projekt- und Konferenzkoordinatorin sowie Webbeauftragte der Forschungsgruppe Nordeuropäische Politik und Vorsitzende der BücherFrauen (2011-2015): www.valeskahenze.de, www.for-n.de.

3 Kommentare

  1. Liebe Valeska,
    vielen Dank, das ist wieder mal ein sehr instruktiver Artikel von dir.
    Das Konzept der Stiftung hört sich bestechend einfach, aber gleichzeitig wirkungsvoll an.
    Vielleicht können die BF sich ja davon inspirieren lassen und Ähnliches mit Fokus auf unsere Branche anregen, zum Beispiel auch im Hinblick auf die geplante Neuauflage der Studie. Mal sehen. Wir (sprich am Thema interessierte BF) sollten mal wieder mehr brainstormen und thinktanken 🙂
    Lg, Carola.

  2. Dr. Gabriele Kalmbach

    Liebe Valeska, danke für diesen ausführlichen Artikel! Ein kleiner Nachtrag meinerseits: Gerade ist die aktualisierte Studie mit den Zahlen für 2016 erschienen. Geändert hat sich wenig: Nach wie vor ist der Anteil der weiblichen Führungskräfte im Vorstand der 106 börsennotierten Unternehmen extrem niedrig und liebt bei nur 6,5 % – es sind 46 Frauen und 630 Männer (und noch immer heißen 49 von ihnen Thomas oder Michael).

    Seit März 2016 waren laut der gerade veröffentlichten Studie knapp 90 % der Neuanstellungen in den Chefetagen deutscher börsennotierter Unternehmen erneut männlich. Bei 74 % handelte es sich um Deutsche und 64 % der seit diesem Zeitpunkt eingestellten Vorstände sind in Westdeutschland ausgebildet worden. »Es fällt den Unternehmen deutlich leichter, Ausländer in den Vorstand zu holen (24 %) als Frauen (7 %)«, heißt es in der Studie: » Geht es so weiter, haben wir erst in 45 Jahren, nämlich 2062, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in den deutschen Vorständen.«

    Download der Studie
    http://www.allbright-stiftung.de/aktuelles/

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