Cover: Birgit Dankert über Michael Ende

Phantásien ist hier zu Hause: Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland

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Wo Gesellschaften ihre Kinder mit Schriftlichkeit erziehen, wo Wert und Autonomie der Kinder- und Jugendjahre anerkannt, beschrieben und künstlerisch sublimiert werden und wo zur Sozialisation der nachfolgenden Generation auch Einführungen in die Regeln und Werte von Information, Literatur und Kunst zählen, entsteht Literatur für Kinder und Jugendliche – wie im deutschen Sprachraum seit ungefähr 250 Jahren.

Kinderliteratur als Weltliteratur

Die Vielfältigkeit ihrer Genres und Gattungen steht der gesamten Weltliteratur in nichts nach, sieht man von hoch reflektierter Sprachkunst, Pornographie und lustvoller Gewaltdarstellung einmal ab. Die Einfachheit der Sprache, die Nähe zu Magie und Phantasie, die Symbiose von Schrift und Bild ermöglichen dagegen der Kinder- und Jugendliteratur eigene Spielarten wie das Bilderbuch, eingängige Texte zur Welterklärung und spezielle Spielarten der Phantastik.

Dabei gehören die deutschsprachigen Länder zu den historisch und traditionell ergiebigsten und vielseitigsten Kulturräumen der speziellen, der sogenannten intentionalen Kinderliteratur, also jener Texte, die für Kinder und Jugendliche geschrieben und/oder veröffentlicht und vermittelt werden. Unterhaltende Texte ohne künstlerische Ambitionen stellen seit eh und je einen konstituierenden Teil des Lesestoffes für Kinder und Jugendliche dar – Lesen, Sachwissen, ethische Programme wollen damit auf vergnügliche Weise eingeübt werden. Skandinavien und der angelsächsische Sprachraum besitzen eine mindestens ebenso lange und reiche Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur – ihr Kindheitsmodell brachte Klassiker der Weltliteratur wie „Die Schatzinsel“ und „Nils Holgersson“ hervor.

Ganz Europa und die von europäischen Invasoren und Einwanderern geprägten Kontinente zogen nach. Viele Nationen entwickelten eine Kinder- und Jugendliteratur, die sowohl von den Eigenheiten der Nationalliteraturen als auch von den allgemein gültigen Gesetzen der Gattung geprägt wurden. Inzwischen gibt es nur noch wenige weiße Flecken auf den Landkarten der Kinderliteratur, auch weil sich das lokal verwirklichte Kindheitsmodell trotz aller kultureller Unterschiede mit der Technisierung und Globalisierung der Medienwirklichkeit zu ähneln begann. Allerdings scheinen einige Regionen – wie große Teile Afrikas südlich der Sahara – die Epoche der gedruckten Kinderliteratur zu überspringen und von der oralen Tradition über das Schulbuch direkt in die mediale Kommunikation der digitalen Literatur überzugehen.

Banner Dt. Jugendliteraturpreis

Der deutsche Jugendliteraturpreis wird 60.

Fakten und Zahlen einer Erfolgsgeschichte

Hierzulande haben die sogenannten neuen Medien und ihre Attraktivität für jedes Lesealter das Kinder- und Jugendbuch eher befördert als verdrängt. Vielleicht ist dieses Phänomen eine der großen kulturellen Leistungen der letzten 15 Jahre. Das zeigen am deutlichsten die Produktions- und Verkaufszahlen. Die gesellschaftlichen und reformpädagogischen Bemühungen der siebziger Jahre ließen die 1969 veröffentlichte Anzahl von 1141 Kinder- und Jugendbüchern (Erst- und Neuauflagen) auf 2.932 im Produktionsjahr 1979 ansteigen. Schulbücher werden hier – im Gegensatz zu Produktions-Statistiken anderer großer Literatur-Länder – nicht mitgezählt. Das Kinder- und Jugendbuch etablierte sich als pädagogische, literarische und ökonomische Ressource, erhöhte dabei auch stetig seinen Anteil an der literarischen Gesamtproduktion (1969 =3,2 %; 1979= 4,7%).

Nach einem erneuten Zuwachs in den achtziger und neunziger Jahren, wobei die deutsche Wiedervereinigung numerisch keine Steigerung brachte, zeigt sich seit einigen Jahren das konstante Bild einer Hochproduktion. 2015 wurden in Deutschland insgesamt 89.508 Erstauflagen veröffentlicht. Davon gehören 9.081 Titel der Gruppe Kinder- und Jugendliteratur an – ein Rekordwert, der sich auch im prozentualen Anteil (11,9%) an der Gesamtproduktion niederschlägt. In den Umsatzzahlen des Buchhandels für 2015 setzt sich eine Tendenz der Vorjahre fort: Der finanzielle Erfolg geht mit der Bedeutung an den Produktionszahlen Hand in Hand. Der Gesamtumsatz betrug im vorigen Jahr 9,19 Milliarden Euro. Kinder- und Jugendbücher hatten zu 15 Prozent Anteil an diesem Umsatz, obwohl der Durchschnittspreis dieser Literatursparte mit 11,72 Euro pro Exemplar deutlich niedriger liegt als in der Belletristik (16,93 Euro). Etwa hundert deutschsprachige Verlage produzieren in unterschiedlichen Programm-Linien Kinder- und Jugendbücher in Print-, E- und anderen Formaten. Hinzu kommen Apps, Blogs, Self-Publishing, Team-Manuskripte und avantgardistische Versuche in den Social Media.

Cover: Birgit Dankert: Leidenschaft und Disziplin

Hrsg. von Birgit Dankert: Leidenschaft und Disziplin

Cover. Wie wissen entsteht

Birgit Dankert: Wie Wissen entsteht. Fachliteratur zur Kinder- und Jugendliteratur 2005 – 2014. Lesesaal

 

Die Zahl der Autorinnen und Autoren ist spätestens seit dem Self-Publishing und der Erleichterung der Publikationsmöglichkeiten für jeden, der gerne schreibt, unübersehbar. Die Demokratisierung der Literatur ist in der Kinder- und Jugendliteratur weit vorangeschritten. Dazu gehören auch die nicht mehr nur für Eltern und Literaturvermittler, sondern auch für die Zielgruppe der jungen Leser eingerichteten Kinderbuchseiten bzw. Rezensionen in Tageszeitungen. Autoren und Illustratoren der Kinder- und Jugendliteratur definieren sich selbst und ihren Wert schon längst nicht mehr allein über ihre Bücher. Die stehen immer öfter in einer Reihe von facettenreichen Verwendungen eines Textes oder Bildes – und dabei gar nicht immer an erster Stelle. Zum Gesamtangebot gehören neben dem gedruckten Buch Hörbuch, e-Book, App, Theaterstück, Musical, Zeichentrick-Film, Spielfilm, Fernseh-Serie, Merchandising, Unterrichtsmaterial, Biographie, Prämierung, Rezensionen in Tagespresse und Fachliteratur, wissenschaftliche Analysen, Ausstellungen, Lesungen, Lese-Projekte, Lese-Feste, Konferenzen, Posting in Social Media, Leseförderungsprogramme, Poetik-Vorlesungen des Autors.

Angesichts dieser Zahlen und Fakten spricht mancher von Überproduktion und Boulevardisierung dieser mit so ehrgeizigen Ambitionen wie ästhetischer Erziehung, Literaturpädagogik und Leseförderung verbundenen Literatur.

Zur fast unübersehbaren Fülle gehört auch die ständig wachsende Fachliteratur zur Kinder- und Jugendliteratur. Seit den siebziger Jahren haben deutsche Hochschulen Kinder- und Jugendbücher und ihre Vermittlung in Studien- und Lernpläne aufgenommen. Von Habilitationsschriften und Dissertationen über Unterrichtsmodelle und Ausstellungskataloge bis zur Ratgeber-Literatur für Eltern und angehende Autorinnen reicht die Bandbreite der stetig steigenden Veröffentlichungen. In den Produktionsjahren 2005 bis 2013 erschienen mehr als 3.200 selbstständige und unselbstständige (Zeitschriften-Aufsätze, Beiträge in Sammelbänden, Lexika) fachliche Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Kinder- und Jugendliteratur.

Leseförderung – ein neues Berufsbild

Kinder- und Jugendliteratur ist immer noch eine vermittelte Literatur, bei der – wie übrigens auch in der Computerwelt – Autoren, Produzenten und Zielgruppe nur in Ausnahmefällen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren oder gar interagieren. Wer hier tätig wird, findet eine im letzten Jahrzehnt rasant erweiterte Berufs- und Qualifikations-Palette vor. Ein Kranz von Literatur-AgentInnen, Leselotsen, Vorlese-Paten, Lese-Animateuren, Event-Managern, Ferien-Programm-Organisatoren, Coaches, freien Ausbildungsgängen für eben diese Tätigkeiten hat sich etabliert. Er legt sich um die ehemals unangefochten agierenden öffentlichen und privaten Einrichtungen wie Kindergarten, KITA, Schule, Bibliothek und Buchhandel, Hochschulausbildung, Literaturhäuser und Kultur-Stiftungen.

Viel Kreativität trifft sich hier und nimmt der Literaturvermittlung ihre traditionelle deutsche Ernsthaftigkeit im Umgang mit Kunst und Literatur. Doch wer all‘ diesen Aktivitäten unter dem Anspruch von Leseförderung eine pädagogische und daher förderungswürdige ethische Qualität zuspricht, formuliert nicht mehr als eine nur schwer zu beweisende Hypothese. Die wenigen Evaluationen stellen – erwartungsgemäß – keinen direkten Kausalzusammenhang zwischen der bunten Szene der Lese-Animation und einem nachhaltig wirksamen Lesehabitus her. Verlässliche Qualitäts- und Qualifikations-Parameter lassen noch auf sich warten.

Zweifellos aber haben die neuen außerschulischen Kinder- und Jugendliteraturprogramme in Reaktion auf die beschämenden Ergebnisse der Lesefähigkeit der ersten OECD-PISA-Studie 2000 eine positive Wirkung – vor allem im Grundschulbereich – gezeigt.

Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang auch, wie schnell die literarische Infrastruktur der Bundesrepublik Deutschland auf das PISA-Desaster reagieren konnte. Kinder- und Jugendliteratur erfüllt immer auch die Rolle eines Seismographen für gesellschaftliche Veränderungen. Das zeigt sich aktuell an den Kinder- und Jugendbüchern zur politischen Lage in Nah-Ost und der Flüchtlings/Asylanten-Schicksale. Information, Aufklärung, Empathie, Integrationsprojekte – wieder nehmen Kinder- und Jugendbücher eine gesellschaftliche Thematik und Aufgabe wahr, mögen künstlerische Fragen dabei auch in den Hintergrund treten.

Die Dominanz der Frauen

Ohne mit statistischen Zahlen aufwarten zu können gilt: Bei Autoren, im Herstellungs- und Verteilungsgeschäft, in den Kinder- und Jugendliteratur vermittelnden Berufen und auch bei der Zielgruppe der kindlichen und jugendlichen Leser dominieren die Mädchen und Frauen. Es gibt wenig kulturelle Bereiche und auch wenig Sparten der speziellen Kinder- und Jugendkultur, die so stark feminisiert sind wie die Kinder- und Jugendliteratur.

Zwei Entwicklungen führten zu dieser wohl nicht mehr umkehrbaren Situation. Die Beschäftigung mit Kindern und Jugendlichen wurde „naturgemäß“ im Laufe des 19. Jahrhunderts ein bedeutender Teil der (Semi-)Professionalisierung von Frauen. Die Eroberung großer Teile des gesamten Literaturbetriebes durch Frauen hingegen gehört zum allgemeinen Emanzipationsprozess bis in die Gegenwart hinein. Immer wieder werden Stimmen mit der Meinung laut, dass eine Lese- und Literatur-Biographie beeinflusst von der Mutter über die KITA-Erzieherin, die Grundschul-Lehrerin, Buchhändlerin, Bibliothekarin bis zur Einflussnahme der lesenden Partnerin mit Büchern aus der Hand von AutorInnen, Agentinnen, Lektorinnen, Verlegerinnen und Literaturkritikerinnen einseitige Prägung verursache und den männlichen Part bis in das lebenslange Leseverhalten benachteilige. Aber solange Männer mit weiblich bestimmter Literatursozialisation Wirtschaft und Politik beherrschen, sollte man/frau dieser monokausalen Argumentationskette keinen Glauben schenken und etwas genauer hinsehen, um nachzuvollziehen, wer wie zum Leser wird und in Führungspositionen gelangt.

Kinderbücher – ein German Open Turnier

Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur war – trotz einiger Phasen tendenziöser Bücher wie in der Wilhelminischen Ära und im Nationalsozialismus -– nie ein in erster Linie nationalstaatliches Phänomen und kennt schon lange Übersetzungen aus anderen Sprachen und Literaturen. Zwar änderten sich im Lauf der letzten Jahrzehnte die Beweggründe, aber auch gegenwärtig ist die von deutschsprachigen Verlagen publizierte Kinder- und Jugendliteratur aus kulturpolitischen und wirtschaftlichen Gründen stark international orientiert. So waren im Jahr 2011 schon 23 Prozent aller neu erscheinenden Kinder- und Jugendbücher Übersetzungen, vornehmlich immer noch aus dem angelsächsischen und skandinavischen Bereich. Auffällig ist der Anteil der Übersetzungen im oberen Qualitätssegment, etwa im Bereich der inzwischen mehr als 50 Kinder- und Jugendliteraturpreisen prämierten Titel und Autoren.

So kommen etwa 50 Prozent aller seit 1956 im Rahmen des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichneten Bücher aus anderen Sprachen. Daneben übernimmt der Buchmarkt spezielle Gattungen der Jugendliteratur – wie seit einigen Jahren die viel gelesenen Dystopien-Serien – fast ausschließlich aus dem angelsächsischen Bereich. Der Deutsche Jugendliteraturpreis, 1955 als einziger kontinuierlich vergebener staatlicher Literaturpreis gegründet und ein Jahr später zum ersten Mal verliehen, wird in diesem Jahr 60 Jahre alt. Seine internationale Ausrichtung wurde in Hinblick auf die genuinen Aufgaben eines Staatspreises immer wieder kritisiert. Dass man einer solchen Einschränkung 60 Jahre widerstanden hat, sagt viel über die Qualität des deutschen Literaturbetriebes für junge Leser.

Fazit

Kinder- und Jugendliteratur und ihre Verbreitung gehören sowohl in kultureller Hinsicht als auch nach den wirtschaftlichen Leistungszahlen zu den großen bundesrepublikanischen Erfolgsgeschichten. Kein gutes Manuskript für ein Kinder- und Jugendbuch muss übersehen werden. Die Infrastruktur der Literatur für junge Leser zeigt sich nahezu perfekt – auch durch digitale Zugänge flächendeckend in der Region, focussiert aber in Zentren wie Hamburg, München, Frankfurt und Berlin. Literatur und Vermittlungsinstanzen erfahren mannigfaltige kulturpolitische Förderung von Bund, Ländern, Kommunen, Stiftungen und ehrenamtlich Tätigen. Kinder- und Jugendliteratur ist ein gesellschaftlich sanktioniertes Soft Skill der kulturellen Sozialisation. Der Preis für diese Erfolge ist hoch und nicht mehr zu übersehen. Das Marketing nimmt überhand und bemächtigt sich der künstlerischen wie pädagogischen Substanz. Eine faire, angemessene Relation zwischen Anspruch, Aufwand und Ergebnissen von Leseförderungsprogrammen wird weder definiert noch angestrebt und sollte Teil eines Masterprogramms außerschulischer Literaturvermittlung sein.

Wo Provinzialismus und Globalisierung die verhängnisvolle Mischung von mangelnden Qualitätsmaßstäben und Unverbindlichkeit unter dem Motto „everything goes in children’s literature – even my poor productions“ eingehen, sollte die vermeintliche Demokratisierung von Literatur und Lese-Erziehung auch einmal ihre Grenzen finden. Der Urknall eines zukunftstauglichen multimedialen und interaktiven Kinderbuches aus dem Land Phantásien verlangt mehr Talent und Vorarbeit als ein Praktikum – so wie bei „Alice“, „Heidi“, „Pippi Langstrumpf“ und „Momo“ – alles Mädchen und Frauen, kein Zufall!

Birgit Dankert

Links zum Thema:

Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V.: www.avj-online.de

Deutscher Jugendliteraturpreis: www.djlp.jugendliteratur.org


Letzte Veröffentlichungen von Prof. em Birgit Dankert:

Cover: Birgit Dankert über Michael Ende

Birgit Dankert: Michael Ende. Gefangen in Phantásien. Lambert Schneider 2016.

Birgit Dankert: Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit. Lambert Schneider 2013.

Birgit Dankert: Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit. Lambert Schneider 2013.

Die Autorin des Beitrags: Birgit Dankert

Autorin: Birgit Dankert

Birgit Dankert (geb. 1944) lehrte von 1981-2007 als Professorin der Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HAW Hamburg, nahm zahlreiche Bibliotheks- und kulturpolitische Ämter wahr. Sie rezensiert seit 1985 Kinder- und Jugendbücher in der Wochenzeitschrift "DIE ZEIT" und verfasste Biographien über Astrid Lindgren und Michael Ende. Mit der Internationalen Jugendbibliothek ist sie seit 1968 verbunden, als sie dort ein studentisches Praktikum absolvierte und die Arbeit Jella Lepmans kennen lernte.

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