Buch von Laura Bates: Everyday Sexism.

Rezension: „Everyday Sexism“ von Laura Bates

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Dieses Buch konnte ich nur in kleinen Abschnitten lesen, weil die darin gesammelten Erfahrungsberichte mich so zornig gemacht haben. Kaum zu glauben sind die jedem Kapitel vorangestellten, schockierenden Statistiken über die weltweite Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen, über sexuelle Belästigung und Gewalt an Mädchen und Frauen jeden Alters, jeden gesellschaftlichen Hintergrunds, jeder nationaler oder ethnischer Herkunft. Unerträglich sind in ihrer Masse die vielen Erzählungen von persönlichen Leidensgeschichten. Beängstigend ist die Schilderung einer Gesellschaft, in der angeblich Frauen und Männer gleichberechtigt sind, in der aber tatsächlich die permanente Benachteiligung, Herabsetzung und Demütigung von Mädchen und Frauen in allen Lebensbereichen den Nährboden bieten für sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigung als allgemein akzeptierter Norm.

Die Autorin Laura Bates ist Engländerin, 28 Jahre alt und lebt mit ihrem Partner in London. Sie hat lange blonde Haare, attraktive Kurven und ein hübsches Gesicht. Und sie hatte gelernt, die ständigen Belästigungen von wildfremden Männern, denen sie auf der Straße, in Supermärkten, Bars oder sonstigen öffentlichen Plätzen ausgesetzt war, als ganz normal hinzunehmen und zu ignorieren. Bis zu einer Woche, in der sie beinah täglich solch eine unangenehme Begegnung mit einem oder mehreren fremden Männern hatte, die entwürdigende Kommentare über ihren Körper machten, als wäre sie ein Ding und kein Mensch, als wäre sie taub, obwohl sie jedes Wort hören konnte. Das war die Woche, in der ein fremder Mann neben ihr im Bus ihren Oberschenkel streichelte, während sie mit ihrer Mutter telefonierte, und keiner der anderen Fahrgäste sich auch nur im Geringsten dafür interessierte als sie laut gegen die unerwünschte Fummelei protestierte.

Das „Every Day Sexism Project“

Laura Bates beschloss, sich zu wehren. Sie wollte den alltäglichen Sexismus nicht länger hinnehmen, nicht mehr akzeptieren, dass irgendwelche Männer sie ungebeten als Sex-Objekt betrachten und befummeln durften, ohne dass sie sich dagegen wehren durfte, ohne dass die Missetäter als solche angeklagt und bestraft oder wenigstens als solche bezeichnet wurden. Sie war es leid! Im April 2012 gründete sie das „Everyday Sexism Project“ und stellte eine Webseite online, um Frauen – und Männern – aus der ganzen Welt die Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrungen zu veröffentlichen und zu kommentieren.

Buch von Laura Bates: Everyday Sexism.

Buch von Laura Bates: Everyday Sexism. Foto: Morgen Anders.

Innerhalb eines Jahres sammelte sie allein auf dieser Webseite 50.000 Einträge. Das Projekt galt als eine der größten Social-Media-Erfolgsgeschichten des Jahres 2012. Laura Bates wurde zu Vorträgen eingeladen, vielfach interviewt und schrieb zahlreiche Artikel zum Thema „Sexismus“ in verschiedenen Zeitungen. Sie erhielt Preise für ihr außerordentliches Engagement und … die üblichen Vergewaltigungs- und Morddrohungen, obszöne Beschimpfungen und maßlose Beleidigungen, die allen Frauen im Netz drohen, die sich trauen deutlich ihre Meinung zu sagen und sich öffentlich zu wehren. Davon ist sie nicht unberührt, aber fühlt sich letztlich darin bestätigt, dass es mehr als notwendig ist, den alltäglichen Sexismus zu bekämpfen.

Der tägliche Horror, in 12 Kapiteln geordnet

In ihrem 2014 veröffentlichten Buch beschreibt Laura Bates auf 384 Seiten den alltäglichen Sexismus in all seinen Formen, Ausprägungen und Spielarten. Sie kommentiert dazu Auszüge aus relevanten Studien sowie statistischen Erhebungen und die Einträge von betroffenen Frauen – und Männern – auf der Projekt-Webseite sowie aus Twitter- und Facebook-Posts. In acht Kapiteln zeigt sie, wie das Problem durch (Ver-)Schweigen unsichtbar wird, wie es Frauen in der Politik behindert, wie schon kleine Mädchen lernen, dass sie minderwertig, weil weiblich sind, wie Frauen in Schul- und Studienzeit, in der Öffentlichkeit, in den Medien, am Arbeitsplatz, während der Schwangerschaft und als Mutter auf mehr oder weniger subtile Weise diskriminiert und unterdrückt werden. Ein Kapitel behandelt das Thema der mehrfachen Diskrimierung, also gegen alternde Frauen, Übergewichtige, Behinderte, geistig Kranke, Farbige, andere sexuelle Orientierungen. Jede dieser diskriminierten Gruppen verdiene ein eigenes Buch, um ihrer besonderen Situation gerecht zu werden, gesteht sie.

In einem weiteren Kapitel fragt Laura Bates nach der Rolle der Männer und betont, dass ihr Projekt nicht dazu diene, generell den Männern die Schuld an den Verhältnissen zuzuschreiben, sondern dass auch Männer als Opfer der patriarchalischen Strukturen gelten können und ebenso Frauen häufig Täter sind. Sie beschreibt, wie schon kleine Jungen – auch von ihren Müttern – zu einer frauenfeindlichen Haltung erzogen werden, wie aufgrund der stillschweigenden gesellschaftlichen Akzeptanz der Eindruck erweckt werde, dass es besonders männlich sei, sich herablassend und sogar brutal gegenüber Frauen zu verhalten. Sie akzeptiert zwar das gesellschaftliche Klima als eine der Voraussetzungen und Erklärungen für männliches Fehlverhalten, jedoch nicht als dessen Entschuldigung. Sie betont das Ungleichgewicht der Zahlen und dass es in der Hauptsache Frauen sind und eben nicht Männer, die Opfer des alltäglichen Sexismus werden. Und sie begrüßt die Unterstützung durch diejenigen Männer, denen durch eigene Erfahrung oder das Projekt die Augen für die Missstände geöffnet wurden und die sich für eine Veränderung engagieren.

Im vorletzten Kapitel beschreibt Laura Bates die Situation von Frauen als weltweite gesellschaftliche Krise, die endlich die notwendige Berücksichtigung finden muss:
„Würde irgendeine andere Krise mehr als zwei Leben jede Woche allein im Vereinigten Königreich kosten – oder ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung bedrohen – würde dies als internationaler Notstand angesehen. Aber Vergewaltigung, Missbrauch und Ermordung von Frauen durch Männer ist ein Teil unserer internationalen Geschichte. Diese sind so gewöhnlich, dass sie ein akzeptierter Teil des Alltags geworden sind.

Frauen sind ständig bedroht von dieser Epidemie sexueller Gewalt und ebenso durch die öffentliche Haltung dazu, welche die Täter ermutigt, aber die Opfer verantwortlich macht und zum Schweigen bringt und auf diese Weise sogar die gesetzlichen Vorkehrungen außer Kraft setzt, die das Problem eigentlich angehen sollen.“
Durch eine Aufzählung von internationalen Urteilsbegründungen für die milde Bestrafung überführter Vergewaltiger von minderjährigen Frauen wird deutlich, wie die übliche Beschuldigung der Opfer die Diskriminierung von Frauen widerspiegelt und gleichzeitig ihre Gefährdung sogar dort perpetuiert, wo ihnen eigentlich Gerechtigkeit widerfahren sollte.

Die Mitverantwortung der Medien

Ebenso verantwortlich an der Misere sind die Medien, die immer wieder Vergewaltigungsopfer für mitschuldig erklären, indem sie betonen wie betrunken, aufreizend gekleidet, leichtsinnig oder schlichtweg hinterhältig das Opfer gewesen sei, wodurch der ansonsten unbescholtene Täter zu seinem Verbrechen „verleitet“ wurde. Misogyne Frauen-Darstellungen in einschlägigen Medien, Werbung, (Porno-)Filmen, Musik-Videos und Computerspielen werden verteidigt, eine eventuelle Mitverantwortung an der Diskrimierung von Frauen wird konsequent verleugnet, die KritikerInnen lächerlich gemacht.

Fazit: Eine Frau, die nicht belästigt, missbraucht oder vergewaltigt werden will, muss sich eben entsprechend verhalten, um Übergriffe von Männern nicht zu provozieren. Eine Frau, die kurze Röcke trägt, zu fremden Männern freundlich ist, zu viel getrunken hat oder sich spät nachts allein auf die Straße traut, verhält sich sträflich leichtsinnig und hat es verdient, wenn ein Mann ihr Gewalt antut. Sie ist selber schuld, denn sie hat nicht richtig aufgepasst. Am besten spricht sie dann auch nicht darüber, wenn sie nicht auch noch öffentlich bloßgestellt und zur Verantwortung gezogen werden möchte.

Diese Zustände sind uns allen mehr oder weniger geläufig und vielen sogar als Missstände bewusst. Aber ist das wirklich eine akzeptable gesellschaftliche Realität, in der wir auch weiterhin unsere Töchter großziehen wollen?

Oder wehren wir uns?

Wie all die Menschen, die Laura Bates im letzten, dem zwölften Kapitel ihres Buches beschreibt. Eine Frau, die nicht alleine dasteht, sondern die die Unterstützung Zehntausender hat, kann man nicht mehr so leicht zum Schweigen bringen. Laura Bates ist dankbar für die neuen Möglichkeiten im Zeitalter des Internets, internationale Protestbewegungen online zu initiieren, zu unterstützen und zu vervielfältigen. Sie setzt ihre Hoffnung auf die neue digitale Welle des Feminismus, die immer noch weiter anschwellen muss, um endlich für wahrhafte Gleichheit zwischen den Geschlechtern zu sorgen. Sie schildert erfolgreiche Kampagnen wie diese von ihr selbst, Jaclyn Freedman und Soraya Chemaly initiierte gegen Facebook.

Dieses Buch bietet keine soziologisch oder politisch restlos erschöpfende Analyse, sondern ist wohl eher als Streitschrift zu verstehen und endet dementsprechend folgerichtig mit einem Aufruf an die LeserIn, ein Teil der Bewegung zu werden, nach dem Motto:

„Je mehr von uns einen kleinen Stein bewegen, desto eher kann es gelingen, den Fluss umzuleiten.“

Welche gesellschaftliche Relevanz der alltägliche Sexismus auch in Deutschland hat, wurde spätestens mit der #aufschrei-Debatte mehr als deutlich. Laura Bates‘ bisher nur auf englisch erschienenes Buch und das ihm zugrunde liegende Projekt internationalisieren das Problem und verdienen auch hierzulande Beachtung und Unterstützung. Die beim Lesen des Buches geweckte Wut kann nicht nur mir als Motor dienen, um den nötigen Mut für einen wie auch immer gearteten Widerstand aufzubringen.

Von Morgen Anders

Links

Die Homepage des Projekts

Die deutsche Domain des Projekts

Ein TEDx-Talk von Laura Bates:

Ein Kommentar

  1. Liebe Morgen,

    vielen Dank für Deinen Hinweis auf dieses interessante Buch – ich glaube sofort, dass die Lektüre einen sehr zornig macht. Vielleicht findet sich auf diesem Weg sogar eine engagierte Verlegerin? Das Buch gehört auf jeden Fall weiterverbreitet! Und ich würde sehr gern an der Übersetzung mitarbeiten!
    Liebe Grüße in die Runde,

    Ute

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