Verlagsstadt Berlin

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„Berlin ist für mich durch die rege Literatur- und Kulturszene der ideale Ort für einen Verlag – nicht zuletzt auch einfach deshalb, weil ich mich selbst hier sehr wohlfühle und sehr gut vernetzt bin, sei es über die BücherFrauen, sei es mit AutorInnen und HerausgeberInnen und natürlich auch mit meinen KollegInnen aus den anderen Verlagen sowie aus dem Buchhandel“, so beschreibt Britta Jürgs, Verlegerin des AvivA Verlages und Vorsitzende der Kurt Wolff Stiftung, ihre Beziehung zur Stadt.

Nach dem Fall der Mauer ist die Verlagsszene erneut in Bewegung gekommen. Die Wiedervereinigung der Stadt, die Hauptstadtentscheidung 1991, die sich langsam entwickelnde „Berliner Republik“ und die Veränderung auf der politischen Landkarte machten Berlin sowohl für kleine, als auch für große Verlage erneut zu einem spannenden und attraktiven Standort. Nach dem Fall der Mauer erfolgten Zuzüge, Neugründungen, und Verlags-Dependancen entstanden. Sie sorgten für eine veränderte Topografie. Viele AutorInnen leben in der Stadt, und der Zustrom scheint noch lange nicht gestoppt. In Berlin findet sich ein dichtes Geflecht an literarischen und kulturellen Einrichtungen. 360 Buchhandlungen inkl. der Filialen, Literaturhäuser, die Akademie der Künste, das Haus der Kulturen der Welt, der DAAD, Lesebühnen, Literaturfestivals, Literaturagenturen, Hochschulen und Institute, Bibliotheken, Stiftungen, Botschaften tragen das ihre zu einer sehr lebendigen Kulturszene bei.

Zahlen zu den Verlagen in Berlin und Brandenburg

Zahlen zu den Verlagen in Berlin und Brandenburg

Berlin, so vermeldet der Landesverband Berlin-Brandenburg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ist seit einigen Jahren wieder zur größten Verlagsstadt Deutschlands avanciert. 402 Verlage sind im Adressbuch des Buchhandels in Berlin und Brandenburg aufgeführt. Laut der Übersicht des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V., „Buch und Buchhandel in Zahlen 2015“, belief sich die Titelproduktion 2014 bei den Verbandsmitgliedern in Berlin auf 6.613 Titel. Damit liegen sie vor München mit 6.345 Titeln oder Stuttgart mit 4.028 Titeln.

Berlin der ideale Ort für Verlage

Schöneberger Rathaus (Foto: Yvonne de Andrès)

Schöneberger Rathaus (Foto: Yvonne de Andrès)

Zwei der wichtigen Zuzüge nach dem Mauerfall waren 2004 der Matthes & Seitz Verlag und 2010 der Suhrkamp Verlag. Beide liegen in räumlicher Nachbarschaft im pulsierenden Prenzlauer Berg. Andreas Rötzer verlegt ungewöhnliche Bücher, die sich als Entdeckungen und Augenöffner herausstellen. Seien es Bücher aus seiner Essay-Reihe „Fröhliche Wissenschaft“, die Werkausgabe Warlam Schalamows, der eindringlich über die Zersetzung des Menschen in russischen Lagern schreibt, die mehrbändigen Aufzeichnungen des Insektenforschers Jean-Henri Fabre oder zuletzt der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2015, Frank Witzel mit seinem Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Das Credo von Andreas Rötzer lautet: „Das Leben ist kurz. Ich habe beschlossen, nur Bücher zu machen, die ich auch gern lesen würde. Das ist meine Leitlinie: Ich will gereizt, aufgeregt, erregt werden. Das ist bei wenig Büchern der Fall.“

Der AvivA Verlag wurde 1997 von Britta Jürgs gegründet. „Ich stelle immer wieder fest, dass Berlin häufig Thema meiner Bücher ist, weil viele der von mir verlegten wiederentdeckten Autorinnen und Künstlerinnen hier lebten, schrieben und ausstellten, ob nun Lili Grün, Ruth Landshoff-Yorck, Annemarie Weber oder die Künstlerinnen des STURM, obwohl ich daneben z. B. auch Werke der amerikanischen Undercover-Journalistin und Weltreisenden Nellie Bly oder der französischen Widerstandskämpferin Germaine Tillion erstmals auf Deutsch veröffentlicht habe.“

Nachholbedarf

2011 gründeten die beiden Schwestern Inci Bürhaniye und Selma Wels den binooki Verlag. Ihr Anliegen ist es, türkische Literatur in deutscher Sprache zu verlegen und so dazu beizutragen, dass diese nicht mehr als „exotisch“ angesehen oder „stiefmütterlich behandelt“ wird. Auf der Leipziger Buchmesse 2012 präsentierten sie das erste Verlagsprogramm unter dem Motto: „Klischeefreie Zone“. Die erste Auswahl der Autoren stand mit Metin Eloğlu, Alper Canıgüz, Emrah Serbes und Oğuz Atay fest. Mit ihrem Programm sorgen sie für den Abbau von Klischees und zeigen wie lebendig urban die junge türkische Literatur ist.

Rückblick: nicht immer bunt

Futuring – Bötzow Brauerei (Foto: Yvonne de Andrès)

Futuring – Bötzow Brauerei (Foto: Yvonne de Andrès)

Lange hat die Verlagsstadt Berlin, die nicht immer so vielfältig, abwechslungsreich bunt und lebendig gewesen ist, sich an ihrer Vergangenheit gerieben. Eine besondere Verlagsrenaissance fiel in die Zeit zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ende der Weimarer Republik. Der Nationalsozialismus zerstörte die Verlagslandschaft. Der Kalte Krieg und die unsichere politische und ökonomische Lage führten dazu, dass bekannte Verlage aus West-Berlin wie der Verlag von Samuel Fischer und der Verlag von Ernst Rowohlt abwanderten. Der Langenscheidt Verlag reagierte 1961 auf den Bau der Berliner Mauer mit der Gründung einer Niederlassung in München. Wissenschaftsverlage wie der Verlag Walter de Gruyter, Springer Science + Business Media blieben in der Stadt. Cornelsen gründet 1946 den Schulbuchverlag, der anfangs nur auf die englische Sprache ausgerichtet war. 1959 erwarb Axel Springer von der Familie Ullstein den Ullstein Buchverlag. Im Zuge der Studentenbewegung in West-Berlin stieg die Anziehung der Stadt als Ort der politischen Auseinandersetzung. Berlin verwandelte sich in die heimliche Hauptstadt der Kleinverlage. Viele der damaligen Gründungen prägen noch heute die Verlagslandschaft wie der Verlag Klaus Wagenbach, der Merve Verlag oder Das Arsenal. In Ost-Berlin entstanden nach 1945 78 staatlich lizensierte Verlage, für diese bedeutete der Mauerfall einen kompletten Umbruch. Wenige existieren noch in eigenständiger Form. Der bekanntest ehemalige DDR-Verlag ist der Aufbau-Verlag.

Salz in der Suppe

Das Salz in der Berliner Verlagssuppe wird von dieser vielfältigen Mischung aus großen und kleinen Verlagen, Konzernverlagen und Independents, Wissenschaft, Kunst- und Kultur, Literatur, Regionalia, Sachbuch und Hörbuch gebildet. Jeder Leser und jede Leserin kann wählen, wie der Lesealltag gewürzt werden soll. Hier eine kleine Kostprobe der vielfältigen literarischen Würzmischung: be.bra Verlag, Berenberg Verlag, Brinkmann & Bose, Galiani, Die Gestalten, Hanser Berlin, KOOKbooks, Krug & Schadenberg Verlag, Ch. Links, Orlanda Verlag, Verlag & Label für Sprache und Musik „Supposé“, Verlag für Berlin-Brandenburg, Rowohlt Berlin, Transit Buchverlag und Verbrecher Verlag.

Gefährdete Zukunft

Streifband, Ausgabe 27

Streifband, Ausgabe 27

Die Zukunft für kleine unabhängige literarische Verlage sieht Britta Jürgs als schwierig an. „Wir sind ja diejenigen, die viele Perlen entdecken, die ungewöhnliche, ja wahnwitzige und aus betriebswirtschaftlichen Gründen überhaupt nicht vertretbare Werkausgaben und Übersetzungen herausbringen. Die 5-Jahres-Regelung, wie sie die Novelle des Urhebervertragsrechts derzeit vorsieht, ist eine große Gefahr für die Vielfalt der Literatur- und Verlagsszene. Damit würden gerade die kleinen unabhängigen literarischen Verlagen eine wichtige Existenzgrundlage verlieren.“

Tipp für die Leipziger Buchmesse

Es gibt viele engagierte Verlage die besondere Bücher veröffentlichen. Die diesjährigen Preisträger kommen aus Berlin, zum einen ist es der Christoph Links Verlag, der den mit 26.000 € dotierten Kurt Wolff Preis erhält, und zum anderen der Verlag Vorwerk 8, der mit dem Kurt Wolff Förderpreis in Höhe von 5.000 € ausgezeichnet wird.

Der Beitrag ist in der Zeitschrift Streifband, Ausgabe 27/2016 des Studiengangs Buch- und Medienproduktion an der Fakultät Medien der HTWK Leipzig erschienen.

Yvonne de Andrés

Autorin: Yvonne de Andrés

Yvonne de Andrés ist freiberufliche Senior Consultant in einer Unternehmensberatung. Sie ist eine der zwei Pressefrauen der Berliner BücherFrauen.

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