Biblioteca Nationala

Bukarester Frühling

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Wer liest in Rumänien 2017, dem Jahr, das mit erneuten Protesten gegen die Regierung begann, deutsche Kinder- und Jugendbücher? Mit dieser Frage habe ich mich gründlich auseinandergesetzt, bevor ich mich entschloss, Kinder- und Jugendbücher aus der Jahresproduktion 2016, die über meinen Schreibtisch gehen, an Einrichtungen in Rumänien zu stiften. Mit diesen 650 Büchern wollte ich auf keinen Fall eine sinnlose Charity-Aktion starten und mich auch nicht dem Missverständnis aussetzen, der inzwischen sehr kleinen deutschsprachigen Minderheit in Rumänien Avancen mit einer „Kinderleitkultur“ zu machen. Aber natürlich weiß ich, dass Rumäniens Schulen, Bibliotheken und Kulturinstitute Kinder- und Jugendliteratur aus aller Welt gut gebrauchen können, auch um die durch Ceausescu-Diktatur und wirtschaftliche Schwierigkeiten bedingte Isolation des großen und geopolitisch wichtigen Landes zu überwinden.

Das Goethe-Institut Rumänien in Bukarest mit Bettina Radner, der Leiterin der Institutsbibliothek, kannte, organisierte und finanzierte die Lösung. Denn Kinder- und Jugendliteratur und deren Vermittlung wird in der nächsten Zeit zum Fokus des Goethe-Programms in Rumänien gehören. 650 Bücher der Jahresproduktion 2016 also, zur Verfügung gestellt aus meinen privaten Studienbeständen für die Entwicklung von Algorithmen für Datenbanken der Kinder- und Jugendliteratur können den Start begleiten. Schon im November 2016 brachte ein Transporter sie unbeschadet von Glücksburg nach Bukarest. Die Bibliothek des Goethe-Instituts nahm Kontakt mit ihren Kooperations-Partnern, mit der Kulturadministration, Verlagen, Hochschulen, Bibliotheken und einzelnen ExpertInnen, AutorInnen und IllustratorInnen auf.

Bettina Radner

Bettina Radner (rechts). Foto: Dankert.

Glücksburg – Bukarest = 2.150 Kilometer

Die original deutschsprachigen Bücher wurden auf die Bibliothek des Goethe-Institutes Bukarest und die Deutschen Kulturinstitute bzw. Lesesäle in Brasov (Kronstadt), Cluj-Napoca (Klausenburg), Iasi (Jassy), Sibiu (Hermannstadt) und Timisoara (Temeswar) verteilt. Hier dienen sie nicht in erster Linie als Lektüre der zur Zeit etwa noch 1.800 Kinder der deutschen Minderheit in Rumänien. Die Deutschen Kulturinstitute bieten deutsche Kinder- und Jugendbücher für alle rumänischen BesucherInnen der deutschsprachigen Schulen, für die jungen Teilnehmenden an Sprachkursen und Gesprächskreisen, für die Interessierten an deutscher Literatur und Kultur an. Ein kinderbibliothekarisches Angebot gehört zum festen Programm der Kulturinstitute. Die ins Deutsche übersetzten Übernahmen aus angelsächsischen, skandinavischen, romanischen und anderen Sprachen erhielt die Kinder- und Jugendbibliothek Ion Creangă, Teil des Systems der Städtischen Bibliotheken Bukarest.

Jedes der Deutschen Kulturinstitute, mit denen die Abteilungen des Goethe-Instituts eng zusammenarbeiten, besitzt ein eigenes Profil, das sich aus dem Standort, der Zielgruppe und der Stellung im kulturellen Gesamtangebot der Stadt und Region definiert. Allen gemeinsam sind zwei Ziele: ein zeitgemäßes Literaturangebot als Aushängeschild deutscher Kultur und Gesellschaft und die Unterstützung von Sprach- und Literaturkursen, die entweder vom Deutschen Kulturinstitut selber oder von kooperierenden (Hoch-)Schulen angeboten werden. Träger sind örtlich organisierte Rumänisch-Deutsche Kulturgesellschaften. Die Kooperation mit dem Goethe-Institut bringt nicht nur Know-how, Verbindungen und finanzielle Vorteile, sondern ermöglicht auch professionelle Sprachkurse, den Erwerb anerkannter Sprachzertifikate und die Weiterbildung des rumänischen, Deutsch sprechenden Fachpersonals.

Workshop: „Trends in der deutschsprachigen und rumänischen Kinder- und Jugendliteratur“ in Bukarest

Zum Auftakt veranstaltete das Goethe-Institut Rumänien in Bukarest am 16. Februar einen Workshop zum Thema „Trends in der deutschsprachigen und rumänischen Kinder- und Jugendliteratur“.

Beim Workshop in Bukarest.

Beim Workshop in Bukarest. Foto: Marius Dincǎ, Goethe-Institut Bukarest.

Zusammen mit Ana Nilokau, Direktorin der Editura Nemira, Bukarest, eines erfolgreichen Kinder- und Jugendliteraturverlags, führte ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Situation der Kinder- und Jugendliteratur, in Vermittlung und Marktsituation ihrer beider Länder ein. Danach diskutierten wir mit rumänischen Fachfrauen unter der Leitung von Eli Badica, Online-Journalistin unter anderem für www.bookaholic.ro, über Erfolge und Defizite der gegenwärtigen Situation der Kinder- und Jugendliteratur in Rumänien.

Die Kinderbuchautorin Lavina Braniste, die Literaturagentin
Marilena Iovu, Ruandra Nazare aus der Biblioteca Judeteana Brasov (Kronstadt) und die am Gespräch teilnehmenden etwa 40 Gäste schilderten die ihnen sehr bewusste Phase der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in der sich Literaturbetrieb und Kinderkulturarbeit aktuell befinden.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

In Rumänien leben etwa 20 Millionen Menschen. Das Land besitzt eine vielfältige, vielsprachige Nationalliteratur, verfügt aber nach Diktatur und politischer wie wirtschaftlicher Neuorientierung erst wieder seit ein paar Jahren über eine wirkungsvolle nationale literarische Infrastruktur, die zur Zeit jährlich circa 15.000 Neuerscheinungen hervorbringt. 2.000 dieser Neuerscheinungen sind Kinder- und Jugendbücher, die in privaten Verlagen produziert werden (die Schulbücher staatlicher Verlage sind hier nicht mitgezählt) und zu einem dynamischen Teil der Nationalliteratur und des Literaturmarktes geworden sind.

Als Spezialverlage werden Cartea Copiilor, Didactica Publishing House und Univers Enciclopedic genannt, dazu engagierte Programme (Inprints) in allgemeinen Verlagen: Arthur im Verlag Art; Corint Junior im Verlag Corint, Litera Mica im Verlag Litera; Panda im Verlag Trei und Nemi im Verlag Nemira. Ebenso wie AutorInen und IllustratorInnen suchen Verlagsleute und die Literatur vermittelnden Berufe nach Marketing-Wegen, die ebenso lese- wie umsatzfördernd wirken.

Rumänische Präsentation

Rumänische Präsentation. Foto: Marius Dincǎ, Goethe-Institut Bukarest.

Überlegenheitsgefühle der verwöhnten deutschen Fachfrau sind nicht angebracht, wenn angesichts offensichtlich bewunderter deutscher Fülle und immer wieder artikulierten rumänischen Mangels von den Teilnehmenden doch sehr bekannte Defizite aufgeführt werden: Internet-Käufe beschleunigen das Verschwinden des Buchhandels in der Region. Trickreich muss um jeden ländlichen Standort öffentlicher Bibliotheken gekämpft werden. Die erwünschte Internationalität der Literatur, wo der angelsächsische Einfluss dominiert, sich aber auch viele Übernahmen aus Deutschland finden, gerät in den marktoptimierenden Mainstream.

Rumänische Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren sowie engagierte Verlegerinnen und Verleger suchen nachdrücklich eigene Wege, eigene Interessenvertretung und die Wahrnehmung im Ausland, die über die Kenntnis emigrierter AutorInnen und IllustratorInnen hinausgeht. Die Balance zwischen den analogen und digitalen Medien – in der Produktion, aber auch in der Vermittlung – muss bald gefunden werden und lässt sich noch stark vom Kampf für das Traditionsmedium Buch leiten oder gar in die Irre führen. Geschlechtsspezifische Leseinteressen und Lektürevorlieben, der Vormarsch der Fantasy aller Spielarten durch alle Medien sind allgegenwärtig.

An dieser Stelle könnte frau versucht sein, eine verzögerte Entwicklung von EU-Lesekultur zu konstatieren, aber das wäre ganz dumm: In Wirklichkeit setzt das Land Rumänien im Literaturbetrieb Prioritäten und Wertigkeiten, von denen einige die westeuropäischen Standards erfüllen, andere aber mehr Zeit oder Alternativen erfordern als erwartet.

Dafür gibt es im letzten Teil der Debatte ein treffendes Beispiel. Zwei Teilnehmerinnen mahnen sozialkritische Themen in Kinder- und Jugendbüchern an und nennen als Beispiel die Not der vielen rumänischen Kinder und Jugendlichen, deren Eltern im Ausland arbeiten müssen, um die Familie zu ernähren.
Auch diese Mahnung wird eher als Desiderat denn als Defizit formuliert: Es herrscht Aufbruchsstimmung in der rumänischen Kinder- und Jugendliteratur.

Aufbruchsstimmung in der rumänischen Kinder- und Jugendliteratur

Alle Fragen zur besonderen weiblichen Lebenssituation der Autorinnen, Illustratorinnen, Lektorinnen, Verlegerinnen, Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen liefen dagegen – wie so häufig in Osteuropa erfahren – ins Leere. Frau will einfach vorwärtskommen in einer Berufswelt und Gesellschaft, die seit vier Generationen offiziell keine Geschlechterdiskriminierung kennt und in der die Frauen wieder einmal angesichts der schlechten Wirtschaftslage und der prekären politischen Verhältnisse vornehmlich das Problem haben, mit der Familie über die Runden zu kommen. Im hauchdünnen Mittelstand der gut Ausgebildeten mit Jobchancen gehören dazu allerdings unverzichtbar staatlich garantierte demokratisch geregelte Erziehungswege und eine traditionell hoch geschätzte Lesekultur, die – zu Zeiten Ceausescus totalitär gelenkt – nach 1989 für mindestens ein Jahrzehnt orientierungslos blieb.

Workshop im Goethe-Institut

Workshop im Goethe-Institut. Foto: Marius Dincǎ, Goethe-Institut Bukarest.

Wie eng die Verknüpfung von Reformwünschen und Leseerziehung gesehen wird, zeigten Familientage der Protestierenden auf dem Platz vor dem Regierungssitz in Bukarest und dem Großen Ring in Sibiu (Hermannstadt). Am Wochenende des 18./19. Februar, das zuvor zu Tagen des Lesens und Vorlesens erklärt worden war, stellten junge Leute, Familien und engagierte Literaten ihren politischen Protest für Stunden in den Dienst der Kultur und lasen – in Hermannstadt unter dem Motto „Wir harren durch Lesen aus“ – laut vor, bevor man am Abend wieder mit schärferen politischen Parolen durch die Städte zog. In der Bibliothek des Deutschen Kulturzentrums von Temeswar wurde an diesem „Vorlesetag“, der unter dem Motto „Verwandlung“ gefeiert wurde, die Ausstellung der gespendeten deutschen Kinder- und Jugendbücher eröffnet.

Protestmotto: „Wir harren durch Lesen aus“

Bettina Radners professionelle Reputation ermöglichte mir am 17. Februar einen Besuchsmarathon mit Einblicken in die Bukarester bzw. rumänische Bibliothekslandschaft. Er begann in der Rumänischen Nationalbibliothek. Das gigantische, noch unter Ceausescu konzipierte, nach seinem Sturz brachliegende, dann mit veränderter Architektur ab 2009 vollendete und 2011 eingeweihte Gebäude an einer Schleife des Bukarester Flusses Dambovita nimmt inzwischen unter schwierigen politischen, technischen und finanziellen Bedingungen die Aufgaben einer Nationalbibliothek wahr. Aber noch sucht die vorwiegend mit EU-Geldern zum Leben erweckte Bibliothek nach ihrer Identität zwischen Kulturarchiv, multimedialem Informationsservice und Begegnungsstätte – und nach Benutzern.

Biblioteca Nationala

Biblioteca Nationala by Mihai Petre – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17683888

Der osteuropäischen Tradition folgend, besitzt die Nationalbibliothek unter der Interimsleitung des jungen Octavian Gordon gut ausgestattete Lesesäle für Kinder und für Jugendliche mit regelmäßigem Veranstaltungsprogramm. In einem Büro dieses weitgehend leeren Palastes herrschte reges Treiben. Dort nämlich managt Ioana Crihana den zunächst mit Geldern der Bill & Melinda Gates-Stiftung aufgebauten Verband der Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken Rumäniens (ANBPR), eine wirkungsvolle Einrichtung zur Interessenvertretung, Weiterbildung und Qualitätssicherung bibliothekarischer Arbeit.

Biblioteca Ion Creanga

Schenkungsurkunde an Livia Marin

Schenkungsurkunde an Livia Marin. Foto: Marius Dincǎ, Goethe-Institut Bukarest.

Das Beste kam zuletzt. In der nach einem rumänischen Dichter benannten Biblioteca Ion Creanga (1889–1873) erwartetet uns die Leiterin Livia Marin mit Kolleginnen in einer so heiter, kreativ und einladend wirkenden Kinderbibliothek, dass wir uns in der schönen alten Villa sofort wieder auf unser Ziel konzentrieren: Kinder und Jugendliche mit internationaler Kinderliteratur vertraut zu machen. Der Raum für die ausländische Literatur, in der nun auch 225 Bücher aus deutschen Verlagen stehen werden, ist ein Schmökerraum, die ausleihbaren Bücher zeigen sympathische Gebrauchsspuren. Auf Facebook sind die Aktivitäten dieser ebenso professionellen wie liebenswerten Kultureinrichtung für die nächste Generation Rumäniens nachzulesen und anzuschauen.

Der Besuch im Deutschen Kulturinstitut in Sibiu (Hermannstadt) zeigte ein getreues Abbild der in Bukarest und den zugänglichen Quellen entworfenen Programmatik. Die kleine Bücherei unter der Leitung von Roxana Stoenescu besitzt einen differenzierten multimedialen Bestand, der von Kindern und Erwachsenen genutzt wird – weil man die deutsche Sprache lernt, weil man sie spricht, weil sie Informationen weitergibt, die sonst schwerer zu bekommen sind.

Vielfalt und Qualität in Sibiu

Das auch digital verbreitete Kulturprogramm des Instituts und der Bücherei verblüffte. Es könnte in Vielfalt und Qualität ein gutes Angebot in jeder deutschen Mittelstadt sein. Viele Kinderbuchautoren und Illustratoren, Experten der Leseförderung kannte Roxana Stoenescu von deren Besuchen in Hermannstadt und Fortbildungen in Bukarest. Ihre Kenntnis der Kinder- und Jugendliteratur bezog sie auch von Studierendengruppen der Universität Cluj-Napoca (Klausenburg), die bei ihr Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche durchführen.

Schenkungsukunde in Sibiu

Schenkungsurkunde an Roxana Stoenescu. Foto: Marius Dincǎ, Goethe-Institut Bukarest.

Sie ist Rumänin orthodoxer Religion, lernte die deutsche Sprache in Schule und Hochschule und übt nach ihrem Verständnis einen Beruf aus, der zum rumänischen Kulturangebot gehört. Welche Bedeutung besitzt nach dem Exodus der deutschsprachigen Minderheit deren Sprache im modernen Rumänien? Wir probierten so herum: Minderheiten-Sprache? Vielleicht zutreffend, aber missverständlich. Lingua franca – o nein, zu wenige können sie, historisch ist sie belastet. Eine Kultursprache – ja, das wurde akzeptiert.

Veranstaltungen und Buchausstellungen fanden ein lebhaftes Echo in Presse, Blogs und Social Media, nachhaltige Kontakte wurden geknüpft. Der Austausch läuft weiter. Spätestens im März 2018, wenn Rumänien Ehrengast der Leipziger Buchmesse wird, sehen wir uns wieder.

Die Autorin des Beitrags: Birgit Dankert

Autorin: Birgit Dankert

Birgit Dankert (geb. 1944) lehrte von 1981-2007 als Professorin der Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HAW Hamburg, nahm zahlreiche Bibliotheks- und kulturpolitische Ämter wahr. Sie rezensiert seit 1985 Kinder- und Jugendbücher in der Wochenzeitschrift "DIE ZEIT" und verfasste Biographien über Astrid Lindgren und Michael Ende. Mit der Internationalen Jugendbibliothek ist sie seit 1968 verbunden, als sie dort ein studentisches Praktikum absolvierte und die Arbeit Jella Lepmans kennen lernte.

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