BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Drei Autorinnen – drei Bücher: Marianne Eppelt

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Sicher brauchen einige noch Tipps für die langen Winterabende bzw. das ein oder andere Geschenk. Diesmal gibt es eine Auswahl der Lektorin Marianne Eppelt, die vor allem einen Blick auf die tschechische Literatur wirft. Für die BücherFrauen hat sie sich lange um die Auftritte bei den beiden großen Buchmessen gekümmert.

© Ildiko Sebestyen Photographie

Marianne Eppelt lebt in Leipzig, wo sie unter dem Label Worte & Strategie lektoriert, korrigiert, textet und auch organisiert. Nach dem Studium von Philosophie und Osteuropastudien in Hamburg und Berlin und einem Lektoratsvolontariat in Weimar kümmert sie sich jetzt v. a. um Texte aus den Gesellschaftswissenschaften, beschäftigt sich mit Feminismus, Star Trek und guckt Fantasy-Serien.

Außerdem trifft man sie als Städtesprecherin der Leipziger BücherFrauen sowie als Mitglied beim Verband der freien Lektorinnen & Lektoren (VFLL) und bei den Jungen Verlagsmenschen (JVM).

3 Autorinnen

Radka Denemarková (geb. 1968)

Mein erster Kontakt mit Tschechien war 2003 im Rahmen eines Freiwillgendienstes, und genauso lange scheitere ich am Lernen der tschechischen Sprache. Daher kenne ich den Namen Radka Denemarková zwar schon lange, hatte aber kaum die Möglichkeit etwas von ihr zu lesen.

Es gibt nur zwei in Deutsch erhältliche Romane von ihr: Ein herrlicher Flecken Erde erschienen 2009 und Ein Beitrag zur Geschichte der Freude erschienen 2019, beide wurden von Eva Profousová übersetzt.

Dabei gilt sie als die Grand Dame der zeitgenössischen tschechischen Literatur. Neben weiteren Preisen und Auszeichnungen ist sie die einzige Person, die viermal mit dem wichtigsten tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera ausgezeichnet wurde: 2007 in der Kategorie Prosa für Ein herrlicher Flecken Erde, 2009 in der Kategorie Sachbuch für den dokumentarischen Roman Smrt, nebudeš se báti aneb Příběh Petra Lébla [Tod, du wirst dich nicht fürchten: Die Geschichte über Petr Lébl], 2011 in der Kategorie Übersetzung für ihre Übertagung von Herta Müllers Atemschaukel und schließlich wurde ihr aktueller Roman Hodiny z olova [Stunden aus Blei] 2019 zum Buch des Jahres gekürt.

Denemarková studierte Germanistik und Bohemistik an der Karlsuniversität in Prag, wo sie 1997 promovierte. Nach Stationen bei der tschechischen Akademie der Wissenschaften und am Divadlo Na Zábradlí (bekannt durch das Theater des Absurden und die Arbeiten des Dissidenten und späteren Präsidenten Václav Havel) ist sie seit 2004 freischaffend. Sie schreibt Essays, journalistische Artikel, Gedichte, Theaterstücke und Drehbücher, übersetzt zwischen Tschechisch und Deutsch und unterrichtet kreatives Schreiben.

Ganz explizit wird ihr Dasein als „die“ feministische Autorin Tschechiens in Ein Beitrag zur Geschichte der Freude, wo drei alte Damen ein Archiv der Vergewaltigung angelegt haben und die Täter auch zur Strecke bringen. Mit komplexen Bildern erzählt Denemarková eine ganz konkrete Story. Die Lesenden folgen Archetypen wie „dem Ermittler“ oder „der Witwe“ und so entsteht ein Eindruck von Allgemeingültigkeit. Mit großer Präzision seziert sie Beziehungen, reflektiert die Wirkung von Worten, legt die gegenseitige Abhängigkeit von Körper und Gedanken frei. Denemarková ist ganz nah bei ihren Figuren, fühlt deren Herzschlag, spürt ihre Zerrissenheiten und erhebt sich doch niemals über sie.

Die Aufrichtigkeit, mit der sie ihren Protagonisten und Protagonistinnen begegnet, zeichnet auch ihre in Deutsch zugänglichen Interviews aus. Sie kritisiert die aktuelle tschechische Politik ebenso wie nationalistische Strömungen in der EU oder den chinesischen Staat. Letzteres hat ihr ein Einreiseverbot beschert.

Nur zu gerne würde ich wissen, ob das auch mit ihrem neuesten in China spielenden Roman Hodiny z olova [Stunden aus Blei] zusammenhängt. Fragt sich nur, ob ich das mit dem Tschechisch Lernen doch noch schaffe oder mir ein deutschsprachiger Verlag zu Hilfe kommt.

 

Anne Rice (geb. 1941)

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich Interview mit einem Vampir zuerst als Film gesehen oder das Buch aus dem Regal meiner älteren Schwester gemopst habe. So oder so waren die Geschichten um Lestat sehr eindrücklich. Welche der zwölf Romane aus den Vampir Chroniken ich wirklich gelesen habe, kann ich ebenfalls nicht mehr sagen, einzelne Szenen, Plotstränge und Protagonist*innen fallen wie Mikadostäbchen in meinem Kopf durcheinander. Ihr Name gehörte zu den ersten Autorinnennamen, die ich mir überhaupt gemerkt habe, denn zwischen 14 und 17 war ich wirklich außerordentlich Vampir-begeistert.

Als Howard Allen O’Brien in New Orleans geboren, hat die Autorin noch einiges mehr geschrieben, wenngleich nichts, das kommerziell ähnlich erfolgreich gewesen wäre. Den Männernamen verdankte sie ihrer Mutter, die annahm ein männlicher Name könnte vorteilhaft für ein Mädchen sein. Zur Einschulung gab sie selbst ihren Namen mit „Anne“ an, was offensichtlich niemanden störte. Ihren jetzigen Nachnamen bekam sie 1961 zur Hochzeit mit Schriftsteller und Maler Stan Rice (1942–2002). Obwohl sie schon als Jugendlich nach Texas umzog und die längste Zeit ihres Lebens in Kalifornien verbrachte blieb New Orleans ein zentraler Schauplatz ihrer Geschichten.

Aus einem sehr katholischen Umfeld stammend setzte sich Rice mehrfach in ihrem Leben intensiv mit dem Christentum auseinander. Nach ihrer Schulzeit in katholischen Einrichtungen betrachtete sie sich lange als Atheistin, bis sie 1998 wegen einer nicht erkannten Diabeteserkrankung ins Koma fiel. Die Rückkehr zum Glauben manifestierte sich auch in zwei Titeln über Jesus Christus, allerdings stellte sie die mit vier Teilen konzipierte Reihe nicht fertig. 2010 distanzierte sie sich lautstark vom Christentum als Religion, in einem Facebook-Post schrieb sie u. a.: „following Christ does not mean following His followers“. Trotz ihrer wiederentdeckten Beziehung zum Göttlichen hat Rice nie einen Hehl aus ihrer Unterstützung für die Rechte von LSBTQ oder dem Recht auf Abtreibung gemacht, auch hierfür nutzt sie ihre gut besuchte und rege genutzte Facebookseite. Wer hätte gedacht, dass sie – wie Patti Smith – ein Fan von Law & Order ist?

Neben Vampiren und Jesus bevölkern auch Hexen (die Reihe der Mayfair Witches), Werwölfe (The Wolf Gift Chronicles) und Mumien (Ramses the Damned) ihre Werkliste, außerdem verfasste sie unter den Pseudonymen Anne Rampling, A. Roquelaure und A. N. Roquelaure diverse Erotik-Romane. Die in den 1980er Jahren erschienene Dornröschen-Trilogie löste wegen des expliziten BDSM-Inhalts Kontroversen als zu pornografisch oder auch als Frauen herabwürdigend aus.

Mittlerweile lebt Anne Rice in Kalifornien. Ihr letzter Roman erschien 2018 unter Titel Blood Communion: A Tale of Prince Lestat – scheint, als sei es Zeit für einen Besuch bei meinem 15-jährigen Ich.

 

Alice Rühle-Gerstel (1894–1943)

© Doris Hermanns

Eine Entdeckung aus dem AvivA Verlag ist die Autorin Alice Rühle-Gerstel. Ihr dort wieder-erschienener Roman Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit nahm mich zunächst gefangen, weil er in Prag vor dem Zweiten Weltkrieg spielt. Hinzu gesellte sich eine völlig unverstaubte Sprache und Hannas Art unsicher und doch ganz sicher zu sein. Ähnlich wie Anna Seghers in Transit erzählt auch Rühle-Gerstel eine Geschichte über die erzwungene Emigration, allerdings aus weiblicher Perspektive. Ein weiterer Unterschied zu Seghers liegt in Rühle-Gerstels Ablehnung des Stalinismus, die sich in Hannas Zweifeln und zunehmend kritischeren Haltung gegenüber der Kommunistischen Partei spiegelt. Der Roman gilt auch als erster deutscher antiautoritärer Frauenroman.

Ins jüdische Prager Großbürgertum als Ältestes von drei Kindern hinein geboren, erhält Alice Gerstel eine entsprechende Ausbildung für die höheren Töchter in Prag und Dresden. 1912 legt sie die Staatsprüfung für Musik im Deutschen Lehrerinnenseminar in Prag ab. Während des Ersten Weltkriegs arbeitet sie als Operationsassistentin und macht schließlich 1917 Abitur. Ihr in Prag begonnenes Studium in Literaturwissenschaften und Philosophie führt sie in München fort, wo sie 1921 über Friedrich Schlegel promoviert. Maßgeblich für ihr Leben wird allerdings ihre Auseinandersetzung mit Psychologie und Psychoanalyse. Ebenso prägend wirkt sich ihre Beziehung mit dem 20 Jahre älteren Sozialisten Otto Rühle, den sie 1921 heiratet. Wie ihr Ehemann vertritt sie marxistische Positionen und beschäftigt sich auch aus dieser Perspektive mit Frauenrechten und der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Gleichzeitig bleibt sie, wie oben angedeutet, kritisch gegenüber den Machtansprüchen der Kommunistischen Partei.

Gemeinsam ziehen sie nach Dresden und gründen den Verlag Am andren Ufer, sie publizieren u. a. die Blätter für sozialistische Erziehung. Rühle-Gerstel lehrt in dieser Zeit an der Arbeiter-Universität Dresden-Hellerau, hält Vorträge und veröffentlicht zu Literatur, Individalpsychologie und Frauenfragen, als ihr wichtigstes theoretisches Werk gilt Das Frauenproblem der Gegenwart. Eine psychologische Bilanz (1932, 1972 unter dem Titel Die Frau und der Kapitalismus neu aufgelegt).

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist das Ehepaar bereits auf dem Absprung ins tschechoslowakische Exil, illusionslos über die weiteren politischen Entwicklungen. Während Alice in Prag, wo ihre Geschwister leben, schnell Anschluss findet, ist Otto wegen seiner politischen Arbeit zur Untätigkeit verdammt. Sie werden von verschiedenen Geheimdiensten bespitzelt, auch hat die Tschechoslowakei kein Interesse an all den vertriebenen KommunistInnen aus dem Deutschen Reich. Vor diesem Hintergrund leuchtet die Weiter-Emigration Ottos 1934/5 nach Mexiko ein. Alice jedoch findet eine Anstellung als Übersetzerin und Journalistin beim Prager Tagblatt, wo sie die Kinderbeilage Kinderwiese verantwortet. Die gemeinsam mit Otto entwickelten theoretischen Überlegungen kann sie hier praktisch umsetzen. Die Jouranlistin Milena Jesenská, v. a. als Freundin Franz Kafkas bekannt, wird zu einer engen Freundin, über die sie auch Zugang zu den literarischen Kreisen in Prag findet, zu dem etwa „der rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch und Franz Werfel zählten. 1936 folgt sie schließlich ihrem Mann nach Mexiko-Stadt, hier entsteht auch der Roman Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit, den sie jedoch nicht veröffentlichen kann. In Mexiko wird sie nicht heimisch. Ihre Geschwister leben in New York, von dort unterstützt besonders ihr Bruder sie finanziell, da sie kaum Einkommensmöglichkeiten. Als Otto Rühle 1943 an Herzversagen stirbt, stürzt sie sich am selben Tag in den Tod.

Bis in die 1970er Jahre hinein geriet Alice Rühle-Gerstel als unangepasste Marxistin erst einmal in Vergessenheit.

 

3 Bücher

Cinzina Arruza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser: Feminismus für die 99 %. Ein Manifest

(Übersetzung: Max Henninger)

Cinzina Arruza, Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser fordern auf zum Streik. In elf Thesen plus Vor- und Nachwort legen die Philosophinnen dar, dass das aktuell vorherrschende Wirtschaftssystem auf Kosten der produzierenden Marktteilnehmer*innen seine Gewinne generiert und damit eben auch die Ursache von Geschlechterunterdrückung ist.

In dieser kleinen Kampfschrift zeigen sie, wie der neoliberale Finanzkapitalismus Ungerechtigkeit verstärkt und seine eigenen Grundlagen kannibalisiert. Der Anspruch dabei ist allumfassend: „Wir wollen erläutern, […], weshalb wir uns mit antikapitalistischen und antisystemischen Bewegungen verbünden sollten und weshalb unsere Bewegung die eines Feminismus für die 99 Prozent werden muss. Nur auf diese Weise – durch die Knüpfung von Verbindungen zu Antirassistinnen, Umweltschützern, Arbeiter- und migrantischen Aktivistinnen und Aktivisten – vermag der Feminismus der Herausforderung unserer Tage gerecht zu werden“.

Der Ton des Buches bleibt sachlich, die Forderungen klingen beim ersten Mal lesen radikal – aber was wäre ein Manifest, an dem sich niemand stört? Eine sehr gute Diskussionsgrundlage, nicht zuletzt um sich Gedanken über die verschiedenen Auslegungen von „Feminismus“ zu machen.

 

Tereza Semotamová: Im Schrank

(Übersetzung: Martina Lisa)

Ein Schrank wird aussortiert, zu alt, zu klein, passt nicht mehr. Der Erzählerin von Tereza Semotamová kommt er gerade recht. Aus ihrem Leben gefallen, räumt sie sich darin auf, wie bislang Pullover und Jacken. Semotamová kombiniert Erinnerungsfetzen, das Versteckspiel als Obdachlose und die bohrende Gedankenspiralen einer Frau, die in den Schrank kriecht wie eine Schnecke in ihr Haus, aber in den Schrank regnet es rein. Ohne Selbstmitleid, mehr mit staunender Verzweiflung nimmt die Protagonistin ihr sowieso auseinander driftendes Leben Stück für Stück auseinander; die eigenen Ansprüchen, die Erwartungen der Eltern, das Bild der FreundInnen und die Forderungen der Geliebten.

Das ist schrecklich und lustig und absurd, mit viel Wiedererkennungswert bei vielen Rollen, die sie, und wir Lesenden, gleichzeitig spielen.

 

Kateřina Tučková: Gerta. Das deutsche Mädchen

Übersetzung: Iris Milde

Gerta wächst in Brno / Brünn in den 1920er und 30er Jahren auf. Ihre Mutter ist Tschechin, ihr Vater Deutscher. In dem Maß wie ihr Vater über das NS-Regime zu beruflichem Erfolg und Anerkennung kommt, steigt seine Gewalt innerhalb der Familie, die wohl auch von seiner Verachtung gegenüber sich selbst herrührt eine „minderwertige“ Tschechin geheiratet zu haben, sich in sie verliebt zu haben. Tučková erzählt klar und geradlinig von der Zerstörungskraft des Rassenhasses, die unter anderem Brno mehrfach verwüstet. Gertas Lebensgeschichte reicht bis ins neue Jahrtausend, aber sie illustriert die Geschichte weniger, als sich diese Geschichte an ihr bricht. Denn Gerta hält stur an ihrer Idee vom Leben fest, vom Dasein als deutsche Tschechin oder tschechische Deutsche, und versucht das unerbittlich gegen das jeweilige System zu behaupten. Gerta erlebt durch ihre tschechischen FreundInnen den Terror der NS-Zeit und genießt doch die familiären Privilegien als Deutsche. Zu Kriegsende verliert sie erst Familie und Freunde, dann durch die Vertreibung in Folge der Beneš-Dekrete auch ihr Zuhause. Es ist Kateřina Tučkovás Verdienst mit dem Buch in Tschechien eine Diskussion darüber losgetreten zu haben, wie gewaltvoll das tatsächlich war. Greta bleibt dabei nichts erspart und damit auch nicht den Lesenden. Tučková erliegt glücklicherweise nicht der Versuchung ihrer Protagonistin ein Happy End zu schreiben, sondern bleibt der Story treu.

 

Fotos (falls nicht anders angegeben) © Marianne Eppelt

Autor: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2018 erschien ihre Übersetzung von "Mietmutterschaft: Eine Menschenrechtsverletzung" von Renate Klein. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

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