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Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Drei Autorinnen – drei Bücher: Mischa Bach

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Für die bevorstehenden Feiertage und freien Tage brauchen sicher noch alle einen Berg Lesestoff. Für diesen Monat hat die Autorin, Coach und Lektorin Mischa Bach einige Tipps.

 

Mischa Bach, geboren und aufgewachsen in Neuwied am Rhein, danach Studium in Bonn und Essen, wo sie bis heute lebt und den Fluss vermisst, der nicht umsonst in ihrer Kriminalnovelle Der Tod ist ein langer, trüber Fluss (Martha-Saalfeld-Preis & Nominierung für den Debüt-Glauser) die Hauptrolle spielt. Wenn sie nicht schreibt, malt sie. Oder sie unterrichtet, es sei denn, sie liest, gut und gern auch vor. Manchmal übersetzt sie, hauptsächlich aber lebt sie. Als Ideenhebamme begleitet sie die Arbeit anderer Autor*innen in Workshops und Tutorien sowie als Lektorin und Coach. Weitere Infos: mischabach.wordpress.com.

„Die lest schon wieder“, beklagte sich meine kleine Schwester früher oft über mich. Da kommt im Lauf eines halben Jahrhunderts einiges zusammen an Büchern und an Autorinnen auch. Wo soll ich also anfangen? Bei den schreibenden Frauen der Romantik, bei Bettina von Arnim, Rahel Varnhagen, Karoline von Günderrode, die mich als Jugendliche faszinierten? Oder bei Jane Austen, die alles andere als romantisch ist, ganz gleich, was die Verfilmungen suggerieren mögen oder meine (männlichen …) Anglistikprofessoren zu denken beliebten? Und was ist mit Virginia Woolf, der unbestechlichen Beobachterin, die die Feder führt wie eine Chirurgin das Skalpell, ohne die ich vermutlich weder zum Schreiben noch zur Anglistik gekommen wäre? So viele Autorinnen, so viele Bücher. Und das sind nun die, für die ich mich entschieden habe:

 

Drei Autorinnen

Eva Figes (1932–2012)

Das erste Mal begegnete ich Eva Figes Ende der 1990er-Jahre in einem wissenschaftlichen Buch zur Erzählforschung, in dem ich dank der Verkettung einiger Zufälle selbst mit einem Aufsatz vertreten war – und was ich da über ihren Roman Nelly‘s Version las, machte mich neugierig: Die Geschichte einer Frau ohne Erinnerung, die sich mit einem Koffer voller Geld in einem Hotel wiederfindet und sich in einem Agentenplot wähnt, musste ich unbedingt lesen. Bis heute stiftet dieses Buch immer wieder heilsame Verwirrung in den Köpfen meiner Student*innen, denn Eva Figes verweigert sich konsequent den Erwartungen an das, was man gemeinhin realistische Literatur nennt. Das und die Kühnheit, von Geheimnissen und Widersprüchen zu erzählen, ohne nur daran zu denken, diese am Ende aufzulösen, durchzieht ihr literarisches Werk. Das Besondere ihrer Sprache prägt dagegen alles, was sie geschrieben hat, auch Memoiren und Sachbücher. Figes‘ Englisch ist perfekt, präzise, literarisch – doch in ihrem Satzbau, in den Anklängen spiegelt sich die Tatsache, dass Deutsch ihre erste Sprache war und sie erst die Flucht vor den Nazis als Kind nach London brachte.

Figes war Literatin und Literaturwissenschaftlerin, Sachbuchautorin und Feministin (viele Frauen kennen sie zuallererst als Autorin von Patriarchal Attitudes: Women in Society). In Deutschland ist sie wohl so etwas wie eine vergessene Autorin, was vor allem daran liegen dürfte, dass abgesehen von Die sieben Zeitalter (übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann und der BücherFrau Karen Nölle) keines ihrer Werke auf Deutsch vorliegt. Mir scheint es ein großes Unglück, dass damit die Stimme dieser beredten Zeitzeugin fehlt – und das, obwohl darin zumindest die theoretische Möglichkeit liegt, dass mein größter Traum als Autorin und Anglistin, die obendrein Übersetzerin ist, eines Tages in Erfüllung geht: Dass sich mir die Chance bietet, das Werk dieser wunderbaren Autorin zu übersetzen (Kontakt zu den Rechteinhabern hatte ich bereits :-)).

 

Lydia Davis (geb. 1947)

Sie hat mit Klaus Hoffer einen ausgezeichneten Übersetzer ins Deutsche und ist überdies selbst eine herausragende Übersetzerin, und zwar aus dem Französischen: Lydia Davis, die als Meisterin der (ganz) kurzen Prosa gilt. Dennoch war es ihr (bislang) einziger Roman The End of the Story (dt.: Das Ende der Geschichte, übersetzt von Klaus Hoffer), über den ich auf diese Autorin stieß – und zwar als ich nach neuem Stoff für eines meiner Uniseminare suchte, in denen es um literarische Verarbeitungen von Erinnern und Vergessen geht.

Ersteres ist auf obsessive Weise das Thema, um das die namenlose Ich-Erzählerin kreist. Sie versucht, sich so präzise, ehrlich und detailliert wie möglich an die Begebenheiten zu erinnern, die zum Ende ihrer Beziehung mit einem jüngeren Mann führten, und das in einen Roman zu verarbeiten. Allerdings verzettelt sie sich bald heillos in diesem Unterfangen und als Leserin ist es zum Ende der Geschichte hin schier unmöglich zu sagen, ob all das Suchen und Mäandern nun dieser Roman ist, die Notizsammlung mit ihren Schreibanweisungen oder etwas ganz anderes.

Dieses Ausufernde, Wildwachsende – mir kam es beim Lesen vor, als sei Lydia Davis das literarische Kind von Tristram Shandy und Virginia Woolf – steht in krassem Kontrast zu ihren Kurz- und Kürzestgeschichten, von denen manch eine nur aus einem einzigen, langen Satz oder gar nur aus 40 Wörtern besteht. Die Suche nach dem perfekten Ausdruck, der präzisen Beschreibung ist das, was diese Autorin umtreibt und auszeichnet. Entsprechend genau beobachtet und aufs i-Tüpfelchen durchdacht formuliert sind die Geschichten etwa in den Bänden Can‘t and Won‘t (Kanns nicht und wills nicht. Stories) oder Break it Down (Es ist, wie‘s ist. Stories; beide übersetzt von Klaus Hoffer). Ich liebe es jedenfalls, ihr bei ihrem Nachdenken über die Sprache zuzuschauen und sie bei ihrer Frage zu begleiten, wie sich diese Welt und ihre Wahrnehmungen einfangen und ausdrücken lassen.

 

Martha Saalfeld (1898–1976)

Ist Martha Saalfeld eine vergessene Schriftstellerin, womöglich als Rheinland-Pfälzerin so etwas wie eine Regionalautorin? Ich wäre jedenfalls nie auf sie gestoßen, wenn wir nicht beide qua Geburt diese Heimat teilten, denn ohne dies hätte ich mich kaum 2001 um den nach ihr benannten Literaturförderpreis beworben und mit diesem den Band mit ihren gesammelten Gedichten erhalten.

Ich gestehe, im ersten Moment war ich ratlos, als man mir bei der Preisverleihung das Buch in die Hand drückte: Gedichte, noch dazu klassisch rhythmisierte, gereimte – das war so gar nicht meins. Das fühlte sich an, als schenkte mir eine entfernte Verwandte mit großer Geste ein Familienerbstück, das aus einer Sammlung bestickter Taschentücher besteht. Aber natürlich konnte ich als Lesesüchtige nicht widerstehen und begann dennoch zu lesen, erst zögernd, dann staunend, schließlich hingerissen. Denn in Martha Saalfelds Sonetten (das ist ihre Lieblingsform, wenn man das bei einer so strengen Form so salopp sagen darf) spiegelt sich so viel – die Natur, die Landschaft des Rheinlands, die Menschen, die Orte – und das zu meiner übergroßen Überraschung so, dass es in mir nicht nur Wiedererkennen, sondern gar das unerwartete Gefühl von Heimat auslöst. Damit hat die Kunst dieser Frau, Worte zu setzen, sie in der Verdichtung zum Schwingen zu bringen, gewissermaßen mein Leben verändert – zumindest in der Hinsicht, dass ich nun weiß, wie und wo ich Heimatgefühle für das Bundesland meiner Geburt und Kindheit finden kann.

Natürlich ist das nicht alles, was sich über Martha Saalfeld sagen lässt (also bitte dranbleiben – auch all Ihr, die Ihr nicht aus dieser Gegend kommt). Die Lyrik war Ausgangspunkt ihres Schreibens, dem im Laufe der Zeit Erzählungen, Romane und Theaterstücke folgten.

Hermann Hesse, Stefan Zweig und Elisabeth Langgässer schätzten Saalfelds Schaffen, die Nazis hingegen nicht, und so durfte sie ab 1937 nicht mehr veröffentlichen. Nach dem Krieg an ihrem letzten Lebensort Bad Bergzabern änderte sich das rasant, zwischen 1948 und 1970 wuchs die Liste von Saalfelds Veröffentlichungen stetig an.

Die meisten dieser (nicht-lyrischen) Arbeiten kenne ich noch nicht, leider sind sie, ähnlich wie der Großteil von Eva Figes Werk, vergriffen und nur mit Glück vereinzelt antiquarisch zu ergattern. Aber als Buchjägerin und -sammlerin macht das für mich die Vorfreude darauf, den Rest von Martha Saalfelds Werk nach und nach aufzuspüren und zu erkunden, nur noch größer.

 

Drei Bücher

 

Patti Smith: M Train

M Train – als ich den Titel das erste Mal las, dachte ich an „Mindtrain“ und an U-Bahn-Linien, besonders solche in New York. Beides passt, denn in dem Buch aus dem Jahr 2015, übersetzt von Brigitte Jakobeit, folgt Patti Smith Träumen, Erinnerungen, Assoziationen und verwebt verschiedene Reisen mit der Suche nach Verlorenem – den Menschen, die sie im Lauf ihres Lebens verlor, Dingen wie einem Mantel, und Orten wie ihrem Lieblingscafé in New York, das zu verlieren sie gerade in Begriff ist. Man taucht beim Lesen tief ein in die mäandernden Ströme im Bewusstsein dieser Künstlerin.

So einzigartig Patti Smiths Stimme als Sängerin ist, so besonders ist ihre Art zu schreiben. Sie verweigert sich der Zuordnung zu Genres oder allein der Einteilung in faktisch/biografisch und fiktional/erzählend. Jedes Kapitel des Buches funktioniert wie eine in sich abgeschlossene Geschichte. Zusammen ergeben sie ein Ganzes, das sich als romanhaft-assoziative Memoiren einer Ausnahmekünstlerin ebenso wie als Meditation übers Lesen, Schreiben und Leben betrachten lässt.

Näher an den Schaffens- und Leseprozess einer anderen Autorin kommt man kaum, was sicher auch daran liegt, dass sie ungemein berührend, geradezu poetisch über ihr eigenes Lieben und Leben zu schreiben vermag. Und als Bonus gibt es die Verweise auf all die Autorinnen und Autoren, all die Bücher und Filme, die Patti Smith im Lauf der Zeit begleitet haben, sodass ich am Ende beschenkt mit einer Fülle neuer Lesetipps dastehe, und gar nicht weiß, wo ich als Erstes weiterlesen soll.

 

Siri Hustvedt: A Woman Looking at Men Looking at Women

Einen ähnlichen Effekt, allerdings mit Blick auf Autoren und Werke vor allem aus der Philosophie und den Neurowissenschaften, kann die Lektüre von Siri Hustvedts umfangreiche Essaysammlung A Woman Looking at Men Looking at Women. Essays on Art, Sex and the Mind haben: Erst konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen und freute mich einen ganzen Englandurlaub lang, dass der Frühzug nach London mich weckte, sodass ich ein weiteres Essay lesen, darüber nachdenken und schreiben konnte. Und anschließend hätte ich am liebsten eine, nein mehrere wissenschaftliche Bibliotheken geplündert.

Im ersten, titelgebenden Teil geht es in elf Essays um visuelle Kunst, betrachtet aus weiblicher Sicht. „The Delusions of Certainty“ ist der zweite Teil überschrieben, der der Frage nachgeht, warum sich die diversen Wissenschaften, die das menschliche Bewusstsein und/oder das Gehirn erforschen, gar nicht bewusst machen, dass sie sich alle auf die eine oder andere Weise auf die alten, philosophischen Fragen nach dem Verhältnis von Körper und Geist bzw. Materie und Bewusstsein beziehen. Hustvedts Parforce-Ritt durchs wahrhaft weite Feld der Philosopie und Wissenschaftsgeschichte bis hin zu aktuellen Entwicklungen in Neurologie, Hirnforschung und der sogenannten KI ist mitreißend, bestes Futter fürs Hirn. Und auch der dritte Teil des Buches, neun Essays, die unter „What Are We? Essays on the Human Condition“ versammelt sind, ist elegant und geistreich geschrieben, voller spannender Anregung fürs eigene Weiterdenken.

Schade, dass Wissenschaftler nur allzu selten schriftstellerische Qualitäten haben und sich umgekehrt nur wenige Schriftstellerinnen mit wissenschaftlichen Fragen befassen – ich bin jedenfalls ganz begierig auf mehr.

Deutsche Übersetzung von Uli Aumüller und Grete Osterwald: Siri Hustvedt: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht und Geist.

 

Inger Christensen: Das Schmetterlingstal / Sommerfugledalen

Beinahe als das glatte Gegenteil könnte man das schmale Bändchen der dänischen Dichterin Inger Christensen, übersetzt von Hanns Grössel, bezeichnen: Vierzehn Sonette voll klassischer Strenge, durchflattert von Bläuling, Admiral, Trauermantel und anderen Schmetterlingsschönheiten, zusammengebunden als Gedichtkranz begegneten mir dank dem Geburtstagsgeschenk einer befreundeten Schriftstellerin.

Vielleicht hätte ich mich erschrocken, hätte ich vorher gewusst, dass Sommerfugledalen, so der Originaltitel, als „europäisches Meisterwerk“ gilt? Überaus strikt gebaut ist das Ganze – so konsequent, so stil- und formbewusst –, dass man beim Lesen spürt, ach das ist das wahre Wesen des Sonetts, und, stimmt, natürlich, da ist auch noch der Schluss- und Höhepunkt des Ganzen, das fünfzehnte Sonett, das Mastersonett, das durch die Schlussverse der 14 anderen gebildet wird. Was für eine Intensität wird so erzeugt – und wie klar, logisch, ja geradezu zwingend erscheint nach der Lektüre das Sonett an sich und erst recht dieser Sonettkranz.

Als unlesbar bezeichnet Thomas Sparr im Nachwort ihre Gedichte, was ein Lob sein soll. Er führt aus, dass Christensen, die den Barock liebte, stets darum rang, die Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem auszuloten und zu verschieben – was meiner Meinung nach alle Dichter*innen und Autor*innen, einfach jeder schreibende Mensch tun sollte, obwohl oder gerade weil nur die wenigsten von ihnen sich so hohe, man mag auch sagen: perfektionistische Ziele stecken. Nur weil etwas nie ganz zu erreichen sein mag, bedeutet es noch lange nicht, dass man nicht danach streben sollte.

Wie viel leichter hat man es da als lesendes Wesen. Da muss man sich bloß auf die besten Lektüren konzentrieren oder zumindest neugierig bleiben. 🙂

Das Buch ist gedruckt nur noch antiquarisch zu finden, lieferbar ist es aber als Hörbuch, gelesen von Inger Christensen und Hanna Schygulla, übersetzt von Hanns Grössel.

Copyright der Fotos: Mischa Bach

Autor: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2021 gab sie den Roman "Christian Voß und die Sterne" von Hertha von Gebhardt heraus, an deren Biografie sie arbeitet. Von 2016 bis 2020 war sie Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin. BücherFrau des Jahres 2021.

2 Kommentare

  1. Tolle Empfehlungen! Danke! Ich drücke die Daumen, dass aus der Übersetzung von Eva Figes‘ Werken ein Projekt entsteht!

  2. So hat die Corona-Zeit doch noch etwas Gutes: Mehr Zeit zum Lesen 😉
    Vielen Dank für die tollen Anregungen.

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