Drei Autorinnen – drei Bücher: Sandra Pappe

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Diesen Monat stellt uns Sandra Pappe, die als Contentkoordinatorin die Inhalte der BücherFrauen Webseite und der Regionalseite Frankfurt betreut, ihre Auswahl vor. Eine spannende Mischung, die von vergriffen bis zu aktuellen Büchern reicht, von Krimis bis zu Sachliteratur.

Sandra Pappe studierte kurzzeitig Germanistik, bevor sie zum Studienfach Architektur wechselte. Nach ihrem Diplom fügte sie noch Aufbaustudiengänge in Onlineredaktion sowie Buch- und Medienpraxis an. Sie arbeitet als freie Fachautorin, Redakteurin und Illustratorin für verschiedene Verlage und Agenturen und hat mehrere Architekturbücher und Texte zu Technologiethemen verfasst. Mehr Informationen gibt es unter www.sandrapappe.de oder im direkten Gespräch, z. B. beim Frankfurter Stammtisch der BücherFrauen.

 

 

Drei Autorinnen

Agatha Christie (1890–1976)

Wann ich das erste Mal Christie im Original gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Anders als bei anderen AutorInnen, deren Geschichten ich aus den Adaptionen für Film und Fernsehen schon vorher kannte, haben mich die Originalromane trotz der Abweichungen von den bereits im Kopf vorhandenen Bildern aber nie enttäuscht. Vielleicht weil sich ihr abenteuerliches Leben und ihr Mut, sich als Frau Freiheiten zu nehmen, die Frauen damals nicht zugestanden wurden, in ihren Büchern widerspiegeln. In jedem Fall bin ich Agatha Christie dankbar, dass sie dazu beigetragen hat, das weibliche Autoren und Hauptfiguren im Krimigenre nichts Exotisches sind: Hier muss ich mich nicht zwangsweise in einem männlichen Helden hineinversetzen, wenn ich mich mit der Hauptfigur identifizieren will. Schade, dass es für den Action-, Abenteuer- oder Agentenroman noch keine adäquate Vorreiterin gibt.

 

Dorothy Parker (1893–1967)

Dorothy Parker, die „geistreichste Frau New Yorks“, war mein erstes weibliches Rollenvorbild. Als ich in einem Sammelband mit Prosa aus den 1920er Jahren Aus dem Tagebuch einer New Yorker Lady las, gab es noch kein Internet. Ich klapperte Büchereien ab, um mehr über die Schriftstellerin zu erfahren, die diese wunderbare Kurzgeschichte geschrieben hatte. Alles, was ich über Dorothy Parker ausgrub, sprach mich an: ihre Texte, ihr Lebensstil, ihre spitzzüngigen Bonmots. Frauen konnten also auch Freigeister sein, sich einen Dreck um die Meinung anderer scheren, schlampig, ausschweifend, selbstbezogen, arrogant sein und trotzdem ernst genommen, ja, sogar verehrt werden! Dass Dorothy Parkers reales Leben sich nicht so völlig mit meiner kindlich naiven Wunschvorstellung deckte, hat an meiner Bewunderung nie etwas verändert. Im Gegenteil, ihre Energie und Willenskraft ist umso bemerkenswerter.

 

Sibylle Berg (geb. 1962)

Auf Sibylle Berg bin ich durch eine Kritik im Feuilleton – welcher Zeitung erinnere ich mich nicht mehr – aufmerksam geworden. Wie sie es hinbekommt, dass ihre ungeschönten, nüchternen Gesellschaftsanalysen so witzig sind, weiß ich nicht. Ihre Geschichten gehen unter die Haut, manche erschüttern mich, wie die um das kurze Leben der pakistanischen Slumbewohnerin Parul in Mein Leben als Hund. Andere Male muss ich beim Lesen plötzlich laut lachen und werde in der Straßenbahn angestarrt.  Ihre Theaterstücke sind großartig, genauso die Kurzbeschreibungen der Gäste in der Talkshowreihe Schulz und Böhmermann. Sibylle Berg bezieht intelligent, pointiert und treffend Position, hat keine Scheu auf Füße zu treten, sich unbeliebt zu machen, lässt sich nicht beirren und sich nicht den Mund verbieten. Mehr davon!

Drei Bücher

Hilke Raddatz: Dr. Knaake mit Dieter Mendelsohn

Lange Zeit war mir nicht bewusst, dass einer meiner Lieblingscartoons aus meiner Teenagerzeit von einer Frau stammt. Ein verständlicher Irrtum: In der Cartoon- und Comicszene waren Frauen eine Seltenheit, die Cartoons der wenigen bekannteren Zeichnerinnen wie Marie Marcks, Franziska Becker oder Claire Bretécher drehten sich vorrangig um die Alltagsprobleme emanzipationswilliger Frauen aus der Mittelschicht und die Schwierigkeit, mit Männern gleichberechtigt zusammenzuleben. Mir erschien das damals überholt, ein Problem alter Leute wie meiner Mutter, ich würde natürlich alles anders machen. Mein Favorit war die in der Titanic veröffentlichte Serie Dr. Knaake mit Dieter Mendelsohn von Hilke Raddatz, die ich aufgrund ihres mir bis dahin unbekannten Vornamens für einen männlichen Skandinavier hielt.

Der blinde Maulwurf Dr. Knaake, der seinen zartbesaiteten Mitbewohner Dieter Mendelsohn regelmäßig mit respektlosem Benehmen und grenzwertigen Äußerungen befremdet und dabei unbekümmert die hinter der Fassade des politisch korrekten Bildungsbürgers lauernden Vorurteile bloßstellt, wäre gerade heute eine Bereicherung für eine Streitkultur, die diesen Namen auch verdient. Leider wurde die Serie schon vor Jahrzehnten eingestellt und der Sammelband ist längst vergriffen. Nach wie vor kann man aber die wundervoll gezeichneten Karikaturen von Hilke Raddatz in der Zeitschrift Titanic sehen, wo sie die Rubrik Briefe an die Leser illustriert.

 

Valerie Solanas: S.C.U.M. Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer

Von Valerie Solanas hörte ich zum ersten Mal im Film I shot Andy Warhol. Die Hinweise auf ihr als das Männerhasser-Buch schlechthin verschriene Manifest machten mich neugierig. Nach meiner Erfahrung offenbaren Werke mit diesem Etikett mehr über die Ängste und Neurosen männlicher Kritiker als über angebliche Abneigungen der Autorinnen dem männlichen Geschlecht gegenüber: Wer nichts gewohnt ist, heult halt auch schneller. Tatsächlich fällt das „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ in dieser Hinsicht aus dem Rahmen. Solanas spiegelt den Frauenhass der Weltliteratur ungebremst auf das männliche Geschlecht zurück und belegt dies in gleicher Manier mit „wissenschaftlichen“ Begründungen. Um abschließend festzustellen, dass der Mann naturgegeben gar nicht anders als destruktiv agieren könne und vernichtet werden müsse, um die Menschheit zu retten. Wenn mir der alltägliche Sexismus zu viel wird und ich mal wieder richtig befreit lachen will, greife ich gerne zum S.C.U.M Manifest. Wie sich männliche Leser und Kritiker angesichts dieser Groteske geradezu hysterisch in eine Bedrohungslage hineinsteigern, hat übrigens mindestens ebenso viel komisches Potenzial wie die scharfsichtigen Gesellschaftsanalysen Solanas’.

 

Sara Gran: Die Stadt der Toten

Die Serie um die Ermittlerin Claire de Witt sticht in mehrerer Hinsicht aus der Masse der aktuellen Kriminalromane heraus. Claire de Witt ist endlich einmal keine dieser tüchtigen, patenten Überfrauen, die ‒ am besten noch als alleinerziehende Mutter ‒ Familie und Karriere unter einen Hut bringen, intellektuell analytisch und zugleich emotional intuitiv ihre Fälle lösen und dabei immer fair, politisch korrekt und in jeder Hinsicht vorbildlich agieren. Im Gegenteil entspricht sie dem für weibliche Buchcharaktere unüblichen, klassischen Typus des Verlierers: Eine Aufschneiderin, die ihren misstrauischen Klienten mit mäßigem Erfolg ihre Drogensucht und ihre psychischen Probleme zu verbergen versucht und sich am Lehrbuch eines als Spinner verschrienen Detektivs orientiert, dessen wichtigstes Credo lautet: „Der Auftraggeber kennt die Lösung des Rätsels bereits … Er beauftragt den Detektiv nicht, um das Rätsel zu lösen. Er beauftragt ihn, um sich bestätigen zu lassen, dass es keine Lösung gibt.“ Tatsächlich entspricht die chaotische Ermittlerin ihrer Umgebung perfekt: „Normal“ funktioniert nicht im postapokalyptischen, vom Hurrikan Katrina verwüsteten New Orleans.

Mittlerweile muss ich lange suchen, um Krimis zu finden, die sich nicht entweder mit geradezu splatterhaften Beschreibungen der abartigsten Mordmethoden zu überbieten versuchen oder mich im anderen Extrem mit sämtliche Spielarten bräsiger Bürgerlichkeit anöden (Wein-/Gastro-/Katzen-/Regional-Krimis). Umso mehr freue ich mich über Sara Grans Claire-de-Witt-Serie, die den mittlerweile selten gewordenen, klassischen Hard-boiled-Krimi wiederbelebt, in dem Gesellschaftskritik und lakonischer Humor zusammentreffen.

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2018 erschien ihre Übersetzung von "Mietmutterschaft: Eine Menschenrechtsverletzung" von Renate Klein. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

3 Kommentare

  1. Wie schön! Solanas’ Manifest muss ich mir nach der Kritik nach vielen, vielen Jahren auch mal wieder vornehmen. Ich glaube, ich habe irgendwo noch eine Kopie herumliegen. Und Gran klingt auch vielversprechend – nehme ich gern auf meine Krimi-für-graue-Abende-Liste. Dorothy Parker steht auch immer wieder darauf. Dankeschön, liebe Sandra, für die prima Tipps, und danke Doris für diese feine Rubrik. Schöne Grüße an Euch beide!

  2. Auch von mir danke für die Lesetipps!!! Von Sibylle Berg kann man ja erfreulicherweise auch regelmäßig eine Kolumne lesen (http://www.spiegel.de/impressum/autor-13465.html) oder ihr auf Twitter folgen – da wird’s aber schnell unübersichtlich. Die Sucherei nach lesbaren Krimis finde ich so superlästig wie Du! Entweder abgedreht blutrünstig und immer gleich ein Serienmörder, am Ende ist der/die Ermittlerin selbst in dessen Klauen – oder eben superkalkuliert geschrieben für Katzen- oder Weinfans et al. Zum Glück komme ich ab und zu nach München, Monika Dobler von der Krimibuchhandlung Glatteis hat immer gute Empfehlungen. Auch Gran hatte sie mir schon ans Herz gelegt.

    • Liebe Gabriele,

      vielen Dank für die Hinweise auf die Sybille Berg Kolumne und die Krimibuchhandlung! Es freut mich, dass es Gleichgesinnte gibt, die mit dem aktuellen Trend so wenig anfangen können wie ich. In Frankfurt kann ich übrigens die Krimibuchhandlung Wendeltreppe empfehlen.

      Herzliche Grüße,

      Sandra

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