Drei Autorinnen – drei Bücher: Ulrike Helmer

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Diesen Monat gibt uns die Verlegerin Ulrike Helmer, die uns schon seit langen Jahren mit gutem Lesestoff versorgt – meist von Frauen geschrieben -, Einblick in ihre persönlichen Favoritinnen. 2009 wurde sie als BücherFrau des Jahres geehrt.

© Beckstage

Ulrike Helmer, die diplomierte Gesellschaftswissenschaftlerin erlag früh dem Biss des Bücherflohs und verlegte schon als Kind gern ihre Zahnspange. Seit über dreißig Jahren verlegt sie nun auch Bücher: solche, die Frauen- und Geschlechterthemen kritisch spiegeln – ob als wissenschaftliche Literatur oder im Liebesroman, unter dem Label CRiMiNA oder in Form historischer Biografien, etwa von Hedwig Dohm oder Victoria Woodhull (der ersten amerikanischen Präsidentschaftskandidatin). Vielbeachtet war zuletzt die Publikation 100 Jahre Frauenwahlrecht – viel zu wenig beachtet hingegen die erste deutsche Übersetzung der preisgekrönten französischen Autorin Olivia Rosenthal, Wir sind nicht da, um zu verschwinden, eine Art Alzheimer-Krimi.

Ulrike Helmer Verlag

ERSTER GEWALTAKT: 3 Autorinnen

GÖTTIN! WAS habe ich mir da eingebrockt? DREI Autorinnen soll ich nennen? WELCHE? Austen, Brontë, Zeh? Oh weh! Die vor Klugheit zitternde Siri Hustvedt? Die auf dem Hochseil der Phantasie balancierende A. L. Kennedy? Die faszinierende Toni Morrison? Woolf? Walker? … Ich lass sie jetzt alle mal weg, fort, aus – und reduziere gnadenlos auf:

Fay Weldon (geb.1933)

Die Britin ist mir mit ihrem unbeirrten Sarkasmus seit Jahrzehnten ans Herz gewachsen. Weldon schreibt feministisches Rabenschwarz auf schuldiges Weiß und das macht ungeheuren Spaß. Wie sie ihre Teufelin Rache nehmen lässt, als der Gatte ehebrüchig wird mit einem blonden Engel! Die Verlassene schickt ihm nicht nur die Kinder hinterher, nein, sie demontiert den Mann erbarmungslos. Um sich am Ende zu einem blonden Engel umoperieren zu lassen. Mehr Bosheit geht nicht! Sehr mag ich auch Miss Felicitys kleine Geheimnisse, das eine höchst lebendige alte Dame  in die Welt der Seniorenheime einführt. Grandios! Wenn ich Frauen zu brav finde, lese ich gern Weldon. Also recht oft …

 

Jane Smiley (geb. 1949)

Ob sie nun über Grönland schreibt oder über amerikanische Weiten, ist an sich egal. Ich hätte wohl auch ihren Buchhaltungsroman gelesen, falls ihr einer eingefallen wäre. Smiley hat mich bisher mit allem erreicht und in den atmosphärischen Bann einer eigenen Welt gezogen. Am liebsten mag ich Moo, in dem sie auf sehr lustige Weise von einer amerikanischen Provinz-Universität erzählt. Smiley hat einerseits ein sehr kritisches Auge, und mit dem anderen zwinkert sie dir übermütig zu ;o)

 

 

 

Lisa St. Aubin de Terán (geb. 1953)

Sie ist auch so eine, die dich einspinnt und einwebt ins Material ihrer Stoffe. Bei ihr sind es lateinamerikanische, sie hat in Venezuela gelebt und eine Hazienda geführt. Die Art, wie sie erzählt, z.B. in Hüter des Hauses, ist so zauberhaft, dass ich für ein Buch lang sicher bin, man müsse keine Filme drehen. Bei Autorinnen wie dieser laufen sie im Kopf.

Damit lass ich es gut sein und tue Buße und geh all die wunderbaren Weg- und Fort- und Ausgelassenen im Regal um Verzeihung bitten …!!!

 

 

3 Bücher

Urgewalt: Keri Hulme: Unter dem Tagmond

Sie lebt für sich. Zwischen den Geschlechtern, zwischen den Welten – der Maoris und des modernen Neuseeland. Eigenbrötlerisch und verschroben stelle ich sie mir vor, dabei voller Energie und größter Einfühlsamkeit, so ähnlich wie ihre Heldin, die Knochenfrau Kerewin Holmes in dem Roman Unter dem Tagmond, dessen Aura ich Mitte der Achtzigerjahre erlag. Dabei ist es ein unfassbar trauriges, ein nahezu trostloses Buch, und ich brauchte wohl an die sechzig, achtzig Seiten, um überhaupt weiterlesen zu wollen. Doch dann legte ich den mehr als sechshundertseitigen Wälzer nicht mehr aus der Hand.

Die Malerin Kerewin, zu einem Achtel Maori, haust einsam in einem Turm. Sie ist eine verlorene, abgewandte, von Seelenschatten gequälte Frau, die ihre melancholische Verzweiflung in Alkohol ertränkt. Trostlos, verrottet, selbstzerstörerisch, dabei begierig auf Liebe und Zuwendung, sind auch die Gestalten, die bei ihr aufkreuzen: Ein kleiner weißer Junge strandet bei Kerewin, Schulschwänzer und Dieb. Und dann dessen Stiefvater Joe … Es ist ein wahnwitziges, aussichtsloses Ringen und Werben, in das die drei miteinander geraten, ein Kampf von erzählerischer Urgewalt. Keri Hulme schrieb zwölf Jahre an dem Werk, für das sie viele Jahre nur Absagen kassierte, bis ein feministischer Verlag in Wellington den wuchtigen Erstling in einer Erstauflage von 2000 Ex. druckte. Unter dem Tagmond wurde zum Bestseller, Hulme erhielt dafür den Booker-Preis.

 

Lakonie: Noemi Schneider: Das wissen wir schon

Sie kriegen einfach kein Bein auf den Boden, diese Töchter. Finden weder ihren Platz noch eine Aufgabe! Wie auch? Ihre Mütter haben seit 68 schon alles klargemacht: die Welt bereist, die Welt gerettet, Kinder gekriegt oder nicht, dazu Feminismus, Shit und Lachyoga. Was bleibt da noch den Töchtern? Noemi Schneider lässt in Das wissen wir schon die Tochter zurück zur Mama kriechen. Weit kommt sie nicht, denn dort ist schon alles voll mit Flüchtlingen. In der Gartenlaube haust sogar ein Dschihadist! Doch auch die Tochter beweist ein Händchen, wenn es ums Retten geht. Am Ende wird alles gut, kollektiv gelöst mithilfe der Nichten und eines Nerztieres, dem der Dschihadist sein Herz öffnet … Grandios verknappte Sprache, hohes Tempo, anarchistischer Blick: Wunderbar!

 

Damenkosmos: Elizabeth Gaskell: Cranford

Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist Cranford, ein Roman aus dem Jahre 1853 über ein englisches Städtchen, mit spitzer Feder skizziert von der Britin Elizabeth Gaskell – die getrost in einem Atemzug mit Jane Austen und George Eliot genannt werden darf. Cranford ist, die Autorin verrät es von Anfang an, „in den Händen der Amazonen“. Auf seltsame und noch zu klärende Weise sind dem Ort die Männer abhanden gekommen. Fürs erste, jedenfalls. Bis sie wieder auftauchen (und was für Männer!), kommen die Damen eigentlich auch ganz gut ohne aus und behelfen sich mit Erinnerungen. Denn immerhin: „Mein Vater war ein Mann. Und ich kenne dieses Geschlecht sehr genau.“ Tja, dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2018 erschien ihre Übersetzung von "Mietmutterschaft: Eine Menschenrechtsverletzung" von Renate Klein. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

Ein Kommentar

  1. Danke, liebe Ulrike, für sie tollen Tipps. Feine Wiederbegegnungen fast alle – und ein, zwei Neuentdeckungen… perfekt für den anstehenden Urlaub!
    Herzliche Grüße
    Andrea

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