BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Fans, Spießer, nette Leute: ePiraten sind auch nur Menschen.

600 Portale bieten zwei Milliarden illegal kopierte Kulturwerke an: Filme, Musik, eBooks. In Deutschland bedient man sich besonders gern am illegalen Gratisangebot. Aber wer sind diese „Geiz ist geil, gratis ist besser“-ePiraten eigentlich? Es sind Spießer, Fans, Arschgeigen, Idealisten – und ganz normale, nette Leute.

Ich bin seit 1991 freie Schriftstellerin, habe 25  Bücher veröffentlicht und werde seit 16 Jahren beklaut. Am Anfang waren es illegale eBookkopien im halben Dutzend, heute liegen die Rates bei einem Bestseller wie dem Lavendelzimmer im fünfstelligen Bereich. Pro Monat. Aber wer sind nur all diese Leute, die mich und abertausende KollegInnen so achselzuckend beklauen?

Wenn ich bei dem praktischen Downloadlink-Finder Google den Titel meiner Bücher + eBook eingebe, werde ich zuverlässig auf der ersten Page zu vier bis zehn Seiten geführt, wo ein Link, eine Datei oder ein Hinweis bereit steht, der zu einer illegalen Kopie führt. Danke, Google, so landen inzwischen 74 Prozent aller Erstpiraten ungewollt aber geschmeidig in der Klauzone.

Schwachwerden können wir alle

Und steht der Mensch erst mal vor der Wahl: „Völlig umsonst! Gut, zwar irgendwie verboten, aber: hey! total sicher!“ – oder lieber: „ehrlich, aber gegen Geld, und noch ach so wahnsinnig kompliziert mit zwei Klicks statt nur einem“ – nun, da kann der Mensch schon mal schwach werden. Schwachwerden können wir alle, die Netten, die Spießer, die Jugendlichen, die Alten, die Klugen, die Gleichgültigen, ja, sogar die Kreativen selbst landen mitunter auf Seiten, auf denen es sich nicht sofort erschließt, dass zum illegalen Konsum verführt wird.

ePiraten sind auch nur Menschen, die mit allerlei Rechtfertigungsstrategien und Halbwissen ihre Sünden verteidigen, wie ich in Foren, Facebookgruppen, Politikdebatten und Küchentischgesprächen miterleben durfte; das reicht von „So schlimm kann das doch gar nicht sein, es gibt tausend schlimmere Dinge“ über „Ich zahle ja sonst immer, da darf ich mir doch einmal was schenken“, geht weiter über „Das Tablet/der Reader/das Notebook war aber schon so teuer“ und „eBooks kosten doch fast nix in der Herstellung!“ bis hin zu „Verlage sind selbst schuld, AutorInnen auch, hätten sie halt einen anderen Beruf wählen sollen, außerdem sollen die froh sein, dass sie gelesen werden, für den Mainstream-Dreck will doch keiner freiwillig bezahlen, außerdem saugen doch alle, der wirkliche Schaden ist eh nicht zählbar, und außerdem hab’ ich ein Recht auf Information, so!“

Mit denselben Nonsens-Argumenten von eigentlich ganz netten Leuten, die im Edeka nicht mal eine Kirsche klauen, haben sich übrigens schon bestohlene MusikerInnen konfrontiert gesehen. Das fasste der Wissenschaftsjournalist Sebastian Haupt in seiner Diplomarbeit gekonnt zusammen, wie störende Wahrheiten von Digitaldieben ausgeblendet werden.

Sechs Prozent aller eBookleserInnen laden immer illegal, 26 Prozent sagen zu der Frage, woher sie ihre eBooks beziehen: „Das ist mein Geheimnis“.

Polemisch gesagt: Ein Drittel aller eBookleserInnen beziehen ihren Stoff aus sehr wahrscheinlich illegalen Quellen. Und das nicht aus Versehen. Trafficbeobachtungen, google-Links, Eigenauskünfte diverser selbstverliebter Piraterieportale, die Statistiken von illegalen-Datei-Aufspürern, sowie verlässliche Studien der GVU, des Börsenvereins und Verlustbilanzen der Verlage bestätigen das trübe Bild: Es wird in Deutschland immens viel geklaut, übertroffen wird dies nur noch in Russland – und in Ländern wie Afghanistan oder Indien, in denen die Armut und Bildungsferne so hoch sind, dass ePiraterie fast schon Notwehr gleicht. Aber warum klauen die im Vergleich dazu sehr satten Deutschen?

Die Rate von legalem Kauf zu illegalem Download liegt bei 1:10, d.h. auf ein gekauftes Buch kommen zehn illegale gratis-Kopien. Als tatsächlich entgangenen Kauf rechnet die Kulturbranche hierzulande kannibalistisch niedrig, mit ebenfalls einem von zehn illegalen Downloads (in Amerika wird der Verlust zwischen zwei zu zehn bei eBooks und acht zu zehn bei Musik kalkuliert). Will heißen: einer der ePiraten hätte gerne bezahlt, wenn er nicht auf einem Portal gelandet wäre, das in Optik und Handhabe dazu einlud, doch mal kurz schwach zu werden – und neun Downloader handeln (angeblich) nicht aus inhaltlichem Interesse, sondern um zu sammeln, zu verschenken, mal reinzulesen, sich voll als die Robin Hoods an der Tastatur zu fühlen, oder weil der Roman  in einem Package integriert war („Hundert scharfe Klassiker“, „100 beste Krimis“). Sie hätten freiwilllig niemals die Vermessung der Welt gekauft (sagen sie). Aber auch diese (zu) niedrige Verlustkalkulation entspräche im Minimalfall 2,4 Millionen Titeln, im schlimmsten Fall 20 Millionen eBooks, die pro Jahr nur deshalb nicht gekauft werden, eben weil sie illegal gratis zu haben sind. Daraus kann auch die schönste Rechtfertigung keinen Bagatellfall mehr drehen.

Sammler, Fans, Spießer, Arschgeigen: wer klaut eBooks?

Wer sind diese Leute, die sich auf unterschiedlichsten Kanälen brandneue, frische eBooks leechen, „ziehen“, am liebsten Bestseller, Erotik, Krimis (Sie wissen schon, wegen des Rechts auf Information, nicht wahr) und Fachzeitschriften? Sind das alles Stradivaris unter der A****geigen? Eher nein. Es sind oft nette Leute. Und das macht den Massendiebstahl umso perfider.

Doch fangen wir mit den Stradivaris an:

1) Die ÜberzeugungstäterInnen. Sie stehlen Bücher, in die andere Arbeit, Zeit und Geld investiert haben und „befreien“ sie aus dem pösen, pösen Kapitalismuskreislauf, um sie gratis oder als 30-Titel-Package gegen Bearbeitungsgebühr an potentielle Ungernzahler anzubieten. Mit diesem „Geschäftsmodell“ wollen sie zum Beispiel die gesamte „Verlagslandschaft niederbrennen“ – wie ich vermute, aus quasi-religiösen Gründen. These: Das Netz ist frei und alles muss (kosten)frei zu haben sein. Andere FreizeitdealerInnen sehen sich als freischaffende Servicekraft, deren Dienstleistung darin besteht, gecrackte eBooks anzubieten, gerne auch auf Nachfrage. Die Aussicht, diese ÜberzeugungstäterInnen und ihre „Kunden“ von der wirtschaftlichen wie kreativen Notwendigkeit eines gezahlten Verkaufspreises für AutorInnen und die gesamte Literatur zu überzeugen, tendiert gen Null. Sie interessiert nicht, was andere Menschen für fair halten: Das Netz ist alles, und alles ist für das Netz.

2) Die Fans. Eine Kollegin, im Erotic-Fantasy-Genre tätig, berichtete von einer erstaunlichen Klaurate von 50 Prozent auf den Gesamtabsatz ihrer eBooks gerechnet; in diversen Fans-Foren kursierten wenige Stunden nach Erst-Veröffentlichung bereits Download- oder Streaming-Links. Das Groteske: Sie wird heiß verehrt von diesen enthusiastischen Fans, die ihr sehr viel Bewunderung, Liebe und Interesse entgegen bringen. Das häufigste Argument: „Ich will das doch soooo gern lesen, aber ich hab leider kein Geld …“. Hier wird Liebe als angemessene Währung betrachtet. Heilungschancen: Frühestens, wenn die Autorin sich das Schreiben nicht mehr leisten kann und die Fans ohne ihren Stoff auskommen müssen. Auch das Lavendelzimmer besitzt „Fans“, die sich wahnsinnig  freuten, als sie eine Woche nach Erscheinen des Romans bereits eine Gratiskopie ziehen durften und sich dafür artig beim „Service“ des Uploaders bedankten.

3) Unbekümmerte Teenager und Erwachsene: die netten Leute. Es herrscht gedankenlose Unbekümmertheit unter den Ü25-Leechern; manchmal setzt die sich  bis  Mitte 50 fort, nur heißt das dann: „Hedonismus“. Die unbekümmerten Teenager laden, „weil es alle machen, weil es geht, und was geht, kann doch nicht verboten sein, und weil doch das, was im Internet ist, sicher umsonst ist, sonst wäre es da ja nicht drin“. Das Bewusstsein für wirtschaftliche Zusammenhänge einzelner Kleinstdelikte und Fairness gegenüber der Solidargemeinschaft Menschheit ist noch nicht aus eigenen Lebenserfahrungen hin ausgereift: „Die anderen“, die die Teens beklauen, sind zu weit weg von ihrer Lebensrealität; es ist eine gewisse – ich will fast sagen: für unsere Zivilisation normale und oft weit über Adoleszenz hinaus reichende – Empathielosigkeit. Mitunter gibt sich das erst, wenn einer oder eine der Teens zum hauptberuflichen Künstler oder Künstlerin werden will oder erfährt, wie prekär AutorInnen und Büchermenschen generell leben für ihre Leidenschaft.

Oft aber verfestigt sich diese jugendliche Gedankenlosigkeit; aus den jungen, netten Unbekümmerten werden die älteren, netten Unbekümmerten, die ernsthaft glauben, dass ein Song mehr oder weniger, eine gestreamte Serie mehr oder weniger, eine Bestseller-Datei („Komm, die hat’s doch!“), kaum was ausmachen kann. So sehen das dann mehrere Millionen andere nette Leute, so verwandelt sich die bequeme, nicht mal bösartige Gedankenlosigkeit der Einzelnen in ihrer Masse in etwas zutiefst Grausames und Destruktives.

4) Die Jäger und Sammler. Diese Spezies liebt es, sich die Festplatte mit Terrabytes vollzuknallen (die Leecher) oder ihre Tage damit zu verbringen, nicht-digitalisierte Romane (wie Kings Joyland etwa) oder Zeitschriften einzuscannen und sich das nächste Fleißkärtchen als Uploader zu verdienen. Das wenigste wird gelesen, rezensiert oder gar weiter empfohlen, so, wie es die Verteidiger der Gratismentalität behaupten („Ist doch Werbung!“). Es geht um das Besitzen, um die Befriedigung, keinen Cent bezahlt zu haben, und bei einigen Altmodischen wohl um die Ehre aus den frühen, den guten www-Tagen: Wenn du dem Netz nimmst, musst du ihm auch geben. Leider nehmen und verteilen die Jäger und Sammler nur noch, was andere produziert haben. Nie war es leichter, seine kleinkriminellen Gelüste auszuleben – dank der mangelnden internationalen Rechtsdurchsetzung kann sich jeder nicht ganz ungeschickte Up- und Downloader jeglicher Verantwortung entziehen und als „Rebell“ fühlen. Mal unter uns: Da ist es rebellischer, bei Rot über die Ampel zu gehen.

5) Die sparsamen Spießer. Eine faszinierende und wie die Unbekümmerten weit verbreitete Kategorie, die es grundsätzlich inakzeptabel findet, für kreative Leistungen mehr als für einen Parkschein auszugeben. Sie nörgeln aber auch gern an Pizzapreisen, Hotelbuffets oder Steuern rum und betreiben extrem-Sparen als Freizeitsport. Dazu gehört, sich neben der Urlaubslektüre fürs all-inclusive-Resort, für den Alltag gewisse Zeitschriften „gratis zu besorgen“. Ich will hier aus einem Abuse-Search/Gutenberg 3.4 Report zitieren, der auf Piraterieportalen zauberhafte Dialoge dokumentiert, und damit einen tiefen Einblick in die Seele der Leecher (engl: Sauger, Blutegel, Parasit) ermöglicht – die zwar andere mit selbstgerechtem Stolz beklauen, aber dann bloß nichts falsch machen wollen beim Erwerb von Muttis Herd, Waschmaschine oder Bausparvertrag…

„…als Downloader rechtfertigen sie ihr Tun gerne mit Armut. Aus (Stiftung) Warentest-Perspektive ist das mehr als obszön: Die mit Abstand beliebtesten Downloads sind hier Themenhefte zu Kameras und Fernsehern. Beim Ausgeben von drei- und vierstelligen Beträgen für High-tech-Hardware will sich der User nicht vertun, natürlich schaut man vor dem Kauf erstmal in den Test, aber den kann man ja umsonst kriegen (wenn man kann). Die paar Euro für wissenschaftliche Test- und journalistische Kreativ-Leistungen, die spart sich der deutsche Piraten-Spießer natürlich!“

Natürlich. Weil Geiz ja so geil ist, und gratis noch viel geiler.

An dieser Stelle übrigens endlich mal ein herzliches Dankeschön !!!!! an alle LeserInnen, die Bücher bezahlen, sie rezensieren, mit uns unter Klarnamen mailen und direkt ansprechen, uns auf Lesungen besuchen und Gesicht, Gefühl und Klugheit zeigen. Für die acht Euro für ein wunderbares Taschenbuch nicht zu viel sind, um verzaubert, unterhalten, berührt, informiert oder entspannt zu werden. Danke, Ihr Weltenretter und Weltenretterinnen.

Autorin: Nina George

Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Nina George schreibt Romane, Sachbücher, Thriller, Reportagen, Kurzgeschichten sowie Kolumnen. Ihr Roman „Das Lavendelzimmer" stand 63 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wird in 35 Sprachen übersetzt und war u.a. New York Times Bestseller. Mit ihrem Ehemann, Schriftsteller Jo Kramer, schreibt sie unter „Jean Bagnol“ Provencethriller. Nina George ist Beirätin des PEN-Präsidiums und WWC-Beauftragte, Bundesvorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, sowie Gründerin der Initiative Fairer Buchmarkt. Sie lebt in Berlin und der Bretagne. 2017 wurde George als BücherFrau des Jahres ausgezeichnet. www.ninageorge.de