Frauennetzwerke und ihre Macht – Im Gespräch mit filia. die frauenstiftung

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26 Jahre BücherFrauen: Das lange Leben unseres Netzwerks beweist, wie gut Frauen einander fördern und inspirieren können. Damit sind wir nicht die Einzigen: Auch Netzwerke wie der Journalistinnenbund oder die Digital Media Women wurden ins Leben gerufen, um Frauen in bestimmten Branchen sichtbar zu machen und voranzubringen. Jenseits der Berufsnetzwerke gibt es in Deutschland viele andere Frauenorganisationen, die sich mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigen, aber eins gemeinsam haben: dass sie Frauen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Ein Blick über den Tellerrand zeigt, wie viel wir voneinander lernen können.

filia. die frauenstiftung feiert dieses Jahr ihr 15-jähriges Bestehen. Die Hamburger Gemeinschaftsstiftung wurde 2001 von neun Frauen gegründet, die sich der Stärkung von Frauenrechten weltweit verschrieben hatten. Seitdem förderte die Stiftung bereits Projekte in 40 Ländern mit insgesamt über zwei Millionen Euro. Dabei konzentriert sie sich auf Projekte von Frauen für Frauen und achtet auf eine Kooperation auf Augenhöhe.

Ich habe filia während meiner Studienzeit in Hamburg kennengelernt und war jahrelang ehrenamtlich im Projektmanagement tätig. Für die BücherFrauen habe ich mit Programm-Managerin Claudia Bollwinkel über filias Netzwerkarbeit, strukturelle Herausforderungen und Feminismus gesprochen.

Claudia Bollwinkel

filia-Programm-Managerin Claudia Bollwinkel (© filia. die frauenstiftung)

filia. die frauenstiftung fördert Projekte in den Bereichen mehrfache Diskriminierung, Freiheit von Gewalt und politische Partizipation, um sozialen Wandel anzustoßen. Warum stellt ihr dabei Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt?

Weil die Benachteiligung von Frauen und Mädchen noch längst nicht abgeschafft ist! Auch in Deutschland gibt es für Frauen 20 % weniger Lohn, müssen Frauen und Mädchen ihre Körper mit den gefälschten Bildern der sexistischen Werbung vergleichen lassen. In anderen Weltregionen haben Frauen noch schwerwiegendere Probleme – wusstest du zum Beispiel, dass sie deutlich mehr gefährdet sind, bei Umweltkatastrophen ums Leben zu kommen als Männer? Weil sie zum Beispiel von den Frühwarnsystemen nicht erreicht werden, weil sie kein Handy haben – oder weil sie mit den kleinen Kindern die Stufen zum Schutzgebäude nicht hochkommen. So banal und so fatal wirkt sich Benachteiligung aus. Oder aktuell sind fast alle Frauen und Mädchen auf der Flucht und im Migrationsprozess sexueller Gewalt ausgesetzt – es bräuchte manchmal nur Schlösser an den Duschen oder eine gute Aufklärung über ihre Rechte. Wir konzentrieren uns besonders auf die Frauen und Mädchen, die nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung Diskriminierung erleben.

filia ist Mitglied des International Network of Women’s Funds (INWF) und der Association for Women’s Rights in Development (AWID) und zudem auch in die deutsche Stiftungslandschaft eingebettet. Warum ist Netzwerken für euch so wichtig?

filia ist ja eine Gemeinschaftsstiftung, die aus einem Netzwerk hervorgegangen ist – aus Pecunia, dem deutschen Erbinnennetzwerk. Dort haben sich die Gründerinnen getroffen – Marianna Schulte-Kemna, eine der Gründerinnen, hat oft ausgedrückt, dass sie in dieser Gemeinschaft den Mut gefunden hat zu tun, was sie alleine nicht getan hätte. Zeitgleich zur filia-Gründung entstand auch das weltweite Frauenstiftungsnetzwerk INWF, das International Network of Women’s Funds. Die Expertise der Schwesterstiftungen aus der ganzen Welt ist in viele Prozesse bei filia eingeflossen. Netzwerke wirken nach innen stärkend auf ihre Mitglieder – aber auch nach außen, wenn mehrere gemeinsam auftreten, um ihre Interessen zu vertreten. Zum Beispiel hat der Bundesverband deutscher Stiftungen sich dafür einzusetzen versucht, dass Stiftungen sich in Verbrauchsstiftungen umwandeln dürfen – in den Zeiten von sehr niedrigen Zinserträgen wäre es sinnvoll, auch das Stiftungskapital zum Fördern zu verwenden. Leider ist das in Deutschland sehr schwierig. Wir sind auch Mitglied im Netzwerk „Wandelstiften“, das sich für ethische Geldanlage und Transparenz einsetzt.

Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dass sich Frauen in eigenen Netzwerken und Organisationen zusammenschließen?

filias Motto ist „Zusammen sind wir reich“. Darin steckt für mich eine grundfeministische Haltung: auf Augenhöhe und in Solidarität gemeinsam die Welt verändern. Einerseits brauchen Frauen und Mädchen persönliche Stärkung, wir nennen das „Empowerment“ – ihre eigene Kraft und Wirkmacht kennenlernen. Andererseits brauchen sie aber auch die Kraft, die aus der gemeinsamen Aktion kommt. Beides finden sie in Frauenzusammenhängen. Ein Beispiel: Wir haben 2014 einen Selbstbehauptungskurs für Mädchen mit sogenannter „geistiger Behinderung“ in Bielefeld gefördert. Im geschützten Rahmen übten 32 Mädchen, ihre Grenzen wahrzunehmen und zu setzen. Besonders mochten sie eine Übung, die Leiterin Mira Tkacz „Alle gegen Motz“ nennt: Sie übernimmt die Rolle eines Manns namens „Motz“, der ein Mädchen anspricht, anpöbelt und anfasst. Beim Üben entdeckten die Mädchen eine neue Handlungsstrategie: Sie stellten sich gemeinsam gegen Motz! Was die Mädchen hier eigenständig entwickelten, war ein Erleben von „power with“, der Kraft, die in kollektivem Handeln steckt.

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Die Jahreskonferenz des INWF in Guatemala, Mai 2015 (© filia. die frauenstiftung)

Du bist seit 2010 Mitglied im Vorstand des INWF. Was hast du für dich aus dieser Zeit mitgenommen?

Für mich war es vor allem die tiefgreifende Erfahrung, Teil von etwas Größerem zu sein. Die „Women’s Funding Movement“ umfasst alle Kontinente. Die Frauenstiftungen haben sich die Aufgabe gestellt, mehr Geld für Frauenrechte bereitzustellen – sie sind sozusagen der Fundraisingarm der Frauenbewegung. Studien zeigen, dass Frauenstiftungen oft die ersten Geldgeberinnen für Frauenprojekte sind – ohne sie gäbe es viele Initiativen nicht. Im INWF treffen Frauen zusammen, die auf die Kompetenz anderer Frauen vertrauen. So ist auch der Umgang miteinander. Im Vorstand ist je eine Vertreterin eines Kontinents, wir arbeiten auf Englisch, da ist schon mal was „lost in translation“. Die Bretter, die wir bohren müssen, um die Geldflüsse zu den Frauengruppen zu lenken, sind dick. Aber der gemeinsame Fokus auf ein Ziel und die Vielseitigkeit unserer kulturellen Perspektiven machen die Arbeit ungeheuer erfüllend. Gerade launchen wir unser neues Logo mit einem neuen Namen, „Prospera“ – es war gar nicht so leicht, ein Wort zu finden, das in den meisten Sprachen funktioniert! Prospera kommt von lateinisch „prosperare“, was in etwa „fördern“, „zu Wohlstand verhelfen“ bedeutet – es geht darum, dass Frauenstiftungen und die Frauen und Mädchen, für die sie da sind, gedeihen.

In den 15 Jahren ihres Bestehens ist filia gewachsen und hat sich auch intern stark verändert. Mit dem Wachsen und Weiterentwickeln der Stiftung ist auch ein Generationenwechsel verbunden. Wie geht ihr damit um, dass bei euch Frauen mit unterschiedlichen Hintergründen und Werten zusammentreffen?

Den Generationenwechsel haben wir bewusst herbeigeführt! Als wir 2012 unser Mädchenempowermentprogramm in Deutschland starteten, war für uns klar, dass junge Frauen über die Förderung mitentscheiden sollen. Wir haben den ersten Mädchenbeirat einer deutschen Stiftung gegründet. Seither haben schon insgesamt 28 Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 24 Jahren uns ihre Expertise zur Verfügung gestellt. Darunter waren und sind schwarze Mädchen, bisexuelle, lesbische und Trans*, Mädchen mit Behinderung, Of Color und Roma – eine so diverse Gruppe ist schon etwas Einmaliges. Auch unsere Unterstützerinnenschaft ist divers. Unsere scheidende Stiftungsratsvorsitzende Stefanie Hoogklimmer hat es jüngst auf der Jahresversammlung so ausgedrückt: „Diversität und Wertschätzung auf allen Ebenen – das macht den Unterschied!“ Wir sehen Verschiedenheit als eine Ressource. Wenn es Verständigungsschwierigkeiten gibt, suchen wir nach dem gemeinsamen Boden, auf dem wir stehen – und der ist für alle: die Welt für Frauen und Mädchen besser machen.

Maedchenbeirat

Der Mädchenbeirat 2016 (© filia. die frauenstiftung)

filia wird auch von vielen Ehrenamtlichen unterstützt. Was ist der Stellenwert des Ehrenamts in der Stiftungsarbeit?

filia ruht auf vielen Schultern. Wir haben einen ehrenamtlichen Vorstand. Gremien wie der Stiftungsrat und der Mädchenbeirat arbeiten ehrenamtlich. Auch unsere Stifterinnen und Förderinnen tun sich zu Regionalgruppen zusammen und stellen ehrenamtlich was auf die Beine. Frauen bleiben uns verbunden, so wie du – du hast ja gerade unsere Jubiläumsbroschüre für uns Korrektur gelesen! Die ehrenamtliche Arbeit, die bei uns einfließt, beträgt weit über 1000 Stunden im Jahr. Die Frauen und Mädchen, die ihre Zeit und Kraft bei uns einbringen, haben Lust, sich mit etwas zu verbinden, das wirkt. Sie haben Lust, sich für andere einzusetzen und dadurch ihren Zielen ein Stück näher zu kommen. Wie unsere Mädchenbeirätin Francesca Geist ausdrückt: „Man unterstützt und wird dadurch selbst gestärkt.“

filia versteht sich explizit als Tochter der weltweiten Frauenbewegung. Was ist deiner Meinung nach die Rolle des Feminismus in der Gegenwart?

Feminismus ist für mich eine politische Haltung. Es geht darum, die Verteilung von Macht und Privilegien kritisch zu hinterfragen. Deshalb ist die Intersektionalität für uns besonders wichtig – das bedeutet, immer darauf zu achten, welche anderen Diskriminierungsformen noch im Spiel sind – zwischen Menschen verschiedener Geschlechter, verschiedener Hautfarben oder sozialer Zugehörigkeiten. Wir haben nicht nur Sexismus im Blick, sondern auch Rassismus oder „Ableism“, was das englische Wort für die Benachteiligung von Menschen mit sogenannter Behinderung ist. Unsere Gründungsstifterin Ise Bosch sagt, dass Veränderung in einer Gesellschaft meist von den Rändern ausgeht. Wenn eine marginalisierte Gruppe, beispielsweise schwarze Lesben, ihre Rechte einfordert, bestärkt sie dabei die Gültigkeit der Menschenrechte für alle, und das ist für alle gut. Der Feminismus hat ein feines Gespür für Ungleichheiten. Wir bemühen uns, auch in unserer Arbeitsweise unsere Werte umzusetzen – und damit auch der Wandel zu sein, den wir erzeugen wollen.

Als konkretes Beispiel dafür, was bewirkt werden kann, wenn Frauenorganisationen zusammenarbeiten, hat Claudia hier über die Situation von Flüchtlingsfrauen in Deutschland und das Projekt EmpowerVan geschrieben. Mehr über filia. die frauenstiftung, darunter auch konkrete Projektbeispiele und Fördermöglichkeiten, gibt es auf der Website von filia nachzulesen

Nachtrag: Mit diesem Beitrag nehmen wir an der Blogparade der Digital Media Women zum Thema #Sisterhood teil, weil auch wir ein entschiedenes Ja zum Miteinander und nicht Gegeneinander von Frauen aussprechen wollen.

Autor: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

Ein Kommentar

  1. Frauke Ehlers

    Liebe Martha, ein sehr schönes Interview! Danke

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