Ein Mädchen sitzt an einem Feldweg auf einer Schranke.

Inklusion: Der Literaturbetrieb ist nicht barrierefrei!

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Das Wort „Inklusion“ ist in aller Munde und doch sind wir noch weit davon entfernt. Im Herbst 2017 erschien das Buch „Inklusive Kulturpolitik. Menschen mit Behinderung in Kunst und Kultur“. Die von Jakob Johannes Koch herausgegebene Aufsatzsammlung* stellt Organisationen und Initiativen vor, in denen behinderten und nicht behinderten Künstlern barrierefreier Zugang zu den Ressourcen des Kunstbetriebs ermöglicht wird. Für bildende Künstler gibt es zum Beispiel den Verein InsiderArt mit Sitz in Berlin. Aber im Bereich der Literatur gibt es nichts Vergleichbares.

Brauchen wir so etwas nicht? Ist unser Literaturbetrieb barrierefrei? Was bedeutet das überhaupt?
Unter einer Barriere stellt man sich gewöhnlich eine Schranke vor, die einen am Weitergehen hindert. Für Gehbehinderte können Bordsteine und Stufen Barrieren sein. Im Literaturbetrieb sind Barrieren nicht sofort sichtbar. Es handelt sich aber auch hier um verhinderte Zugangschancen.

Behinderung ist echt ein Nachteil

Im harten Wettbewerb um Spitzentitel und Top-Themen können viele Autorinnen und Autoren nicht Schritt halten. Physische und psychische Einschränkungen, die die Autorin hindern, ständig Höchstleistungen zu erbringen, führen auch zu Ausgrenzungsverhalten seitens der literarischen Entscheidungsträger (Agenten, Verlage, Jurys, Veranstalter). Es fällt den betreffenden Autorinnen oftmals schwer, die erforderlichen Statussymbole zu erlangen, die für ihr Weiterkommen Voraussetzung sind. Es gibt nur wenige Vorzeigepromis. Ein Beispiel ist die Autorin, Moderatorin und Bloggerin Ninia Binias. Sie hat es geschafft, von den großen Medien wahrgenommen zu werden, und ihre Blogs haben eine große Reichweite. Aber sie vertritt nicht die Allgemeinheit. Denn die meisten haben nicht ein solch hohes Potenzial und Selbstbewusstsein, um dem Handicap trotzen zu können. Ein Handicap bleibt ein Mangel, das sagt auch Ninia Binias. Sie wurde von der Zeitschrift „Brigitte“ (17/2019, S. 14f) gefragt:

„Wer im Rollstuhl sitzt oder wie Sie kleinwüchsig ist, wird neuerdings gern als ‚Mensch mit besonderer Begabung‘ bezeichnet statt als Behinderte*r. Das ist gut gemeint, aber Sie hassen es. Warum?“

Antwort von Ninia Binias:

„Es ist nun mal eine Tatsache, wenn jemand behindert ist. Sagt es einfach!“

Stichworte: Minderheit und Trauma

Sich in den Literaturbetrieb zu integrieren, scheint für Menschen mit Behinderung eine besondere Herausforderung zu sein:
Die Barrieren, das heißt fehlender Zugang zu Verlagen, Lesungsorten, Pressereaktionen, sind für sie besonders hoch. Autorinnen mit Behinderung agieren oftmals in einer kulturellen Nische und haben als „Betroffene“ ein Minderheitenbewusstsein, welches die Teilhabe am Mehrheitenmarkt erschwert. Die Autorinnen thematisieren ihre Behinderung oftmals nicht, aus Angst, in der Nischenkultur zu verbleiben.

Das Handicap wirkt zudem als Einschränkung, die auch das Schreiben beeinflusst, was wiederum in die Nische führt (Stichwort Betroffenheit):
Die meisten Behinderten sind durch ihre Behinderung und die damit gemachten Erfahrungen traumatisiert. Sie verspüren ein Bedürfnis nach Verarbeitung. Das heißt, ihre Literatur hat rasch eine autobiografische Färbung. Die Literaturproduktion erfolgt oft, um zu bewältigen und seltener, um den Leser zu bedienen. Dieses ist im etablierten Literaturbetrieb jedoch nicht so gern gesehen: Autorinnen und Autoren sollen ihre Stoffe im Griff und eine ästhetische Distanz zu ihren Themen haben. Das ist mit einem noch aktiven Trauma aber meistens nicht möglich.

Ein Mädchen sitzt an einem Feldweg auf einer Schranke.

Mädchen auf Schranke. Bild: pixabey/brenkee.

Das Erfolgsmodell

Im Literaturbetrieb zählt das Erfolgsmodell. Selbst, wenn es einer Autorin im Leben mal schlecht gegangen ist, zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihr Buch präsentiert, muss es ihr gut gehen. Sie muss sagen können: „Ich habe es geschafft und ihr könnt es auch schaffen, wenn ihr mein Buch lest.“ Keine stellt sich auf die Bühne und sagt: „Ich habe es nicht geschafft.“ Das ist es auch meistens, was die Leserinnen wünschen, denn sie wollen zu ihren Autorinnen aufschauen und sich mit ihnen identifizieren. Das Erfolgsmodell geistert auch durch die Publikationslandschaft: Verlage suchen explizit Romane mit starken Figuren. Heldinnen sollen ein positives Bild vom Frausein vermitteln, indem sie ihre Probleme nach einigen Aufs und Abs schließlich souverän meistern. Eine Frau mit Behinderung ist da nicht gefragt, vor allem, wenn sie sich schwach und anderen unterlegen fühlt.

Das gilt für die Romanfigur ebenso wie für die Schriftstellerin im wirklichen Leben. Behinderung hat mit Schwäche zu tun, mit einer Form von Hinderung eben.
Dazu kommt, dass eine behinderte Person sich selbst ständig in der Rolle der Patientin und Hilfeempfängerin erfährt. Daraus auszusteigen und in die Position der Macherin zu schlüpfen, ist nicht immer einfach. Schwäche ist auf dem Markt nicht gefragt. So ist es nur in den seltensten Fällen möglich, offen zu sagen: „Ich habe es nicht geschafft“ oder auch nur einzuräumen: „Dies und das ist mir nicht gelungen.“ Der Literaturbetrieb fordert aber objektive Stärke. Wer einknickt und nicht mithalten kann, hat das Erfolgsmodell verfehlt.

Menschen mit Behinderung können ihre Defizite zwar oft mit anderen Stärken ausgleichen. Es sind dies aber nicht immer die Stärken, die der Literaturbetrieb fordert: wie Leistungsdenken, ständig unter Zeitdruck arbeiten können, Vorgaben und Aufträgen von Verlagen termingerecht folgen, souverän verhandeln, vor großen Menschenmengen sprechen. Nur Autorinnen und Autoren, die sich einen großen Namen gemacht haben, können bei den Entscheidern Rücksichtnahme auf ihre Schwächen einfordern. Die anderen geben entweder auf oder sie beschränken sich auf Nischenkulturen.

Man kann jetzt sagen, so ist die Welt eben und Randgruppen haben nun mal die Eigenschaft, von den Rändern herunterzufallen, aber das widerspricht dem Inklusionsgedanken. Oder sie sollen doch etwas anderes machen als Literatur. Dies sehe ich aber nicht so, denn Literatur hat ja eigentlich etwas mit Gefühlen zu tun, und dazu gehört auch Angst und Leid.

Was können wir besser machen?

Der Literaturmarkt sollte offener werden. Nicht nur die Gesetze des Marktes sollten zählen, sondern auch der literarische Austausch und die Kommunikation. Wenn der Wert des geschriebenen Wortes nicht nur als Marktwert gemessen wird, können auch Schwächen Akzeptanz finden und Randpositionen auf Interesse stoßen. Eine Rückbesinnung auf Inhalte kann auch den Blick darauf verändern, was als stark oder als schwach eingestuft wird.
Die BücherFrauen leben so etwas bereits vor: Frauen aus verschiedenen Sparten der Literaturarbeit wirken zusammen, der Zugang steht eigentlich jeder literaturschaffenden Frau offen und es hat keinen sichtbaren Nachteil, wenn eine Frau behindert ist.

Diversität und Inklusion ist das Jahresthema der BücherFrauen 2019. Wir fragen uns, wie divers und inklusiv sind wir wirklich? Was können wir tun, um mehr Diversität und Inklusion zu ermöglichen. Lesende sind herzlich eingeladen, sich mit Ideen, Anregungen und Meinungen in den Kommentaren an dem Thema zu beteiligen.

Zu sehen ist die Autorin Susanne Konrad, mit Brille

Autorin: Susanne Konrad. (Foto: Michael Kleinespel)


* Jakob Johannes Koch (Hg): Inklusive Kulturpolitik. Menschen mit Behinderung in Kunst und Kultur. Verlag Butzon und Bercker, September 2017.
www.inklusive-kulturpolitik.de

Autorin: Susanne Konrad

Susanne Konrad lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. 1965 in Bonn geboren, studierte sie Literaturwissenschaft und Geschichte. 1995 promovierte sie über Goethes „Wahlverwandtschaften“. 2005 erschien ihr erster Roman „Camilles Schatten“. Die Autorin hat (auch als Dr. Susanne Czuba-Konrad) Fachbücher zu den Themen „Integration“ und „Kreatives Schreiben“ veröffentlicht, ferner zahlreiche literarische und redaktionelle Beiträge. Schwerpunkte ihrer schriftstellerischen Arbeit sind der Entwicklungsroman sowie Prosa zu den Themen Diversität, Heimat, lokale Identität. Im Herbst 2017 erhielt sie ein Arbeitsstipendium vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. www.susanne-konrad.de

4 Kommentare

  1. Ein schönes Wort „Inklusion“, dessen Umsetzung noch sehr lange dauern wird, oder?
    Wie lange wurden den Menschen mit Behinderung ausgeschlossen. Bis diese Menschen überhaupt erst in die öffentlichkeit kommen durften und die Fam. mußte sich nicht mehr Schämen weil ein Kind Behindert war.
    Da kommt die Unterscheidung, wie hebe ich die Unterschiede auf. Ein Mensch der aus der Föderschule kommt, welche Chancen hat er in dieser Gesellschaft? Den er hat keinen Schulabschluss. Menschen mit Behinderung die diesen weg nicht einschlagen mußten und einen Schulabschluss haben sind auch in der Lage weitergehende Abschlüße zu erreichen und erleben mit den Baulichen Barrieren die Ausgrenzungs erschwernisse.
    Aber die Menschen die ich im Visier habe sind, meistens in einer Wfbm also einer Werkstatt für Behinderte Menschen. Das ist sicher nur ein Teil der Menschen mit Behinderungen Auf jedenfall aber über 300 000 ohne Förderstellen.
    Die werden zum einen wegen der oftmals, der nicht vorhandenen Baulichen Barrierefreiheit ausgeschlossen.
    Zum anderen ist es auch eben die nicht Barrierefreiheit in der Schreibweise.
    Aber wenn man das Wort Inklusion benutzt, dann sind halt alle Menschen gemeinsam angesprochen. Oder sehe ich das Falsch?
    Das sind erst mal meine Gedanken dazu.
    ehemaliger Bundevorsitzender der Werkstattbeschäftigten

  2. Fortsezung:
    Aber im Bereich der Literatur gibt es nichts Vergleichbares, schreiben Sie.
    Natürlich kommt es auf den Anspruch an, der gestellt wird.
    Denn es gibt Bücher in Leichter Sprache. Die waren auch auf der Buchmesse.
    Das ist eben nur die Sprache, welche manche Menschen eben auf Grund ihres Bildungswege verstehen können.
    Aber diese Menschen da abzuholen wo sie gerade stehen, könnte für alle eine Chance sein.
    Noch dazu wenn sie den Mut haben sich dem Schreiben hinzugeben in der Schreibweise die sie Verstehen.

    • Besten Dank, Herr Weber für Ihre Beiträge. Es gibt bereits einige BücherFrauen, die sich mit Leichter Sprache beschäftigen. Entweder schreiben sie selbst in Leichter Sprache. Oder sie unterstützen Autorinnen und Autorinnen dabei, ihr Werk verständlicher zu machen. Sicher ein Thema, das in Zukunft noch wichtiger werden wird.

  3. Lieber Herr Weber,
    beim „Bereich der Literatur“ habe ich eher an die Schreibenden/die LiteraturproduzentInnen mit Behinderung gedacht, die kaum Teilhabe am System „Literaturbetrieb“ finden, nicht so sehr an die LeserInnen (RezipientInnen), von denen Sie sprechen: Die Bedeutung der Leichten Sprache für finde auch ich natürlich wichtig.
    Freundliche Grüße
    Susanne Konrad

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