BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Keynote von Zoë Beck: Sexismus in der Buchbranche

| 3 Kommentare

Die Keynote zur Eröffnung der Jahrestagung der BücherFrauen hielt in diesem Jahr die Autorin, Verlegerin und Übersetzerin Zoë Beck zum Thema „Sexismus in der Buchbranche“. Hier jetzt nochmal zum Nachlesen.

Zoë Beck © Victoria Tomaschko

Zoë Beck © Victoria Tomaschko

Als vor ein paar Wochen Julian Reichelt dann doch gehen musste, war meine Freude zunächst groß. Und nicht nur meine, ein paar Stunden lang brummte mein Handy fast ununterbrochen, weil auch meine Freundinnen die Nachricht nicht allein feiern wollten. Obwohl keine von uns direkt betroffen war.

Ich denke, diese grimmige Freude hat eine Menge damit zu tun, dass wir letztlich alle noch auf das #metoo der Buchbranche warten. Seit Jahren haben wir unsere Listen im Kopf, mit den Namen derer, die es eigentlich treffen müsste, aber es ist schwierig. Woher kommen die Beweise, was gilt als Beweis, wenn die Machtdynamiken doch häufig sehr viel komplexer sind, als es sich in zwanzig Minuten darstellen lässt? Oder wenn Dinge hinter verschlossenen Türen geschehen? Oder wenn Angst und Scham eine Rolle spielen, weil Frauen nicht geglaubt wird, oder – weil, wie man am Fall Reichelt gesehen hat, alles nur ein Kavaliersdelikt ist, ein Spiel, eine Marginalie, und schon stehen lauter Männer aus der konservativen Ecke (und nicht nur aus der) auf der Matte und bekunden ihre Solidarität, und es gibt auch genügend Frauen, die der Meinung sind, man möge sich doch nicht so anstellen. Was also, wenn es um mehr geht als um harte, belegbare Fakten?

Ich sage mehr, wo andere weniger sagen würden. Weniger, weil: Ist ja nichts passiert, ignorier halt die Pornomails von dem Literaturkritiker, der war sicher besoffen. Der Verleger hat dir die Hand aufs Knie gelegt und wollte mit dir über erotische Literatur reden, obwohl du ein sehr anderes Manuskript angeboten hast? Einfach auslachen. Die Herren Geschäftsführer sprachen auf der Messe darüber, an deinen Absätzen lecken zu wollen? Sieh’s als Kompliment.

Aber es ist eben nicht weniger, es ist mehr, weil es hier um das ganze System geht. Um eine Atmosphäre, ein Universum, in dem wir alle leben und dessen Regeln wir alle mehr oder weniger befolgen, direkt oder indirekt, und sich dagegen aufzulehnen erschöpft ungemein. Ein System, das weithin akzeptiert wird. Das System Reichelt – und hier wäre der Nachname austauschbar mit so vielen anderen – lebt davon, dass weggeschaut wird, dass man sich wegduckt, dass man froh ist, wenn es eine nicht selbst trifft, dass andere nicht zuhören wollen, dass gesagt wird: Ach ja, der ist schon immer so.

Der Mann ist schon immer so, boys will be boys, und gemeint ist damit im Grunde: Die Verhältnisse waren nun mal schon immer so. Frauen schreiben eher Genre, sind im Taschenbuch besser aufgehoben, haben ihre Frauenthemen, die natürlich nischig sind (weil, wir sind ja nur die Hälfte der Weltbevölkerung) und für die sich kein Mann interessieren dürfte (wozu auch, die Frau, das unbekannte Wesen, gibt eh nur Probleme), Frauen sollten möglichst unter 40 sein, siehe ->Fräuleinwunder, verfügbar außerdem (bloß keine lesbischen Identitäten), Frauen schreiben gefühlvoller und adjektivreicher, haben andere Farben auf dem Cover, und wie lange soll ich die Liste noch fortsetzen?

Mit diesen traditionellen Frauen sind dies, Männer sind das, Venus-und-Mars-Zuschreibungen sollte doch langsam Schluss sein, aber irgendwie halten sie sich doch noch hartnäckig. Klar sind wir ein grandioses Stück vorangekommen seit den 1950er-Jahren. Aber es reicht noch nicht.

Die Zahlen kennt ihr sicherlich alle, die in den letzten Jahren dank #frauenzählen und aufwendigen Erhebungen der Bücherfrauen und anderer fleißiger Datensammlerinnen zusammengetragen wurden, und wir wissen jetzt:

  • 80 % Frauen arbeiten in der Buchbranche, aber nur 20 % sind in Führungspositionen
  • Mehr Männer werden im HC veröffentlicht als Frauen
  • (Daraus ergibt sich:) Mehr Männer werden von der Kritik besprochen
  • (Daraus ergibt sich:) Mehr Männer bekommen Preise

Und nein, es schreiben nicht mehr Männer als Frauen. Aber darüber reden wir seit Jahren. Schaut euch die Sachbuchprogramme der großen Verlagshäuser an. Wer erklärt die Welt, die Geschichte, die wirklich wichtigen Themen? Genau.

Es geht nicht nur um die Spitzenpositionen und Spitzenplatzierungen. Die sind lediglich ein Symptom dafür, was insgesamt immer noch schiefläuft. Wir haben ja gesehen, dass 16 Jahre mit einer Bundeskanzlerin noch keine Parität bringen. Die Gewichtung, die durch Spitzenpositionen und Spitzenplatzierungen gesetzt wird, hat bewusste wie unbewusste Auswirkungen – zugunsten der Männer. Der weißen cis hetero Männer. Diese Gewichtung prägt, wie wir die Welt sehen und wie wir neue Welten schaffen. Sexismus geht nicht nur von Männern in Machtpositionen aus, aber dort zeigt er sich am deutlichsten. Sexismus tragen wir, wenn es schlimm läuft, und das tut es immer noch, alle mit. Durch Schweigen, Dulden, durch Reproduzieren von Rollenbildern usw. Durch all das, womit wir aufgewachsen sind, was uns anerzogen wurde, womit wir in den alltäglichen Narrativen konfrontiert werden.

Da müssen wir den Blick leider auch auf uns selbst richten und aufhören mit „Also mir ist sowas noch nie passiert“ oder „Ich bin eigentlich ganz zufrieden“ oder „Ein Frauenbuchpreis ist überflüssig, den würde ich niemals annehmen“ (an dieser Stelle danke dafür, dass es nun endlich die Christine gibt, da ist ein lang gehegter Traum von mir wahr geworden!), „Ich halte nichts vom Gendern“, „Ich will doch nicht als Emanze belächelt werden, da vergraule ich ja die (wichtigen) Männer“ … Ihr seht schon. Und ja, es bleibt wieder viel zu viel Arbeit an den Frauen hängen, wo sich doch eigentlich die Männer ändern müssten.

An dieser Stelle sei kurz gesagt, dass ich weiß, wie stark vereinfacht mein binäres Vortragen hier ist. Nicht alle Männer. Ja. Und eben auch nicht alle Frauen. Und Sexismus ist nur eine von vielen Formen der Diskriminierung, die alle aber letztlich zusammenhängen. Diskriminiert wird, was und wer nicht ins weiße, heterosexuelle, christlich/eurozentristisch geprägte cis-männliche Weltbild passt, das als „Norm“ und damit als gesetzt gilt.

Wir arbeiten jeden Tag an unserer Weltsicht, und indem wir etwas mit Büchern machen, die von anderen Menschen gelesen werden, beeinflussen wir auch die Weltsicht anderer. Da können wir eingreifen und neue Sichtweisen öffnen. Genau wie jeden Tag bei jedem Gespräch mit der Nachbarschaft oder im Supermarkt. Wir können an jeder Ecke sanft und unsanft darauf Einfluss nehmen, dass es so wirklich nicht mehr geht. Dass es kein Zurück in die gute alte Zeit vor #metoo geben kann, damals, als man noch dies und das durfte … Oh bitte.

Ja, wir Frauen übernehmen da wieder einen Großteil an kostenloser Carearbeit, um irgendwie diese Gesellschaft und vielleicht auch die Welt zu retten. Während der Corona-Lockdowns haben wir noch deutlicher gesehen, wie viel Carearbeit an Frauen hängenbleibt. Arbeit, die nicht nur nicht bezahlt ist, sondern Frauen auch unsichtbar macht, weil sie dadurch aus den vermeintlich wichtigen Kontexten herausgezogen werden.

Und damit sind wir beim Thema dieser Tagung: Sichtbarkeit. Sexismus hat nämlich eine Menge mit Sichtbarkeit zu tun. Unsere weibliche Sichtbarkeit wird nicht von uns bestimmt, sondern vom männlichen Blick. Was dieser Blick sehen will, und das muss sich natürlich nachhaltig ändern. Ich sage nachhaltig, weil es dank der Frauenbewegung schon eine Sichtbarmachung von Frauen in der Kunst-, Musik-, Literatur-, Wissenschaftsgeschichte usw. gab. Nur wurden diese Frauen dann seltsamerweise wieder vergessen. Weil sie dann doch nicht in die Geschichtsbücher und Anthologien aufgenommen wurden oder in den Kanon, der für Schulen und Universitäten gilt. Wir erleben gerade eine neue Welle der Sichtbarmachung. Und wir müssen dafür sorgen, dass es diesmal bei der Sichtbarkeit bleibt.

Dass es nicht wieder zu einem Vergessen kommt, einem Marginalisieren. Dafür, dass die patriarchal geprägte Gesellschaft, unsere Kultur sie nicht wieder versenkt. Dafür, dass es eine neue, diverse Kultur gibt, die gültig bleibt, die Bestand hat. Männer wuppen nicht alles, während Frauen im Hintergrund stricken. Das war noch nie so, es ist nur ein Narrativ. Und wir sind in der Branche, die sich mit Narrativen auskennt. Wir können das kippen. Die Fakten sprechen sowieso für uns.

Wir können sicherlich auch darauf einwirken, dass diese ganze Arbeit nicht allein an uns hängenbleibt. Das wird vermutlich schwierig. Die meisten einflussreichen Positionen sind nun mal von Männern besetzt, von weißen Männern, die so gut wie keine Diskriminierungserfahrung besitzen und die ungern ihre Plätze räumen wollen. Euch ist sicherlich aufgefallen, dass Männer selbst nach großen Kontroversen hinterher wieder miteinander rumkumpeln, während Frauen gern auch lebenslang zerstritten sind. Das hat mit den fehlenden Plätzen für Frauen zu tun. Und mit dem Raum, den Männer nun mal haben, dessen sind sie sich durchaus bewusst. Daher die Angst vor Quoten.

Den Raum müssen wir uns nehmen, in jeder Hinsicht. Kulturell, sprachlich, historisch, ganz konkret, indem wir Positionen besetzen. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Diversität bei diesem Raumnehmen nachhaltig bleibt. Wir müssen die Räume weiter öffnen und offenhalten, damit wir nicht das Denken und die Strukturen des Patriarchats übernehmen. Dazu müssen wir sichtbar werden und vor allem bleiben.

Autor: Zoë Beck

Zoë Beck ist Autorin, Übersetzerin und Co-Verlegerin von CulturBooks.

3 Kommentare

  1. Danke Zoe Beck!

  2. Ich kann mir gut vorstellen, dass so eine einfache Unterteilung der Welt in Have und Have Nots basierend auf dem Geschlecht ungemein ordnend und beruhigend wirkt. Öffnet man sich jedoch realen Erfahrungen, merkt man schnell, dass Menschen ständig und von allen Seiten allen möglichen Arten der Diskriminierung und Demütigung ausgesetzt sind – nicht nur solche, die auf dem eigenen Geschlecht beruht. Insofern erfahren natürlich auch Männer Diskriminierung und Demütigung – alte, dumme, schwache, süchtige, arme, faule, usw.; die Tatsache, dass Führungsetagen in einer weißen, europäischen Mehrheitsgesellschaft von weißen Europäern besetzt werden, kann auch nur durch die ideologische Linse als Unterdrückung interpretiert werden. Dass es Männer sind, hat nachweislich biologische Gründe, ansonsten würde sich dieser Umstand nicht weltweit (also unabhängig von der Kultur) reproduzieren lassen.

    Darüber hinaus ist es natürlich anmaßend das Streiten für eigene Privilegien in Form von Quoten und kultureller Veränderung von Buchgeschmäckern als “kostenlose Care-Arbeit” zu bezeichnen. Welche Bevölkerungsgruppe musste denn nicht für die eigenen Rechte einstehen? Warum sollten Menschen, deren Rechte auf Kosten einer anderen Gruppe beschnitten werden sollen denn zusätzlich auch noch die Arbeit übernehmen diese Veränderung herbeizuführen?

    • Dass es auch andere Probleme auf der Welt gibt, bestreitet keine, ist hier aber nicht das Thema.
      Und dass sich deutlich mehr Männer in Führungspositionen befinden, hat keineswegs biologische Gründe, s. die Frauen, die Unternehmen und Staaten führen – und zwar oft genug besser als Männer.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.