#lesbar im September – Von Übersetzungskritik bis Vielfalt im Buchhandel

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Der Herbst ist da und mit ihm lauschige Abende im Lesesessel. Während die Vorfreude auf die Frankfurter Buchmesse steigt, sorgt das Netz dafür, dass uns bis dahin nicht der Lesestoff ausgeht. Unsere Empfehlung: einfach mal unter dem Hashtag #vielfaltdurchlesen die sozialen Medien durchstöbern und sich von „der buntesten Literaturliste Deutschlands“ inspirieren lassen – eine schöne Aktion vom binooki-Verlag. Weitere bunte Lesetipps gibt es natürlich wie immer auch hier bei uns. In diesem Monat empfehlen wir eine spannende Diskussion über Übersetzungskritik, einen Bericht über den Start des Digitalen Deutschen Frauenarchivs, einen Beitrag zu den Hintergründen der Aktion #lesemittwoch und eine Stellungnahme zur (Nicht-)Platzierung populistischer Bücher im Buchhandel. Viel Spaß beim Lesen!

Der 30. September ist Internationaler Übersetzertag. Passend dazu empfehlen wir eine interessante Diskussion übers Übersetzen, die sich in den letzten Monaten zwischen der Literaturkritikerin Sieglinde Geisel und dem Übersetzer Felix Pütter entsponnen hat. Anlass war ein Vortrag, den Geisel im Juni auf der Jahrestagung des Vereins der deutschen Übersetzer gehalten hat. Darin stellt sie die Macht der Übersetzer*innen heraus, den Originaltext nach ihren eigenen Kriterien in eine neue Sprache zu übertragen, ohne dass diese sichtbar werden: „Zu einer literarischen Übersetzung gehört m. E. ein Kommentar der Übersetzerin, denn ich möchte wissen, welche Entscheidungen sie getroffen hat. Welche Parameter der Ausgangssprache lassen sich im Deutschen nicht abbilden – und welche muss man wiederum ergänzen? Welche Freiheiten hat sich die Übersetzerin genommen, welche hat sie sich versagt? Was hat sie dazu gedichtet, und was ist lost in translation?“ Pütter antwortete darauf mit einem Beitrag, in dem er die Interpretationsleistung beim Lesen jedes Textes betont: „Wer Übersetzungen liest, hat die einmalige Chance, anderen beim Lesen zuzuschauen, zuzuhören, ja: zuzulesen. Noch dazu anderen, die mit Sicherheit viel genauer gelesen haben als man selbst.“ Das gesamte Gespräch (hier Geisels Replik auf Pütter, hier wiederums Pütters auf Geisel) ist sehr lesenswert und interessant, auch für Nicht-Übersetzer*innen, behandelt es doch Themen, die uns alle zumindest als Leser*innen betreffen: das Verhältnis von Originaltext und Übersetzen, Interpretation und Kritik.

Passend zum Jubiläum von 100 Jahren Frauenwahlrecht ist im September das Digitale Deutsche Frauenarchiv online gegangen, ein interaktives Portal zur Geschichte der Frauenbewegungen in Deutschland. Die Frauenarchive, die im i.d.a.-Dachverband organisiert sind, machen darin ausgewählte Materialien aus ihren Beständen zugänglich und ermöglichen faszinierende Einblick in die deutsche Frauen- und Lesbengeschichte. Die Journalistin und Historikerin Juliane Brumberg schreibt auf „beziehungsweise weiterdenken“ über die Vorgeschichte des DDF und sein Potenzial.

In den sozialen Medien schlugen in diesem Monat die Wellen höher, als Thalia eine Marketingkampagne mit dem Titel „Mittwoch ist Lesetag“ ankündigte – und damit eine Idee und einen Hashtag aufgriff, den die Kölner Buchhandlung Neusser Straße bereits im Juli etabliert hatte. Wibke Ladwig, Coachin für Digitale Kommunikation und Bloggerin, hat die Aktion #lesemittwoch gemeinsam mit der Buchhändlerin Dorothee Junck entwickelt und ins Leben gerufen. Im Börsenblatt schildert sie ihre Idee, einen digitalen Raum fürs Lesen zu schaffen, und die Problematik, diesen für kommerzielle Zwecke zu kapern: „Mit einem Aktions-Hashtag schafft man einen digitalen Raum, in dem für die Teilnehmenden Erwartbares und Erwünschtes passiert, und damit eine starke Gemeinschaft, die auf Vertrauen und dem Miteinander beruht. Werden nun mit dem Ziel, Bücher und Veranstaltungen vor Ort zu verkaufen, wahllos Fotos von Lesungen, Rabattaktionen oder sonstigen Handelsaktionen unter dem Hashtag gepostet, wird die Idee digital verwischt – und das Hashtag unbrauchbar.“

Im August erschien das neue Buch von Thilo Sarrazin und löste on- wie offline einige Diskussionen darüber aus, wie im Buchhandel am besten damit umgegangen werden sollte. Einige Buchhändler*innen machten ihre Weigerung öffentlich, es in ihr Sortiment aufzunehmen, andere argumentierten, dass sie damit bloß der Nachfrage entsprächen. Buchhändlerin und Verlegerin Martina Bergmann schreibt auf ihrem Blog über ihren Umgang mit dem Buch: „Was treibt Menschen, sich diesen Unsinn reinzutun? Fünfundzwanzig Euro für Blabla, sinister. Verquirlten Mist, Vorurteile, Gemeinplätze. Schlecht sitzende Schlüpfer aus Polyester, die schon riechen, bevor man sich hineingequetscht hat. Wer zieht sowas an, und warum? Jeder hat sein schmutziges Geheimnis, aber es muss ja nicht nach außen stinken. Ich will das nicht in meiner Nase, in meinem Laden, dieses faulig wabernde Gemoser. Ich bestelle den Sarrazin weiter, ich halte nichts von Zensur. Aber den Ertrag stecke ich von nun an in ein Schwein. Zehn Euro pro Buch. Mal sehen, was zusammenkommt.“


Jeden Monat erscheinen im Netz so viele anregende und aufregende Texte, dass wir mit dem Lesen oft gar nicht mehr hinterherkommen. #lesbar sammelt diese Perlen und präsentiert sie jeden letzten Donnerstag im Monat auf dem BücherFrauen-Blog – handverlesene Lese- und Teilempfehlungen zu Themen, die BücherFrauen und andere buchbewegte Menschen interessieren.

Was findet ihr #lesbar? Schickt uns eure Artikelempfehlungen für den nächsten Monat!

 

Autorin: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

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