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Verboten und verbrannt – Autorinnen und die Bücherverbrennung: Hermynia Zur Mühlen

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Die öffentlichen Bücherverbrennungen mit ihren „Feuersprüchen“, bei denen die Bücher ins Feuer geworfen wurden, waren der vorläufige Höhepunkt der vierwöchigen „Aktion wider den undeutschen Geist“, die bereits am 12. April 1933 begonnen hatte. – Eine der Autorinnen, deren Werk während der Zeit des Nationalsozialismus verboten wurde, war Hermynia Zur Mühlen.

Der Bibliothekar Wolfgang Herrmann hatte im Auftrag der Nationalsozialisten die sogenannte „Schwarze Liste“ erstellt, eine vorläufige Übersicht jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer „zersetzender Schriften“ und deren Autoren und Autorinnen. Auf dieser wurden Bücher aufgeführt, die aus Buchhandlungen und Bibliotheken entfernt werden sollten. Diese Liste war allerdings erst der Anfang der systematischen Vernichtung dieser Werke, denn sie wurde laufend ergänzt.

Es gab allerdings lokale Unterschiede, so wurden auch Bücher von Autoren und Autorinnen verbrannt, die am 10. Mai 1933 noch nicht auf der „Schwarzen Liste“ standen.

Ende und Anfang. Ein Lebensbuch. Berlin und Weimar, Aufbau-Verlag, 1976

Dass die Schriftstellerin Hermynia Zur Mühlen, die aus dem österreichisch-ungarischen Hochadel stammte, nicht gleich auf der ersten Schwarzen Liste stand, sondern erst auf einer späteren, ist eigentlich verwunderlich, war die Schriftstellerin, die seit 1919 mit ihrem Lebensgefährten, dem jüdischen Übersetzer Stefan Isidor Klein, in Frankfurt am Main lebte, doch als „rote Gräfin“ durchaus bekannt. Durch ihren häufigen Kontakt mit AusländerInnen hatte sie dort Aufmerksamkeit erregt. Bereits seit 1921 wurde sie aufgrund ihrer Mitgliedschaft in der KPD und ihrer schriftstellerischen Betätigung u. a. für deren Parteiorgan Die südwestdeutsche Arbeiterzeitung ständig überwacht, auch dass sie „in wilder Ehe“ lebte, wurde im Polizeibericht vermerkt. Sie verließ die KPD allerdings aufgrund ihrer Ablehnung des Stalinismus. Seit 1928 hatte sie bereits nur noch in sozialdemokratischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht und bezeichnete sich seither als „linke Katholikin“.

Hermynia Zur Mühlen schrieb nicht nur für Zeitungen, sondern arbeitete auch als Übersetzerin (vor allem der Werke Upton Sinclairs, die bereits auf der ersten Schwarzen Liste standen), und ab 1921 verfasste sie auch eigene Bücher.

Sie war schon 1924 wegen ihrer Erzählung Schupomann Karl Müller des Hochverrats angeklagt worden, wurde aber ein Jahr später freigesprochen.

Dass sie Anfang 1933 bereits im Visier der Nationalsozialisten stand, macht die „Bilanz der Säuberungsaktionen“ seit dem Tag der Bücherverbrennungen, die im Völkischen Beobachter vom 21./22. Mai 1933 veröffentlicht wurde, deutlich: „Hermynia Zur Mühlen, bekannte Sozialistin, Mitarbeiterin von Emigranten-Blättern, schreibt ungestraft in der Frankfurter Zeitung.“

Zur Mühlen und Klein waren sich als politisch denkende Menschen, die sich gegen den Nationalsozialismus und gegen Krieg engagierten, der Lebensgefahr, in der sie sich befanden, natürlich bewusst. Noch bevor dieser Artikel erschien, waren sie bereits nach Wien, ihrer beider Heimatstadt, ins Exil gegangen.

In Deutschland wurden Verlage inzwischen aufgefordert, ihren AutorInnen davon abzuraten, in Emigrantenzeitschriften zu veröffentlichen, wobei die Monatsschrift Neue Deutsche Blätter aus Wien ausdrücklich genannt wurde. So wurde auch Hermynia Zur Mühlen vom Verleger des Engelhorn Verlags in Stuttgart, bei dem sie noch 1932 ihren Roman Das Riesenrad veröffentlicht hatte, aufgefordert, dem Beispiel von Alfred Döblin, René Schickele, Stefan Zweig und Thomas Mann zu folgen, die ihre Mitarbeit an der von Klaus Mann im Exil gegründeten Zeitschrift Die Sammlung eingestellt hatten. Zur Mühlen solle ihre Mitarbeit an den Neuen Deutschen Blättern beenden, da diese als Landesverrat angesehen wurde.

Nichts lag Hermynia Zur Mühlen jedoch ferner und sie bezog klar Stellung:

Werke, Band 4, Geschichten und Feuilletons. Wien, Paul Zsolnay Verlag, 2019. Ausgewählt, kommentiert und mit einem Porträt von Ulrich Weinzierl

Da ich Ihre Ansicht, das Dritte Reich sei mit Deutschland und die ,Führer‘ des Dritten Reiches seien mit dem deutschen Volk identisch, nicht teile, kann ich es weder mit meiner Überzeugung noch mit meinem Reinlichkeitsgefühl vereinbaren, dem unwürdigen Beispiel der von Ihnen angeführten vier Herren zu folgen, denen scheinbar mehr daran liegt, in den Zeitungen des Dritten Reiches, in dem sie nicht leben wollen, gedruckt und von den Buchhändlern des Dritten Reiches verkauft zu werden, als treu zu ihrer Vergangenheit und zu ihren Überzeugungen zu stehen.“ (in: Werke, Band 4)

 

 

 

 

Sie machte deutlich, dass sie die Solidarität mit jenen vorziehe, „die im Dritten Reich um ihrer Überzeugung willen verfolgt, in Konzentrationslager gesperrt oder ,auf der Flucht‘ erschossen werden.“ Das Dritte Reich bezeichnete sie in diesem Brief als „zur Wirklichkeit gewordenes Gräuelmärchen“, dem man keinen besseren Dienst erweisen könne, als es zu bekämpfen. Sie forderte ihren Verleger zudem auf, ihren Brief an das Börsenblatt sowie die Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums weiterzuleiten.

Nachdem ein Redakteur ihr gesagt hatte, dass er lieber humoristische Texte von ihr wollte statt ihrer politischen, schrieb sie als Reaktion den Roman Unsere Töchter, die Nazinen, der 1934 als Fortsetzungen in der saarländischen Zeitung Deutsche Freiheit erschienen war (also im damals noch autonomen Saargebiet) und 1935 als Buch bei Gsur in Wien. Darin beschreibt sie den aufkommenden Nationalsozialismus am Beispiel von drei Frauen und deren Töchtern in einem kleinen Ort am Bodensee. Dort erwähnt sie die Buchverbrennungen bereits:

Unsere Töchter, die Nazinen. Roman. Berlin und Weimar, Aufbau-Verlag, 1983

Am zehnten Mai, als auf dem großen Platz vor dem See der Scheiterhaufen aufloderte, auf dem die Bücher der letzten deutschen Kulturmenschen verbrannt wurden, war ich weit weniger empört als Kati und Fritz. Ich, die ich mein Lebtag Bücher über alles geliebt habe. Aber was hier von Barbarenhänden in die Flammen geworfen wurde, waren ja nur tote Buchstaben, die nichts fühlten, und das andere, was in die Hände der Feinde fiel, war lebendiges Fleisch, waren Menschen, die jeden Hieb empfanden. (…) Die Bücher, die für viele, die sie einmal gelesen hatten, nachher zu etwas Totem, Vergessenem geworden waren, werden nun in den Geistern und Herzen eine Auferstehung erleben und unsterblich sein. Aber ebenso unsterblich, ebenso unvergeßlich wird die Schande unseres Landes sein, in dem so etwas geschehen konnte.“ (aus: Unsere Töchter, die Nazinen, in: Werke Band 2)

Nach der Annexion Österreichs 1938 mussten Zur Mühlen und Klein erneut flüchten, diesmal nach Bratislava in der Tschechoslowakei, wo Klein früher eine Zeitlang gelebt hatte. Aber auch dort konnten sie nicht lange bleiben und flohen 1939 ins britische Exil.

Hermynia Zur Mühlen, die zahlreiche Romane aus dem Englischen, Französischen und Russischen übersetzt hatte, war eine der wenigen SchriftstellerInnen, die im britischen Exil auf Englisch schrieben, so auch ihren erst in England und später erst auf Deutsch veröffentlichten Roman Als der Fremde kam (in: Werke Band 2). Auch darin erwähnt sie die Bücherverbrennungen wieder. Diesmal geht es nicht um eine Leserin, sondern um den Autor Josef Braun, der nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in der Tschechoslowakei lebt und sich fragt, was er den „Menschen von heute“ zu sagen hätte, wo er sich früher eingebildet hatte, ihnen etwas zu sagen zu haben.

Als der Fremde kam. Roman. Berlin und Weimar, Aufbau-Verlag, 1979

Wenn ich an die Auflagen denke, die ich noch vor zehn Jahren in Deutschland hatte! Heute sind meine Bücher verbrannt, und eigentlich freut es mich. Wie kommen die dort drüben dazu, etwas zu lesen, das ein anständiger Mensch geschrieben hat. Sie sollen sich an ihre eigenen Schriftsteller halten. An die Leute, die immer alles mitgemacht haben, die, wenn sie erklären, daß die Kunst unpolitisch sei, eigentlich meinen, man dürfe es sich mit keinem verderben. Man kann ja nie wissen. Pack.“ (aus: Als der Fremde kam, in: Werke Band 2)

 

 

 

Abgesehen von den DDR-Ausgaben gibt es erst in den letzten Jahren wieder Neuauflagen ihrer überaus lesenswerten Bücher, die häufig eine Mischung aus Autobiografischem und Zeithistorischem sind. Hier ist vor allem die vierbändige Werkausgabe im Zsolnay Verlag hervorzuheben, die 2019 erschien.

Auf dem Bonner Marktplatz erinnert seit 2013 ein Buchrücken in Bronze an Hermynia Zur Mühlens Buch Ende und Anfang (in: Werke Band 1), der Teil des Mahnmals zum Gedenken an die Bücherverbrennungen von 1933 ist.

 

 

 

Zum Weiterlesen:

Ein ausführliches Porträt von Hermynia Zur Mühlen findet sich auf FemBio

 

Verboten und verbrannt – Autorinnen und die Bücherverbrennung

Verboten und verbrannt – Einleitung

Verboten und verbrannt – Autorinnen und die Bücherverbrennung: Hilde Marx

Verboten und verbrannt – Autorinnen und die Bücherverbrennung: Rahel Sanzara

Verboten und verbrannt – Autorinnen und die Bücherverbrennung: Gina Kaus

Verboten und verbrannt – Autorinnen und die Bücherverbrennung: Christa Anita Brück

 

Porträts von Exilantinnen 1933–1945 auf FemBio

 

Fotos: Doris Hermanns

Autor: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2021 gab sie den Roman "Christian Voß und die Sterne" von Hertha von Gebhardt heraus, an deren Biografie sie arbeitet. Von 2016 bis 2020 war sie Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin. BücherFrau des Jahres 2021.

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