Verboten und verbrannt: Gina Kaus

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„Nie zuvor war ich in besserer Gesellschaft gewesen“, lautete der Kommentar der österreichischen Schriftstellerin Gina Kaus, als die Nationalsozialisten in Deutschland ihre Bücher am 10. Mai 1933 zusammen mit den Werken von etwa 130 anderen AutorInnen, die auf der Schwarzen Liste standen, öffentlich verbrannt wurden. Dies bedeutete aber auch, dass ihr ab dem Moment der Buchmarkt in Deutschland verschlossen war.

Auf der Schwarzen Liste zu stehen, bedeutete nicht nur, dass ihre Bücher öffentlich verbrannt wurden, sondern auch, dass sie aus Buchhandlungen und Bibliotheken entfernt werden sollten. Kaus gehörte zu denjenigen, deren Werk als Jüdin vollständig verboten wurde, also nicht nur einzelne Titel wie von anderen AutorInnen.

Die österreichische Autorin Gina Kaus war zu diesem Zeitpunkt eine anerkannte Schriftstellerin, deren Werke der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur zugeordnet werden. Mit Romanen wie Die Verliebten, Morgen um neun und Die Überfahrt war sie erfolgreich geworden, ebenso wie mit ihren Theaterstücken. Bereits 1922 hatte sie für ihre Erzählung Der Aufstieg den Fontane-Preis erhalten, sowie 1927 den Goethe-Preis für ihre Komödie Toni. Auch als Autorin für Zeitungen war sie gefragt und veröffentlichte in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften, so z. B. in BZ am Mittag, Vossische Zeitung, Berliner Tageblatt und Die Zeitung, die meisten von ihnen in Deutschland. In Österreich erschienen Texte von ihr in der Arbeiter-Zeitung. Über ihre Agentur wurden ihre Artikel auch an andere Provinzblätter in Deutschland und Österreich vermittelt.

Der Wegfall des Marktes in Deutschland bedeutete für Kaus, dass ihr regelmäßiges Einkommen entfiel. Sie hatte jedoch insofern Glück, als dass zwei ihrer Bücher bereits ins Englische übersetzt waren und sie schon ein paar Tage nach der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten vom niederländischen Allert de Lange Verlag angesprochen wurde, der ihr einen Vertrag für ihre nächsten drei Bücher in deutschen und niederländischen Ausgaben anbot. Ihre Kurzgeschichten wurden 1935 in Großbritannien unter dem Titel Return to Reality veröffentlicht.

Es war die niederländische Journalistin Hilda van Praag-Sanders, auf deren Vorschlag die Gründung der deutschen Abteilung des Amsterdamer Allert de Lange Verlages zurückgeht. Sie hatte Kontakt mit dem Verleger Gerard de Lange aufgenommen, da sie wollte, dass deutsch-jüdische AutorInnen und andere in Deutschland verbannte SchriftstellerInnen die Möglichkeit bekommen sollten, ihre Werke in ihrer Muttersprache in den Niederlanden, dem „alten Land der Geistesfreiheit“, herauszubringen. Hilfreich war zudem, dass in den Niederlanden die Kenntnis der deutschen Sprache weit verbreitet war und dass sich unter den betroffenen AutorInnen sehr bekannte und erfolgreiche SchriftstellerInnen befanden. Bereits ab Juni 1933 wurden die ersten Verträge geschlossen. Allert de Lange war somit einer der sechs großen Verlage, die in der kurzen Zeit ihres Bestehens mehr als 50 Titel der Exilliteratur herausgebracht haben.

Gina Kaus gehörte zu den ersten, die von VertreterInnen des Verlages angesprochen wurden, und die einen Vertrag bekam. Bereits im Herbst 1933 erschien ihr Roman Die Schwestern Kleh dort in einer Auflage von 3.000 Exemplaren, 1934 erschien eine zweite Auflage. Für sie dürfte es von Vorteil gewesen sein, dass der Allert de Lange Verlag einen Vertrag mit dem Wiener Verleger Ernst Peter Tal schloss, der für drei Jahre den kommissionsweisen Vertrieb einiger ausgewählter Titel des niederländischen Verlages übernahm. Durch seine Zweigstelle in Leipzig konnte der Verlag somit als eine Art Strohmann fungieren und so noch zehn Bücher auf den deutschen Markt bringen – darunter auch Kaus‘ Roman Die Schwestern Kleh sowie ihre Biografie Katharina die Große (1935). Tal hielt ihre Werke merkwürdigerweise für „völlig ungefährdet“; Werbung sowie Vorankündigungen für diese Bücher konnte in Deutschland jedoch kaum riskiert werden, Beschlagnahmungen häuften sich und so wurde die Verbreitung über den Tal Verlag im Frühsommer 1936 eingestellt.

Insgesamt erschienen vier Bücher von Kaus bei Allert de Lange (die ihr finanziell allerdings wenig einbrachten). Neben den beiden bereits genannten waren dies Luxusdampfer. Roman einer Überfahrt (1937) und Der Teufel nebenan (1939). Der für 1938 angekündigte Roman über Josephine und Madame Tallien konnte nicht mehr erscheinen, da Kaus das Manuskript bei ihrer unmittelbaren Flucht aus Wien nach dem Anschluss Österreichs im gleichen Jahr zurücklassen musste.

Damit war ihre Karriere als Schriftstellerin beendet. Kaus konnte 1939 nach Amerika fliehen, wo es ihr – anders als vielen anderen, die dies versuchten – gelang, in Hollywood eine erfolgreiche Drehbuchautorin zu werden. Eine Rückkehr nach Europa kam für sie nur noch zu Besuchen infrage. Gina Kaus starb 1985 in ihrer neuen Heimat.

Ihre Werke, die teilweise auch verfilmt wurden, erschienen in zahlreichen Übersetzungen und wurden nach 1945 auch immer wieder auf Deutsch neu aufgelegt, so z. B. Die Schwestern Kleh (2013) in der edition fünf und Luxusdampfer (2016) sowie Der Teufel nebenan (2017) im Milena Verlag.

 

 

 

 

Fotos: © Doris Hermanns

Zum Weiterlesen:

Porträt von Gina Kaus

Verboten und verbrannt

Verboten und verbrannt: Hilde Marx

Verboten und verbrannt: Rahel Sanzara

Weitere Porträts von Exilantinnen

 

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2018 erschien ihre Übersetzung von "Mietmutterschaft: Eine Menschenrechtsverletzung" von Renate Klein. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

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