Verboten und verbrannt

| Keine Kommentare

Am 10. Mai 1933 fanden die öffentlichen Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten, die gerade erst an die Macht gekommen waren, statt. Diese bildeten zwar den Abschluss der vierwöchigen „Aktion wider den undeutschen Geist“, sie waren aber erst der Anfang unzähliger Publikationsverbote der folgenden Jahre!

Bereits Jahre vorher hatten die Nationalsozialisten begonnen, Literatur als „Asphaltliteratur“, „zersetzend“, „jüdisch“ oder anderes herabzusetzen, nach der Machtübernahme konnten sie diese Literatur dann ganz verbieten. Der Berliner Bibliothekar Dr. Wolfgang Herrmann hatte bereits seit Anfang 1933 „Schwarze Listen“ von Büchern erstellt, die aus dem Buchhandel und den Büchereien entfernt werden sollten. Diese Listen, eine zu „Schöner Literatur“ und eine zu „Politik und Staatswissenschaften“, wurden Anfang 1933 in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht und bildeten die Grundlage für die Bücherverbrennungen u. a. am Abend des 10. Mai in zahlreichen deutschen Städten. Teils waren die Namen der verbotenen Autorinnen und Autoren gelistet, d. h. es betraf deren Gesamtwerk, teils wurden aber erst einmal nur einzelne Werke verboten. Es ging hierbei um die systematische Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer, sexualpolitischer und anderer Autorinnen und Autoren, die den Nationalsozialisten als unliebsam erschienen, d. h. als „undeutsch“ galten.

Bereits diese beiden ersten Listen enthielten die Namen zahlreicher Autorinnen und ihrer Werke. So waren darauf z. B. der Roman „Hotel Amerika“ von Maria Leitner und „Die Waffen nieder!“ von Bertha von Suttner zu finden sowie die Gesamtwerke von Autorinnen wie Gina Kaus, Irmgard Keun, Anna Seghers und Adrienne Thomas.

Die Dichterin Hilde Marx erinnert sich daran, dass ihre zweite Gedichtsammlung verbrannt wurde und zwar „direkt nach Thomas Mann, weil ich im Alphabet gleich hinter ihm kam. Das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben.“

Frauen sollten im nationalsozialistischen Weltbild auf die klassische Rolle von Hausfrau und Mutter reduziert werden; in dieser Welt war kein Platz mehr für den Aufbruch der Frauen, der seit Jahrzehnten bereits stattfand, die Zeit der „Neuen Frau“ war wieder vorbei.

Einige Monate später wurde der Beitritt zur Reichsschrifttumskammer für alle mit Büchern zusammenhängenden Kulturberufe verpflichtend, d. h. für AutorInnen, VerlegerInnen, BuchhändlerInnen sowie BibliothekarInnen. Nichtmitglied zu sein kam einem Berufsverbot gleich, was vor allem unzählige Juden und Jüdinnen betraf, aber auch politisch nicht genehme Autorinnen und Autoren. Die „Ausmerzung undeutschen Schrifttums“ sollte so perfektioniert werden.

Die von Herrmann erstellten Listen wurden ständig weiter bearbeitet und ergänzt. Die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ von 1938 (die danach immer noch weiter bearbeitet wurde) umfasste mehr als 4.500 Einträge, oft war es das gesamte Werk einer Autorin oder eines Autors oder die gesamte Edition eines Verlages.
Alice Berend
Zu ihnen gehörten z. B. Else Lasker-Schüler, Erika Mann, Melanie Klein, Lili Körber, Annette Kolb, Alice Berend (Foto, auf der Liste fälschlich mit h geschrieben), Victoria Wolff und Christa Winsloe (Foto oben).
Zahlreiche der auf dieser Liste genannten Autorinnen und Autoren mussten fliehen oder wurden ausgebürgert, eine Lebensgrundlage durch ihr Schreiben hatten sie in Deutschland ohnehin nicht mehr. Andere wurden verfolgt und starben im KZ bzw. an den Folgen von Haftbedingungen. Nur wenige gingen in die innere Emigration und konnten in Deutschland überleben.

Einige der Namen sind uns bis heute bekannt, da es Neuauflagen von ihren Werken gibt, aber viele dieser AutorInnen sind inzwischen in Vergessenheit geraten.

Die Folgen der Ausgrenzung durch die Nationalsozialisten trafen aber keineswegs nur die AutorInnen, deren Namen auf der Liste standen. Als Beispiele von Autorinnen, die nicht auf den Listen standen, aber als Jüdinnen sehr wohl betroffen waren, hier nur einige Namen: die Pionierin der Gerichtsreportagen Gabriele Tergit, die vor allem durch ihren zeitkritischen Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ von 1931 bekannt geworden war, und die Autorin Annelies Abels, deren Debüt gerade noch 1933 bei Cassirer erschienen war, die beide nach London ins Exil fliehen konnten, die Dichterin und spätere Nobelpreisträgerin Nelly Sachs, die mit ihrer Mutter noch mit dem letzten Flugzeug aus Berlin nach Schweden entkam, Lili Grün, die nach dem Anschluss Österreichs ins Vernichtungslager Maly Trostinec deportiert und dort ermordet wurde. Aber auch z. B. die Schriftstellerin und Journalistin Ruth Landshoff-Yorck, die einen Vertrag mit Rowohlt für sieben Romane hatte, von denen jedoch nur noch der erste 1930 erscheinen konnte. Zwei weitere, die bereits geschrieben waren, nahm sie mit ins amerikanische Exil, sie konnten erst über siebzig Jahre später aus dem Nachlass veröffentlicht werden. Und auch wenn sie gelegentlich nach dem Zweiten Weltkrieg noch Texte in Deutschland veröffentlichen konnte, war es ihr nicht möglich, an ihre alten Erfolge anzuknüpfen. Sie war bereits weitgehend vergessen, wie auch viele andere, die ermordet wurden oder ins Exil gehen mussten.

Es ist an uns, sie vor dem Vergessen zu bewahren und ihre vielseitigen Werke auch weiterhin zu verlegen und zu lesen.

Doris Hermanns

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen bei www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2017 erschien ihre Übersetzung von „Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren“ von Susan Hawthorne. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.