BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Glücklich im Getümmel – der BücherFrauen-Messerundgang auf der LBM26

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Die Messehallen sind laut, sie sind bunt, voller Menschen und noch mehr Büchern. Und es ist herrlich so, weil einfach alles dazugehört. Das Sahnehäubchen für viele Teilnehmerinnen des Messerundgangs der BücherFrauen auf der LBM26 war – genau: der Messerundgang. Auch für uns, die zwei Organisatorinnen: Tanja Böhm und Barbara Fischer.

 

Die Verlagsvertreterin – das (fast) unbekannte Wesen

Ich versuche es: Zwölf interessierte Frauen versammeln sich am Freitag, den 20. März, um elf Uhr am Stand der BücherFrauen in Halle 5. Manche sind spontan dazugekommen, andere haben sich schon lange angemeldet. Alles passt. Pünktlich geht’s los zu unserer ersten Station: die Verlagsvertretung Jessica Reitz. Nicht nur mir drängte sich bei unserer Planung sofort die Frage auf: Was ist eine Verlagsvertretung? Jessica Reitz übt seit nunmehr vier Jahren diesen relativ unbekannten Beruf aus. Bahnreisen mit schweren Koffern, in denen sich Belegexemplare stapeln, sind Teil der Jobbeschreibung, erzählt sie uns. Wann findet Jessica Reitz ein Buch gut? „Wenn sich Nutzen und Funktion in der Gestaltung widerspiegeln.“ Auch die Haptik ist in ihren Augen ein wichtiges Verkaufskriterium. Deshalb lohne sich das Schleppen.

Website: https://vertreterei.de/   Insta: @vertreterei

Wie frau mit fünfhundert Euro einen preisgekrönten Verlag gründet 

Wir könnten weiter plaudern, doch das Programm ist voll. Wir schlängeln uns durch die sich stetig füllenden Hallen. Freitags nimmt die Messe Fahrt auf. Das weiß auch Julia Kulewatz von kul-ja! publishing. Sie erzählt so lebendig und mitreißend, dass das bienenstockartige Hintergrundrauschen der unablässig vorbeiwogenden Besuchermassen irgendwann keine Rolle mehr spielt und wir gebannt lauschen. Gegründet hat sie den Verlag 2019, vom Erlös ihres ersten erfolgreichen Theaterstücks. 500 Euro waren damals nach Abzug aller Aufführungskosten übrig. Sie beschloss: „Das reicht!“, und gründete ihren eigenen Verlag. Damit ist auch ihr Anliegen beschrieben und ihr Rat an alle Frauen: Einfach machen!

Belohnt wurde so viel Wagemut – und Können – unter anderem mit dem Verlagspreis 2025. Und wie steht es mit feministischen Themen in der Verlagsbranche? Wir sind schließlich die BücherFrauen. Sie findet da einiges nicht so einfach, denn uns Frauen fehlen die feministischen Vorbilder und die lange Geschichte. Also lasst uns unsere eigene Geschichte schaffen, folgert sie. Da sind wir dabei! Sie plädiert für einen weiblichen Führungsstil, und meint damit: die Dinge selbst in die Hand nehmen. Denn: „Wenn jede für sich selbst steht, braucht es den Konkurrenzgedanken nicht.“ Ihre Projekte sind so spannend wie einmalig. Schaut sie euch an, auf ihrer Verlagsseite.

Nur eins will Julia Kulewatz zum Schluss klarstellen: Sie wäre nichts ohne ihr Team. Allein hat sie begonnen, jetzt arbeitet sie als Verlegerin und Autorin an der Seite von Stephan Herbst (Lektor), Bianca Katharina Mohr (Übersetzerin, s. o.), Sara Stubenbaum (Illustratorin, „Kampfkunst“) und Valeria Zimmermann (Praktikantin). By the way: Julia Kulewatz freut sich über Manuskripte, vor allem von Frauen.

Website: https://www.kul-ja.com/onlineshop/ Insta: @kuljapublishing

Grenzenlose Neugier und lebendige Mythen

Besuch bei Nicola Richter von Mikrotext - BücherFrauen Rundgang LBM 26 Und weiter geht’s in Halle 5, zum Stand von Nikola Richter. Die Kunstdozentin und Geschichtenerzählerin gründete ihren Verlag mikrotext, um zu zeigen, wie vielfältig Deutschland ist. Vor allemversucht sie es mit digitalen Ausgaben. Doch so weit war das deutsche Publikum wohl noch nicht. Deshalb entwickelte sich mikrotext vom genrefreien Verlegen digitaler Bücher zu einem „konventionellen Verlagsprojekt“, wie Richter sagt. Angetrieben durch ihre „grenzenlose Neugier“ (Nikola Richter) will sie neue Stimmen entdecken. Ihre Autor*innen sind u.a. in Russland oder Rumänien geboren und in die deutsche Sprache hineingewachsen. Übersetzungen stehen bei mikrotext neben deutschsprachigen Romanen. Die grenzenlose Neugier der Verlegerin wird uns noch viele grandiose neue Bücher schenken!

Website: https://mikrotext.de/ Insta: @mikrotext

Für den nächsten Verlag müssen wir in Halle 4 wechseln. Wer die LBM kennt weiß, welches Gedränge mittlerweile in den Hallen und vor allem an den Übergängen herrscht. Aber wir schaffen es zu Laali Lyberth und ihrem Inuit Verlag. Ihr Programm erkennt frau am Namen. Aber wie charakterisiert die Verlegerin die Literatur Grönlands? Sehr schnelle Antwort: „dark, but very lively“. Passend dazu präsentiert sie auf der LBM26 ihr neuestes Buch: Das Bestiarium Groenlandicum – Die mythischen Wesen Grönlands von dem Autor*innenteam: Maria Bach Kreutzmann, Ujammiugaq Engell, Robin Fenrir Mansa Hillestrøm und Qivioq Nivi Løvstrøm. 

Natürlich kommen wir um politische Themen nicht herum, wenn es um Grönland geht. Zumal sie wunderbare rote Taschen mit der Aufschrift „Greenland ist not for sale“ am Stand verkauft. Auch ich trage an diesem Tag mein „Solidaritäts-Hoodie“ mit der gleichen Aufschrift.

Damit ist der Kern unserer politischen Gespräche schon zusammengefasst. Etwas Positives sieht Laali Lyberth auch in der ganzen Auseinandersetzung: „Grönland und Dänemark begegnen sich jetzt mehr auf Augenhöhe. Das war vorher nicht der Fall.“

Doch wir kommen wieder zurück zu unserem Thema, der grönländischen Literatur, als deren zentrale Themen Laali Lyberth Mythen und Sagen benennt – und den Klimawandel , denn auf der größten Insel der Welt taut das ewige Eis. Wer könnte das dort so gut ignorieren, wie wir das hier tun? Ihr erstes Buch, mit dem sie den deutschen Markt betreten hat, ist Sila von Lana Hansen. Es vereint alle drei: Mythen, Sagen und Klimawandel. Nach ihren Assoziationen zur deutschen Literatur gefragt, fällt ohne Umschweife der Name: Samuel Kleinschmidt. Der Herrenhuter Missionar verfasste im 19. Jahrhundert eine bis heute gültige Grammatik des Kalaallisut, des Grönländischen.

Und auch den Feminismus hat die Verlegerin im Blick: Ihr nächstes Projekt ist ein Buch über die unbekannt gebliebene Arnarulunguak, die Teil des Expeditionsteams des berühmt gewordenen Anthropologen und Sagensammlers Knud Rasmussen war („it never gets old“), selbst jedoch lange unbekannt und ungenannt blieb.

Website: https://inuitverlag.de/ Instagram: @inuitverlag

Wie frau ins Verlagswesen „reinrutscht“ – und so nebenbei eine ganze Menge bewegt

Wieso es schon so spät war, und wir weiter gehen mussten, konnte sich keine erklären, aber wir reagierten pragmatisch und auf die norddeutsche Art: Wat mutt, dat mutt. Wir bedankten und verabschiedeten uns und schlängelten durch den Übergang zurück in Halle 5 zum Polly Verlag von Dorothea Walburga Schwingel. Ein non-profit Comic Verlag. Neugierig geworden? Wir waren es auch.      Mit Dorothea Walburga Schwingel vom Polly.Verlag - Messerundgang der BücherFrauen LBM 26

Das Verlagsmodell von Dorothea Walburga Schwingel ist gar verbreitet: Die Verleger*innen gehen einem Broterwerb nach und betreiben den Verlag nebenberuflich. Dorthea W. Schwingel ist nach eigener Aussage „ins Verlagswesen reingerutscht“ – von der Garten- und Landschaftsplanung, über persönliche Kontakte und vor allem, weil sie ein Anliegen hat: „nebenbei was beweg[en]“. Ihr Ziel ist es, saarländische Künstler*innen bei der Erstveröffentlichung zu unterstützen. Sie arbeitet auch sonst vorwiegend mit regionalen Partner*innen zusammen, z. B. Druckereien. Am Stand trafen wir auch die Autorin Manon Scharstein. Ihr neuestes Buch Alles Nix Neues war der perfekte Abschluss für unseren Messerundgang: In ihrer Graphic Novel thematisiert sie Feminismus, Sexismus und die Geschlechterungleichheit. Warum? „Weil es einfach zu wichtig ist, um es zu ignorieren.“

Ein klarer Auftrag an uns alle, die Fackel am Brennen zu halten und weiterzugeben, damit die feministischen Räume ausgeleuchtet bleiben und weiterentwickelt werden können.

Website: https://pollyverlag.com/  Insta: @polly.verlag

Wir verabschieden uns in dem Bewusstsein, auch weiter alles dafür zu tun, das Feuer des Feminismus zu schüren. Mit Neugier, Freude und Begeisterung. Am besten lässt sich unser Zustand am Ende des Rundgangs so beschreiben: müde, aber glücklich. Und was sagen die Teilnehmerinnen? Für Eva war der BücherFrauen-Messerundgang „ein Highlight der diesjährigen Messe“. Lisa resümiert: „Ich hatte mich gefragt: Kann ich einen halben Messetag investieren? Es hat sich gelohnt!“ Und Diana befindet: „Es war eine komplett neue Erfahrung. Sonst bin ich immer nur zwischen den Hallen hin- und hergelaufen, keinen Plan. Das war jetzt so anders.“

Text: Barbara Fischer, Mitarbeit: Tanja Böhm

Fotos: Juliane Seifert

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Barbara Fischer

Barbara Fischer hat sich der feministischen Fantasy verschrieben. Ihr künstlerischer Werdegang begann in der späten DDR. Dort schrieb sie Kurzgeschichten, Fragmente und Flugblätter. In Köln studierte sie Literaturwissenschaft, Ethnologie und Malaiologie. Sie suchte und fand die Fußstapfen zahlreicher großer Frauen. Als geistige Mentorin betrachtet sie bis heute Christine de Pizan und arbeitet mit deren Konzept der „Antiphrase“: Sie entfernt die Hinterlassenschaften der patriarchalen Überlieferungstraditionen und findet im Ursprung der Geschichte die großartigsten Frauen. Vor allem Mythologien haben es ihr angetan. Seit 2019 erscheint die Fantasyreihe "Baumweltensaga" im Berliner Verlag periplaneta. Protagonistinnen der bislang drei Teile sind: Lilith, Freyja und Frigg. www.baumweltensaga.de. Barbara Fischer ist BücherFrau seit 2020 und engagiert sich auch im Haus der Frauengeschichte in Bonn.

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