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Salon der grafischen Literatur: Was Comics heute erzählen | Folge 1

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Ein Tag, 18 Comicverlage und jede Menge Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln. Am 28. Mai wurde die Berliner Bibliothek am Luisenbad zum Treffpunkt für Zeichner*innen, Verlage, Buchhändler*innen, Bibliothekar*innen, Pädagog*innen und Comicfans. Beim jährlichen „Salon der grafischen Literatur” standen aktuelle Comics und Graphic Novels, neue Stimmen und die Entwicklung des Mediums im Mittelpunkt. Mit dabei war unter anderem die US-amerikanische Comiczeichnerin Alison Bechdel.

 

Salon der grafischen Literatur – Marktstrände der Verlage (c) Yvonne de Andrés

Wer bei Comics immer noch zuerst an Superhelden, Sprechblasen und bunte Kostüme denkt, hatte beim Salon einiges zu entdecken. Im historischen Puttensaal fanden den ganzen Tag über Lesungen und Präsentationen statt. Unter anderem wurden „Trixi – Es flattert im Flieder” von Linda Schwalbe, „Alles auf Anfang“  von Volker Schmitt und Màriam Ben-Arab, „Al-Fazia” von Tobi Dahmen und Akram Al Saud sowie „Strong Men” von Meikel Mathias über die zerstörerische Kraft der fragilen Männlichkeit vorgestellt.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf aktuellen Graphic Novels. In „Schattenleben – Menschen ohne Papiere erzählen“ von Lisa Frühbeis und Jonas Seufert werden die Erfahrungen von Menschen ohne Aufenthaltspapiere thematisiert. Die Ausstellung „Schattenleben” ergänzte die Buchpräsentation.

Die Spannung und Vorfreude auf Alison Bechdel, deren Name längst nicht nur Comicfans ein Begriff ist, waren besonders groß. Der nach ihr benannte Bechdel-Wallace-Test ist in der Diskussion über die Darstellung von Frauen in Film und Literatur zu einem festen Begriff geworden. Beim Salon war die US-amerikanische Comiczeichnerin mit ihrem neuen Buch „Kaputt“ zu Gast. Sie gehört zu den wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen Comics und hat mit ihren autobiografischen Graphic Novels gezeigt, wie persönlich, literarisch und gesellschaftlich relevant gezeichnete Geschichten sein können.

In „Kaputt“ nimmt Bechdel ihre eigene Generation, die liberalen Babyboomer, kritisch ins Visier. In dieser autofiktionalen Satire sieht sich eine Gruppe wohlhabender, politisch liberaler Menschen mit den Widersprüchen des Kapitalismus und dem Verblassen einstiger Ideale konfrontiert. Zentral ist auch die Frage nach den eigenen politischen und gesellschaftlichen Zugeständnissen. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Verhältnisse in den USA erhält Bechdels Geschichte zusätzliche Brisanz: Sie hinterfragte, ob der Rückzug und die Kompromisse ihrer Generation der aktuellen US-Regierung nicht zu viel politischen Freiraum eingeräumt haben.

Vom Zeichenbrett in die Buchhandlung

Salon der grafischen Literatur – Podium der sogenanten „ELEPHANTENRUNDE“ (c) Yvonne de Andrés

Im Salon wurde nicht nur auf die Geschichten selbst, sondern auch auf ihre Wege zum Publikum geblickt. Bei der Gesprächsrunde „Comics im Handel“ drehte sich alles darum, wie Comics von den Zeichner*innen in die Buchhandlungen und schließlich zu den Leser*innen gelangen.

Auf dem Podium genannt „Elephantenrunde“ trafen unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Frank Milschewsky von Reprodukt, Michael Wießler von Modern Graphics, Katrin Rüger von der Buchhandlung Buchpalast und Carolin Fröse von der Buchkönigin. Moderiert wurde die Runde von Gesa Ufer von radioeins.

Im Mittelpunkt standen die oft unsichtbaren Mechanismen hinter dem Comicmarkt: Wer entscheidet eigentlich, welche Comics den Weg in die Buchhandlungen finden – und welche nicht? Welche Bedeutung haben spezialisierte Buchhandlungen für die Szene? Und was hat sich verändert, seit Graphic Novels ihren festen Platz im Buchmarkt gefunden haben?

Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren deutlich professionalisiert und ausdifferenziert. Graphic Novels gelten längst nicht mehr ausschließlich als Nischenprodukt für eingefleischte Comicfans, sondern erreichen ein breiteres Publikum und stehen selbstverständlich neben anderen literarischen Formen im Buchhandel. Damit sind auch Verlage, Buchhandlungen und Feuilletons stärker auf das Medium aufmerksam geworden. Gleichzeitig ist das Angebot vielfältiger: Neben klassischen Comics finden sich autobiografische Geschichten, Reportagen, politische Sachbücher, literarische Adaptionen und experimentelle Formen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei spezialisierte Buchhandlungen. Sie schaffen Orientierung in einem stetig wachsenden Angebot, entdecken besondere Titel und bringen sie mit einem interessierten Publikum zusammen. Denn die größere Sichtbarkeit des Mediums bedeutet nicht automatisch bessere Chancen für alle. Aufmerksamkeit, Platz im Regal und wirtschaftlicher Erfolg bleiben umkämpft – gerade kleinere oder ungewöhnliche Titel sind häufig auf die Expertise und das Engagement spezialisierter Händler angewiesen.

Comics sind längst Unterrichtsstoff

Bibliothek am Luisenbad (c) Yvonne de Andrés

Ein weiterer Schwerpunkt richtete sich an Pädagog*innen. Parallel zum Leseprogramm fand ein eigener Fortbildungsteil mit Workshops statt, die bereits ausgebucht waren. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Comics im Bildungsbereich einsetzen lassen.

Denn Comics sind schon lange mehr als nur Unterhaltung für zwischendurch. Sie greifen historische und gesellschaftliche Themen auf, erzählen von persönlichen Erfahrungen und können komplexe Inhalte auf einzigartige Weise vermitteln. Gerade deshalb gewinnen sie für Schulen und Bibliotheken an Bedeutung.

Für Lehrer*innen und Bibliothekar*innen  war der Salon somit mehr als nur eine Gelegenheit, aktuelle Neuerscheinungen zu sichten. Er bot die Gelegenheit, neue Comics kennenzulernen, Einsatzmöglichkeiten für den Unterricht und die Bildungsarbeit zu entdecken sowie sich über die neuesten Trends auf dem Comicmarkt zu informieren. Dabei spielen Bibliotheken eine wichtige Rolle, da sie Comics einem breiten Publikum zugänglich machen und insbesondere junge Leser*innen für unterschiedliche Formen des Erzählens begeistern. Der Fortbildungstag gab dafür praktische Anregungen und zeigte, wie vielseitig das Medium inzwischen eingesetzt werden kann.

Die Vielfalt grafischer Literatur

Der „Salon der grafischen Literatur“ zeigte somit vor allem die Bandbreite aktueller Comics: Zwischen Kindercomic, Graphic Novel, autobiografischer Erzählung und politischer Reportage entstehen Geschichten, die unterhalten, irritierten und neue Perspektiven eröffnen.

Comics können lustig sein, politisch, persönlich, sperrig oder überraschend. Ich habe mich beim Salon der grafischen Literatur in Berlin umgesehen, mit Comicmacher*innen gesprochen und aktuelle Graphic Novels gelesen. In unserer Serie geht es um die Menschen, Themen und Bücher, die zeigen, wie vielfältig Comics heute sind.

In den kommenden zwei Beiträgen spreche ich mit drei Comicmacher*innen über ihre Arbeit und werfe einen genaueren Blick auf aktuelle Graphic Novels, die beim Salon der grafischen Literatur im Mittelpunkt standen.

Autor: Yvonne de Andrés

Kulturmanagerin, BücherFrau des Jahres 2024 und Vorstand.

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