Drei sehr unterschiedliche literarische Stimmen, drei Perspektiven auf eine Gegenwart, die sich nicht in einfachen Antworten erschöpft. Wiebke Bolduan, Linda Schwalbe und Madita Schwenke schreiben auf je eigene Weise über Wirklichkeit, Verletzlichkeit, Macht und die Möglichkeiten von Sprache. Ihre Texte und Gedanken verbindet kein gemeinsames Programm – und gerade darin liegt ihr Reiz. Drei Gespräche über Literatur, Haltung und die Frage, was Schreiben heute sichtbar machen kann.
„Empathie statt Erklärung“ – Wiebke Bolduan über Freundschaft, Autismus und den Entstehungsprozess von „Planet Elmar“

Wiebke Boduan, Schreibende von „Planet Elmar“ © Yvonne de Andrés
Mit ihrem Graphic Novel Planet Elmar erzählt Wiebke Bolduan eine Geschichte über eine Freundschaft im Umbruch – und über die Suche nach Verständnis, Identität und innerer Stabilität. Im Gespräch beschreibt sie, wie aus einer vagen Idee eine vielschichtige, emotional getriebene Erzählung wurde.
Ausgangspunkt: Eine Freundschaft im Ungleichgewicht
Die Idee zu Planet Elmar entstand aus dem Wunsch, eine Beziehung in einer kritischen Phase zu erzählen. „Ich hatte schon lange im Hinterkopf den Gedanken, dass ich gerne eine Geschichte erzählen will über eine Freundschaft, aber eine Freundschaft, die sehr an einem schwierigen Punkt ist“, so Bolduan. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie Beziehungen ins Wanken geraten können: „Welche Faktoren können eine Freundschaft so ins Wanken bringen? Wie kann da so ein Ungleichgewicht entstehen?“ Gleichzeitig wollte sie mit Rückblenden arbeiten und eine Art erzählerische Zeitreise ermöglichen.
Bolduan beschreibt ihren Arbeitsprozess als stark themengetrieben. Zunächst stehen Motiv und emotionale Idee im Vordergrund, erst danach entstehen Bilder und Figuren. „Ich muss erst mal verstehen, warum ich das gerade eigentlich erzählen möchte und was ich erzählen möchte“, erklärt sie. Erst dann beginne sie, sich „voll in die Grafik zu stürzen“. Die Umsetzung folgte damit klar der inneren Logik der Geschichte: Emotion vor Illustration, Bedeutung vor Bild.
Die Arbeit an Planet Elmar verlief nicht ohne Umwege. Frühere Entwürfe seien „ganz, ganz verkopft“ gewesen und für andere kaum nachvollziehbar. „Es geht ja schon darum, dass ich das dann auch mit einem Publikum teilen kann“, so Bolduan rückblickend. Besonders herausfordernd war zudem die inhaltliche Auseinandersetzung mit Neurodivergenz und Autismus. Die zentrale Frage: Wie lässt sich ein solches Thema erzählen, ohne zu verallgemeinern oder zu vereinfachen?
Autismus als Erfahrung, nicht als Erklärung
Bolduan entschied sich bewusst gegen eine didaktische Darstellung. Stattdessen basiert die Figurendarstellung auf persönlicher Perspektive und Erfahrung: „Mein Hauptansatz war dann, dass ich einfach bei meiner eigenen Erfahrung geblieben bin.“ Ziel sei nicht die Erklärung von Autismus gewesen, sondern das Erzählen eines Gefühls: „Ich wollte mehr einfach zeigen, so kann es sich anfühlen.“ Diagnosekriterien oder allgemeine Definitionen hätten in der Erzählung keinen Platz. Im Mittelpunkt steht damit Empathie – nicht Abstraktion. Die Leser:innen sollen Verständnis entwickeln, ohne dass die Geschichte in ein Sachbuchformat kippt.
Die Entstehung von Planet Elmar dauerte insgesamt rund drei Jahre. Für eine Graphic Novel sei das vergleichsweise schnell, sagt Bolduan – auch dank Förderungen und kontinuierlicher Arbeit am Projekt. Erleichtert habe zudem die Zusammenarbeit mit dem Verlag Reprodukt den Prozess. Als bereits bekannte Autorin sei die Hemmschwelle gering gewesen, neue Ideen vorzustellen. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich da erst mal groß Überzeugungsarbeit leisten musste“, so Bolduan. Vielmehr habe sie früh Vertrauen und Offenheit im Verlag erlebt.
Eine Geschichte über Beziehung statt Diagnose
Im Zentrum von Planet Elmar steht keine Erklärung, sondern eine Erfahrung: Freundschaft als fragiles Gefüge, Autismus als gelebte Realität und Erzählen als Form von Annäherung. Bolduan fasst diesen Ansatz indirekt zusammen – als eine Entscheidung für Perspektive statt Belehrung, für Nähe statt Distanz. „Empathie war mir am wichtigsten“, sagt sie.
Zwischen Kolibri und Taubenschwänzchen – Linda Schwalbe über ihren Kindercomic Trixi. Es flattert im Flieder

Linda Schwalbe Autorin von „Trixi“ © Yvonne de Andrés
Manchmal beginnt eine Geschichte mit einer Reise. So war es auch bei Linda Schwalbes neuem Kindercomic Trixi. Es flattert im Flieder der bei Rotopol erschienen ist.. Die Illustratorin und Autorin entdeckte die Idee während einer Lesereise nach Ecuador, wo sie erstmals Kolibris in freier Natur beobachtete. Sofort musste sie an das Taubenschwänzchen denken – ein in Europa heimisches Insekt, das wegen seines schwirrenden Flugs und seiner langen Saugrüssel häufig mit einem Kolibri verwechselt wird. „Die Idee hat mich dann nicht mehr losgelassen, dass zwei Tiere, die immer miteinander verglichen werden, niemals die Möglichkeit haben werden, sich zu treffen“, erzählt Schwalbe.
Zwischen Vergleich und Selbstwert
Aus dieser Beobachtung entstand die Figur Trixi, ein Taubenschwänzchen, das ständig mit einem Kolibri verglichen wird, obwohl es diesem nie begegnet ist. Genau darin liegt der Ausgangspunkt der Geschichte: Wie fühlt es sich an, immer an jemand anderem gemessen zu werden? Schwalbe greift damit Themen wie Selbstwahrnehmung, Vergleichsdruck und Identität auf – kindgerecht erzählt, aber auch für Erwachsene nachvollziehbar.
Die Autorin möchte Kindern vor allem vermitteln, den eigenen Wert zu erkennen und sich nicht von den Erwartungen anderer bestimmen zu lassen. „Versuche, deinen Wert zu entdecken“, fasst sie die Botschaft ihres Comics zusammen. Dabei geht es ihr auch darum, vermeintliche Schwächen neu zu betrachten. Eigenschaften wie Vergesslichkeit oder Nervosität seien nicht nur Makel, sondern gehörten zur Persönlichkeit und könnten durch die Stärken anderer ausgeglichen werden. Freundschaft bedeute deshalb auch, sich gegenseitig zu ergänzen.
Comic statt Bilderbuch
Dass die Geschichte als Comic und nicht als Bilderbuch erzählt wird, war eine bewusste Entscheidung. Schwalbe schätzt an dem Medium die größere erzählerische Freiheit. Panels, Seitenaufbau und Tempo ließen sich gezielt einsetzen, um Bewegung und Dynamik sichtbar zu machen. Gerade das Flattern ihrer Hauptfigur könne so besonders lebendig dargestellt werden.
Den Weg zum fertigen Buch fand Schwalbe über die internationale Kinderbuchmesse in Bologna. Dort stellte sie ihre ersten Skizzen und ein Konzept verschiedenen Verlagen vor. Die Messe sei für sie eine wichtige Gelegenheit gewesen, unterschiedliche Programme kennenzulernen und herauszufinden, welche Verlage zu ihrem Projekt passen könnten. Aus diesen Gesprächen entwickelte sich schließlich die Zusammenarbeit mit dem Verlag Rotopol, bei der das Buch Schritt für Schritt gemeinsam weiterentwickelt wurde.
Analog gezeichnet, neu erschienen
Auch bei der Gestaltung blieb Schwalbe ihrem künstlerischen Anspruch treu. Die rund hundert Comicseiten entstanden vollständig analog mit Acrylfarben und Buntstiften und wurden erst anschließend digital eingescannt und bearbeitet. Der hohe Arbeitsaufwand habe sich für sie gelohnt, weil die handgezeichneten Bilder dem Comic eine besondere Lebendigkeit verleihen.
Trixi. Es flattert im Flieder ist erst kürzlich erschienen. Eine Lesereise ist bereits in Planung. Ob die Geschichte eine Fortsetzung erhält, lässt Linda Schwalbe offen. Die Figur biete durchaus Potenzial für weitere Abenteuer, gleichzeitig arbeitet die Illustratorin bereits an neuen Projekten – nicht ausschließlich im Comicbereich.
Mit Trixi. Es flattert im Flieder verbindet Linda Schwalbe Naturbeobachtung und Fantasie zu einer warmherzigen Geschichte über Selbstwert, Freundschaft und den Mut, sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen. Ihr Comic zeigt, dass die eigenen Besonderheiten keine Schwäche sein müssen, sondern genau das sein können, was einen einzigartig macht.
„Unverhoffte Community“ im Eskapismus – Madita Schwenke über Comics, WG-Erfahrungen und das Erzählen zwischen Bild und Text

Madita Schwenke, Autorin von „Drifting“ © Yvonne de Andrés
Im Berliner Salon in der Badstraße treffe ich die Comic-Autorin und Illustratorin Madita Schwenke zum Gespräch. Es geht um ihren Weg zum Comic, um die Entstehung ihres Buches Drifting, um WG-Erfahrungen, Eskapismus und die Frage, was junge Leser heute in Geschichten suchen. Schnell wird deutlich, dass Schwenkes Arbeit stark von persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen geprägt ist – und zugleich von dem Wunsch, diese nicht einfach abzubilden, sondern in Bilder, Figuren und Beziehungen zu übersetzen.
Vom Kinderbuchwunsch zum Comic
Geschichten zu erzählen, war für Schwenke schon als Kind ein klarer Wunsch. „Ich möchte gerne Kinderbuchautorin werden“, habe sie bereits in der Grundschule gesagt. Eigentlich begann das Erzählen sogar noch früher: Im Kindergarten erfand sie Geschichten, die sie selbst noch nicht aufschreiben konnte. „Das musste dann meine Erzieherin immer für mich machen.“ Zwischenzeitlich versuchte sie, einen vermeintlich vernünftigeren Weg einzuschlagen und sich im naturwissenschaftlichen Bereich zu orientieren. Nach dem Abitur führte ihr Weg dann aber doch zurück zur Illustration – und schließlich zum Comic.
Dass sie beim Comic gelandet ist, erscheint im Gespräch fast folgerichtig. Schwenke schätzt an dem Medium vor allem die besondere Verbindung von Bild und Text und die Möglichkeit, Emotionen unmittelbar zu vermitteln. „Ich projiziere über Bilder viel besser, was ich sehe, als über Worte“, sagt sie. Zeichnen sei für sie eine sehr direkte Form des Erzählens. Gerade das Zusammenspiel von visueller und sprachlicher Ebene eröffne dabei Möglichkeiten, die eine rein textliche Erzählung nicht auf dieselbe Weise habe. Bilder können Stimmungen erzeugen, bevor etwas ausgesprochen wird, und Leser dazu bringen, sich unmittelbar in eine Situation hineinzuversetzen.
Die Figuren ihres Comics Drifting begleiten Schwenke bereits seit mehreren Jahren. Entstanden sind sie ursprünglich während ihres Studiums in kurzen Online-Comicstrips, die vom Alltag in einer WG inspiriert waren. Dabei ging es ihr nicht darum, das eigene Leben eins zu eins abzubilden. Vielmehr nahm sie Situationen und Dynamiken aus dem Zusammenleben auf und verfremdete sie, bis daraus eigenständige Figuren und Geschichten entstanden.
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum fertigen Buch war die digitale Messe „ShortBox Comics Fair“ im Jahr 2023. Für die Veranstaltung entwickelte Schwenke innerhalb kurzer Zeit eine längere Geschichte. Aus dieser Arbeit entstand eine 44-seitige Version von Drifting, die zunächst im Selbstverlag erschien. Später wurde das Projekt gemeinsam mit dem Reprodukt-Verlag weiterentwickelt und erweitert.
Eskapismus und die „unverhoffte Community“
Im Zentrum von Drifting steht dabei das Thema Eskapismus – allerdings nicht unbedingt so, wie man es zunächst erwarten könnte. Für Schwenke geht es weniger um die Flucht aus der Realität als um die Frage, was passiert, wenn Menschen sich zurückziehen und dabei unerwartet auf andere treffen. „Der Kern meines Buchs ist eigentlich unverhoffte Community“, sagt sie. Aus dem Rückzug kann also etwas entstehen, das zunächst gar nicht beabsichtigt war: Nähe, Solidarität und eine Gemeinschaft, die man nicht gesucht hat, aber vielleicht gerade deshalb findet.
Diese Ambivalenz interessiert Schwenke. Eskapismus kann ein Rückzug sein, aber zugleich auch eine Form, mit einer überfordernden oder komplizierten Gegenwart umzugehen. Gerade für junge Menschen, die sich in einer Welt bewegen, die von Krisen, Unsicherheit und hohen Erwartungen geprägt ist, können fiktionale Räume deshalb eine wichtige Funktion haben. Sie bieten die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten oder sich in Figuren und Situationen wiederzufinden.
Auch Schwenkes eigene Arbeitsweise ist von diesem Wechsel zwischen Nähe und Distanz geprägt. Ihre Geschichten entstehen häufig aus einzelnen Bildern oder Beobachtungen: eine Situation in einer WG, ein Blick aus dem Fenster, ein Moment der Irritation oder eine bestimmte Geste. Aus solchen Fragmenten entwickelt sie Figuren und narrative Zusammenhänge. Dabei interessiert sie nicht nur das konkrete Alltagsgeschehen, sondern auch die Möglichkeit, daraus etwas Allgemeineres entstehen zu lassen.
Überhaupt bewegt sich Schwenkes Arbeit zwischen dem sehr Persönlichen und einer größeren Abstraktion. Ihre Figuren tragen Züge aus beobachteten oder selbst erlebten Situationen, werden aber zu eigenständigen Charakteren, die ihre eigenen Beziehungen und Konflikte entwickeln. Gerade darin liegt eine Stärke des Comics: Persönliche Erfahrungen können in eine visuelle Welt übersetzt werden, in der sie sich verändern und neu lesbar werden.
Zwischen Alltag, Perspektive und neuen Figuren
Im Gespräch kommt auch die Frage auf, welche Geschichten und Figuren in der aktuellen Comic- und Jugendliteratur sichtbar sind. Schwenke beobachtet, dass viele zeitgenössische Werke überraschend ernste und existenzielle Themen behandeln – Fragen nach Identität, Zugehörigkeit, Einsamkeit oder gesellschaftlicher Verantwortung. Das müsse nicht bedeuten, dass Geschichten immer unmittelbar politisch sein müssten. Auch persönliche Beziehungen und scheinbar alltägliche Situationen können gesellschaftliche Fragen sichtbar machen.
Eine Rolle spielt dabei für Schwenke auch die Wahl ihrer Figuren. Sie reflektiert ihre eigene Neigung, zunächst männliche Charaktere zu entwickeln, und hinterfragt diese Gewohnheit bewusst. „Es gibt so ein bisschen den Sad-Man-Trope – davon gibt es einfach schon sehr viele“, sagt sie. Gerade die Entscheidung, weiblich gelesene Figuren stärker in den Mittelpunkt zu stellen, habe neue Möglichkeiten für die Geschichte eröffnet. Es geht ihr dabei weniger um ein festes Programm als um die bewusste Erweiterung der Perspektive.
So entsteht ein Erzählen, das nicht versucht, die Realität möglichst genau abzubilden. Stattdessen nimmt Schwenke Erfahrungen, Beobachtungen und Gefühle auf und verwandelt sie in etwas Eigenständiges. Eskapismus wird dabei nicht als Gegenentwurf zur Realität verstanden, sondern als ein Raum, in dem sich neue Perspektiven entwickeln können. Das Persönliche wird abstrahiert, das Alltägliche bekommt eine andere Form, und aus dem Rückzug kann Verbindung entstehen.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität von Schwenkes Arbeit: Sie erzählt nicht nur vom Bedürfnis, der Welt für einen Moment zu entkommen, sondern auch davon, was uns auffangen kann, wenn wir wieder auf andere treffen. Drifting bewegt sich zwischen Bild und Text, zwischen Alltag und Fantasie, zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft. Und Madita Schwenke zeigt dabei eine bemerkenswerte Sensibilität für die kleinen Momente, aus denen große Geschichten entstehen können.
Ich danke Wiebke Bolduan, Linda Schwalbe und Madita Schwenke für ihre Zeit, ihre Offenheit und die inspirierenden Gespräche über Literatur, Schreiben und die Gegenwart.
