Graphic Novels sind mehr als Comics für Erwachsene: Sie erzählen Geschichten in Bildern, verbinden Text und Zeichnung auf ganz eigene Weise und loten die Grenzen zwischen Dokumentation, Fantasy und Literatur aus. Doch was macht eine Graphic Novel eigentlich aus – und warum steckt gerade in ihrer Eigenständigkeit ihr größtes kreatives Potenzial?
Nach den Gesprächen mit Wiebke Bolduan, Linda Schwalbe und Madita Schwenke in Folge 2 des Salons der grafischen Literatur geht die Entdeckungsreise weiter. Besonders auffällig:
Im Salon versammeln sich in diesem Jahr zahlreiche Novitäten von Autorinnen und Schreibenden ganz unterschiedlichen Alters. Ihre Bücher zeigen, wie vielfältig die Perspektiven und Formen des grafischen Erzählens geworden sind – von autobiografischen und politischen Graphic Novels über poetische Bildgeschichten bis hin zu feministischen, queeren und gesellschaftskritischen Comics.
Die vorgestellten Titel machen damit die große Bandbreite aktueller grafischer Literatur sichtbar – von persönlichen und politischen Geschichten bis hin zu feministischen, queeren und poetischen Erzählformen, mit Stimmen aus dem deutschsprachigen Raum und darüber hinaus.
Den Auftakt macht Alison Bechdels Graphic Novel „Kaputt“. Sie verbindet autobiografische Elemente, politische Satire und die Rückkehr vertrauter Figuren zu einem ebenso komischen wie nachdenklichen Gesellschaftsbild. Es folgen Bücher, die jeweils auf ganz eigene Weise zeigen, wie vielschichtig und überraschend grafische Literatur heute erzählt.
Zwischen Witz und Weltuntergang

Alison Bechdel, Kaputt
Reprodukt Verlag, 2026
ISBN 9783956405006
Ein Spiegelkabinett der Gegenwart
Im Mittelpunkt von Kaputt steht eine gealterte Comiczeichnerin namens Alison, die mit ihrer Frau auf einem Gnadenhof in Vermont lebt. Bechdel lässt Figuren aus ihrer früheren Serie Dykes to Watch Out For auf Motive aus ihren autobiografischen Arbeiten treffen und verwischt dabei bewusst die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.
Zwischen Krise, Komik und Selbstkritik
Während die USA politisch nach rechts driften, sehen sich Bechdels Figuren mit Trumpismus, Klimakrise, Spätkapitalismus und dem Druck permanenter Selbstvermarktung konfrontiert. Auch ihre persönlichen Beziehungen geraten dabei in Bewegung. Die US-amerikanische Comiczeichnerin Alison Bechdel, eine Ikone der lesbischen Comic-Szene, erzählt diese Konflikte jedoch nicht als politisches Lehrstück, sondern mit präzisem Humor und einem Gespür für die Absurditäten des Alltags.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Kaputt nimmt die Überforderung linker und progressiver Menschen ernst, spart aber auch deren eigene Widersprüche und Selbstgerechtigkeit nicht aus. Bechdel blickt mit ironischer Distanz auf das politische und gesellschaftliche Milieu, dem sie selbst und ihre Figuren angehören. Der Titel verweist dabei nicht nur auf persönliche Erschöpfung, sondern auch auf einen Zustand, in dem Krisen, Nachrichtenflut und der permanente Druck zur Selbstoptimierung an die Substanz gehen.
Die 272 Seiten umfassende Ausgabe wurde von Katharina Erben übersetzt und ist im April 2026 bei Reprodukt erschienen. Ihre Übersetzung wurde für den Max-und-Moritz-Preis 2026 beim Internationalen Comic-Salon Erlangen nominiert. Bechdel gelingt ein feiner Balanceakt zwischen politischer Analyse, persönlicher Reflexion und Komik. Kaputt empfiehlt sich damit für anspruchsvolle Graphic-Novel-Leser, Bechdel-Fans und alle, die sich für queere Literatur und die gesellschaftlichen Konflikte der USA interessieren.
Ein Planet für das Anderssein

Wiebke Bolduan: Planet Elmar
Reprodukt Verlag, 2026
ISBN 9783956405174
Eine Graphic Novel über Autismus, Freundschaft und Selbsterkenntnis
Elmar zieht sich auf eine einsame Insel zurück. Die Diagnose Autismus hat sein bisheriges Selbstbild ins Wanken gebracht. In „Planet Elmar“ erzählt Wiebke Bolduan von Fremdheit, Identität und einer Freundschaft, die an einem schwierigen Punkt angekommen ist.
Die Insel wird zum Rückzugsort und zum Schauplatz einer inneren Reise. Rückblenden führen in Elmars Vergangenheit und zeigen, wie sich seine Beziehungen und sein Blick auf das eigene Leben verändert haben. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Diagnose als die Frage, wie Menschen miteinander verbunden bleiben können, wenn sich einer von ihnen selbst neu verstehen lernt.
Autismus als persönliche Erfahrung
Bolduan, die selbst erst im Erwachsenenalter eine Autismus-Diagnose erhielt, greift auf eigene Erfahrungen zurück. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Autismus zu erklären oder allgemeine Kriterien zu vermitteln. Stattdessen möchte dey zeigen, wie sich bestimmte Situationen anfühlen können. Die Graphic Novel setzt damit auf Empathie statt auf Belehrung.
Das gelingt, weil Elmar nicht auf seine Diagnose reduziert wird. Er bleibt eine widersprüchliche Figur mit eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Schwächen. Die melancholische Geschichte wird durch humorvolle und surreale Momente aufgelockert; die Insel schafft einen poetischen Raum für Elmars Selbstbefragung.
„Planet Elmar“ ist deshalb nicht nur ein Comic über Autismus, sondern vor allem über Freundschaft, Selbstverständnis und die Suche nach dem eigenen Platz. Bolduan erzählt persönlich, ohne ihre Erfahrung zu verallgemeinern.
Die Graphic Novel eignet sich besonders für Jugendliche und Erwachsene, die sich für Comics sowie Themen wie Autismus, Identität, Freundschaft und gesellschaftliche Teilhabe interessieren. Sie bietet einen persönlichen Zugang zum Thema, ohne den Anspruch eines Sachbuchs zu verfolgen.
„Schattenleben“ – Geschichten, die nicht im Schatten bleiben dürfen

Jonas Seufert, Lisa Frühbeis
Schattenleben – Menschen ohne Papiere erzählen
Reprodukt, 2026
ISBN 9783956405150
Lisa Frühbeis und Jonas Seuferts „Schattenleben“ erzählt von Menschen, die ohne gültige Aufenthaltspapiere in Deutschland leben – und von einem Alltag zwischen Angst, Ausbeutung, Bürokratie und Hoffnung. Vier persönliche Geschichten machen sichtbar, was es bedeutet, rechtlich unsichtbar zu sein.
Vier Geschichten gegen das Unsichtbarsein
Flucht, prekäre Arbeitsverhältnisse, fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung und die ständige Angst vor Abschiebung treffen hier auf sehr persönliche Erfahrungen. Der Comic macht aus dem abstrakten Begriff „Menschen ohne Papiere“ individuelle Lebensgeschichten – mit Wünschen, Beziehungen, Ängsten und dem Wunsch nach einem sicheren Zuhause.
Besonders stark ist die Verbindung von journalistischer Recherche und grafischem Erzählen. Frühbeis’ ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit gezielten Farbakzenten geben den Geschichten Nähe und Intensität, ohne die porträtierten Menschen auszustellen. Ergänzend liefert Seufert sachliche Informationen zu Aufenthaltsrecht, Arbeit, Gesundheit und Abschiebung.
Für Jugendliche ab etwa 14 Jahren und Erwachsene, für den Unterricht, politische Bildungsarbeit oder alle, die sich differenziert mit Migration und Menschenrechten auseinandersetzen möchten, ist „Schattenleben“ eine eindringliche Lektüre. Der Band informiert, berührt und gibt Menschen Raum, deren Lebensrealitäten häufig unsichtbar bleiben.
Ein wichtiger Comic, der zeigt: Hinter politischen Begriffen stehen immer Menschen.
Ich will nicht arbeiten – und du bist doch gut genug

Nele Jongeling
Ich will nicht arbeiten
Reprodukt, 2026
ISBN 9783956405044
Nele Jongelings „Ich will nicht arbeiten“ ist eine schräge, kluge Satire über Leistungsdruck, Selbstzweifel und die Suche nach einem eigenen Weg. Im Zentrum steht Edith Feder, die nach dem Studium den Einstieg in die Arbeitswelt sucht – und dabei in einer absurden Reality-Gameshow um den vermeintlichen „Traumjob“ landet.
Wenn der Lebenslauf zum Selbstwerttest wird
Mit schwarzem Humor und surrealen Bildern nimmt Jongeling Bewerbungsstress, Selbstoptimierung und die Angst vor dem beruflichen Scheitern aufs Korn. Menschen schrumpfen vor Bildschirmen, Körper verformen sich unter dem Leistungsdruck und Bürokratie wird zur grotesken Abfolge von Challenges, Coaching und Excel-Tabellen. Gerade die Übertreibung macht sichtbar, wie absurd die Anforderungen der modernen Arbeitswelt sein können.
„Ich will nicht arbeiten“ ist damit nicht nur eine Satire auf die Arbeitswelt, sondern auch eine ziemlich tröstliche Geschichte über das Recht, den eigenen Weg zu suchen.
Dabei geht es nicht nur um Jobsuche. Jongeling erzählt auch von Care-Arbeit, toxischen Arbeitsverhältnissen, dem Wunsch nach Sicherheit und der Erwartung, dass der Beruf zugleich Einkommen, Sinn, Identität und Selbstverwirklichung liefern soll. Ediths Suche wird so zu einer größeren Frage: Was, wenn der eigene Lebensweg nicht den Vorstellungen entspricht, die uns ständig als Erfolg verkauft werden?
Für junge Erwachsene ab etwa 16 Jahren, Studierende, Berufseinsteiger*innen und alle, die sich schon einmal gefragt haben, ob sie „gut genug“ sind, ist dieser Comic besonders lesenswert. Er macht Mut, die eigenen Maßstäbe zu hinterfragen – und nicht jede vermeintliche Schwäche als persönliches Versagen zu betrachten.
Mut zur eigenen Flügelspannweite

Linda Schwalbe, Trixi – Es flattert im Flieder Rotopol, 2026,
ISBN 9783964510662
„Trixi – Es flattert im Flieder“ von Linda Schwalbe ist ein charmant erzählter Comic über Selbstzweifel, Freundschaft und die Frage, was passiert, wenn man nicht in die Erwartungen anderer passt. Für Kinder ab sieben Jahren verbindet die Geschichte Abenteuer, Humor und ganz nebenbei spannende Naturkunde.
Ein Nachtfalter mit Kolibri-Potenzial
Trixi ist schnell, mutig und voller Energie. Gemeinsam mit ihrem Freund Siggi, einer Schmeißfliege, saust sie durch den Flieder. Weil Menschen sie für einen Kolibri halten, wird sie bewundert. Sobald sie als „nur“ Nachtfalter erkannt wird, kippt die Begeisterung in Ablehnung. Als Siggi verschwindet, muss Trixi über sich hinauswachsen – und entdeckt dabei, dass gerade ihre vermeintlichen Schwächen ihre größten Stärken sind.
Linda Schwalbe erzählt diese Geschichte über Selbstakzeptanz, Vorurteile und Anderssein, ohne belehrend zu werden. Die pastellfarbenen Zeichnungen schaffen eine lebendige, freundliche Welt, während die Geschichte ganz selbstverständlich Neugier auf ein faszinierendes Insekt weckt.
Für Kinder ab 7 Jahren und alle, die manchmal vergessen, wie groß die eigenen Flügel sein können.
„Drifting“ – Wenn Weglaufen plötzlich ganz leicht wird

Madita Schwenke
Drifting
Reprodukt, 2026
ISBN 9783956405167
Madita Schwenkes „Drifting“ erzählt fantasievoll und mit feinem Humor von Flucht, Nähe und der schwierigen Kunst, Verantwortung zu übernehmen. Annie zieht in eine neue WG und trifft dort auf einen Mitbewohner mit einer ungewöhnlichen Strategie: Sobald es unangenehm wird, steigt er aus dem Fenster – und fliegt davon.
Ausweichen, bis man nicht mehr davonkommt
Was zunächst absurd und komisch wirkt, wird schnell zur klugen Metapher für Konfliktvermeidung. Schwenke macht das „Davonfliegen“ wörtlich sichtbar und erzählt so von Freundschaft, Zusammenleben, Verletzungen und der Frage, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen. Traumartige Bilder, Melancholie und Humor verbinden sich dabei zu einer ganz eigenen Atmosphäre.
Für Jugendliche ab etwa 14 Jahren und Erwachsene ist „Drifting“ eine zugängliche und ungewöhnliche Lektüre – besonders für alle, die Geschichten mögen, die mit wenigen Mitteln große Fragen stellen. Denn wer immer ausweicht, muss sich irgendwann fragen: Wann ist es Zeit, nicht mehr davonzufliegen, sondern stehen zu bleiben?
