#shadowing Jennifer Cubela – ein Tag im Leben einer Hörbuch-Lektorin

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In dieser Rubrik soll die ganze Bandbreite an Jobs in unserem Netzwerk näher beleuchtet werden, indem uns eine BücherFrau mehr von ihren alltäglichen Aufgaben erzählt. Für diesen Beitrag war Rabea Güttler der Schatten von Jennifer Cubela, Lektorin für Hörbücher.

Foto: Jennifer Cubela

Erzähl uns ein wenig von dir: Wer ist Jennifer Cubela?

Auf einem T-Shirt habe ich den Satz „I am trying hard to be the best version of myself“ gelesen. Das fasst eine Menge Dinge zusammen, finde ich.

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen? Und ist das der typische Berufsweg?

Klassisch sind sicher das Studium (Philosophie, Neuere Deutsche Literatur, Lateinamerikawissenschaften), das anschließende Volontariat sowie die Arbeit als Lektorin im Verlag. Dass ich dann selbstständig wurde, hat mich selbst überrascht.

Wieso hast du dich dazu entschieden?

Das war Zufall, Schicksal … im Rückblick auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ich habe 2009 am Mentoring-Programm der BücherFrauen teilgenommen. Kathrin Blum, die damals noch Programmleiterin bei Wunderlich war, hat mir zur Selbstständigkeit geraten. Meine erste Reaktion war: „Das ist nichts für mich!“ Ich wollte weder Akquise betreiben und meine „Seele verkaufen“ noch allein im „stillen Kämmerlein“ arbeiten.

Aber so ist es zum Glück nicht gekommen. Ich hatte mir in den Jahren als stellvertretende Programmleiterin schon ein großes Netzwerk aufgebaut, auf das ich zurückgreifen konnte, und stehe ständig im Austausch mit Büchermenschen. Uticha Marmon – eine sehr geschätzte Kollegin – und ich arbeiten beispielsweise seit zehn Jahren immer wieder zusammen.

Wieso hast du dich auf Hörbücher spezialisiert?

Wenn man Bücher liest, hat man sein eigenes Tempo, kann zurückblättern, auf die eigene Vorstellungswelt zurückgreifen. Beim Hörbuch verschiebt sich die Perspektive. Stimmen, Musiken, Geräusche – es wird eine ganz andere Atmosphäre erzeugt. Und dadurch fallen einem – selbst bei Büchern, die man bereits mehrfach gelesen hat – neue Aspekte auf. Es ist eben eine Adaption wie ein Theaterstück oder eine Verfilmung, die auf einer Buchvorlage basiert. Und diese Dimension, die hinzukommt, fesselt mich.

Außerdem kann man in meinem Beruf unheimlich kreativ sein. Man kürzt ein Buch ja nicht einfach um fünfzig Prozent, indem man jeden zweiten Satz streicht, sondern indem man versucht, die Handlungsstränge sinnvoll neu zu verknüpfen. Die Dramaturgie muss stimmen, ohne dass man in den Stil des Autors eingreift.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus? Hast du überhaupt einen typischen Alltag?

Vor zwölf Uhr arbeite ich vor allem an Manuskripten, da kann ich mich am besten konzentrieren. Abends und am Wochenende höre ich Master ab, verfasse Gutachten, beantworte E-Mails. Das Einzige, was nie fehlen darf, ist die Tasse Kaffee am Morgen. Ohne diesen Treibstoff läuft nichts. Die Flexibilität ist der große Vorteil der Selbstständigkeit; niemand fragt, wann ich etwas erledigt habe, solange es rechtzeitig geschieht. Mit Kindern ist das optimal.

Wie gestaltet sich die Arbeit mit SprecherInnen? Mit wem arbeitest du sonst noch zusammen?

Die meisten SchauspielerInnen haben Agenturen, mit denen Termine und Konditionen ausgehandelt werden. Sobald die Texte bearbeitet sind und von den Originalverlagen freigegeben wurden, schicke ich sie raus. Inhaltliche Fragen werden häufig telefonisch geklärt. Manchmal erhalten die SprecherInnen auch eine Aussprache-CD. Bei Moritz Rinkes Roman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ gab es unter anderem plattdeutsche Passagen; die habe ich vorab mit einem Schauspieler vom Ohnsorg-Theater aufgenommen. Einiges erarbeiten wir – also SchauspielerInnen, RegisseurIn und ToningenieurIn – auch gemeinsam im Studio.

 Was macht dir an deiner Arbeit am meisten Spaß? Und was machst du nur ungern?

Die schönsten Momente hatte ich im Tonstudio. Es gibt Sprecher wie Stefan Kaminski oder Cathlen Gawlich, die nicht nur perfekt vorbereitet zur Aufnahme kommen, sondern auch extrem witzig sind. Statt sich über kleine Versprecher zu ärgern, machen die spontan eine Parodie darauf …

Nie vergessen werde ich die Aufnahme von Dickens’ „Weihnachtsmärchen“ mit Dietmar Mues, der leider viel zu früh verstorben ist. Es war Hochsommer und die Sprecherkabine glich einer Sauna. Irgendwann hatte Dietmar nur noch Shorts an und die Füße steckten in einer Schüssel mit eiskaltem Wasser. Und er musste ganz still sitzen, damit am Ende kein Plätschern zu hören ist.

Im Vergleich zu solchen Begegnungen ist Buchhaltung natürlich sterbenslangweilig, da muss ich mich stets zu zwingen (lassen).

Welche Eigenschaften sollte man unbedingt für den Job mitbringen?

Grundvoraussetzung ist ein vernünftiges Sprachgefühl. Und man muss Stress ertragen können – häufig sind die Bücher so spät fertig, dass das „angehängte“ Hörbuch unter großem Zeitdruck entsteht. Außerdem hilft es, ein Pedantin zu sein, denn jeder Fehler, den man übersieht, wird schließlich vervielfältigt.

Was hat dich an deinem Job am meisten überrascht?

Dass die Produktion „Fidel Castro“ von der hr2-Bestenliste ausgezeichnet wurde.

Und das Paket mit Strümpfen, das ich einst von einer Führungsfrau geschickt bekommen habe. Ich wusste bis dahin nicht, dass sie beim Hörbuchhören strickt.

An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

Aktuelle Projekte sind ja meist noch geheim  [lacht] , aber eins der letzten, die mir besonders viel Spaß gebracht haben, war das Filmhörspiel zu „Angry Birds“, erschienen bei Oetinger audio. Ein lustiges Dialogbuch, prominente Stimmen und gute Musik – das war außergewöhnlich.

Wenn du nicht in der Buchbranche arbeiten würdest, was wärst du dann?

Ich wollte immer Lektorin oder Ärztin werden. Und das ist auch heute nicht anders. Schade, dass wir nicht mehr Lebenszeit zur Verfügung haben, dann würde ich noch mal studieren.

In wessen Leben (lebende, verstorbene oder erfundene Person) würdest du gerne einmal Schatten spielen?

Fragen hätte ich an viele historische Persönlichkeiten. Aber wenn ich jemanden begleiten könnte, wäre das Alexander von Humboldt auf seiner Reise an den Amazonas.

 

Foto: Jennifer Cubela

Weitere Informationen über Jennifer Cubela

  • Sie war von 2006 bis 2010 Lektorin und stellvertretende Programmleiterin beim Jumbo Verlag.
  • Seit 2011 ist sie selbstständig. Ihre Schwerpunkte liegen im Korrektorat, Gutachten von (Film-)Hörspielen, Regie, Hörbuch-Kürzungen und Rezensionen.
  • Sie kam über eine frühere Kollegin (Ann-Kathrin Marr) zu den BücherFrauen.
  • Wenn sie nicht gerade arbeitet, ist sie am liebsten in der Natur – mit ihrer Familie oder FreundInnen, die ebenfalls WesternreiterInnen sind.

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Autorin: Rabea Güttler

Moin! Als gebürtiges Nordlicht habe ich nach Auslandsaufenthalten in den USA und Barcelona sowie einer einjährigen Deutschland-Tour meinen Weg zurück nach Norddeutschland gefunden. Seit 2014 lebe ich in Lüneburg, wo ich zuerst mein Volo im Werbelektorat absolviert und mich dann als Lektorin und Übersetzerin selbstständig gemacht habe. Seit Frühjahr 2017 blogge ich außerdem über Literatur, Autoren und andere Bücherwelten (www.derPAGEturner.net). Darüber hinaus bin ich zurzeit Regionalsprecherin der Hamburger BücherFrauen.

5 Kommentare

  1. Frauke Ehlers

    schöne neue Reihe/ Rubrik! Danke schön.

  2. Herzlichen Dank an Jennifer Cubela, dass sie bereit war, einen Einblick in ihren Beruf zu geben.

    In einem Punkt bin ich jedoch etwas skeptisch. Anders als ein Hörspiel oder eine Verfilmung, halte ich ein Hörbuch nicht für eine Adaption des Stoffes. Natürlich kann eine Sprecherin oder ein Sprecher durch gestaltendes Vortragen die Rezeption erleichtern, aber es bleibt beim Hörbuch das Ziel, das Werk möglichst unverändert, nur eben akustisch, zu vermitteln.

    Kürzungen halte ich für einen nicht legitimen Eingriff in das von der Autorin oder dem Autor geschaffene Kunstwerk. Es mag für Kürzungen wirtschaftliche Gründe geben, doch ich kenne keinen Roman, der als Hörbuch durch Kürzungen gewonnen hat.

    • Ich beschäftige mich nur am Rande mit Hörbuchproduktionen. Nach dem, was ich gehört und gelesen habe, sind Kürzungen in diesem Bereich aber doch wohl eher die Regel als die Ausnahme.

  3. Lieber Rolf Mueller,

    vielen Dank für Ihre Anmerkungen.
    Ich finde, die „Umarbeitung“ eines Werkes beginnt schon mit der Wahl des Sprechers/der Sprecherin (Mann oder Frau, alt oder jung, eine oder mehrere Stimmen etc.). Wenn das Ziel wirklich wäre, den Text möglichst „unverändert“ wiederzugeben, könnte ihn – überspitzt gesagt – auch der Hausmeister lesen. Es geht m. E. darum, den Text lebendig werden zu lassen, und das funktioniert nur, wenn man sich traut, ihn zu interpretieren. In dem Augenblick, wo ein Schauspieler/ausgebildeter
    (Synchron-)Sprecher einen Text spricht, wird er von dem des Autors ein Stück weit zu seinem eigenen – der Vorgang dieser Aneignung unterscheidet sich zumeist nicht allzu sehr von dem der Verinnerlichung einer Rolle für die Bühne oder Film- und Fernsehen. Hinzu kommt die Regie, die ebenfalls ihre Vorstellung vom Text mit in die Arbeit einbringt.
    Zudem fallen unter den Begriff „Hörbuch“ ja sehr viele Gattungen (u. a. Podcasts, sogenannte szenische Lesungen, Live-Mitschnitte und Features). Und auch Musik und (in einigen Fällen) Geräusche schaffen eine bestimmte Atmosphäre.
    Dass beim Hörspiel oder Film noch ganz andere gestalterische Mittel
    greifen, steht selbstverständlich außer Frage.
    Was den zweiten Aspekt Ihres Kommentars angeht: Üblicherweise wird bei der Übertragung der Hörbuchrechte festgelegt, ob ein Werk gekürzt oder ungekürzt erscheinen soll. In allen Verträgen, die ich kenne, wird auch der Umfang angegeben. Am Ende erfolgt stets die Freigabe durch den Autor/die Autorin oder – stellvertretend – durch den Verlag. (Auch Kürzungskonzepte zur Abstimmung im Vorfeld oder die Übertragung der Kürzung ins Originalmanuskript sind keine Seltenheit.)
    Für die Straffung eines Textes steht beispielsweise das Argument, dass das Leseverhalten und das Hörverhalten im Hinblick auf die Aufmerksamkeitsspanne nicht gleichzusetzen sind. Wer einmal versucht, sich selbst beim Lesen zu beobachten, wird feststellen, dass er/sie manche Passagen aufmerksamer und andere dafür weniger aufmerksam liest oder gar überblättert. Die akustische Umsetzung intensiviert dieses Gefälle zwischen „spannenden“ und „weniger spannenden“ Textstellen.
    Da Sie selbst auf das Hörspiel zu sprechen kommen: Auch in der Hörspieladaption (sowie übrigens auch beim Drehbuch) fällt mit jeder Seite eine Entscheidung für oder gegen die Umsetzung bestimmter Passagen – im Sinne einer dramaturgischen Verdichtung.
    Ob man die Straffung am Ende als ungerechtfertigten Eingriff oder als Verdichtung des Textes empfindet, ist sicher eine Geschmacksfrage. Fest steht: Ein Hörbuch ist niemals als Ersatz für das Buch gedacht, vielmehr kann es eine Ergänzung sein.
    Wer allerdings aus Zeitmangel Hörbücher hört, statt zu lesen – beispielsweise, weil er/sie viel im Auto sitzt – dem dient die Kennzeichnung „ungekürzte Lesung“ als Entscheidungshilfe.
    Um den letzten Punkt nicht außer Acht zu lassen: Ja, auch ökonomische Zwänge spielen sicher eine Rolle. Aber da die Auflagen meist viel niedriger sind, als die der Buchvorlage, wüsste ich auch nicht, wie man diesen Gesichtspunkt ignorieren sollte.

    • Sie haben Recht, etliche Aspekte der Hörbuchproduktion waren mir nicht bewusst. Vielen Dank für die ausführliche Darlegung.

      Für mich müssen Hörbücher leider Ersatz für gedruckte Bücher sein, weil ich selbst höchstens drei oder vier Bücher im Jahr lesen könnte. Hörbücher dagegen höre ich ständig – unterwegs, bei der Hausarbeit, beim Sport …

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