Drei Autorinnen – drei Bücher: Yvonne de Andrés

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Diesen Monat stellt uns Yvonne de Andrés drei Autorinnen und deren Bücher vor. Sie ist Projektleiterin der MehrWert-Studie und Pressefrau der Berliner Städtegruppe der BücherFrauen.

Foto: © Luis Sukop

Yvonne de Andrés ist ausgebildete Sortimentsbuchhändlerin und hat Germanistik sowie Politikwissenschaft studiert. Sie hat verschiedene Stationen im Buchhandel durchlaufen und war als Vertriebsleiterin bei Ullstein sowie als Vertriebs- und Marketingleiterin bei der Dornier-Mediengruppe, Pearson Education und beim Audio Verlag tätig. Seit 2011 ist sie als Senior Consultant bei HPC Heuschmid und Partner Consult, Berlin, zuständig für die Bereiche Kultur und Tourismus.

 

Die monatliche Kolumne „Drei Autorinnen ‒ drei Bücher“ ist für mich ein unterhaltsames Lesevergnügen und, in erster Linie, eine spannende Anregung. Von mir geschätzte Kolleginnen empfehlen ihre Lieblingsautorinnen und -titel und stellen dazu noch einen persönlichen Bezug her. Sehr persönliche Einblicke und Sichtweisen werden hier ermöglicht, die ein besseres gegenseitiges Kennenlernen erlauben. Vielen Dank an dieser Stelle an alle vorherigen Kolumnistinnen.

Drei Autorinnen:

Virginia Woolf (1882–1941)

Foto: © Doris Hermanns

Meine Mutter hat meinen Lesekanon stark beeinflusst. Ich muss ungefähr 16 Jahre alt gewesen sein, als sie mir ein kleines Büchlein in die Hand drückte und mir empfahl, es aufmerksam zu lesen. Es war der Essay A Room of One’s Own (dt. Ein Zimmer für sich allein/Ein eigenes Zimmer) der britischen Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf, der 1929 erschienen ist. Er hat mich damals elektrisiert und tut es noch heute. Dieser poetische Emanzipationsaufsatz war die Initiation in die Beschäftigung mit Virginia Woolf.

Griff- und lesebereit stand im Wohnzimmer meiner Eltern die gelbe Virginia-Woolf-Ausgabe aus dem S. Fischer Verlag, und so konnte ich eine Entdeckung nach der nächsten machen. Meine Lesereise ging dann weiter von Mrs. Dalloway über To the Lighthouse (Zum Leuchturm), Orlando, The Waves (Die Wellen) und Flush bis hin zu Three Guineas (Drei Guineen).

In den 1980er-Jahren wuchs ich in Spanien auf.  Nach dem Tod Francos liberalisierte sich die Verlagsszene des Landes, und die Bücher von Virginia Woolf und dem Bloomsbury-Kreis erschienen peu à peu. Zusammen mit einer guten Freundin habe ich versucht, alles über sie zu lesen. Dadurch begann ich mich mit der Frauenbewegung, Geschlechterfragen und der Wichtigkeit der eigenen Selbstständigkeit auseinanderzusetzen.

Ich war vor allem von der Unkonventionalität fasziniert, der für mich ungewohnt klaren, offenen Sprache, die mir aufzeigte, wie anders und um wie viel weiter frau über die Welt und ihr Geschlecht nachdenken sollte.

Die Beschäftigung mit Virginia Woolf hat mich nicht verlassen. Wie ich immer wieder feststellen kann, bin ich dabei nicht allein. Die Fotoserie der Porträtfotografin Gisèle Freund (1908–2000) ist eine sehr persönlicher Annäherung. Diese Bilder sind nicht verklärend. Virginia Woolf wird hier im Alter, Zigarette rauchend, mit wachem, leicht spöttischem Blick sehr eindringlich und fragil festgehalten.

Die großartigen Filme Orlando (1992) von Sally Potter, mit Tilda Swinton in der Hauptrolle, sowie The Hours ‒ Von Ewigkeit zu Ewigkeit (2002) von Stephen Daldry, mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman, zeigen mir, wie viel Virginia Woolf uns heute noch zu erzählen hat.

Elif Shafak (geb. 1971)

Foto: © Yvonne de Andrés

„Ich möchte ein wenig über Emotionen reden“, begann die türkische Schriftstellerin Elif Shafak ihre Eröffnungsrede auf dem Internationalen Literaturfestival 2017 in Berlin. Ihre Rede ist ein Plädoyer für die Demokratie. Ein Appell, den Populisten keinen Raum zur Verfügung zu stellen. „Es hat sich gezeigt, dass Demokratie viel zerbrechlicher ist, als wir dachten. Demokratie ist gleichsam ein Ökosystem, dem man unaufhörlich Nahrung geben und um das man sich kümmern muss. Wenn die Welt sich verändert, dann sollte sich auch die literarische Welt verändern. Deshalb möchte ich mich selbst und meine Schriftstellerkollegen dazu einladen, lauter die Stimme zu erheben zu dem, was gerade in der Welt passiert.“ Sehr genau wägte sie ihre Worte dabei ab. Ein Quäntchen Optimismus schwang am Ende mit, die Welt mag heute chaotischer als früher sein. Daher sei es so wichtig, Empathie und Fantasie in eine zukünftige Welt zu tragen, damit diese kein dunklerer Ort sei.

Die Autorin wurde 1971 in Straßburg als Tochter türkischer Eltern geboren. Ihr ursprünglicher Name war Elif Bilgin, das Pseudonym Şafak (türkisch für „Morgenröte“) ist der Vorname ihrer Mutter. Sie schreibt in türkischer und englischer Sprache.

Elif Shafak wuchs in Spanien auf, bevor sie in die Türkei zurückkehrte. Sie studierte Soziologie und Kommunikationswissenschaften an der Middle East Technical University in Ankara und erwarb einen Magister in Frauen- und Gender-Studien und einen Doktortitel in Politikwissenschaft. Sie hat in den USA Frauen- und Gender-Studien gelehrt. Heute ist sie an der Kingston University in London tätig sowie als Gastdozentin bei den Nahost-Studien der University of Arizona in Tucson. Sie lebt heute mit ihrer Familie in London. Häufig äußert sie sich in The Guardian und El País zur politischen Situation in der Türkei.

Shafak zählt zu den bekanntesten Schriftstellerinnen in der Türkei. Es liegen bereits 16 Bücher von ihr vor, 10 davon sind Romane, nicht alle sind ins Deutsche übersetzt. Das erste Buch, das ich von ihr las, war Şehrin Aynaları (Spiegel der Stadt, 2004). Dieser historische Roman führt uns durch ganz Europa, beginnt im Spanien der Inquisition in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und spannt sich über Italien bis zum Osmanischen Reich. Für diesen Roman erhielt Elif Shafak den Preis des türkischen Schriftstellerverbands. Mit ihm gelang ihr der literarische Durchbruch.

Die Verfolgung der Armenier thematisierte sie in The Bastard of Istanbul (Der Bastard von Istanbul, 2007). Der Roman brachte ihr eine Anklage wegen „Herabsetzung des Türkentums“ ein. In ihrem jüngsten Roman Three Daughters of Eve (Der Geruch des Paradieses, 2016) sucht eine Frau ihren Platz zwischen traditionellem und modernem Wertesystem vor dem Hintergrund der Ereignisse um 9/11.

Elif Shafak gehört zu den meistgelesenen türkischen Schriftstellerinnen, auch im Ausland. 2017 wurde sie in die Jury für den Man Booker International Prize berufen.

Pei-Yu Chang (geb. 1979)

Foto: © Yvonne de Andrés

Ich hatte mich auf der Frankfurter Buchmesse 2017 mit Pei-Yu Chang am Stand ihres Verlages verabredet. Sie war von einer Menschentraube umgeben. Hauptsächlich Buchhändlerinnen, die wie ich anstanden, um ihr Buch signiert zu bekommen.

Die Autorin wurde in Taipeh (Taiwan) geboren und hat dort deutsche Kultur und Sprache sowie deutsche Literaturwissenschaft studiert. Nach ihrem Master-Abschluss kam sie nach Deutschland und hat Kommunikationsdesign und Illustration in Münster studiert. Auf der Buchmesse stellten wir fest, dass wir beide die Ausstellung über Walter Benjamin in Marbach besucht hatten. Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin, die Geschichte eines Philosophen, der mitsamt seinem mysteriösen Koffer flieht, ist ein besonderes Kunstwerk zum Thema Flucht.

Die Autorin und Illustratorin steht am Beginn ihrer Laufbahn. Zwei veröffentlichte Bücher liegen bereits vor: Hundebraten Süßsauer. Kochbuch der chinesischen Hausmannskost (2016) und Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin (2017).

Für das nächste Jahr ist ein neues Bilderbuch bereits in Planung.

Drei Bücher:

Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer/Ein Zimmer für sich allein

„Aber, mögen Sie vielleicht sagen, wir haben Sie doch gebeten, über Frauen und Literatur zu sprechen – was hat das denn mit einem Zimmer für sich allein zu tun?“, beginnt Virginia Woolf ihren Essay.

Der Text in dem kleinen Band dreht sich um die Überlegungen zu „Frauen und Literatur“ und ist heute noch aktuell. Dabei geht es um Räume, Möglichkeiten, Geschlecht und Widerstände. „Fünfhundert (Pfund) im Jahr und ein Zimmer für sich allein“ sind laut Woolf Voraussetzungen dafür, dass Frauen große Literatur schaffen können. Der materielle Rahmen bedeutet Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, Emanzipation, und dies gilt es zu schaffen und zu sichern. Eine Errungenschaft, an der wir immer noch kräftig arbeiten. Virginia Woolf benennt ihre Ansichten über künstlerische Kreativität und ihr eigenes Schreiben.

Das Buch ist mir so wichtig, weil es die Voraussetzung, den Rahmen für die Entfaltung der Kreativität definiert. Der Essay ist immer noch ein wichtiger Beitrag zur Emanzipationsbewegung. Da meine Ausgabe von den Jahren bereits recht zerfleddert ist, bin ich neulich in eine Buchhandlung gegangen, um ihn neu zu erwerben.

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses

Istanbul 2016: Alles beginnt an einem „ganz normalen Frühlingstag“. Nazperi, genannt Peri, steckt im Verkehrsstau der Metropole Istanbul. Es ist Feierabend, die Straßen sind dicht. Sie ist auf dem Weg zu einer Dinnerparty, dem „letzten Abendmahl des türkischen Großbürgertums“. Gedanklich beschäftigt sie der Disput mit ihrer pubertierenden Tochter Deniz. Das Leben wirkt vordergründig modern, liberal, aufgeklärt, wie es auch in anderen Metropolen wie New York, Paris oder Berlin aussieht. Doch dies täuscht. Istanbul liegt in Erdogans Türkei und ist somit keine westliche Großstadt.

Mitten im Chaos der Blechlawine wird ihr die Designerhandtasche geklaut. Sie denkt nicht lange über die Konventionen des türkischen Staatsoberhauptes nach und sprintet dem Dieb hinterher. Bei diesem Sprint erinnert sie sich in der Rückblende an ihr Studium in Oxford. Hier traf sie die weltoffene säkulare Shirin und die gläubige Kopftuch tragende Mona. Sie galt in diesem Trio als die Verwirrte in der Position zwischen Tradition und westlicher Freiheit ‒ eine ungewöhnliche Freundschaft ganz unterschiedlicher Frauen mit muslimischem Hintergrund. Auch in ihrem Elternhaus setzte sich das Spannungsverhältnis zwischen Frömmigkeit, Tradition und Moderne fort.

Das Buch liest sich besonders spannend vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der heutigen Türkei. „Statt vieler Farben schien es nur mehr Schwarz und Weiß zu geben“, analysiert Shafak die Situation. „Man war entweder ,streng religiös‘ oder ,streng säkular‘, und diejenigen, die sich noch irgendwie in beiden Lagern gesehen und mit dem Allmächtigen ebenso leidenschaftlich auseinandergesetzt hatten wie mit der Gegenwart, waren entweder verschwunden oder auf gespenstische Weise verstummt.“ Es ist eine sehr interessante Spurensuche, die uns als Leserinnen mit vielen Fragen von Muslimas konfrontiert.

Pei-Yu Chang: Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin

Die Autorin und Illustratorin Pei-Yu Chang erzählt in ihrem großen Bilderbuch die Geschichte der Flucht des Philosophen Walter Benjamin nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Im Vorsatz des Buches können wir einen Blick in den Koffer werfen. Er ist leer. Auf einer Reise nach Marbach, ins Literaturmuseum der Moderne, hat Pei-Yu Chang 2015 diesen Koffer entdeckt, der in einer Vitrine ausgestellt war. Die Geschichte um den Koffer von Walter Benjamin sowie das Thema der Flucht hat sie interessiert, sodass sie es nachgezeichnet hat.

„Er war ein Philosoph und hatte brillante Ideen aller Art. Eines Tages aber entschied das Land, in dem er lebte, dass außergewöhnliche Ideen sehr, sehr gefährlich seien.“ Im September 1933 war Walter Benjamin gezwungen, ins Exil zu gehen, um sich der Verhaftung zu entziehen. Doch auch sein Zufluchtsort Paris war bald kein sicherer Ort mehr. So versuchte Benjamin im September 1940 mit der Hilfe von Lisa Fittko, einer österreichischen Widerstandskämpferin, von Banyuls-sur-Mer nach Spanien zu gelangen. Lisa Fittko wies die Flüchtlinge an: „Aber wir dürfen alle nur leichtes Gepäck mitnehmen […] und wir müssen uns ganz unauffällig verhalten, damit man uns nicht bemerkt.“

 

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2017 erschien ihre Übersetzung von "Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren" von Susan Hawthorne. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

Ein Kommentar

  1. Danke Yvonne – das ist sehr inspirierend geschrieben! Schöne Auswahl.

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