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Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Ich liebe meinen Verleger. Aber brauche ich ihn noch?

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Wie, du bist noch bei einem Verlag – warum machst du dich nicht selbst ganz groß? Selfpublishing heißt doch: mehr Freiheit, mehr Geld – oder doch eher: kleiner Markt, schlechter Ruf? Ein Für und Wider samt Liebeserklärung an Verlage. Mit einem Aber.

Ich liebe meinen Verleger. Doch, wirklich: Ich kenne ihn seit 1997, er hatte damals mehr Haare und ich weniger Gewicht. Ich war 24, Journalistin, und stolz, dass der Knaur-Verlag, der auch Simmel veröffentlichte, mich haben wollte. Ja, mich – nicht nur mein Buch. Ich wurde gewollt. Unbezahlbar.

Mit meinem Verleger verbinden mich 17 Jahre und 19 gemeinsame Titel. Er ist ein Schlitzohr und eine Krämerseele, halb Bücherjunkie, halb Kaufmann. Ja: Ich liebe meinen Verleger. Aber brauche ich ihn noch? Mir steht, wie auch den anderen rund 200 deutschsprachigen Bestseller-Autorinnen, den 70.000 Hobbyautorinnen und den 43.000 in der Künstlersozialkasse registrierten Berufsautorinnen doch die schöne neue Welt der Selbstveröffentlichung per E-Book und teilweise auch per nachgeschossenem PoD oder verlagsfreiem Taschenbuch in Kleinauflage (Ergänzung: 2.3., 09:25 Uhr: Mehr zum SP-Printbereich beschreibt Schreibcoach und Autor Hans Peter Roentgen in Kommentar 4, edit_Ende) zur Verfügung. Gut, so neu ist die Welt nun auch wieder nicht: Bereits 2009 übertraf der Anteil selbstpublizierter Bücher weltweit die Menge der Verlagstitel.

In Deutschland umfassen digitale Titel von sogenannten Self-Publishern alias »Indieautoren« inzwischen das Dreifache des Verlagsauswurfes – und der steht schon bei rund 96.600 Veröffentlichungen im Jahr 2014, davon etwa 25.000 belletristische »Erwachsenenliteratur« (und rund 12.000 Titel aus der Feder deutschsprachiger Autorinnen, der Rest Lizenzen). Darauf kommen rund 40.000 deutschsprachige SP-Titel im Jahr – manche kürzer, wenige länger, andere nur rasch umgetitelt oder neu gecovert, sodass man sich schwer tut mit dem Nachzählen. Vor allem, weil ein erfolgreicher SP-Titel gleich einige Nachahmer nach zieht und man nicht mehr genau weiß: War das jetzt: Du sexy Bastard, du supersexy Bastard oder du lecker Bastard mit Nebenwirkungen?

Auch Joanne K. Rowling macht Selfpublishing, nicht nur Gescheiterte

Unter vielen Buchliebhabern haben selbstverlegte Formate immer noch keinen guten Ruf. Doch mit dem rasanten Erfolg lesefähiger Geräte wie Kindle, iPads oder Smartphones steigt seit Jahren der Anteil der Autorinnen und Autoren, die ihre kleinen und großen Werke nicht nur selbst schreiben, sondern auch vermarkten, anbieten, verkaufen – en gros über das Internet. Das Publizieren von digitalen Büchern in Eigenregie ist übrigens nicht nur der Ausweg für »Gescheiterte«, wie es im Kopf von so manch Literaturgedünkeltem so deucht, sondern eine bequeme Möglichkeit, sowohl für Gelegenheitsschreiber als auch für Großkaliber wie Joanne K. Rowling, die über ihr E-Book-Distributionsportal »Pottermore« die E-Bookrechte an Harry und dessen Zauberkünsten selbst wahrnimmt.

Elektronische Bücher entstehen aus vielerlei Ambitionen heraus. Es wird Neues geschrieben, es werden frühere Werke wiederaufgelegt oder solche, die Verlage abgelehnt haben. Manche Titel, die als Druckexemplare erfolgreich gelaufen sind, werden von den Autorinnen in Eigenregie auf die digitale Rampe geschoben, denn nur 63 Prozent aller Verlage produzieren zurzeit (2014) zeitgleich zum Print auch ein E-Book.
Wie Hans Peter Roentgen in seinem Kommentar 4 richtig aufzeigt, gehen auch Autorinnen aus Verlagen bei SP „fremd“ – und werden zu „Hybrid“-Autorinnen, die alle Publikations-Wege ausnutzen.

Seit 2006 hat die mehrsprachige SP-Plattform BLURB mit einer Million registrierten Autoren drei Millionen Selbst-Publikationen weltweit herausgebracht. Bei ePubli veröffentlichen europaweit 25.000 Autoren, und dann gibt es noch den Big-Player Amazon, der dem Großteil aller Self-Publisher eine Heimat gibt – Amazon gilt als der King of »Hausmacher-Literatur«. Er vertreibt 80 Prozent aller Independent-Werke und zahlt zwischen 35 und 70 Prozent vom Nettoladenpreis, der meist zwischen 99 Cent bis 3,99 Euro liegt – ein Blick in Matthias Mattings Selfpublisherbibel verfolgt die stabilsten Preise und Bedingungen bei Jeff Bezos‘ »Relentless«, mit dem er gedachte, wie sagte er so nett: »Die Verlage zu jagen wie Gazellen«.

Alle 2,1 Sekunden kommt irgendwo ein Buch auf die Welt

Alle 2,1 Sekunden kommt heute irgendwo ein selbstpubliziertes eBuch zur Welt. Am besten verkaufen sich elektronische Selbstveröffentlichungen der »Warengruppe 483«: Partnerschaft und Psychologie, genauer gesagt: saftige Erotika. Obgleich sie absolute Kindle-Verkaufsgewinner sind, entfernen Amazon und Apple Erotik-Titel oft jedoch von ihren Bestsellerlisten, bei Apple reichen sogar Cover mit Andeutungen von softer Erotik oder eine zu hohe Dichte verdächtiger Wörter im Text wie fuck, wet oder vagina, um den jeweiligen Werken den Vertrieb zu verweigern. Oder ein kiffender Jesus.

Die selbstgemachte »Warengruppe 483« ist – genauso oft wie andere Genres – wird trotz Rechtschreib- oder Formatierungsfehler geladen – und gelesen. Die Plots sind häufig von ungeübten Autoren nach Schema 0Sex15 zusammengeschustert. Autoren und Autorinnen bestimmter Genres finden sich mitunter, so heißt es, zu »Selbstbewertungsclubs« zusammen, in denen man sich gegenseitig fünf Sterne gibt (»Sexy! Kanns kaum erwarten, den zweiten Teil zu lesen«) oder abwertende Leserkommentare so oft als »nicht hilfreich« markiert, bis diese aus den Kommentarspalten fliegen. Mitunter werden Titel auch einfach gratis verschleudert oder auf 99 Cent gesetzt und gelangen auf diese Weise doch noch in die Top10.

Das ist alles EIN Extrem auf der Skala Selfpublishing – es geht natürlich auch anders, wenn auch seltener: Die Autorin, der Autor, schreibt nach den Regeln der Kunst, leistet sich für 1500 oder 2000 Euro ein richtiges Lektorat, für 500 noch ein Korrektorat, für 200 ein tolles Cover und erwartet Respekt und Achtung, genauso wie sie es auch erweist. Doch, diese Fälle gibt es (immer mehr) – doch noch selten genug.

In 20 Minuten vom letzten Punkt bis zum ersten Käufer

Während Verlage mindestens ein Jahr brauchen, um aus einem Manuskript ein Buch zu machen, gelangt im elektronischen Format eine Geschichte nach dem letzten Punkt in nahezu rasendem Tempo an die Leser – ob diese in Helsinki oder New York mit Tablet im Bett liegen oder auf dem Klo in Castrop-Rauxel mit dem Handy spielen. Softwares wie Calibre, Sigil oder IbooksAuthor wandeln den Word-Text in E-Reader-kompatible Dateien um, Distributoren wie ePubli, Bookrix, Xinxii oder Bookwire beliefern gegen Gebühr umgehend so viele Verkaufsplattformen wie möglich.

Schon nach durchschnittlich 20 Minuten kann das Werk weltweit an Milliarden von lesefähigen Geräten, an PCs, auf Kindles, Laptops, Tablets und Handys erworben werden – ob über Amazon, Weltbild, buch.de, minimore.de, Osiander, Barnes & Noble, ebook.de, Apple oder im Spiegel.de-Shop, in cirka 400 weiteren E-Distributoren, sogar im örtlichen Buchladen, wenn auch nicht in jedem.

Sex sells. Von Dino-Sex bis Vampir-Triole

In Europa veröffentlichen etwa 200.000 Autorinnen sich selbst und elektronisch, weltweit etwa zwei Millionen. Rasant nachgefragte Genres sind Fantasy, Romantasy (ein Mix aus Fantasy und Liebesroman), Erotika, Mangas, kurze Serien, interaktive Geschichten, Anthologien – und Fan-Fiction. Die Liebe der Leser zu Figuren wie Bella und Edward aus dem Vampir-Aschenputtelmärchen »Twilight« (»Biss zum Morgengrauen« von S. Meyer) geht so weit, dass diese Figuren gekidnappt und in eigenen Geschichten verbraten werden, als Fan-Fiction, als die vom Fan weitergeschriebene Story. Der literarische S/M-Unfall »50 Shades of Grey« startete einst als eine semi-pornografische, rein digitale Version der Vampirromanze Twilight, als »Master of the Universe«. Bella und Edward, der verliebte Teenager und der schöne Vampirboy, fanden sich da auf einmal in schlüpfrig-schlagender Verbindung von sadomasochistischen Spielchen wieder.

Nach dem die Autorin E. L. James (natürlich ein Pseudonym, alle Erotika-Self-Publisher arbeiten unter Pseudonymen, übrigens meist unter weiblichen) es als Self-Publishing E-Book herausgab, wurde es ein Erfolg – danach kaufte es RandomHouse und wandelte flugs Mädchen und Vampir in Mädchen und Millionär um. Auch wegen des Urheberrechts und so, weswegen der französische Verlag Latte das Werk wegen Verletzungen des Author’s Right von S. Meyer und anderen Autorinnen nicht drucken wollte.

Mit den elektronischen Veröffentlichungen ist es wie mit Papierbüchern: Mist ist dabei, aber auch manche Perle. Dateien sind noch geduldiger als Papier, vor allem aber sind sie ganz alleine im Publikationsdschungel – von niemandem bedroht, ob Agent, Lektor oder anderen, die sonst üblicherweise an einem Manuskript so lange mitarbeiten, bis ein lesbares, verkaufbares Buch dabei rauskommt. Die wenigsten, unter fünf Prozent der selbstpublizierenden Autorinnen leisten sich zurzeit die Qual, Mühe und Qualitätsverbesserung eines harten Lektorats (noch: Der Wandel beginnt schon).

Und dann kommt noch der Gazellenjäger Amazon und sagt: Bei mir gibt es keine Kritik!! Aber dafür 35 bis 70 % von deinem (niedrig)Verkaufspreis! Gut, zwar auch kein Lektorat oder andere verlegerische Leistungen, aber dafür Angstfreiheit! Angst ist ein großer Motor jeder Vermeidung, auch in der Kunst. Und: Kunst muss frei sein, so heißt es, das bedeutet für manche jedoch: frei von geschulten Techniken.

Diese barfüßige Ich-tanze-im-Regen-Haltung bringt mitunter Self-Publishing Autoren hervor, die Textkritik für unnötig halten, solange ein paar hundert oder tausend Leser ihre 99-Cent-Stories kaufen und sie mit Sternchen küren. Klar, sind nicht nur solche – aber viele. Und die vielen tragen zum schlechten Ruf der wenigen guten bei. Ist doof, ist aber so.

Qualitätskontrolle im traditionellen Buchmarkt? Ja, auch nicht immer, aber grundsätzlich: ja

Man kann über die deutschsprachige Buchbranche viel Kritisches sagen, doch abgesehen davon, dass die meisten Meinungen geschmäcklerischer Natur sind, hat, was schließlich gedruckt wird, mehrere Qualitätsprüfungen durchlaufen. Agenten prüfen auf Originalität und kritisieren, Lektoren arbeiten am Manuskript, am Plot, an Dialogen und psychologischer Glaubwürdigkeit oder Stilistik. Die meisten gedruckten Bücher wurden im Lektorat mit den Autorinnen umgeschrieben. Kein Buch erscheint so, wie es ursprünglich geschrieben wurde. Je nach Leidenschaft und Zeit der Lektorinnen können mal ein paar Stunden bis zu ein paar Monaten an gemeinsamer Überarbeitung anfallen (unabhängig von Verlagsgröße, übrigens, es ist stets von den Menschen abhängig).
Und das tut jedem Story gut. Papier ist teuer, entsprechend geizig wird damit umgegangen. Dateien indes bieten unendlich viel Platz für Längen, Gefasel und Fehler. Aber: Auch das ist Demokratie, gewöhnen wir uns daran! Literatur darf weiterhin über den Inhalt gedacht werden, es darf nicht zu einem »Format-Krieg« werden – ob elektronisch oder gedruckt: Es ist die Geschichte, die zählt. Ganz gleich ob selbst oder mit anderen zuammen gemacht.

Autorinnen, die lieber selbst publizieren, anstatt einen Verlag zu suchen, sagen häufig, sie wollen Kontrolle über Inhalt, Rechte und Vermarktung, sowie höhere Margen und Freiheit haben. 42 Prozent von ihnen sind Hobbyautoren, die aus Spaß und zur Selbstverwirklichung und für Anerkennung schreiben, jede dritte bezeichnet sich als Berufsautorin (das war vor zwei Jahren noch deutlich geringer ausgeprägt, dies Bewusstsein) und schreibt Sachbücher für den Lebensunterhalt. Jeder fünfte ist ein schreibender Akademiker oder Journalist. Geld zu verdienen ist für den überwiegenden Teil Nebensache. Manche haben das Modell »Gatte« als Haupteinkommen, andere einen Beruf. So kommen manche Schleuderpreise im SP-Bereich zustande, die für Berufsautorinnen nie in Frage kämen, sofern sie ihre Erstausgaben an den Markt brächten.

Angst vor Kritik, Angst vor Textarbeit, Angst vor dem Verbogen-Werden: Was Selfpublisher noch antreibt

Neben diesen Gründen gibt es die verborgenen. Mit Sicherheit haben alle Autoren mehr oder weniger große Angst vor Kritik oder der Arbeit am Text. Mimosen blühen häufig im schreibenden Bereich, das ist normal.
Die meisten Selbstveröffentlicher wurden rund sieben Mal von Verlagen abgewiesen, ein Drittel bietet Verlegern gar nichts erst an, der Großteil hat keinerlei Erfahrung mit intensiver Textarbeit. Jeder dritte hat schon bei einem Verlag publiziert, sich dort aber mies behandelt gefühlt (»Dort schreibt man mir alles vor und verbiegt meine Idee.«), wurde frustriert oder verletzt: Bücher, die mit viel Aufwand an Feierabenden, Wochenenden, im Urlaub, gegen den Widerstand der Familien entstanden sind, wurden in ein Cover gepackt, das banal oder verkaufstötend ist, mit einem Klappentext aus dem Marketing-Blah-Generator versehen, erfuhren kaum Interesse bei Vertreter und Buchhandel oder bei der Presse. Marketing betreiben Verlage nur für einen sehr geringen Prozentsatz neuer Titel, die übrigen müssen ihre Leser über Jahre mühevoll finden. Und wenn sich ein Buch „nur“ 3000 Mal verkauft – was im Grunde nicht wenig ist und die Kosten längst einspielt – trägt der Autor, die Autorin eh immer die Schuld. Um sich all das zu ersparen, nimmt er oder sie selbst das Notwendige in Angriff: Abrechnung, Buchhaltung, Verträge, Herstellung, ISBN einkaufen, Webseite, Fotos sowie das Marketing im Web.

Im Idealfall kommen am Ende zwischen 35 und 70 Prozent vom Nettoverkaufspreis beim Autor als Umsatz an. Da die meisten E-Books von Self-Publishern zwischen 2,99 Euro und 3,99 Euro kosten und sie sich gegen rund 40.000 andere Titel von SPlern durchsetzen müssen, setzt die Hälfte aller E-Book- Autoren weniger als 50 Euro im Monat mit Verkäufen um. Nur vier Prozent schaffen es auf 1000 Euro, noch weniger auf 2000 Euro Umsatz im Monat – Ergänzung am 1.3.2015: aber hier steigt, nach Alexandra Ambers Urteil (Siehe Kommntar Nr. 3 von 20:41 Uhr, 1.3.15), der Umsatz definitiv an, es gibt die Bestseller-AutorInnen unter den SPLern, die sich für 5000 Euro Vorschuss nie-mals einem Verlag annähern würden. Weil sie alleine längst mehr umsetzen. (Ergänzung Ende)

Wie viele E-Books Erfolgs-Selbstmacher dafür im Umlauf haben müssen oder ob das alles Erotika-Schinken mit Zauberpeitschen sind, das weiß keiner. Es gibt wenige Erfolgsstories – ebenso wenige wie im traditionellen Buchgeschäft! Doch dagegen ist bekannt: Einen Bestseller zu landen ist seltener als der Fünfer beim Mittwochslotto und trifft eher die, die schon zehn bis zwanzig Jahre professionell schreiben. Mancher Selfpublisher hat dafür wenig Geduld und wünscht sich fünfstellige Umsätze doch bitte gleich ab Debüt.

Großer Fisch im kleinen Markt: deutschsprachige E-Books werden selten in Übersee eingekauft

Auch der E-Book-Markt ist – hierzulande – klein: Wer nur digital veröffentlicht, erreicht rund 80 Prozent der möglichen Leserschaft nicht. Und selbst wer es zum einigermaßen großen Fisch im elektronischen Teich schafft – seine Bücher sind Piraterie hilflos ausgeliefert, werden in Buchläden nicht geführt, nicht fürs Ausland oder Hörbuch oder Theater lizensiert und haben keine Presse. Kein Journalist hat bisher eine E-Book-Erstveröffentlichung, gar von einem Self-Publisher freiwillig besprochen. Amy Cross? Andreas Adlon? Poppy J. Anderson, die bewusst Rowohlt fürs Selbermachen verließ (EDIT am 01.03.2015 um 21:02 Uhr: nachdem sie nach ihrem SP-Erfolg erst eingekauft wurde, und drei Bücher im Verlag „traditionell“ verlegte, bevor sie sich wieder selbstständig machte. Edit Ende) und damit gut lebt? Diese Autorinnen verkaufen mitunter Hunderttausende ihrer elektronischen Werke wie »Knutschflecke gibt’s später«, »Ein Hinterwäldler zum Verlieben« oder »Tod im Netz«, nur kennt sie außerhalb des Webs niemand. Im Netz werben ist die zweite Hauptdisziplin neben Schreiben, frei nach der Formel: drei Stunden Textarbeit, sieben Stunden Marketing. Pro Tag. Immerhin: Die New York Times hat eine eBook-Bestsellerliste. So etwas gibt es hierzulande bislang nicht. Noch nicht, irgendeiner wird sich schon mal trauen.

Wegen all dieser Für und Wider punktet unterm Strich die Verlagsware. Noch! Doch wer einen Verleger hat, bekommt Geld »vorgeschossen«, und damit auch Zeit, um am Text zu arbeiten. Er bekommt professionelles Lektorat, den Vertrieb in Buchläden (Gut, meist nur für rund drei Monate) die immer noch die meisten Bücher verkaufen, hat die Chance auf Presse-Rezensionen, auf die Spiegel-Bestsellerliste, von dort aus auf Übersetzungen oder die Verfilmung des Stoffes. Und kann sein Schaffen deutlich mehr über den Inhalt anstatt über den Preis (99 Cent!) oder die Lautstärke an Marketinggeschrei definieren – und sich aufs Schreiben konzentrieren. Unbezahlbar.
Auch dafür liebe ich meinen Verleger. Und er? Braucht Autoren und Autorinnen, um zu überleben, da mitten im bewegtem großen bösen Fischteich. Er braucht mich mehr denn je. Deswegen, liebe Verlage: Gebt uns Liebe! Gebt uns Geld. Gebt uns Freiheit! Regelmäßige E-Mails! Und ähem… schönere Cover. 

Dann klappt’s auch noch ein bisschen besser mit uns.

 

Ich liebe meinen Verleger aber brauche ich ihn noch? wurde erstmals von Nina George in einem 20-minütigen Referat (Hier: im Wortlautpapier) auf der Deutschen Literaturkonferenz 2014 in Berlin gehalten, innerhalb des Symposioms »Voll digital – E-Books Schreiben, Lesen und Verlegen«. Für Papierliebhaber findet sich der Artikel ab jetzt auch in der März 2015-Ausgabe des »Das Magazin« unter dem Titel: 0Sex15. Am Kiosk für 3,30 € oder auch als ePaper (3,00 €). 

Autorin: Nina George

Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Nina George schreibt Romane, Sachbücher, Thriller, Reportagen, Kurzgeschichten sowie Kolumnen. Ihr Roman „Das Lavendelzimmer" stand 63 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wird in 35 Sprachen übersetzt und war u.a. New York Times Bestseller. Mit ihrem Ehemann, Schriftsteller Jo Kramer, schreibt sie unter „Jean Bagnol“ Provencethriller. Nina George ist Beirätin des PEN-Präsidiums und WWC-Beauftragte, Bundesvorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, sowie Gründerin der Initiative Fairer Buchmarkt. Sie lebt in Berlin und der Bretagne. 2017 wurde George als BücherFrau des Jahres ausgezeichnet. www.ninageorge.de

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