Ich liebe meinen Verleger. Aber brauche ich ihn noch?

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Wie, du bist noch bei einem Verlag – warum machst du dich nicht selbst ganz groß? Selfpublishing heißt doch: mehr Freiheit, mehr Geld – oder doch eher: kleiner Markt, schlechter Ruf? Ein Für und Wider samt Liebeserklärung an Verlage. Mit einem Aber.

Ich liebe meinen Verleger. Doch, wirklich: Ich kenne ihn seit 1997, er hatte damals mehr Haare und ich weniger Gewicht. Ich war 24, Journalistin, und stolz, dass der Knaur-Verlag, der auch Simmel veröffentlichte, mich haben wollte. Ja, mich – nicht nur mein Buch. Ich wurde gewollt. Unbezahlbar.

Mit meinem Verleger verbinden mich 17 Jahre und 19 gemeinsame Titel. Er ist ein Schlitzohr und eine Krämerseele, halb Bücherjunkie, halb Kaufmann. Ja: Ich liebe meinen Verleger. Aber brauche ich ihn noch? Mir steht, wie auch den anderen rund 200 deutschsprachigen Bestseller-Autorinnen, den 70.000 Hobbyautorinnen und den 43.000 in der Künstlersozialkasse registrierten Berufsautorinnen doch die schöne neue Welt der Selbstveröffentlichung per E-Book und teilweise auch per nachgeschossenem PoD oder verlagsfreiem Taschenbuch in Kleinauflage (Ergänzung: 2.3., 09:25 Uhr: Mehr zum SP-Printbereich beschreibt Schreibcoach und Autor Hans Peter Roentgen in Kommentar 4, edit_Ende) zur Verfügung. Gut, so neu ist die Welt nun auch wieder nicht: Bereits 2009 übertraf der Anteil selbstpublizierter Bücher weltweit die Menge der Verlagstitel.

In Deutschland umfassen digitale Titel von sogenannten Self-Publishern alias »Indieautoren« inzwischen das Dreifache des Verlagsauswurfes – und der steht schon bei rund 96.600 Veröffentlichungen im Jahr 2014, davon etwa 25.000 belletristische »Erwachsenenliteratur« (und rund 12.000 Titel aus der Feder deutschsprachiger Autorinnen, der Rest Lizenzen). Darauf kommen rund 40.000 deutschsprachige SP-Titel im Jahr – manche kürzer, wenige länger, andere nur rasch umgetitelt oder neu gecovert, sodass man sich schwer tut mit dem Nachzählen. Vor allem, weil ein erfolgreicher SP-Titel gleich einige Nachahmer nach zieht und man nicht mehr genau weiß: War das jetzt: Du sexy Bastard, du supersexy Bastard oder du lecker Bastard mit Nebenwirkungen?

Auch Joanne K. Rowling macht Selfpublishing, nicht nur Gescheiterte

Unter vielen Buchliebhabern haben selbstverlegte Formate immer noch keinen guten Ruf. Doch mit dem rasanten Erfolg lesefähiger Geräte wie Kindle, iPads oder Smartphones steigt seit Jahren der Anteil der Autorinnen und Autoren, die ihre kleinen und großen Werke nicht nur selbst schreiben, sondern auch vermarkten, anbieten, verkaufen – en gros über das Internet. Das Publizieren von digitalen Büchern in Eigenregie ist übrigens nicht nur der Ausweg für »Gescheiterte«, wie es im Kopf von so manch Literaturgedünkeltem so deucht, sondern eine bequeme Möglichkeit, sowohl für Gelegenheitsschreiber als auch für Großkaliber wie Joanne K. Rowling, die über ihr E-Book-Distributionsportal »Pottermore« die E-Bookrechte an Harry und dessen Zauberkünsten selbst wahrnimmt.

Elektronische Bücher entstehen aus vielerlei Ambitionen heraus. Es wird Neues geschrieben, es werden frühere Werke wiederaufgelegt oder solche, die Verlage abgelehnt haben. Manche Titel, die als Druckexemplare erfolgreich gelaufen sind, werden von den Autorinnen in Eigenregie auf die digitale Rampe geschoben, denn nur 63 Prozent aller Verlage produzieren zurzeit (2014) zeitgleich zum Print auch ein E-Book.
Wie Hans Peter Roentgen in seinem Kommentar 4 richtig aufzeigt, gehen auch Autorinnen aus Verlagen bei SP „fremd“ – und werden zu „Hybrid“-Autorinnen, die alle Publikations-Wege ausnutzen.

Seit 2006 hat die mehrsprachige SP-Plattform BLURB mit einer Million registrierten Autoren drei Millionen Selbst-Publikationen weltweit herausgebracht. Bei ePubli veröffentlichen europaweit 25.000 Autoren, und dann gibt es noch den Big-Player Amazon, der dem Großteil aller Self-Publisher eine Heimat gibt – Amazon gilt als der King of »Hausmacher-Literatur«. Er vertreibt 80 Prozent aller Independent-Werke und zahlt zwischen 35 und 70 Prozent vom Nettoladenpreis, der meist zwischen 99 Cent bis 3,99 Euro liegt – ein Blick in Matthias Mattings Selfpublisherbibel verfolgt die stabilsten Preise und Bedingungen bei Jeff Bezos‘ »Relentless«, mit dem er gedachte, wie sagte er so nett: »Die Verlage zu jagen wie Gazellen«.

Alle 2,1 Sekunden kommt irgendwo ein Buch auf die Welt

Alle 2,1 Sekunden kommt heute irgendwo ein selbstpubliziertes eBuch zur Welt. Am besten verkaufen sich elektronische Selbstveröffentlichungen der »Warengruppe 483«: Partnerschaft und Psychologie, genauer gesagt: saftige Erotika. Obgleich sie absolute Kindle-Verkaufsgewinner sind, entfernen Amazon und Apple Erotik-Titel oft jedoch von ihren Bestsellerlisten, bei Apple reichen sogar Cover mit Andeutungen von softer Erotik oder eine zu hohe Dichte verdächtiger Wörter im Text wie fuck, wet oder vagina, um den jeweiligen Werken den Vertrieb zu verweigern. Oder ein kiffender Jesus.

Die selbstgemachte »Warengruppe 483« ist – genauso oft wie andere Genres – wird trotz Rechtschreib- oder Formatierungsfehler geladen – und gelesen. Die Plots sind häufig von ungeübten Autoren nach Schema 0Sex15 zusammengeschustert. Autoren und Autorinnen bestimmter Genres finden sich mitunter, so heißt es, zu »Selbstbewertungsclubs« zusammen, in denen man sich gegenseitig fünf Sterne gibt (»Sexy! Kanns kaum erwarten, den zweiten Teil zu lesen«) oder abwertende Leserkommentare so oft als »nicht hilfreich« markiert, bis diese aus den Kommentarspalten fliegen. Mitunter werden Titel auch einfach gratis verschleudert oder auf 99 Cent gesetzt und gelangen auf diese Weise doch noch in die Top10.

Das ist alles EIN Extrem auf der Skala Selfpublishing – es geht natürlich auch anders, wenn auch seltener: Die Autorin, der Autor, schreibt nach den Regeln der Kunst, leistet sich für 1500 oder 2000 Euro ein richtiges Lektorat, für 500 noch ein Korrektorat, für 200 ein tolles Cover und erwartet Respekt und Achtung, genauso wie sie es auch erweist. Doch, diese Fälle gibt es (immer mehr) – doch noch selten genug.

In 20 Minuten vom letzten Punkt bis zum ersten Käufer

Während Verlage mindestens ein Jahr brauchen, um aus einem Manuskript ein Buch zu machen, gelangt im elektronischen Format eine Geschichte nach dem letzten Punkt in nahezu rasendem Tempo an die Leser – ob diese in Helsinki oder New York mit Tablet im Bett liegen oder auf dem Klo in Castrop-Rauxel mit dem Handy spielen. Softwares wie Calibre, Sigil oder IbooksAuthor wandeln den Word-Text in E-Reader-kompatible Dateien um, Distributoren wie ePubli, Bookrix, Xinxii oder Bookwire beliefern gegen Gebühr umgehend so viele Verkaufsplattformen wie möglich.

Schon nach durchschnittlich 20 Minuten kann das Werk weltweit an Milliarden von lesefähigen Geräten, an PCs, auf Kindles, Laptops, Tablets und Handys erworben werden – ob über Amazon, Weltbild, buch.de, minimore.de, Osiander, Barnes & Noble, ebook.de, Apple oder im Spiegel.de-Shop, in cirka 400 weiteren E-Distributoren, sogar im örtlichen Buchladen, wenn auch nicht in jedem.

Sex sells. Von Dino-Sex bis Vampir-Triole

In Europa veröffentlichen etwa 200.000 Autorinnen sich selbst und elektronisch, weltweit etwa zwei Millionen. Rasant nachgefragte Genres sind Fantasy, Romantasy (ein Mix aus Fantasy und Liebesroman), Erotika, Mangas, kurze Serien, interaktive Geschichten, Anthologien – und Fan-Fiction. Die Liebe der Leser zu Figuren wie Bella und Edward aus dem Vampir-Aschenputtelmärchen »Twilight« (»Biss zum Morgengrauen« von S. Meyer) geht so weit, dass diese Figuren gekidnappt und in eigenen Geschichten verbraten werden, als Fan-Fiction, als die vom Fan weitergeschriebene Story. Der literarische S/M-Unfall »50 Shades of Grey« startete einst als eine semi-pornografische, rein digitale Version der Vampirromanze Twilight, als »Master of the Universe«. Bella und Edward, der verliebte Teenager und der schöne Vampirboy, fanden sich da auf einmal in schlüpfrig-schlagender Verbindung von sadomasochistischen Spielchen wieder.

Nach dem die Autorin E. L. James (natürlich ein Pseudonym, alle Erotika-Self-Publisher arbeiten unter Pseudonymen, übrigens meist unter weiblichen) es als Self-Publishing E-Book herausgab, wurde es ein Erfolg – danach kaufte es RandomHouse und wandelte flugs Mädchen und Vampir in Mädchen und Millionär um. Auch wegen des Urheberrechts und so, weswegen der französische Verlag Latte das Werk wegen Verletzungen des Author’s Right von S. Meyer und anderen Autorinnen nicht drucken wollte.

Mit den elektronischen Veröffentlichungen ist es wie mit Papierbüchern: Mist ist dabei, aber auch manche Perle. Dateien sind noch geduldiger als Papier, vor allem aber sind sie ganz alleine im Publikationsdschungel – von niemandem bedroht, ob Agent, Lektor oder anderen, die sonst üblicherweise an einem Manuskript so lange mitarbeiten, bis ein lesbares, verkaufbares Buch dabei rauskommt. Die wenigsten, unter fünf Prozent der selbstpublizierenden Autorinnen leisten sich zurzeit die Qual, Mühe und Qualitätsverbesserung eines harten Lektorats (noch: Der Wandel beginnt schon).

Und dann kommt noch der Gazellenjäger Amazon und sagt: Bei mir gibt es keine Kritik!! Aber dafür 35 bis 70 % von deinem (niedrig)Verkaufspreis! Gut, zwar auch kein Lektorat oder andere verlegerische Leistungen, aber dafür Angstfreiheit! Angst ist ein großer Motor jeder Vermeidung, auch in der Kunst. Und: Kunst muss frei sein, so heißt es, das bedeutet für manche jedoch: frei von geschulten Techniken.

Diese barfüßige Ich-tanze-im-Regen-Haltung bringt mitunter Self-Publishing Autoren hervor, die Textkritik für unnötig halten, solange ein paar hundert oder tausend Leser ihre 99-Cent-Stories kaufen und sie mit Sternchen küren. Klar, sind nicht nur solche – aber viele. Und die vielen tragen zum schlechten Ruf der wenigen guten bei. Ist doof, ist aber so.

Qualitätskontrolle im traditionellen Buchmarkt? Ja, auch nicht immer, aber grundsätzlich: ja

Man kann über die deutschsprachige Buchbranche viel Kritisches sagen, doch abgesehen davon, dass die meisten Meinungen geschmäcklerischer Natur sind, hat, was schließlich gedruckt wird, mehrere Qualitätsprüfungen durchlaufen. Agenten prüfen auf Originalität und kritisieren, Lektoren arbeiten am Manuskript, am Plot, an Dialogen und psychologischer Glaubwürdigkeit oder Stilistik. Die meisten gedruckten Bücher wurden im Lektorat mit den Autorinnen umgeschrieben. Kein Buch erscheint so, wie es ursprünglich geschrieben wurde. Je nach Leidenschaft und Zeit der Lektorinnen können mal ein paar Stunden bis zu ein paar Monaten an gemeinsamer Überarbeitung anfallen (unabhängig von Verlagsgröße, übrigens, es ist stets von den Menschen abhängig).
Und das tut jedem Story gut. Papier ist teuer, entsprechend geizig wird damit umgegangen. Dateien indes bieten unendlich viel Platz für Längen, Gefasel und Fehler. Aber: Auch das ist Demokratie, gewöhnen wir uns daran! Literatur darf weiterhin über den Inhalt gedacht werden, es darf nicht zu einem »Format-Krieg« werden – ob elektronisch oder gedruckt: Es ist die Geschichte, die zählt. Ganz gleich ob selbst oder mit anderen zuammen gemacht.

Autorinnen, die lieber selbst publizieren, anstatt einen Verlag zu suchen, sagen häufig, sie wollen Kontrolle über Inhalt, Rechte und Vermarktung, sowie höhere Margen und Freiheit haben. 42 Prozent von ihnen sind Hobbyautoren, die aus Spaß und zur Selbstverwirklichung und für Anerkennung schreiben, jede dritte bezeichnet sich als Berufsautorin (das war vor zwei Jahren noch deutlich geringer ausgeprägt, dies Bewusstsein) und schreibt Sachbücher für den Lebensunterhalt. Jeder fünfte ist ein schreibender Akademiker oder Journalist. Geld zu verdienen ist für den überwiegenden Teil Nebensache. Manche haben das Modell »Gatte« als Haupteinkommen, andere einen Beruf. So kommen manche Schleuderpreise im SP-Bereich zustande, die für Berufsautorinnen nie in Frage kämen, sofern sie ihre Erstausgaben an den Markt brächten.

Angst vor Kritik, Angst vor Textarbeit, Angst vor dem Verbogen-Werden: Was Selfpublisher noch antreibt

Neben diesen Gründen gibt es die verborgenen. Mit Sicherheit haben alle Autoren mehr oder weniger große Angst vor Kritik oder der Arbeit am Text. Mimosen blühen häufig im schreibenden Bereich, das ist normal.
Die meisten Selbstveröffentlicher wurden rund sieben Mal von Verlagen abgewiesen, ein Drittel bietet Verlegern gar nichts erst an, der Großteil hat keinerlei Erfahrung mit intensiver Textarbeit. Jeder dritte hat schon bei einem Verlag publiziert, sich dort aber mies behandelt gefühlt (»Dort schreibt man mir alles vor und verbiegt meine Idee.«), wurde frustriert oder verletzt: Bücher, die mit viel Aufwand an Feierabenden, Wochenenden, im Urlaub, gegen den Widerstand der Familien entstanden sind, wurden in ein Cover gepackt, das banal oder verkaufstötend ist, mit einem Klappentext aus dem Marketing-Blah-Generator versehen, erfuhren kaum Interesse bei Vertreter und Buchhandel oder bei der Presse. Marketing betreiben Verlage nur für einen sehr geringen Prozentsatz neuer Titel, die übrigen müssen ihre Leser über Jahre mühevoll finden. Und wenn sich ein Buch „nur“ 3000 Mal verkauft – was im Grunde nicht wenig ist und die Kosten längst einspielt – trägt der Autor, die Autorin eh immer die Schuld. Um sich all das zu ersparen, nimmt er oder sie selbst das Notwendige in Angriff: Abrechnung, Buchhaltung, Verträge, Herstellung, ISBN einkaufen, Webseite, Fotos sowie das Marketing im Web.

Im Idealfall kommen am Ende zwischen 35 und 70 Prozent vom Nettoverkaufspreis beim Autor als Umsatz an. Da die meisten E-Books von Self-Publishern zwischen 2,99 Euro und 3,99 Euro kosten und sie sich gegen rund 40.000 andere Titel von SPlern durchsetzen müssen, setzt die Hälfte aller E-Book- Autoren weniger als 50 Euro im Monat mit Verkäufen um. Nur vier Prozent schaffen es auf 1000 Euro, noch weniger auf 2000 Euro Umsatz im Monat – Ergänzung am 1.3.2015: aber hier steigt, nach Alexandra Ambers Urteil (Siehe Kommntar Nr. 3 von 20:41 Uhr, 1.3.15), der Umsatz definitiv an, es gibt die Bestseller-AutorInnen unter den SPLern, die sich für 5000 Euro Vorschuss nie-mals einem Verlag annähern würden. Weil sie alleine längst mehr umsetzen. (Ergänzung Ende)

Wie viele E-Books Erfolgs-Selbstmacher dafür im Umlauf haben müssen oder ob das alles Erotika-Schinken mit Zauberpeitschen sind, das weiß keiner. Es gibt wenige Erfolgsstories – ebenso wenige wie im traditionellen Buchgeschäft! Doch dagegen ist bekannt: Einen Bestseller zu landen ist seltener als der Fünfer beim Mittwochslotto und trifft eher die, die schon zehn bis zwanzig Jahre professionell schreiben. Mancher Selfpublisher hat dafür wenig Geduld und wünscht sich fünfstellige Umsätze doch bitte gleich ab Debüt.

Großer Fisch im kleinen Markt: deutschsprachige E-Books werden selten in Übersee eingekauft

Auch der E-Book-Markt ist – hierzulande – klein: Wer nur digital veröffentlicht, erreicht rund 80 Prozent der möglichen Leserschaft nicht. Und selbst wer es zum einigermaßen großen Fisch im elektronischen Teich schafft – seine Bücher sind Piraterie hilflos ausgeliefert, werden in Buchläden nicht geführt, nicht fürs Ausland oder Hörbuch oder Theater lizensiert und haben keine Presse. Kein Journalist hat bisher eine E-Book-Erstveröffentlichung, gar von einem Self-Publisher freiwillig besprochen. Amy Cross? Andreas Adlon? Poppy J. Anderson, die bewusst Rowohlt fürs Selbermachen verließ (EDIT am 01.03.2015 um 21:02 Uhr: nachdem sie nach ihrem SP-Erfolg erst eingekauft wurde, und drei Bücher im Verlag „traditionell“ verlegte, bevor sie sich wieder selbstständig machte. Edit Ende) und damit gut lebt? Diese Autorinnen verkaufen mitunter Hunderttausende ihrer elektronischen Werke wie »Knutschflecke gibt’s später«, »Ein Hinterwäldler zum Verlieben« oder »Tod im Netz«, nur kennt sie außerhalb des Webs niemand. Im Netz werben ist die zweite Hauptdisziplin neben Schreiben, frei nach der Formel: drei Stunden Textarbeit, sieben Stunden Marketing. Pro Tag. Immerhin: Die New York Times hat eine eBook-Bestsellerliste. So etwas gibt es hierzulande bislang nicht. Noch nicht, irgendeiner wird sich schon mal trauen.

Wegen all dieser Für und Wider punktet unterm Strich die Verlagsware. Noch! Doch wer einen Verleger hat, bekommt Geld »vorgeschossen«, und damit auch Zeit, um am Text zu arbeiten. Er bekommt professionelles Lektorat, den Vertrieb in Buchläden (Gut, meist nur für rund drei Monate) die immer noch die meisten Bücher verkaufen, hat die Chance auf Presse-Rezensionen, auf die Spiegel-Bestsellerliste, von dort aus auf Übersetzungen oder die Verfilmung des Stoffes. Und kann sein Schaffen deutlich mehr über den Inhalt anstatt über den Preis (99 Cent!) oder die Lautstärke an Marketinggeschrei definieren – und sich aufs Schreiben konzentrieren. Unbezahlbar.
Auch dafür liebe ich meinen Verleger. Und er? Braucht Autoren und Autorinnen, um zu überleben, da mitten im bewegtem großen bösen Fischteich. Er braucht mich mehr denn je. Deswegen, liebe Verlage: Gebt uns Liebe! Gebt uns Geld. Gebt uns Freiheit! Regelmäßige E-Mails! Und ähem… schönere Cover. 

Dann klappt’s auch noch ein bisschen besser mit uns.

 

Ich liebe meinen Verleger aber brauche ich ihn noch? wurde erstmals von Nina George in einem 20-minütigen Referat (Hier: im Wortlautpapier) auf der Deutschen Literaturkonferenz 2014 in Berlin gehalten, innerhalb des Symposioms »Voll digital – E-Books Schreiben, Lesen und Verlegen«. Für Papierliebhaber findet sich der Artikel ab jetzt auch in der März 2015-Ausgabe des »Das Magazin« unter dem Titel: 0Sex15. Am Kiosk für 3,30 € oder auch als ePaper (3,00 €). 
Nina George

Autor: Nina George

Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Nina George schreibt Romane, Sachbücher, Thriller, Reportagen, Kurzgeschichten sowie Kolumnen. Ihr Roman „Das Lavendelzimmer" stand 63 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wird in 35 Sprachen übersetzt und war u.a. New York Times Bestseller. Mit ihrem Ehemann, Schriftsteller Jo Kramer, schreibt sie unter „Jean Bagnol“ Provencethriller. Nina George ist Beirätin des PEN-Präsidiums und WWC-Beauftragte, Bundesvorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, sowie Gründerin der Initiative Fairer Buchmarkt. Sie lebt in Berlin und der Bretagne. 2017 wurde George als BücherFrau des Jahres ausgezeichnet. www.ninageorge.de

31 Kommentare

  1. Eva Hehemann

    Wow! Welche Wissensfülle – vielen Dank dafür! Nur die Ahnung davon zu haben, wie die Dinge laufen, ist ja eben nicht genug. Aufgrund dieser Schilderung des momentanen EBook-Marktes kann eine Autorin nun rundum informiert entscheiden, welchen Veröffentlichungsweg sie gehen möchte.

    • Nina George

      Liebe Eva, und hilfreich sind auch die Kommentare, die sich so langsam hier aufbauen, um noch besser zu entscheiden – für Freiheit und eigene Verantwortung, die sich sehr lohnt, wie bei Alexandra, oder aber auch für kalkulatorische Genauigkeit und ein eigenes „Unternehmertum“, wie es Hans Peter unten beschreibt.

      Ich denke, dass man diesen Artikel jahrelang weiter fort schreiben könnte, um auf Entwicklungen und Meinungen einzugehen, die in drei Monaten schon korrigiert werden können – oder ergänzt, z.B. um die Frage: Flatrates – für wen lohnen sie sich, für wen definitiv nicht? Oder: erfolgreich in Deutschland, unbekannt in England oder Spanien: Selfpublishing und Übersetzungen.
      Als nur zwei von vielen begleitenden Fragen.

      Herzliche Grüße!

  2. Liebe Nina,
    danke!

    Liebe Grüße
    Britt

  3. Liebe Nina,

    Du weißt, wie sehr ich Dich schätze, aber hier fehlen mir doch einige Ansichten für einen neutralen Artikel und ich bin mal so frei und ergänze meine ganz persönliche Meinung 🙂

    Ich kenne ja beide Seiten, da ich sowohl Verlagsautorin als auch Selfpublisherin bin. Letzteres übrigens aus ganz freien Stücken und nicht, weil es mir an Verlagsangeboten mangelte. Es mangelt allerdings an kommerziell interessanten Verlagsangeboten, denn wenn man mir für einen Roman, an dem ich mehrere Monate gearbeitet habe, 5000 Euro anbietet, weiß ich nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll (es entzieht sich allerdings meiner Kenntnis, ob Verlagsangebote früher mal lukrativer für Autoren waren als heutzutage).

    Dass weniger als vier Prozent aller Selfpublisher mehr als 2000 Euro im Monat verdienen, halte ich für deutlich zu niedrig geschätzt. Dies sieht man auch sehr schön an der Top1000-Tabelle, die Matthias Matting regelmäßig in der Selfpublisherbibel veröffentlicht. Da liegen manche Autoren, die in den Amazon-Top10 auftauchen, bei einem höheren Tages(!)umsatz. Dem gegenüber steht allerdings das durchschnittliche Einkommen von Autoren, das laut KSK bei unter 12.000 Euro im Jahr (!) liegt. Wie sich das in den nächsten Jahren ändert, wenn immer mehr Selfpublisher auch Mitglied bei der KSK werden und ihre Einnahmen in deren Statistik einfließen, bleibt spannend zu beobachten.

    Ich glaube, dass die Möglichkeiten des Selfpublishing für Autoren eine Menge Vorteile bieten. Auch für Verlagsautoren, denn es gibt plötzlich nicht nur eine ganz andere Verhandlungsbasis als früher, sondern auch Alternativen. Ich muss kein 5000 Euro-Pauschalangebot eines Verlages für mein Buch annehmen, wenn ich selbst von meinem Titel überzeugt bin. Ich kann es einfach selber veröffentlichen und im besten Fall ein Vielfaches davon damit verdienen.
    Ich muss mir von keinem Verlag sagen lassen, dass mein Werk leider nicht in die typischen Buchhändler-Regale passt und daher keine Chance auf dem Markt hat oder so umgeschrieben werden muss, dass man es in eine Genre-Schublade stecken kann. Danke, eBooks, Ihr kennt keine statischen Regale und Schubladen. In den USA sind deshalb schon ganz neue Genres entstanden (z.B. New Adult), die jahrelang auf dem klassischen Buchmarkt keine Chance hatten. Weil die Buchhändler angeblich nicht wussten, wo sie diese Titel platzieren sollten. Das ist für mich eine sehr starke Verbesserung hin zu mehr Leserorientierung.

    Natürlich spiegelt der eBook-Markt derzeit noch den klassischen Buchmarkt wider, was die Inhalte angeht. Die besten Chancen hat man auch als Selfpublisher mit Genre-Titeln, die sonst den Taschenbuchmarkt dominierten. Liebesromane, Krimis und – ja – seit Shades of Grey auch Erotik. Das letzte Genre hat erst durch eBooks einen solchen Aufschwung erfahren, denn schließlich sieht niemand, was man auf dem eReader gerade konsumiert. Trotzdem gibt es auch heute schon Titel, die es auch auf dem klassischen Buchmarkt schwer gehabt hätten. Als Beispiel möchte ich hier den genreübergreifenden Roman „Honigtot“ der von mir sehr geschätzten Kollegin Hanni Münzer erwähnen. Das eBook war ein Jahr lang in den Top20 bei Amazon, das Taschenbuch ebenfalls so lange sehr weit vorn in den Top100 aller Bücher. Nun hat sich der renommierte Piper-Verlag die Rechte gesichert, obwohl der Titel vorher von allen großen Verlagen abgelehnt worden war. Der Leser hat aber entschieden, dass er das Buch lesen möchte, und das finde ich toll. Lektoren wissen nämlich auch nicht immer alles (von Harry Potter muss ich ja nun nicht noch mal anfangen, oder?).

    Für mich hat sich der Buchmarkt stark demokratisiert durch das Selfpublishing, und als Freigeist liebe ich diese Entwicklung. Was daraus wird, entscheiden die Leser. Und wir Autoren. Ich gehöre zu denen (und so wenige sind das gar nicht mehr), die ihren Büchern ein professionelles Lektorat, Korrektorat, einen professionell erstellten Buchsatz und ein Cover vom Grafiker gönnen. Weil ich Bücher liebe, und weil ich möchte, dass auch meine selbstverlegten Bücher sich so geringfügig wie möglich von Verlagstiteln unterscheiden, was die Qualität angeht. Das ist natürlich teuer – ich gehe bei jedem Titel mit rund 2500-3000 Euro in Vorleistung – und wenn man das Risiko scheut, sollte man tatsächlich lieber bei einem Verlagsvertrag bleiben.

    Für mich persönlich ist die Möglichkeit des Selfpublishing also eine sehr gute Wahl, es sei denn, ein Verlag ist so überzeugt von einem meiner Bücher, dass er mehr für mich tut als es „nur“ zu verlegen und mit dem Gedanken „mal sehen, ob das einer kauft“ in die Bücherregale der Buchhandlungen stellt (wenn ich Glück habe, denn längst schafft das nicht jeder Verlagstitel der großen Verlage. Die bringen nämlich auch viel mehr Bücher auf den Markt, als der eigentlich vertragen kann).

    Ich werde auch weiterhin gern ausgewählte Projekte bei Verlagen veröffentlichen, aber nicht um jeden Preis. Das Gesamtpaket muss dann einfach stimmen. Wenn der Großteil der Arbeit eh an mir hängen bleibt, möchte ich auch den Großteil des Gewinns einstreichen – das ist mein Empfinden von Gerechtigkeit. Das ist in meinen Augen aber gerade bei den sogenannten „Midlist“-Autoren und Großverlagen absolut nicht der Fall. Beim Selfpublishing schon, auch wenn ich das gesamte Risiko auf meine Kappe nehme. Sollte ich scheitern, bin ich ganz allein gescheitert. Ich kann nicht auf den Verlag schimpfen, der das falsche Cover, den blöden Titel ausgesucht hat oder die Vertreter nicht gut genug im Griff hatte. Es ist mein Versagen, und damit muss man auch zurechtkommen können. Wo Du von Mimosen spricht … 😉

    Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass ein Großteil des heutigen Taschenbuchmarktes in den nächsten Jahren verschwinden wird. Die übliche Konsumliteratur – gelesen, zugeklappt, vergessen-Bücher – wird sich mehr und mehr auf eBooks verlagern. Was auch im Sinne von Ressourcenschonung begrüßenswert ist, finde ich. Darüber hinaus wird es immer Bücher geben, die man besitzen und ins Regal stellen möchte. Am liebsten in schöner Aufmachung. Ich kaufe selbst so manches eBook, das mir gefallen hat, nachher noch mal als Holzbuch für mein Bücherregal. Und weil ich gerne ab und zu in meinen so ausgewählten Lieblingsbüchern blättere. Dazu eignen sich eBooks nicht so gut.

    Man sollte daher nicht schwarz-weiß denken, sondern sich auf den Weg in eine bunte, gemischte Welt machen. Welcher Verlagsautor hat kein Herzblutprojekt im Kopf, das er so gern schreiben würde, aber kein Verlag haben möchte? Weil es nicht kommerziell genug ist oder nicht in die Schublade passt? Nun, jetzt hindert einen niemand mehr, das Buch trotzdem zu schreiben. Weil man es am Ende einfach selbst verlegen und trotzdem Leser damit erreichen kann. Und das ist doch letztlich alles, was wir Autoren wollen, oder? Leser erreichen. Über welchen Weg auch immer. Es gibt viele Wege, wir sollten sie alle nutzen und uns nicht selbst einschränken.

    Liebe Grüße!

    • Nina George

      Liebe Alexandra,

      ich denke, gerade für Verlagsmitarbeiterinnen ist Dein Kommentar „Lesepflicht“!

      Liebe Grüße und retour und sei herzlich bedankt für die Zeit und die Details, das ist sehr, sehr lesenswert und wird sicher auch jenen, die bisher zwischen Verlag und Selbermachen schwanken, wieder ein weiterer Baustein mehr für die eigene Entscheidung sein. Freiheit – die in bestimmten Dingen aber auch was kostet (Siehe auch der nächste Kommentar von Hans Peter Roentgen, Schreibcoach und Autor).

      Bis bald!

    • Liebe Alexandra,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag, den ich ebenfalls als sinnvolle und wichtige Ergänzung zu Ninas Artikel empfinde.

      Eine äußerst spannende Diskussion!

      • Nina George

        Das finde ich auch!

        Also, nur zu liebe Kolleginnen und Kollegen: Debattiert mit, bringt Eure Erfahrungen ein, auch für den „Nachwuchs“ und die Debütautorinnen, die auf der Suche nach Informationen und Meinungen sind und hier auf der Seite landen. Kommentare lesen lohnt sich bei den BücherFrauenBlogs immer – Profis ohne Polemik tauschen sich hier gerne mit Euch aus.

        herzlichst

    • Und da ist mir dann glatt auch ein Fehler unterlaufen – „Honigtot“ wurde gar nicht von Verlagen abgelehnt, sondern Hanni Münzer hat sich direkt ganz mutig dazu entschieden, es auf eigene Faust zu veröffentlichen und gar nicht erst versucht, den Titel bei einem Verlag unterzubringen.
      Das möchte ich noch richtigstellen an dieser Stelle, sorry.

  4. Guter Artikel, aber was die Möglichkeiten der Selfpublisher und den Buchhandel betrifft, schon veraltet. So schnell ändert sich das heutzutage. Gibt seit kurzem eine ganze Reihe Anbieter (zB BoD), die Selfpublishern nicht nur Print, sondern auch ISBN Nummern, Libri und Eintrag im VLB anbieten zu annehmbaren Buchpreisen und ohne dass der Autor viel investieren muss. So werden die Bücher in den Katalogen der Buchhandlungen gefunden und können dort bestellt werden. Nur Amazon versieht die Printbücher der Selfpublisher mit amerikanischen ISBN Nummern, manche Selfpublisher haben sich deshalb ISBNs gekauft.
    Generell ist Selfpublishing nicht mehr auf E-Book beschränkt, sondern immer mehr nutzen neben dem E-Book die Printvariante, damit die Bücher auch in den Buchhandlungen bestellt werden können.
    Die allermeisten Selfpublisherbücher sind aber nicht in den Buchhandlungen vorrätig, was auch für die meisten Verlagsbücher (vor allem die der Kleinverlage) gilt, leider. Bei 100.000 neuen Verlagsbüchern pro Jahr kein Wunder.
    Und die meisten Selfpublisher verdienen tatsächlich weit unter den 2.000 Euro (die meisten Verlagsautoren auch). Da darf man sich nicht täuschen lassen, es gibt zwar etliche Selfpublisher mit hohen Honoraren – aber da vergisst man schnell, wieviele tausende, zehntausende Selfpublisher es in Deutschland gibt. Auch wer auf die Spiegelbestsellerliste gelangt, dürfte auf mehr als 2.000 Euro im Monat kommen – aber wieviele der 100.000 neuen Verlagsbücher jedes Jahr schaffen das?
    Vor allem sollte man nicht die Arbeit unterschätzen, die Selfpublishing bedeutet. Ich habe kürzlich hier in Freiburg einen Selfpublisher erlebt, dessen Buch in allen Freiburger Buchläden ausliegt und sich gut verkauft. Aber er hat auch erzählt, wieviel Arbeit damit verbunden war. Und natürlich, das wird gerne vergessen, muss man dazu erst mal ein Buch haben, das die Leute auch lesen wollen, sprich, man muss Lektorat, Korrektorat, Satz, Cover professionell organisieren und eine Geschichte erzählen können.
    Deshalb sind in den Selfpublisherforen die Klagen über die hohen Lektorats und sonstigen Kosten allgegenwärtig, mit das häufigste Thema. Da sind schnell 3.000 -5.000 Euro weg. Und die muss man erst mal verdienen, das heißt bei 2,99 Euro eine Auflage von 2.000 bevor das Buch aus der Verlustzone kommt (übrigens sind 2.000 Stück auch bei Verlagen die Grenze, ab der man Geld verdient ;-)).
    Auch als Selfpublisher sind 2.000 Stück nicht so schnell verkauft, wenn man keinen Namen hat.
    Verlagsautoren allerdings gehen zunehmend fremd. Sie haben die professionelle Erfahrung, wissen, wie man Bücher macht, kennen Lektoren (oder arbeiten mit anderen Autoren auf Basis Gegenseitigkeit) oder stellen zumindest ihre vergriffenen Bücher als Selfpublisher ein.
    Im U-Bereich ist diese Doppelrolle (auch „Hybrid-Autor“ genannt) schon weit verbreitet.

    • Nina George

      Danke, Hans Peter, das sind sehr wertvolle Ergänzungen, die ich gerne oben im Text anteasere und auf Deinen Kommentar hier unten verweise.

      Und ein gutes Lektorat, das dich versteht, dass dich lässt, dass Plotschwächen erkennt oder Längen, das selbst nicht eitel ist – unbezahlbar. Ich wüsste nicht, ob meine Lektorin bei meinem Hausverlag in der freien Wirtschaft nicht bald so viel zu tun hätte, dass ich sie kaum noch buchen könnte …

      Herzlichst!

  5. Ich bin – neben meinen Verlagsbüchern – durch einen typischen Verlagsunfall (kurz vor der Produktion ging nichts mehr) zur SPlerin geworden und habe dabei derart Blut geleckt, dass ich einen eigenen Verlag gegründet habe. Als „Dreifachhybrid“ bin ich aber auch kein Einzelfall mehr und möchte aus dieser Erfahrung heraus einiges anmerken:

    1. Wir müssen endlich davon wegkommen, SP mit E-Books gleichzusetzen. Diese sind momentan der einfachste, schnellste und preiswerteste Weg für LaiInnen. Aber SP hat eigentlich mit Druck begonnen (BoD etc.) Inzwischen wissen viele SPler, wie man sich eine ISBN beschafft und ins Barsortiment kommt – es lohnt sich nur nicht immer wirtschaftlich. Amazon ist deshalb der Gewinner bei der breiten Masse, weil es das Veröffentlichen einfach, schnell und lukrativ gestaltet. Hier könnten Distributoren in Deutschland einiges lernen. Es wird sich außerdem verschieben, weil Drucken immer preiswerter wird.

    2. Worüber viele sich so gern mokieren: Die E-Hobbybücher ohne Lektorat mit selbstgebasteltem Cover – dieses Phänomen ist nicht neu, sondern nur breiter sichtbar. Früher tobten sich solche Leute in Fanzines aus dem Copyshop aus. Aus den Fanzines meiner Jugend sind einige heute sehr bekannte VerlagsautorInnen hervorgegangen! Und dr Rest hatte einfach viel Spaß. Wir haben hier zwei positive Phänomene: Das Austesten am Publikum kann Talente wachsen lassen. Vor allem aber darf man die SP-E-Book-Welle auch als eine neue Alphabetisierungswelle sehen. Noch nie haben sich so viele Menschen mit Texten auseinandergesetzt. Noch nie wurden so viele LeserInnen mit einfachen Texten erreicht, die die Hemmschwellen der Buchhandlungen und Verlagsware früher kaum überschritten.
    Sagen wir es mal knallhart: Menschen mit weniger Bildung oder Ausländer mit nicht ganz perfekten Sprachkenntnissen blieben in der Verlagswelt fast nur Kinder- und Jugendbücher!

    2. Erfolgreiche Bücher im SP funktionieren natürlich wie bei Verlagen auch – Alexandra Amber hat das fantastisch beschrieben. Aber vergessen wir nicht, dass SP gerade in der Nische, beim Außergewöhnlichen und von Verlagen eher Vergessenen ebenfalls DER Weg ist. Ich selbst habe ein Fachessay herausgegeben – das ist derart Nische, dass kein Verlag sich daran wagen würde. Ich verkaufe es regelmäßig an genau die WunschleserInnen – und das, obwohl es derzeit nur als Kindle-E-Book existiert. Aber so kann ich auch risikofrei austesten, ob es sich für die Epub-Ausgabe oder Print lohnt. Vor allem aber lassen sich jetzt endlich wieder Genres beleben, die in Deutschland ein stiefmütterliches Dasein fristeten: Kurzgeschichten, literarische Reportagen, Essays, Features etc.

    3. Verlage sind durchaus immer öfter zu Kooperationen bereit. So läuft eins meiner Bücher bei Suhrkamp im Print und als E-Book in meinem Verlag – und wir haben das gemeinsam so abgesprochen.
    Von KollegInnen habe ich gehört: Gerade wenn Verlage in Sachen E-Book noch schwach auf der Brust sind oder die Konditionen nicht stimmen, behalten die AutorInnen ihre E-Rechte. Das ist nicht zuletzt auch für die eigene Backlist lohnend. So viele VerlagsautorInnen können endlich ihre vergriffenen Bücher wieder selbst auflegen!

    Meine SP-Laufbahn begann mit einem literarischen Portrait im Print, ganz normal angeschlossen ans Barsortiment und von wenigen, aber feinen Buchhandlungen sogar im Laden ausgelegt – Bestellungen im Buchhandel sind kein Problem. Das E-Book dazu habe ich eher für die Elektronikfreaks gestaltet, weil solche Bücher ganz einfach im Print besser laufen.
    Ich habe im vergangenen Jahr ein Coffee-Table-Buch im Offset wie ein Verlag herstellen lassen. Ich lege Wert auf professionelle Buchgestaltung von Grafik über Layout bis Lektorat und Korrektorat – meine Bücher sollen sich nicht unterscheiden. Im Nu war eine Vertragsbuchhandlung gefunden, andere folgten, die Presse stieg ein. So schnell bekam ich kein Presseecho in meinen Verlagen!
    Anspruchsvollere Bücher erzielen keine Massenumsätze – das verdienst man aber auch in Verlagen nicht. Aber sie erreichen das Zielpublikum besser, weil wir AutorInnen unsere LeserInnen kennen und direkt in Kontakt stehen.

    Gerade die professionelleren SPler finden auch neue Wege der Finanzierung. Es gibt Tauschhandel (etwa Cover gegen Texte), Kooperationen (auch im Marketing) oder auch schon Grafiker, die sich auf Tantiemenbeteiligung statt gleich voll fälligem Honorar einlassen. Crowdfunding will gekonnt sein und passt nicht auf jedes Projekt, ist aber durchaus ein Mittel der Wahl für teurere Projekte – in der Comicszene absolut erfolgreich.

    Ich möchte darum ermuntern: Auch für seltenere literarische und für journalistische Gattungen, für Bücher über Kunst und Kultur ist SP ein wunderbarer Weg. Das Problem liegt nicht am Publikum, sondern krankt derzeit daran, dass man im bunten Kaufhaus Amazon mit solchen Sachen nicht wirklich sichtbar wird und in den Buchhandel nur extrem schwer hereinkommt, weil der zu oft Vorbehalte gegen SP hat. Wenn hier endlich Strukturen geschaffen würden, bekämen wir auch im SP mehr literarische Vielfalt.
    Ach ja, SP lohnt sich. Als ich einen meiner vergriffenen Romane neu als E-Book auflegte, verkaufte ich innerhalb weniger Monate weit mehr als der Konzernverlag vorher in einem Jahr (und das ohne Top Ten!) und ich habe mit dem Backlisttitel mehr verdient als mit der Verlagsfassung. Und zwar nur, weil ich das Buch endlich aus einer völlig falschen Einordnung nehmen konnte und jetzt endlich mein Zielpublikum erreiche.

    • Nina George

      Liebe Petra,

      hab Dank für diese neuen Aspekte und die Appelle an Buchhandel und Amazon – und auch an Autorinnen, sich vor Nischen nicht zu fürchten sondern gerade dort SP als Chance und echte Alternative zu begreifen.

      Ein Hinweis in eigener Sache:

      Mein „Auftrag“ für die Deutsche Literaturkonferenz lautete „EBooks“, weswegen ich Print vernachlässigt habe und umso dankbarer an all jene bin, die hier in ihren Kommentaren nochmal auf diesen Weg eingehen – und gleichzeitig aufzeigen, dass SP im Print auch jenseits von DKZV (Druckkostenzuschussverlag) funktioniert.

      Denn, Authors beware – und schaut vorher bei FAIRLAG und Nein zu Pseudoverlagen vorbei, wenn ihr euch nicht sicher seid!

      Herzlichst!

      • Stimmt, liebe Nina.
        Mir fällt noch eine Ergänzung ein: Ein Profitool für die E-Book-Gestaltung ist Anthemions Jutoh.
        Und was du oben an Distributoren nennst, macht das Dilemma deutlich, warum Amazon leider immer noch der Gewinner ist: Die Konditionen sind extrem unterschiedlich, nicht alle können alles. Und Distributoren wie Bookwire machen bei SP ganz spitze Finger …

        • Nina George

          Am interessantesten finde ich immer noch die „Zielgruppenkorrektur“ als Argument, das ist sicher in vielen Fällen hilfreich, wenn z.B. die Rechte der Backlist-Titel wieder frei sind.

          • Aber genau DAS wäre doch die Arbeit eines Verlags, hier kollegial und auf Augenhöhe mit den AutorInnen zusammen zu arbeiten. Vor allem wenn die in Social Media aktiv sind und von daher auf Umfragewerte und StammleserInnen direkt zurückgreifen können. Es ist ja nicht so, dass jede/r AutorIn das eigene Buch treffsicher einschätzen kann, aber genau darüber sollten offene Gespräche stattfinden. Denn in Sachen Marketing könnten die Verlage absolut punkten. Das ist die Schwachstelle im SP.

  6. Danke für diesen informativen Artikel, liebe Nina, und danke an die Kommentatorinnen! (Da kommt ein dickes Lesezeicihen in meine Rubrik zum Thema SP). Ergänzen möchte ich zwei Erfahurngen:
    1. Backlist. Mehrere meiner Bücher waren zunächst in einem renommierten Verlag erschienen und liefen gut, incl. Vermarktung durch den Verlag (Talkshows, Lesereisen, Radio- und Print-Interviews). Ich hatte eine tolle Lektorin, Bescuhe im Verlag waren wie Familienbesuche, es machte richtig Spaß, dort Autorin zu sein. Dann wurde der Verlag mehrmals verkauft, und ich spürte die Klima-Veränderung. (Details würden hier zu weit gehen). Die Bücher wurden – das ist ja normal- nach einer Weile nicht neu aufgelegt, und ich holte die Rechte zurück. Eines der Bücher läuft weiterhin als Lizenz-Taschenbuch, dieses habe ich als Ebook selbst herausgegeben. Und das läuft besser als die Verlags-Version!
    Die anderen habe ich sowohl als ebooks und als Taschenbücher herausgegeben, und auch wenn sie nicht im Bestseller-Bereich liegen, schickt Amazon mir jeden Monat einen sehr netten Betrag.
    Ein Buch hatte ich von Anfang an als SP veröffentlicht, zunächst bei BOD. Der Umsatz war unbefriedigend. Auch die Tatsache, dass es nun über Buchläden erhältlich war, änderte daran nichts. Jetzt läuft das Buch als Ebook und als Print bei amazon – und siehe da: ich verkaufe deutlich mehr.
    Ich habe jetzt dafür ein Verlags-Angebot und werde das in Ruhe prüfen. Denn es gibt sie ja, die wirklich engagierten VerlegerInnen!
    2. Eine eher indirekte Erfahrung, die ich bei einem langjährigen Freund miterleben durfte. Er schreibt als „Halb-SP“ absolute Nischen-Bücher, zuletzt mit einem Historiker zusammen eines über die Geschichte der Heuerleute in Nordwest-Deutschland. Die Vermarktung lief u.a. über viele Vorträge bei Heimatvereinen und gute Presse-Arbeit, neuerdings auch über eine Website. Buchhandlungen wurden selbst beliefert, aber das Buch ist per ISBN-Nummer auch in Buchhandlungen bestellbar gewesen.
    Der mir bekannte Autor hat sich schon im Vorfeld über Jahre hinweg einen Namen zu speziellen „Heimat-Themen“ im besten Sinne gemacht.
    Das Buch ist eine sehr gut gestaltete Hardcover-Ausgabe zum Preis von 24,95 Euro. Ergebnis: Die erste Auflage von 3000 war innerhalb von vier Wochen komplett vergriffen, die zweite Auflage von 2500 innerhalb von drei Wochen. Einige Restexemplare mögen noch in Buchhandlungen zu finden sein. Vielleicht schaffe ich es noch, B.R. dazu zu interviewen. Vermutlich lässt sich da für SP-Autoren etwas lernen.
    Es geht also auch ohne „Mainstream“ und mit Preisen, die über dem üblichen SP-Niveau liegen, wenn man in seiner Nische wirklich gut ist.
    Mein eigenes Fazit: Ich bleibe offen, ob bei neuen Projekten eher Verlag oder SP, finde „Entweder-Oder“ gar nicht notwendig. Diese Freiheit zu haben, empfinde ich als echte Bereicherung. (Und den Austausch auch. Danke, Kolleginnen!)

    • Nina George

      Liebe Elisabeth,

      die Erfahrung häuft sich: Ein Buch im SP läuft besser als als Verlagsversion. Was denkst Du, bei Deinem individuellen Fall, woran es lag?

      Petra van Cronenburg sprach ja schon mal – vom Sinn her – von der Zielgruppenkorrektur; dazu gehört ja u.a. Coverage oder Waschzettelinhalt, oder aber vielleicht auch andere Vertriebswege, andere Ansprachen.

      Spannend und auffällig finde ich hier auch wieder das Wort „Nische“.

      Denn einerseits, wie Alexandra richtig sagte: SP spiegelt natürlich auch den Markt wieder, und dementsprechend die Themen, die viele begeistern, und weniger die Nischen-Interessenten. Romance, Fantasy, Humor. Weniger Philosophie oder Biografie.

      Und jetzt das Aber:

      Andererseits, so schält es sich hier heraus, sind Nischen im SP dennoch unterm Strich lebendiger und auflagenstärker? Könnte man das von der Tendenz her so sagen?

      fragt herzlichst
      Nina

      • Nina, Du fragstst mich oben „die Erfahrung häuft sich: Ein Buch im SP läuft besser als als Verlagsversion. Was denkst Du, bei Deinem individuellen Fall, woran es lag?“.

        Nun, ich vermute ganz schlicht, es ist zum einen die Tatsache, dass Verlage in ihre Backlist keine Werbeanstrenugngen mehr stecken. Zum anderen ist ja PR über Social Media normal und „stubenrein“ geworden. Jetzt ist es eben eine der wichtigen Aufgaben von Autoren, PR für die Bücher zu machen. Ich bin aktiv in den Social Media, betreibe Website und Blog, bin also selbst aktiver. Früher hatte es doch eher den Anschein von Selbst-Beweihräucherung, wenn man auf seine Werke aufmerksam machte. (Oder schlimmer noch : „Die hat´s wohl nötig“) Insofern hat SP auch da eine erfreuliche Normalisierung gebracht, und ich vermute auch, die gegenseitigen Empfehlungen und das kollegiale Miteinander tun ihr Übriges.

        • Nina George

          Merci. Ja, die „vergessene“ Backlist … wie sagte es mein Jean Perdu: „Bücher sind keine Eier. Sie werden nicht schlecht nur weil sie etwas älter sind.“

        • Ich kann Elisabeths Erfahrungen bestätigen. Für einen Verlag lohnt es sich wirtschaftlich wahrscheinlich gar nicht, PR und Vertrieb wirklich auch auf Special Interest abzustimmen, oft fehlen sogar die Kontakte. Es gibt Verlage, die sich krummlegen, ein Buch nicht nur in den Buchhandel zu bringen, sondern vielleicht sogar in einen Museumsshop oder in Hotels, je nach Thema. Aber bei den Großverlagen wird mit der Gießkanne gearbeitet und nur noch Spitzentitel bekommen überhaupt eine Öffentlichkeitsarbeit.

          Zweiter Punkt – Elisabeth erwähnt Social Media. Viele Verlage haben es in den letzten Jahren schlicht verpennt, ihre LeserInnen kennenzulernen. So manche FB-Verlagsseite kommuniziert heute noch nicht, sondern bläst nur Werbung in die Welt. Da verlässt man sich auch lieber auf die Controler und irgendwelche diffusen Ideen von „unser Publikum wünscht“. Kommt mangelnde Risikobereitschaft hinzu: Das 1001ste Klonbuch zum Hype verheißt vordergründig mehr Erfolg als die Neueinführung von Ungewöhnlichem. Und wenn die LeserInnen vom totgerittenen Hype erbrechen, kommt der nächste … (nicht alle Verlage, aber darunter leiden AutorInnen am meisten).

          Heutzutage bekommen aber viele AutorInnen (auch nicht alle) direktes Feedback von den LeserInnen und bauen sogar Fans auf. Manche Verlage kaufen inzwischen solche Leute nachträglich gern ein – die haben ja alle PR schon selbst gemacht. Aber wenn sich das nicht in klingender Münze auszahlt im Vertrag – warum zum Verlag gehen?

          Bei meinem Roman war das ganz einfach, den bot meine Agentur damals schon als „Südfrankreichroman“ an. Sowas gibt’s nicht, meinte der Verlag. Und befand, ChickLit sei gerade hip. Dagegen konnte ich mich gerade noch wehren (kann ich nämlich gar nicht schreiben) und es wurde ein „Frauenroman“. Ich bekam im Lauf der Jahre immer mehr Feedback: „Das ist doch kein Frauenroman, das ist doch ein Südfrankreichroman?“ Selbst Rezensionen gab’s an entsprechender Stelle und nicht in Frauenzeitschriften. Der Verlag reagierte nicht. Ich habe nach dem Rechterückfall nur das Cover gewechselt, die Kategorie bei Amazon und einen knackigeren Klappentext geschrieben – das war alles. Plötzlich ging das Buch ab … weil ich sowohl mein Buch als auch mein Zielpublikum kannte.

  7. Self-Publishing bedeutet einfach dann nichts anderes, als eben selbst Verlag zu sein, mit allem, was dazu gehört. Lektorat, Herstellung, Vertrieb, Kontakt zu Buchhandlungen, Werbung … Nur, dass man halt nur ein Buch, oder mehrere eigene, bedient.

    • Nina George

      Liebe Verena,

      danke Dir für Deine Beteiligung. Was mich interessieren würde sind Deine Erfahrungen als Autorin-Verlag-Komplettpaket mit Buchhandlungen. Hier existieren ja durchaus gemischte Erfahrungen und auch Sichtweisen.

      Vielleicht hast Du Lust und Zeit, da mal eine Wasserstandsmeldung zu geben?

      Herzliche Grüße – Nina

  8. Vielen Dank für diese interessante und differenzierte „Außensicht“ auf die Welt des Selfpublishings, der ja auch ich gnadenlos verfallen bin. Und toll auch die ergänzenden Kommentare meiner Kolleginnen und Kollegen.

    Einen Aspekt möchte ich noch vertiefen – denn er war für mich einer wichtigsten Gründe, diesen Weg einzuschlagen: Kreativität in Reinform. Bei Dir, liebe Nina George, klingt es immer so ein wenig negativ, wenn Du es auf „Angst vor der Kritik“ reduzierst. Die „Allmacht“ des Autors im Selfpublishing kann auch etwas sehr Positives sein, durch das neue Wege entstehen, neue Textformen, Genremix, Interaktivität usw. Richtungen, die bei Verlagen einfach zu viele Hürden von teilweise eingefahrenen Abläufen oder Persönlichkeiten nehmen müssten.

    Vielleicht liegt es auch daran, dass ich fast zwanzig Jahre als Drehbuchautor arbeite und von daher naturgemäß eine Menge an Hürden nehmen muss, bis meine Werke das Licht der Welt erblicken. Und es angesichts einer sehr begrenzten Zahl von Fernsehsendern und von enormen Summen, die eine Produktion kostet, auch kaum Möglichkeiten für einen Weg neben dem Erwartbaren gibt. Aber genau deswegen fühlt sich für mich das Selfpublishing an, als ob mir jemand den Rucksack voller Steine abgenommen hat und ich nun losrennen und rumtollen kann wie ein Kind. Und das ist ja nicht das Schlechteste für Kreativität.

    Konkret: Wir haben gerade mit 24 Autoren – alles Selfpublisher – gemeinsam ein Buch geschrieben. Innerhalb von vier Monaten. Von der Idee bis zur Veröffentlichung jetzt auf der Buchmesse. Ein Buch, in dem jeder ein Kapitel mit bekannten Hauptfiguren aus seinen eigenen Werken beigesteuert hat, die sich alle an einem Tag in einem Hotel begegnen und neben ihrer eigenen Geschichte auch eine große gemeinsame erleben. Das wäre mit einem Verlag oder Verlagsautoren unmöglich gewesen. Nicht nur wegen der langwierigen Abläufe und den zig Leuten, die hätten mitreden wollen / müssen, sondern schon allein die Rechtesituation hätte über Jahre Bataillone von Anwälten beschäftigt. Wir haben das jetzt „einfach mal so“ gemacht und nun einen Roman geschrieben, den es so garantiert noch nie gegeben hat. Und DAS ist etwas, wofür ich dieser schönen, neuen Autorenwelt sehr dankbar bin.

    • Nina George

      Vielen Dank, lieber Michael, für dieses Praxisbeispiel, solche anfassbaren, konkreten Projekte sind immer sinnvoll, um das Thema zu vertiefen und auch Leselust zu machen.

      Die „Hotelidee“ für einen Multi-AutorInnen-Roman ist ein echter Wiedergänger; ich erinnere mich an das Buch Hotel Terminus, bei dem ebenfalls – nicht 24 wie bei Euch, aber ein gutes Dutzend – Kriminalschriftstellerinnen an ein und demselbem Episodenroman schrieben. Die Rechteverwaltung war einfach: Jeder verkaufte das einmalige, exklusive, aber zeitlich begrenzte Nutzungsrecht an den Verlag. Alles andere, wie die Rochade der Figuren, war mit einer einmaligen gegenseitigen Nutzungsrechteübertragung für dieses eine Projekt, abgesichert.

      So kompliziert sind Nutzungsrechte auch nicht 🙂 – wenn aber auch komplex genug.

      Spannend ist es bei Euch sicher, Eure Hauptfiguren miteinander agieren zu lassen und sich das genussvoll zu gönnen. Klasse! Die Lust am Schöpfen ist dabei sicher immens hoch, das merkt man – überhaupt: Die Lust am Schöpfen.

      Ich komme aus dem Beritt des Journalismus, d.h., ich arbeite seit 23 Jahren Vollzeit und musste verlässliche Einnahmequellen haben – mitunter hatte ich keine Energie mehr um überhaupt „Lust zum Schöpfen“ aufzubringen, Lust, kreativ zu sein, zu spielen, mich auszuloten, … .
      Als es etwa 2008 vermehrt losging mit (elektronischem) SP, hatte ich ganz banal: Keine Zeit, keine Kraft und keinen Mut, mich auf ein unerforschtes Gebiet einzulassen mit einer unberechenbaren Größe Einkommen. Zwei Backlistitel im SP einzuspielen brachte eine dreistellige Zahl; sie zu bewerben lag außerhalb meiner zeitlichen Möglichkeiten.

      Heute ginge es vielleicht besser (obgleich meine analogen Aufträge, vor allem im Magazinbereichm kaum Luft zulassen), und wenn, dann mache ich hier auf dem BücherFrauenBlog indirektes Selbstpublizieren – denn das sind auch Blogs oder Essays, wo der einzige Gatekeeper ich selbst bin.

      Jedenfalls empfinde ich es auf diesem Blog, in diesen Kommentaren, als eine gelungene, wachsende Informationsquelle für Selfpublishing, die ich künftig denen empfehlen werde, die noch zu viele Vorurteile und Fehlurteile im Kopf haben.

      So sende ich auch hier meinen großen Dank, und bitte gerne weiter beteiligen!

      Mir fehlt z.B. noch der Aspekt der Erfahrungen als HybridautorIn mit einem Verlagsimprint, das Selfpublisher engagiert auf dem schmalen Grat: Unter einer Dachmarke eines Verlages publizieren und den Vertrieb nutzen – aber mit eigenen Freiheiten. Wie sieht es da mit Erfahrungen aus, möchte jemand, kann jemand dazu etwas beitragen? Lohtn sich das monetär, lohnt sich das mehr für DebütantInnen als für Profis, lohnt sich das in nur manchen Momenten oder selten …

      herzlichst in diese Dienstagsrunde:

      Nina aus den Umzugskartons …

  9. Die positiven Aspekte des Publizierens über einen Verlag sind sicher nicht von der Hand zu weisen.
    Aber auf der anderen Seite gibt das Self-Publishing auch die Freiheiten, schräge, non-konformere Titel auf den Markt zu bringen, die nicht zwangsläufig Schund sein müssen.
    Wir selbst sind das beste Beispiel dafür, denn unsere Bücher sind professionell lektoriert, haben ihre Fangemeinde und verkaufen sich recht gut.
    Auf jeden Fall sind wir angetan davon, dass „Dino-Sex“ noch immer ein Thema zu sein scheint und hier und da erneut aufgegriffen wird, auch wenn sich so mancher bei dem Gedanken an dieses Sujet krümmen mag. Aber das sind auch zumeist jene, die unsere Bücher gar nicht kennen. 😉

  10. Um das gleich vorweg zu sagen: Ich habe einen großartigen Verleger. Aber seit ich pensioniert bin, schreibe ich mehr Bücher, als er gebrauchen kann. Dabei auch Dinge, die kein Verlag gern veröffentlichen würde, weil die Marktchancen zu gering sind. Oder gibt es jemand, der gern einen Thriller veröffentlichen möchte, der in Paraguay spielt?

    Ein großer Vorteil des selbstveröffentlichten E-Books besteht darin, dass es jederzeit veränderbar ist. Der ärgerliche Tippfehler auf Seite 16 ist in einer Stunde verschwunden. Dasselbe gilt bei Print on Demand. Wenn das Buch „normal“ im Verlag erschienen ist, muss ich erst warten, bis 5000 Exemplare verkauft sind, bevor ich etwas korrigieren kann. Das fehlende Lektorat wird also notfalls – besonders was Tippfehler angeht – durch die Leser ersetzt.

  11. Bonjour, Nina,

    deine Energie ist bewundernswert. Die Debatte „SP oder Verlag“ fängt m. E. erst an und ich möchte als „Hybrid-Autor“ einen kleinen Beitrag dazu leisten. Ich habe jahrelang für namhafte Schulbuchverlage (Cornelsen, Hueber) als Autor und als Herausgeber gearbeitet, saftige Tantiemen bekommen, und behaupte mal, „die Innereien“ eines Verlags einigermaßen gut zu kennen. Je größer der Verlag, desto anonymer und auch austauschbarer der Autor/die Autorin in der Verlagsmaschinerie. Jeder Verlag ist in erster Linie ein Wirtschaftunternehmen, es geht um Gewinnmaximierung und nicht um Gefühle von „Sensibelchen“ (Autoren). „Le reste est littérature“. Es gibt gute Verlage, die auch auf Qualität achten, wie Beck oder Hanser, wobei es auch passiert, dass diese etablierten Verlage auch langweilige Bücher, die auch Satzfehler enthalten, produzieren. Großverlage sind unflexibel, auf standardisierte Absagen an „Bittsteller“ (Autoren) spezialisiert, lassen sich hierfür sogar sechs Monate Zeit, bzw. reagieren gar nicht, wenn der Autor unbekannt ist. Der Lektor/Die Lektorin sitzt im Elfenbeinturm, bei Lektorenkonferenzen wird auch sehr viel spekuliert. Wird das angebotene Manuskript Geld bringen? Riskieren wir nicht ein Flop? Und ach, wir sind sowieso überlastet (trifft auch zu). Die Vorteile, für einen gut strukturierten Verlag zu arbeiten, sind natürlich nicht von der Hand zu weisen. Ein(e) Lektor(in) wird auf Schwachstellen eines Manuskriptes mit „Empathie“ und nicht unbedingt mit Sympathie hinweisen, der Vertrieb ist im generell sehr konservativen stationären Buchhandel – Die Sichtbarkeit des „Produkts“ ist, wie wir alle wissen, der Hauptfaktor für die Kaufentscheidung – sehr gut (Kataloge, Verlagsvertreterer)- Rezensionen helfen weiter. Wer einen „Namen“ schon hat, wird auch gerne weiter veröffentlicht, und dies unabhängig von der literarischen Qualität der weiteren Bücher. Es ist einfach so. SP ist eine Alternative, aber es gibt SP und SP, es gibt Brie und Brie de Meaux. Als Selfpublisher wird man meistens „belächelt“, der legendäre Literaturagent Andrew Wylie hält sogar Selfpublisher für „inkompetente Neurotiker“. An Arroganz nicht zu überbieten. Wylie polemisiert, „fait du show off“, wie meine Landsleute sagen. Mist, schon wieder ein Anglizismus… Ein Verlagsautor, Tom Lier, hält SP für „eine Müllhalde“. Die Fronten sind klar und verhärtet. Es gibt erfolgreiche und seriöse Selfpublisher, die unermüdlich und an sich glauben, auch wenn sie so gut wie alles in eigener Regie bewältigen müssen. Und wenn das Buch endlich da ist, die Eitelkeit ein wenig befriedigt, beginnt die anstrengende, oft frustrierende Marketingarbeit. Alle Register (Zielgruppen, Buchhändler ansprechen, professionelle Werbung, Lesungen etc.) müssen gezogen werden. Man braucht einen langen Atem. Gott wird nicht helfen.
    Also, “ Aide-toi et le ciel t´aidera“ lautet die Devise. Zum Glück hat Glück mit Geld nichts zu tun, auch wenn das liebe Geld dazu beiträgt.
    Mein neues Buch „Madame Coquette und Monsieur Galant- Neue spannende und amüsante Wortgeschichten aus Frankreich“ habe ich vor kurzem als Selfpublisher bei tredition veröffentlicht. Ich bin mit der Betreuung durch tredition rundum zufrieden. Der Kontakt ist persönlich, es wird schnell reagiert, der Verlag kümmert sich um die Verbreitung der Bücher, wirbt für seine Produkte und ist innovativ. Was will man mehr?
    Meine Investivkosten (770 Eur.) haben sich in Grenzen gehalten. Eine Diplom-Designerin hat sich um das Cover, das Layout und die Illustrationen gekümmert, befreundete Germanisten haben das Buch lektoriert. Da ich vor allem in NRW bekannt bin, ist mein Buch in zahlreichen Buchhandlungen, auch aufgrund des Erfolgs meines Erstlingswerks (als Sachbuch) vorrätig und sogar im Fenster bzw. an der Kasse. Obwohl die Buchhändler kein Remisssionsrecht haben, spielt das in der Region keine Rolle. Lieber Herr Sommet, wann machen Sie eine Signierstunde bei uns? Da wo man mich allerdings nicht kennt, sind viele Buchhändler skeptisch. Oh, oh, Selfpublisher…
    Und wie sieht es mit dem „Ertrag“ aus? Madame Baguette und Monsieur Filou- Amüsante und spannende Wortgeschichten aus Frankreich“ habe ich bei einem kleinen Verlag in Krefeld veröffentlicht. Ein Überraschungserfolg. An die 3.500 Exemplare dieses Longsellers wurden verkauft, also ein gutes Sprungbrett für das Fortsetzungsbuch als Selfpublisher. Die Zwischenbilanz nach vier Monaten sieht so aus: 553 verkaufte Exemplare von „Madame Coquette und Monsieur Galant“, 40% meiner Provision geht an die Grafikerin, meine Investivkosten habe ich schon jetzt fast „amortisiert“. Die investierte Zeit für das Schreiben: 9 Monate, ca. 1.000 Zeitstunden, Freude, Leidenschaft, Wut und Herzklopfen, Anerkennung (gut für das Selbstwertgefühl). Meine Leser sind zufrieden und ich werde kein Geld verdienen.
    Es war sowieso nicht meine Intention. Intelligente Unterhaltung und kulturelle Arbeit sind für mich wichtig. Das zählt.
    Pierre Sommet, Krefeld
    http://madamebaguette.tumblr.com

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