#lesbar im Januar – Gendersternchen und Übersetzungsperspektiven

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So liest man sich im neuen Jahr wieder! Im ersten Monat ist schon allerhand Interessantes über unsere Bildschirme geflimmert und das wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten. Diesmal wird es sehr international. Wie wird in Ländern außerhalb Deutschlands gegendert? Was bewegt die französischen Feministinnen? Was sind die Herausforderungen für Übersetzerinnen aus dem Norwegischen? All das und mehr erwartet euch in unseren Lesetipps. Viel Spaß!

Im Oktober 2018 wurden im Rahmen der Pilotstudie „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ die ersten ernüchternden Ergebnisse des Forschungsprojekts #Frauenzählen veröffentlicht. Auch im neuen Jahr setzt sich die Beschäftigung mit diesen Daten und dem Missverhältnis zwischen der Besprechung von Autorinnen und Autoren in den großen Literaturseiten fort. Nicole Seifert bespricht auf ihrem Blog Nacht und Tag fast nur Bücher von Autorinnen, um die fehlende Repräsentation auszugleichen. In diesem Beitrag versammelt sie ihre Beobachtungen über den Stellenwert von „Frauenliteratur“, Probleme in der Lesesozialisation sowie Perspektiven in Werken von Frauen, von denen jeder Literaturkanon profitieren würde: „Das gehört zu den spannenden Entdeckungen, die ich mache, seit ich überwiegend Literatur von Frauen lese und für meinen Blog bespreche: wiederkehrende Topoi, weit über Naheliegendes wie die Erfahrung von Schwangerschaft oder Mutter-Kind-Beziehungen hinaus. Es sind zum Beispiel Themen wie Wut und Sprachlosigkeit, Bilder des Eingesperrtseins und der Flucht, Motive wie das der Doppelgängerin, die sich den Konventionen nicht beugt, die in verschiedenen Variationen durchgespielt werden von Deborah Levy und Barbara Gowdy, Claire Messud und Claire Fuller, Mareike Krügel und Elena Ferrante, Jennifer Kitses und Rachel Cusk, Lina Wolff und Meg Wolitzer, Julia Jessen und Delphine de Vigan. Es sind andere Erfahrungen, andere Perspektiven, die nach dem männerdominierten Lesen in der Schule und an der Uni nicht nur eine Abwechslung und eine Bereicherung sind, sondern geradezu eine Offenbarung.“ Einen weiblichen Kanon mit wichtigen Frauen aus den verschiedensten Bereichen findet ihr übrigens hier (https://diekanon.org).

Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019 ist Norwegen. Zur Einstimmung empfehlen wir dieses Interview mit der Übersetzerin Gabriele Haefs, die darin über die Besonderheiten der norwegischen Sprache spricht und schon mal einen Lesetipp für uns hat: „Ein Problem sind auch ältere Sprichwörter, die es bei uns nicht gibt oder die in Vergessenheit geraten sind, etwa ,Wenn‘s auf den Pastor regnet, tröpfelt es auf den Küster‘ – und ein vergessenes Sprichwort kann kurios wirken in einem Buch von heute, wie eine falsche Übersetzung, obwohl sie ja eigentlich richtig ist. Oder: Bestimmte norwegische Hunderassen wie den Buhund gibt es bei uns nicht. Das Wörterbuch verrät: ,spitzähnlicher Hund‘. Nun kann ich schlecht übersetzen: ,In der Ferne bellte ein spitzähnlicher Hund.‘ Noch besser wird es beim Lundehund, da sagt das Wörterbuch: ,Hund, der einem Buhund ähnelt‘. Sie merken schon … Ich frage dann den Autor: ,Kann ich nicht einen anderen Hund nehmen?‘ Darf ich auch meistens.“

Ein interessantes Interview gibt es in diesem Monat auch auf dem Blog Café Babel zu lesen (hier im Original auf Französisch). Darin erzählt das französische Feminismus-Kollektiv Georgette Sand von seinem Buch „Ni Vues Ni Connues“ („Ohne eine Spur zu hinterlassen“, nur auf Französisch erschienen), in dem Frauen vorgestellt werden, die von der Geschichte vergessen und unsichtbar gemacht werden. Zu empfehlen ist das Interview aber nicht nur wegen des Projekts, sondern wegen des Einblicks in französischen Feminismus. „Bei der Unsichtbarmachung wird eine Frau aus der Geschichte ausradiert. Hierfür gibt es viele Methoden: der Frau nur eine Nebenrolle zugestehen, sie komplett verschwinden lassen, ihre Taten minimisieren, ihr Leben falsch darstellen (sogenannte ,schwarze Legenden‘), ihre Arbeit unwichtig erscheinen lassen oder sie anderen Menschen zuschreiben, sie auf die Rolle der Frau oder der Schwester von jemandem beschränken, Selbst-Unsichtbarmachung usw. … Für mich ist ,Ni vues ni connues‘ eine Werkzeugkiste der Anti-Unsichtbarmachung, die uns hilft, die traurige Wahrheit aufzudecken: Auf allen Kontinenten, in allen Epochen, lässt sich das gleiche Schema erkennen.“

Gendersternchen ist der Anglizismus des Jahres 2018. Wer mehr zum linguistischen Hintergrund des Worts erfahren möchte, ist im Sprachlog von Anatol Stefanowitsch gut aufgehoben. Wir empfehlen in diesem Kontext aber vor allem diesen Artikel von Deine Korrespondentin, der zwar Ende Dezember 2018 erschienen ist, aber immer noch spannend und jetzt umso relevanter. Darin schildern Korrespondentinnen in Spanien, Israel, Peru, Frankreich und Kolumbien, wie in diesen Ländern gegendert wird. Ein anregender Blick über den nationalen Tellerrand.

Die Autorin Anja Koemstedt, Mitglied der Autorinnengruppe alphabettinen, reflektiert in diesem literarischen Text das Schreiben im Digitalen und das Digitale im Schreiben. Was unterscheidet einen Blogtext von einem Buch? Wie beeinflusst uns das Online-Schreiben und -Lesen? „Überwiegend aber schreibe ich literarisch, die Texte sind für den Druck bestimmt, Endziel: Bücherregal. Hier Blog – dort Literatur; bewege ich mich da schriftstellerisch, die Schrift stellend in unterschiedlichen Schreibsphären? Nutze ich vielleicht zwei unterschiedliche Sprach-, Sprech-, Denk-, Schreibstile, gar -systeme, ohne es zu merken? Schreibe ich also anders, wenn ich für ein analoges Medium schreibe, für’s Papier, das ein Buch werden soll? Anders als beim Verfassen eines Blogtexts? Oder färbt das Digitale, so wie es unseren Alltag klammheimlich immer tiefer durchdringt, auch auf mein Schreiben unmerklich und flächendeckend ab, sodass ich schon längst einer ernüchtert-kühl-sachlichen, präzis-verknappt-knackigen online-speech erlegen bin […]“


Jeden Monat erscheinen im Netz so viele anregende und aufregende Texte, dass wir mit dem Lesen oft gar nicht mehr hinterherkommen. #lesbar sammelt diese Perlen und präsentiert sie jeden letzten Donnerstag im Monat auf dem BücherFrauen-Blog – handverlesene Lese- und Teilempfehlungen zu Themen, die BücherFrauen und andere buchbewegte Menschen interessieren.

Was findet ihr #lesbar? Schickt uns eure Artikelempfehlungen für den nächsten Monat!

Autorin: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

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