#lesbar im Oktober – Von #frauenzählen bis Lesen ohne Ausreden

| 2 Kommentare

Jedes Jahr ist nach der Frankfurter Buchmesse die Versuchung groß, die wund gelaufenen Füße hochzulegen und sich den Rest des Monats eine Pause zu gönnen. Aber gerade zu dieser Zeit erscheinen so viele spannende Artikel zur Buchbranche wie nie, und die wollen wir euch nicht vorenthalten. Hier also unsere Auswahl für den Oktober: natürlich mit dem tollen Projekt #frauenzählen, aber auch mit Artikeln über das Übersetzen aus dem Georgischen, über die Schwierigkeiten, als nicht deutschstämmige*r Autor*in im deutschen Literaturbetrieb Erfolg zu haben, mit einem Plädoyer für Lesen ohne Ausreden und einem Essay von Ursula K. Le Guin. Und nicht zu vergessen: auch von uns noch mal herzlichen Glückwunsch an die BücherFrau des Jahres, Susanne Martin (auch zu empfehlen: ihre Dankesrede)! Wir wünschen wie immer viel Spaß beim Lesen!

Im März 2018 wurden im Rahmen einer Studie Literaturbesprechungen in Zeitungen, Magazinen, Fernseh- und Radiosendungen danach ausgewertet, ob sich Unterschiede in der Häufigkeit und im Umfang der Rezensionen von Autorinnen im Vergleich mit Autoren feststellen lassen. Die nun veröffentlichten Ergebnisse sind Teil des Projekts #frauenzählen, das die Sichtbarkeit von Autorinnen im Literaturbetrieb untersucht. Der Studientext ist frei zugänglich und eine unbedingte Leseempfehlung (wenig überraschend für alle, die sich schon mal mit dem Thema beschäftigt haben: Männer besprechen häufiger und ausführlicher Männer). Auf der Website von #frauenzählen finden sich weitere Infos zum Projekt und interessante Materialien zum Thema.

Im Zeitalter von Print-on-Demand und Selfpublishing kann jede*r ein Buch schreiben – aber schafft es auch jede*r, dabei ernst genommen zu werden? Der Schriftsteller Selim Özdoğan beschäftigt sich auf 54books mit den verschieden gearteten Schwierigkeiten, als Autor*in im Literaturbetrieb anzukommen, wenn man nicht die deutsche Normsprache beherrscht und/oder aus einer bildungsfernen Schicht stammt. Sehr lesenswerter Beitrag in prägnanter Form: „Die Kritik bescheinigt Romanen, deren Personal keine Privilegien besitzt, gerne Authentizität. Woher sie die Vergleichsmöglichkeit hat, um diese Bescheinigung auszustellen, bleibt schleierhaft. Und warum das ein Kriterium für Literatur sein sollte, auch.“

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse kam der Auftritt von Georgien als Gastland sehr gut an. Die Redaktion der Übersetzer*innenplattform TraLaLit nutzte die Aufmerksamkeit, um den Fokus auf das Übersetzen von georgischer Literatur zu lenken. So entstanden zwei sehr interessante Interviews mit den Übersetzerinnen Rachel Gratzfeld und Anastasia Kamarauli, in denen sie über georgische Literatur, die Besonderheiten der Sprache und ihre Arbeit sprechen.

Im Vorfeld der Messe hat sich die Digitalverlegerin Christiane Frohmann mit dem Phänomen beschäftigt, dass immer öfter Menschen über Bücher reden, die sie gar nicht gelesen haben. Heutzutage scheint Lesen eine so aufwendige Beschäftigung geworden zu sein, dass man sich immer weniger Zeit dafür nimmt. Warum eigentlich? Spätestens nach dem Lesen dieses Beitrags sollten uns allen die Ausreden ausgehen: „Ein Buch gestattet einem nicht, es nebenbei zu lesen; versucht man es und schweift mit den Gedanken ab, liest man die gleiche Seite immer wieder und wieder. Bücher verweigern sich kategorisch als second screen, sie verlangen ungeteilte Aufmerksamkeit. Allein schon der Gedanke an eine derartige Konzentration kann derzeit viele Menschen zum Zittern bringen.“

Dieser interessante Essay von der Fantasy- und Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin ist zwar nicht in diesem Monat geschrieben worden, aber auf Tor Online nun frei zugänglich im Netz nachzulesen (in der Übersetzung von Karen Nölle). Darin reflektiert sie ihre Entscheidung, 1969 im zweiten Band ihrer „Erdsee“-Reihe zum ersten Mal eine weibliche Hauptfigur zu schreiben und aus ihrer Perspektive Fragen um Macht zu verhandeln: „Als ich das Buch schrieb, brauchte es mehr Phantasie, als mir zu Gebote stand, um eine junge weibliche Figur zu schaffen, die mit großer Macht ausgestattet war und sie ohne weiteres als ihr gutes Recht empfand. Das schien mir damals nicht plausibel. Da ich aber über die Menschen schrieb, die in den meisten Gesellschaften nicht viel Macht bekommen – Frauen – , erschien es mir vollkommen plausibel, die Heldin in eine Lage zu versetzen, die sie dazu veranlasste, das Wesen und den Wert von Macht an sich zu hinterfragen.“


Jeden Monat erscheinen im Netz so viele anregende und aufregende Texte, dass wir mit dem Lesen oft gar nicht mehr hinterherkommen. #lesbar sammelt diese Perlen und präsentiert sie jeden letzten Donnerstag im Monat auf dem BücherFrauen-Blog – handverlesene Lese- und Teilempfehlungen zu Themen, die BücherFrauen und andere buchbewegte Menschen interessieren.

Was findet ihr #lesbar? Schickt uns eure Artikelempfehlungen für den nächsten Monat!

 

 

 

Autorin: Martha Wilhelm

Martha Wilhelm studierte Germanistik und Slavistik in Hamburg, absolvierte ein Verlagsvolontariat in Berlin und kehrte danach wieder an die Alster zurück. Hier machte sie sich selbstständig und arbeitet nun als Lektorin, Korrektorin und Autorin in den Bereichen illustriertes Sachbuch und Jugendbuch. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website (www.textwinkel.de). Sie freut sich über Austausch auf Facebook und Twitter.

2 Kommentare

  1. Eure Zusammenstellung ist einfach klasse! Ich freue mich jedes Mal darüber.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.