Drei Autorinnen – drei Bücher: Anita Djafari

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In diesem Monat stellt uns Anita Djafari, die Geschäftsführerin von Litprom, ihre Auswahl vor, die uns in entfernte Gegenden führt; sie wurde 2016 als BücherFrau des Jahres ausgezeichnet.

Porträtbild von Anita Djafari.Anita Djafari: 1953 geboren, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium Germanistik und Anglistik, Arbeit in Verlagen (Qumran, Frauenbuchverlag, der später zu Antje Kunstmann wurde), Buchhändlerausbildung und eigene Buchhandlung „Neue Horizonte“ (kurz), Auslandsaufenthalt als „mitausreisende Ehefrau“ in Peru, dort Gründung der Sprachschule ACUPARI, seit Anfang 1993 freiberuflich als Lektorin, Übersetzerin und Kulturvermittlerin mit Schwerpunkt Veranstaltungen, seit 2006 bei Litprom (früher Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika), seither Geschäftsleiterin von Litprom mit (relativ) ungebrochenem Elan.

Foto: ©Salome Roess

Intro:

Die Aufgabe finde ich schwer: drei Bücher und drei Autorinnen. Wie soll man da auswählen bei so einem langen Lese-Leben? Ich habe mich also durchgerungen und entschieden. Die drei Buchtipps haben unmittelbar mit meiner Aufgabe bei Litprom zu tun, da kann ich einfach nicht über meinen beruflich-missionarischen Schatten springen. Aber es sind Bücher, die mir persönlich absolut viel bedeuten. Bei den Autorinnen fand ich es noch schwerer und hole weiter aus: Auch hier kann ich nicht anders, als (völlig unoriginell) eine Kinderbuchautorin zu nennen, eine ganz berühmte, größte Mutmacherin aller Zeiten. Denn damit fing doch eigentlich alles an! Also, es geht los mit

 

 

Drei Autorinnen:

Astrid Lindgren (1907–2002)

Sie hier bei den BücherFrauen vorzustellen wäre ein bisschen seltsam, oder? Ich kann nur erzählen, was sie mit mir angestellt hat. Wir hatten in unserem wirklich kleinen Dorf tatsächlich eine Gemeindebücherei, ehrenamtlich von einem ehrwürdigen älteren Herrn geführt. Sie war mein kleines Paradies. Und daraus habe ich die Pippi-Langstrumpf-Bücher in ihrem unverwechselbaren Format nach Hause getragen und geliebt. Aber es war nicht nur das starke Mädchen, das vor nichts und niemandem Respekt hatte, nichts musste, alles konnte. Es war auch Taka-Tuka-Land und – Bullerbü. Die heile Welt, in der Kinder ihren Platz hatten und ihren Blödsinn machen durften.

 

Aber mein absolutes Lieblingsbuch dieser unvergleichlichen Autorin ist bis heute Karlsson vom Dach, Pippis Bruder im Geiste, nur noch anarchischer. Wie hab ich ihn geliebt, diesen frechen dicken kleinen Kerl, der beim Rumkurven mit seinem Propeller sein „Unwesen“ getrieben und die „ganz gewöhnliche“ Familie kräftig aufgemischt hat. „Das stört doch keinen großen Geist“, war seine Antwort, wenn er wieder mal was angestellt hatte, z. B. die frisch gebackenen Zimtwecken aus der Küche zu stibitzen. Ich kann heute noch an keiner Bäckerei vorbeigehen, die Zimtwecken anbietet. Ich kauf mir einen, denke an Karlsson vom Dach und fühle mich unendlich gestärkt. Danke, Astrid Lindgren.

 

Patricia Highsmith (1921–1995)

Coverbild des Buchs „Ediths Tagebuch“ von Patricia Highsmith.Ja, mir ging es wie vielen anderen – in den 1970er, 1980er Jahren las „man“ doch keine Krimis. Nein, wir hatten doch Besseres zu tun, unter anderem mit all den feministischen „Pflichtlektüren“, wovon einiges durchaus großartige Literatur war und ist und bleibt – ich denke an Virginia Woolf und Christa Wolf und Brigitte Reimann, Marie-Luise Kaschnitz, Gabriele Wohmann oder Sylvia Plath to name but a few,  wovon vieles aber auch einfach nur für den kurzfristigen „Gebrauch“ taugte – ich denke an Anja Meulenbelt und Verena Stefan und und und mit den bekannten programmatischen Titeln (wichtig zu ihrer Zeit). Und nebenbei und sehr zufällig stieß ich auf Ediths Tagebuch (ich hab sie noch, die Bertelsmann-Club-Ausgabe von 1978) und war vom ersten Moment an gebannt. Da bahnt sich was an. Edith führt Tagebuch, ein Umzug steht an, der Sohn ist zehn und hat eine handfeste Macke, seine Gewaltfantasien sind besorgniserregend (lange Zeit vor irgendwelchen Computerspielen, die uns Mütter von Söhnen regelmäßig an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht haben). Selbst war ich noch weit entfernt davon, eine eigene Familie zu gründen, aber diese Geschichte seziert so messerscharf die Tragödie einer Frau, die nicht wahrhaben will, was schief läuft in ihrem ach so normalen Leben und sich in ihrem Tagebuch die Welt erschafft, die sie gerne hätte, dass ich von da an „Fan“ dieser Autorin war. Auch von ihrem unvergleichlich talentierten „Mr. Ripley“, er  hat mich gelehrt, dass man mit einem Mörder sympathisieren kann, dass Spannungsliteratur gesellschaftliche, aber auch zwischenmenschliche Verwerfungen und die Schrecklichkeiten des Alltags so gnadenlos genau erzählen kann, dass sie einem unter die Haut gehen. Seither lese ich auch gerne gute Kriminalliteratur, am liebsten Psychothriller. Danke, Patricia Highsmith.

 

Ingeborg Bachmann (1926–1973) 

Die Schmerzensfrau. Die starke Frau. Beides halt. Sie war eben eine der zahlenmäßig unterlegenen großen Schriftstellerinnen, die frau zu lesen bekam. Eine wichtige Figur im Literaturbetrieb, das hat sich vermittelt, ohne dass ich überhaupt viel oder überhaupt irgendetwas wusste, damals in den 1970er Jahren. Sie war schön, sie war klug, sie hatte einen Platz in dieser männerdominierten Welt. Emanzipiert noch vor der Frauenbewegung, für sie vielleicht zur Unzeit? Bei mir fing es an mit ihren Gedichten (Die gestundete Zeit, Anrufung des großen Bären) und ihren Geschichten (Das dreißigste Jahr) und ich erlag der Strahlkraft ihrer Sprache, die – ästhetisch anspruchsvoll – alles auszudrücken vermochte, was mich und viele Frauen meiner Generation an unserer Rolle irritiert hatte. Und dann las ich den einzigen Roman Malina und verstand wie so viele andere auch eigentlich nichts und doch alles. Eine Frau, drei Männer. Formal alles andere als eine linear erzählte Geschichte, drei Teile, drei Männer. Der Mann, mit dem sie zusammenlebt, Malina, aber in Wirklichkeit eine Art Doppelgänger der Ich-Erzählerin, dann der Mann, den sie liebt, Ivan, aber die Liebe bleibt unmöglich, und die grausame Vaterfigur als Inkarnation des Schreckens. Sie selbst sagte über diesen Roman: „Das weibliche Ich meines Buches wird fortwährend in vielen ‚Todesarten’ ermordet. Doch niemand fragt, wo dieses Töten beginnt. Auch die Kriege sind in meinen Augen nur die letzte Konsequenz dieser verborgenen Verbrechen.“ Diese Autorin hat es gewagt, ständig Grenzen zu überschreiten, im Leben und im Werk, sie wurde dafür bewundert, gefeiert und hat schließlich teuer dafür bezahlt. Für uns hat sie sehr früh für unsere Verstörungen eine Sprache gefunden, die wir gebraucht haben und immer noch brauchen. Danke, Ingeborg Bachmann.

 

Drei Bücher

Han Kang: Die Vegetarierin

Coverbild des Buchs „Die Vegetarierin“ von Han Kang.Bei diesem Buch, für das diese grandiose südkoreanische Autorin zu Recht mit dem Man Booker Preis ausgezeichnet wurde, kann ich nahtlos anschließen an Ingeborg Bachmann. Es geht nämlich auch darin um Gewalt und was diese mit weiblichem Leben macht. Auch dieses Buch hat drei Teile – wie Malina. Aber der Ich-Erzähler im ersten Teil ist ein Mann, der Ehemann einer Frau, die er wegen ihrer absoluten Durchschnittlichkeit überhaupt geheiratet hat. So wird sie ihm nicht zur Bedrohung, fordert ihn nicht heraus. Wie bequem. Für ihn.

Doch dann beschließt sie, Vegetarierin zu werden. Na und, würden wir erst mal sagen. Doch langsam erschließt sich, dass die Entscheidung in dieser Gesellschaft, in der – entgegen unserer landläufigen Vorstellungen – sehr viel Fleisch gegessen wird, ein unerhörter Akt der Rebellion ist. Niemand will verstehen, dass diese Frau gegen die Zumutungen alltäglicher patriarchalischer Unterdrückung kein anderes Mittel findet, als allmählich zu verschwinden, sie wünscht sich nichts mehr, als zur Pflanze zu werden und flüchtet sich in diesen Wahn. Der Roman hat übrigens einen Vorläufer in der Kurzgeschichte Die Früchte meiner Frau, ebenfalls von Han Kang, die ich vor 13 Jahren, als ich überhaupt zum ersten Mal mit koreanischer Literatur zu tun hatte, gelesen habe und die mir seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Auch darin wird eine Frau zur Topfpflanze. Ihrem Mann bleibt nichts anderes übrig, als sie auf den Balkon zu stellen. Nur dort fühlt sie sich wohl und kann sich behaglich nach der Sonne strecken. Die Anthologie mit Kurzgeschichten aus Korea aus dem Jahr 2005 ist vergriffen, aber die Geschichte ist bald wieder zu lesen in einer neuen Sammlung mit Literatur von Frauen aus aller Welt Vollmond hinter fahlgelben Wolken, die demnächst im Unionsverlag erscheint, herausgegeben von mir. So viel Eigenwerbung darf, äh muss sein.

  

Jean Rhys: Die weite Sargassosee

Coverbild des Buchs „Die weite Sargassosee“ von Jean Rhys.Eine Rarität, MyLadies, eine Wieder-Entdeckung, dank der Neuübersetzung von Brigitte Walitzek, die der Schöffling Verlag herausgebracht hat. Wir BücherFrauen kennen wohl alle Jane Eyre von Charlotte Brontë, und wir lieben diese Jane Eyre, die ihre Liebe zu dem verschrobenen Mr. Rochester, der sie auf dem entlegenen Landgut eingestellt hat, schlussendlich endlich leben darf. Aber da gibt es in dieser gothic novel ein großes düsteres Geheimnis, nämlich „the mad lady in the attic“. Dieser Irren, die auf dem Dachboden weggesperrt wurde und dort ihr „Unwesen“ treibt, hat Jean Rhys ein (Vor-)Leben geschenkt. Es ist Antoinette, die – wie die Autorin selbst – auf einer Insel in der Karibik aufgewachsen ist und später nach England kommt. Auf Domenica gerät sie – nach Irrungen und Wirrungen der gesellschaftlichen Umbrüche, erstmals erhebt sich die schwarze Bevölkerung gegen die weißen Herren – an einen englischen Mitgiftjäger, der sie heiraten und später ins „Mutterland“ England bringen will. Allein, er kann nichts anfangen mit der jungen lebenshungrigen Frau und auch nichts mit der tropischen Üppigkeit ihres Umfelds, beides überfordert ihn. Aber sie hat sich verliebt und begehrt ihn frei und offen und muss seine Zurückweisungen und sein Unverständnis aushalten. Unterstützung erfährt sie einzig durch ihre treue Begleiterin, ihre Zofe, Kinderfrau, eine starke, lebenskluge Frau, deren Voodoo-Glaube ihn zusätzlich verunsichert. Bis beide dann nach England aufbrechen …  Jean Rhys bringt zwei Welten an ihrer Nahtstelle zusammen und stellt sich radikal auf die Seite der Frauen. Mit ihren Mitteln schafft sie damit gekonnt ganz ganz große Literatur.

 

Doris Lessing: Afrikanische Tragödie

Coverbild des Buchs „Afrikanische Tragödie“ von Doris Lessing.Sie war eine Ikone der Frauenbewegung, und ihr Goldenes Notizbuch eine Art Bibel. Auch sie eine Autorin, die für unsere damaligen (?) Notwendigkeiten eine Sprache und einen Ausdruck gefunden hat. Klar, dass auch ihr Schreiben und Leben eng miteinander verknüpft waren. Eine eigenwillige Frau, die am Ende ihres Lebens, 88-jährig, noch schnell mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. „I couldn’t care less“, war ihr Kommentar.

Für mich ist und bleibt ihr Buch The Grass is singing, auf Deutsch Afrikanische Tragödie, eines der wichtigsten. Ich begann gerade, mich sehr für afrikanische Literatur zu interessieren, und da fiel mir dieses Buch in die Hände. Es öffnete mir die Augen für Afrika und die Verwerfungen des Kolonialismus, fast mehr als die so wichtigen Bücher von Schriftsteller*innen wie Chinua Achebe, Ngugi wa Thiongo’ oder auch Mariama Ba oder Ama Ata Aidoo. Weil es auf so subtile und gleichzeitig empathische Weise die Unmenschlichkeit von Rassismus beschreibt, dass ich das Gefühl beim Lesen noch nach 40 Jahren abrufen kann. Der Roman spielt in der englischen Kolonie Süd-Rhodesien (heute Simbabwe), wo Doris Lessing selbst auch lange gelebt hat. Es geht um eine unglückliche Frau, Mary, die, um nicht als „alte Jungfer“ zu enden, einen ungeliebten Mann heiratet. Sie bewirtschaften gemeinsam eine Farm, was ihnen nicht gelingt und noch weniger gelingt ihre Ehe. Und mit ihnen lebt immer ein Schwarzer, ein Hausboy, Mary kommt mit keinem zurecht und entlässt einen nach dem anderen. Nur der letzte, Moses, bleibt, und man darf es verraten, denn es passiert gleich am Anfang des Romans, der ermordet sie. Das ist die Tragödie, auf die dieses unmögliche „Zusammenleben“ von Schwarz und Weiß, wo sich gegenseitige sexuelle Anziehung aufgrund der brutalen Apartheid niemals erfüllen darf, zuläuft. Aber Vorsicht: Das Buch hat nichts, aber auch gar nichts von einem Who-dunit, und es ist weit mehr als die Geschichte einer gescheiterten Ehe. Für mich hat es einfach alles. Es ist übrigens der Erstling der Nobelpreisträgerin, geschrieben 1950 und immer noch lieferbar.

 

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2017 erschien ihre Übersetzung von "Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren" von Susan Hawthorne. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

6 Kommentare

  1. Eine wunderbare Auswahl, Anita. Danke für die Auffrischung meiner „To read“-Liste.

  2. Ein Hinweis: Die Verlinkung „Mondlicht hinter fahlgelben Wolken“ muss heißen „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“ …
    Ansonsten schließe ich mich Silkes Kommentar an 😉

  3. Vielen Dank, Evelyn! Hab’s jetzt korrigiert, hätte mir natürlich auch beim Verlinken schon mal auffallen können … 😉

  4. Dear Anita
    Happy to read your reviews and delighted by your selection especially The Grass is Singing by Doeis Lessing
    I am the step daughter of Hans – dieter Blaettner and will share this review with him
    Living in Sydney Australia I am in the process of writing my first book – am now in awe of all my beloved authors

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