Drei Autorinnen – drei Bücher: Frauke Ehlers

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Heute stellt uns die Gründerin dieses Blogs, Frauke Ehlers, ihre Favoritinnen vor. Bei den BücherFrauen hat sie im Laufe ihrer Mitgliedschaft zahlreiche Funktionen innegehabt, von der Städtesprecherin bis zur Finanzfrau, von der Organisation des Mentoring-Kongresses bis zum Beirat. Manche fragen sich, wie sie neben all diesem überhaupt zum Lesen kommt …

Frauke Ehlers (Foto: © Sylvie Brucklacher)

Frauke Ehlers ist Abteilungsleiterin der Honorarbuchhaltung und des Planungsservice bei der Thieme Verlagsgruppe in Stuttgart. Seit 24 Jahren ist sie bei den BücherFrauen aktiv, und sie ist die Initiatorin des BücherFrauen-Blogs. Das Netzwerk ehrte sie 2015 mit der Auszeichnung BücherFrau des Jahres.

 

 

 

 

 

 

Mit viel Freude habe ich die bisherigen Beiträge zu dieser neuen Reihe von Doris Hermanns auf dem BücherFrauen-Blog gelesen. Als ich den von Gabriele Kalmbach las, dachte ich: „Oh, sie ist so schön nah an den Texten dran.“ Mir kommen die Autorinnen und Bücher, die mir dazu einfallen, sehr viel weiter weg vor. Wahrscheinlich bin ich als Controllerin durch meinen Fokus auf Zahlen im Alltagsgeschäft tatsächlich weiter weg. Ich hoffe, ich kann trotzdem etwas von den teilweise in den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts stattgefundenen Leseerlebnissen „rüberbringen“.

 

Drei Autorinnen:

Margaret Forster (1938–2016)

verbinde ich mit einem meiner längeren Aufenthalte in UK. Ich habe sie während meines Auslandssemesters 1990/1991 an der University of Nottingham gelesen, nein, regelrecht verschlungen. Der Titel, der mich am meisten fesselte, war Private Papers, der, wie ich heute in der DNB nachgesehen habe, nie in Deutschland erschienen ist. Ohne es jetzt nochmals gelesen zu haben, ist es eine Familiengeschichte, in der eine der Töchter auf dem Dachboden einen Bündel Briefe entdeckt und dadurch eine ganz andere Familien-Geschichte aufdeckt als die, die von der Mutter immer erzählt wurde.

Margarete Forster hat sehr viel geschrieben, sowohl Romane (27, von denen 15 (!) nicht auf Deutsch erschienen sind) als auch Sachbücher (Memoiren, Biografien und Historien). Nach Private Papers fesselte mich am meisten das anscheinend auch von der Gründerin des Virago Verlags sehr geschätzte und auch auf Deutsch erschienene Buch Die Dienerin. Es behandelt in einem fiktionalen Kontext das Leben der Dichterin Elizabeth Barrett-Browning aus der Sicht ihrer Dienerin.

Auch Ich glaube, ich fahre in die Highlands, im Original Have the Men Had Enough?, ist in Deutschland viel gelesen worden, war es doch eine frühe fiktionale Beschäftigung mit dem unterschiedlichen Umgang mit der Altersdemenz – die Frauen kümmern sich und die Männer halten sich lieber raus, wenn es um die Pflegethemen geht.

Als ich für diesen Blog-Beitrag recherchierte, stellte ich fest, dass die 1938 geborene Autorin im Februar 2016 gestorben ist. Ein Auszug aus dem Nachruf des Guardian gibt vielleicht den besten Eindruck von ihrem Leben und Werk:

„If she had one constant preoccupation, it was the role of women in society, and in one of her most moving books, Hidden Lives (1995), she took herself and her family as prime examples of social mobility in Britain in the 20th century. Her grandmother was in service and led a life of pitiful drudgery. Her mother was bright, got a place in a high school and a job as a clerk – a job she had to give up as soon as she married. Third generation Margaret went to Somerville College, Oxford, where she read history.“

Während Margaret Forster nicht Teil des Curriculums war, den ich im englischen und amerikanischen Literaturstudium begegnete, machten die Werke der anderen beiden Autorinnen Teil des Kanons aus.

Virginia Woolf (1882–1941)

Dass ich mich mit Virgina Woolf dann doch noch gern und auch immer wieder gern beschäftigte, lag an dem tollen biografischen Buch der BücherFrau Susanne Amrain So geheim und vertraut, das ich mehrere Male sehr gern gelesen habe. Es machte die Intellektuelle Virginia so nahbar, dass ich mich schließlich gern, mehrmals, im Original und mit viel Vergnügen an die Lektüre von Mrs Dalloway und To the Lighthouse machte. Auch die Essays – und da vor allem A Room of One’s Own – lesen sich sehr gut und aus ihnen spricht auch die Frau, die ich über Susanne Amrain kennengelernt habe. Ich erinnere mich, wie stolz ich war, dass ich irgendwie im Schlusskapitel meiner Magisterarbeit ein Zitat aus A Room of One’s Own unterbringen konnte, und in dem Moment überzeugt war, mit der abgeschlossenen Arbeit in irgendeiner Art und Weise in einer Linie mit dieser „extraordinary woman“ zu stehen.

Die neuen Mediatechniken machen es möglich: Als ich neulich über einen Post von Doris Hermanns auf einen Link stieß, der mich zu einer Audiodatei von Virginia Woolf führte, bin ich im Innersten erschrocken. So leibhaftig nah wurde da diese Autorin, als ich ihre Stimme hörte. Es ist momentan das einzige Tondokument, das von der BBC zur Verfügung gestellt wurde, wo wir Virginia Woolf sprechen hören können. Eine wirklich spannende Erfahrung, und wir bekommen einen Einblick in ihr Denken.

 

Toni Morrison (1931)

Als Susanne Krones die Initiative bei den BücherFrauen startete, doch selbst Kandidatinnen für den Friedenspreis vorzuschlagen, habe ich 2012 sehr gern Toni Morrison vorgeschlagen. Eine Autorin, die ich vor dem Studium gelesen hatte, und ich fand es toll, dass sie im Curriculum der „American Studies“ vorkam. In einer Semesterarbeit habe ich mich mit Songs of Salomon – Solomons Lied befasst. Als sie 1993 als erste schwarze Frau den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen hat, war sie auch auf großer Lesereise und ich konnte sie bei einer Lesung in Stuttgart live erleben. In all ihren Büchern ist sie eine souveräne, sprachgewaltige Erzählerin, die sich ihre ganz eigene Form geschaffen hat: eine Verbindung aus literarischen Techniken der westlichen Moderne und rhetorischen Traditionen der Schwarzen.

Spannend fand ich jetzt, dass die heute 86-jährige 2015 einen weiteren Roman geschrieben hat, der dieses Jahr auch auf Deutsch erschien. Ich habe ihn in den diesjährigen Sommerferien tatsächlich an einem Tag gelesen und stelle fest, dass sie nach wie vor einfach gut schreibt. Ich kann Gott hilf dem Kind ausdrücklich empfehlen.

Es ist sehr episodenhaft geschrieben. Die veröffentlichten Rezensionen legen nahe, ihn eher im Original (God Help the Child) als auf Deutsch zu lesen. Dennoch, ich habe mich gefreut, ihn aufgrund der Aussicht, hier im Blog über drei Autorinnen – drei Bücher schreiben zu dürfen, entdeckt zu haben. Ohne diesen Auftrag hätte ich mich eher einem weiteren Krimi zur Entspannung hingegeben.

Drei Bücher:

Connie Palmen: Die Freundschaft

Für die Jubiläumsaktion „Mein Buch der Bücher“ der Schiller Buchhandlung in Stuttgart-Vaihingen habe ich vor einiger Zeit den Roman, der mir dazu einfiel, Connie Palmens Freundschaft, nach 12 Jahren wieder gelesen. Ich glaube, es war auch eines der wenigen Bücher, die ich nach dem erstmaligen Lesen gleich nochmals gelesen habe, um die angelegten Dimensionen angemessen zu verstehen.

Schon die Einführung der Figur der Ara Callenbach durch die Ich-Erzählerin Kit macht deutlich, dass dieser Mensch prägenden Einfluss auf das Leben von Kit haben wird:

„Der Schulhof war mit einer niedrigen Steinmauer eingefasst, und an dieser Mauer lehnte sie. Es war ein außergewöhnlich warmer Frühsommer, wenige Wochen vor Ende des Schuljahres 1965/66 und wir waren zappelig und aufgekratzt wegen des schönen Wetters und weil die großen Ferien bevorstanden. Als um Viertel vor elf ein Mädchen aus der sechsten Klasse die Pause einläutete und ich nach draußen rannte, sah ich sie. Sie trug einen dicken, schwarzen Wintermantel, der ihr bis zu den Knöcheln reichte. Und das bei Temperaturen um die zwanzig Grad.

Sie stand da, wie ich noch nie jemanden hatte da stehen sehen, mit souveräner Lässigkeit: herausfordernd, stolz und unbeteiligt. Der Schulhof war noch so gut wie leer, und sie herrschte über diese Leere. Ich blieb stehen, um sie ansehen zu können, und weil ich es plötzlich kindisch fand mit dem anderen aus meiner Klasse zu spielen.“

Es zeigt sich schon hier, dass es sich um eine Coming-of-Age-Geschichte handelt. Die beiden Hauptfiguren sind als Gegensatzpaar strukturiert: Kit ist die Kleinste, Schmalste, sehr intelligent, wortgewandt, aber auch unsicher. Ara ist ein Jahr älter, korpulent, der Natur verbunden, tierlieb und hat eine Lernschwäche. Die Zeitspanne ist von der erwähnten 5.  Klasse bis kurz vor Beendigung von Kits Studium, deren Abschlussarbeit sich auf philosophisch-psychologischem Gebiet mit Freundschaft, Liebe, Sucht, Tod, Familie und weiteren bedeutungsschweren Themen beschäftigt. Der Erzählerin scheint es mit dem Studium zu gelingen, ihre durchaus schwierige geistig-körperliche Beziehung zu Ara, aber auch all die anderen Verbindungen in ihrem Leben intellektuell zu verstehen und zu verarbeiten. Und es wird angedeutet, dass das Berufsziel nicht die wissenschaftliche Analyse, sondern die Autorinnenschaft ist.

Der in die drei Teile „Wörter und Dinge“, „Essen und Trinken“, „Arbeit und Liebe“ gegliederte Roman hat mich durchaus nochmals gepackt, obwohl es für jedes Buch eine richtige Zeit gibt. Und die war für mich eher vor 12 Jahren als heute. Aber jede und jeder, die oder der Entwicklungsgeschichten mit philosophisch-psychologischem  Hintergrund mag, wird hier definitiv auf seine Kosten kommen können. Und welches Buch schafft es schon, von mir dreimal gelesen zu werden?

Siri Hustvedt: Gleißende Welt/The Blazing World

Im Rückblick bin ich jetzt noch beeindruckt, dass ich dieses Werk tatsächlich ganz gelesen habe. Es wundert mich, dass diese Thematik nicht schon vorher zu einem Roman verarbeitet wurde (zumindest soweit ich weiß). Was passiert in der Rezeption eines Kunstwerkes, wenn die Rezipienten meinen, dass das Werk von einem Künstler stammt – eigentlich ist es aber von einer Künstlerin, die sich nicht als Frau zu erkennen geben will. Die dahinterstehende Frage, ob Kunst mehr wert ist, wenn sie von Männern gemacht wird, stellt Siri Hustvedt in ihrem Roman Die gleißende Welt und porträtiert eine Frau, die der Kunstwelt ihren Chauvinismus beweisen will. Der Eingangssatz bringt die Thematik sofort auf den Punkt: „Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien, schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann.“

Aus diesen Gründen plant die erfolglose Künstlerin Harriet Burden, 60 Jahre alt, seit Kurzem Witwe, ihre Installationen – eine Venus-Skulptur, eine Sequenz immer winziger werdender Erstickungsräume etc. – drei männlichen Künstlern unterzuschieben und als deren Kreationen feiern zu lassen, um dann, im Finale, ein Coming-out als weiblicher Urheber hinzulegen.

Der Roman setzt nach dem Tod der Hauptfigur Harriet Burden ein. Er rekonstruiert ihr Experiment, indem er Fragmente ihres Tagebuchs, Berichte von lebenden Familienmitgliedern und Freunden, alte Interviews und Ausstellungsbesprechungen aneinanderreiht. Es entsteht ein Porträt Burdens in Form einer literarischen Collage. Künstler kommen zu Wort, Kritiker, ihre nüchterne Tochter und ihr Sohn, der Schriftsteller.

Der wissenschaftliche Fußnotenapparat ist mir etwas mühsam in Erinnerung, aber ansonsten war das Buch ein Leseerlebnis, das ich nicht missen möchte. Auch diese Autorin konnte ich letztes Jahr live an der Universität Tübingen erleben, weil sie dort die Poetik Dozentur innehatte.

 

Between Friends: The Correspondence of Hannah Arendt and Mary McCarthy 1949–1975. Edited and with an introduction by Carol Brightman

Auslöser meines Interesses an diesem Buch war der Film Hannah Arendt von Margarethe von Trotta. Nach dem Film hat mich die Freundschaft zwischen Hannah Arendt und Mary McCarthy interessiert, und Doris Hermanns erzählte mir von dem sehr spannenden Briefwechsel zwischen den beiden in den Jahren 1949 bis 1975. Leider ist er auf Deutsch nicht mehr lieferbar. Aber sie besorgte mir antiquarisch ein englisches Exemplar. Wie bei Siri Hustvedt hatte die Leseruhe, die mir das Ferienhaus „Sonnseite in Going am Wilden Kaiser“ jeden Sommer verschafft, entscheidenden Anteil, dass ich auch dieses Buch (ebenfalls mit üppigem Fußnotenapparat) mit viel Freude gelesen habe.

 

 

 

Doris Hermanns

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen bei www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2017 erschien ihre Übersetzung von „Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren“ von Susan Hawthorne. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

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