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Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Drei Autorinnen – drei Bücher: Friederike Christoph

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Die Buchhandlungen und Bibliotheken sind (teilweise) wieder geöffnet, da ist es Zeit für neue Lesetipps. Diesmal kommen sie von Friederike Christoph, die eine große Bandbreite an Büchern vorstellt: von politischen Sachtexten über Kinder- und Jugendliteratur und eine Autobiografie über einen Roman und einen Gedichtband hin zu einem Buch mit Gesprächen.

© Friederike Christoph

Friederike Christoph lebt und arbeitet in Berlin. Nach dem Studium der Sprachwissenschaft, Theaterwissenschaft und Musikwissenschaft an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz arbeitet sie selbstständig für den Satyr Verlag und den Schaltzeit Verlag, koordiniert den Vertrieb, das Marketing und die Veranstaltungsplanung. Auch in der Programmplanung mischt sie manchmal mit.

Nebenberuflich hat sie den Fernlehrgang Kinder- und Jugendliteratur an der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur (STUBE) in Wien absolviert und wird dieses Jahr den Aufbaukurs mit dem Thema Die Darstellung und Bedeutung der Unendlichkeit in Michael Endes Werk abschließen. Wenn sie nicht in den Verlagen arbeitet, realisiert sie gemeinsam mit anderen Literatur-, Kultur- und Tanzpädagog*innen lesefördernde und literaturvermittelnde Projekte und Workshops an Schulen, in Bibliotheken oder Jugendzentren.

Vor und hoffentlich nach Coronazeiten liest sie Kindern wöchentlich im Namen der Bürgerstiftung Berlin e. V. in der Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda in Berlin-Friedrichshain vor.

3 Autorinnen

Ulrike Meinhof (1934‒1976)

Seit mir als Teenagerin Der Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust in die Hände fiel, stieß ich immer wieder, in unterschiedlichen Zusammenhängen, auf Ulrike Meinhof. Das lange als „Standardwerk“ geltende Buch Austs gab mir einen ersten Überblick der historischen Ereignisse der 1960er- und 1970er-Jahre und stellte mir mit Ulrike Meinhof eine Frau vor, über die ich mehr erfahren wollte. Ihre Lebensgeschichte, ihr unermüdlicher Kampf für Gerechtigkeit und eine bessere Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland beeindruckt mich bis heute. In ihren Texten, zu lesen etwa in Textsammlungen wie Deutschland, Deutschland unter anderm, herausgegeben von Susanne Schüssler, oder dem Drehbuch zum lange unter Verschluss gehaltenen Fernsehfilm Bambule, arbeitete sie stets komplexe Problemlagen heraus, analysierte schonungslos und benannte unermüdlich die Missstände, die unsere Gesellschaft von einem fairen Miteinander trennten. Aus der Genauigkeit ihrer Sprache, dem Weitblick und der politischen Urteilsfähigkeit, die ihre Essays kennzeichneten, resultierte deren maßgeblicher Einfluss auf den zeitgenössischen Diskurs und ihre ungebrochen gegenwärtige Relevanz.

Ihr Lebensweg zeigt, wie stark das System, die Gesellschaft, in der wir leben, auf jede*n Einzelne*n von uns wirken kann.

Einen anderen Bedeutungsraum eröffnete Elfriede Jelinek mit ihrem Bühnenstück Ulrike Maria Stuart, das ich im Studium der Theaterwissenschaft in der Inszenierung von Nicolas Stemann sehen konnte. Hier stehen die Beziehungen zwischen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sowie Maria Stuart und Elisabeth I. nebeneinander, es stellen sich Fragen nach Weiblichkeit, Macht und Identität. Ulrike Meinhof ist für mich nach wie vor ein wichtiges weibliches Vorbild und eine wichtige Stimme unserer Gesellschaft.

 

Cornelia Funke (geb. 1958)

Eine Autorin, die mit ihrer Vorstellungskraft Welten erschafft, in die ich gerne und vor allem zukünftig sicher noch viel öfter eintauchen möchte. Wer solche Bücher schreibt, so scheint mir, hat das Staunen und das Sich-Wundern nicht verlernt. In den Büchern, wie Drachenreiter, Herr der Diebe oder der Tintenwelt, schreibt sie aus Sicht der kindlichen Figuren, anstatt sie und ihre Erlebniswelt ausschließlich zu beschreiben. Dadurch schafft Funke in ihren Texten Identifikationsmöglichkeiten. Die Handlung in ihren Texten wird dadurch gut nachvollziehbar. Sowohl für Kinder und Jugendliche, aber auch für erwachsene Leser*innen.

Die Zuschreibung ‚Abenteuergeschichten‘ kennzeichnen ihre Texte zutreffend, jedoch reicht ihr Bedeutungsrahmen weit darüber hinaus.

Stellenweise öffnen Funkes Texte mehrere Verständnisebenen und stellen dabei nicht selten unseren Blick auf die Welt und unsere Realitätswahrnehmung infrage. Cornelia Funkes Bücher tragen dazu bei, dass fantastische (Kinder- und Jugend-)Literatur einen anderen Stellenwert erhält und lassen ihre Leser*innen Fantasie entwickeln, die möglicherweise zur Vorstellung einer vielfältigen und toleranten Welt führt.

 

Marina Abramović (geb. 1945)

Kennengelernt habe ich Marina Abramović’s Werk in der Einführungsveranstaltung meines Studiengangs der Theaterwissenschaft. Unsere Professorin zeigte uns Bildaufnahmen ihrer Performance Thomas Lips in der Galerie Krinzinger in Innsbruck 1975. Das Bild des fünfeckigen Sterns, den sie sich im Verlauf mit einer Scherbe in den Bauch ritzt, brannte sich in mein Gedächtnis ein. Ich war überwältigt von dieser Radikalität und gleichzeitig gespannt, mehr ihrer Performances kennenzulernen. Als 2016 ihre Autobiografie Durch Mauern gehen (aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Charlotte Breuer und Norbet Möllemann) erschien, habe ich sie mir natürlich gekauft, innerhalb kürzester Zeit aufgesaugt und mit vielen Markierungen und Zettelchen an den Seiten weggelegt. Genaugenommen ist sie keine Autorin, sondern eine Performance-Künstlerin, die eine Autobiografie veröffentlicht hat. Dennoch hat mich ihre Geschichte und ihre Bereitschaft, immer wieder körperlichen, aber auch seelischen Schmerz zu erdulden, um hinter diesem einen neuen Bewusstseinszustand zu erreichen, bewegt. Ihre Erzählung ist inspirierend und ich nehme das Buch gerne immer wieder zum Lesen zur Hand.

3 Bücher

Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Der Roman zählt für mich zu einem der besten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Kurz nachdem ich ihn auf der Buchmesse in Leipzig am Stand des Verbrecher Verlags gekauft hatte, wurde bekannt, dass er für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, den er ja dann berechtigterweise auch gewann. Mir gefiel der direkte, nüchterne und manchmal knappe Ton, den Manja Präkels anschlägt, sofort. Die Erzählung saugte mich förmlich ein und vergegenwärtigte mir als in der BRD Geborene eine Welt, mit der ich mich thematisch beschäftigt hatte, die mir aber bis dato emotional fern geblieben war. Der Roman macht die sozialen und psychischen Folgen eines in sich zusammenstürzenden Systems in außergewöhnlicher Weise nachvollziehbar. Er zeigt, wie sich Bedeutungsräume verschieben und wie die Bürger*innen sich konfrontiert sahen mit einem Wandel, der lange nicht für möglich gehalten wurde und dann plötzlich eintrat. Wie Monotonie, Perspektivlosigkeit und die Ungleichheit im Prozess der Wiedervereinigung zu unterdrückter Wut führen, die sich jäh Bahn bricht und der für tot erklärte Faschismus ans Tageslicht tritt.

Oft lebt der Roman von dem, was nicht gesagt wird. Zwischen den Sätzen entstehen Bilder, entsteht Mitgefühl oder Wut, Leid oder Trauer. Die Freiheit in der emotionalen Bewertung des Textes, die durch diese Lücken für die Lesenden entsteht, empfinde ich als eine der großen Stärken des Buches. Gewissermaßen positioniert er sich genau dadurch gegen die Vorurteile, mit denen die DDR oft bewertet wird. Präkels eröffnet einen Raum für Reflektion, Verständnis und dringende Gespräche über die jüngere deutsche Geschichte.

 

Rupi Kaur: Milk and Honey | Milch und Honig

Der Schmerz. Die Liebe. Das Zerbrechen. Das Heilen. Vier Facetten zwischenmenschlicher Beziehungen. Vier Kapitel im Gedichtband Milk and Honey der Autorin Rupi Kaur (aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Frida Ellmann). In ihren Gedichten schreibt sie unter anderem vom Schmerz sexuellen Missbrauchs, von weiblicher Identitätsprägung und -findung, und von intergenerationaler Weitergabe physischer und psychischer Gewalt. Sie schreibt von der Liebe zwischen Mutter und Tochter, von wohltuenden Liebesbeziehungen, gegenseitiger Hingabe und weiblicher Sexualität. Findet Worte für das Zerbrechen an toxischen Beziehungen, Enttäuschung, Entfremdung und für die Ausweglosigkeit unerfüllter Liebe. Und schließlich kommt sie zur Heilung durch Selbstliebe, plädiert für den Zusammenhalt unter Frauen, thematisiert feministisches Selbstverständnis, wendet sich gegen Rassismus und spricht sich aus für Diversität und ein von Toleranz geprägtes Miteinander.

Der Ton, den die zur Buchveröffentlichung dreiundzwanzigjährige Kaur in ihren Texten anschlägt, ist ermutigend. Ihre Sprache deutlich. Oft gelingt es ihr, mit wenigen Worten große Bedeutungsräume zu öffnen und sie zeigt dabei den Lesenden vor allem eins: Ihr seid nicht allein mit den Kämpfen, die ihr kämpft, und dem Schmerz, den ihr fühlt. Spannend ist auch die Entstehungsgeschichte des New-York-Times-Bestsellers: Rupi Kaur veröffentlichte ihre Gedichte zunächst auf Tumblr und bald auf Instagram, wo ihr mittlerweile vier Millionen Menschen folgen. Erst später wurde daraus ein Buch. Die Kritik, die Lyrik der Instapoets sei vor allem banal, auf Kommerzialisierung ausgerichtet und diene vor allem der Selbstdarstellung, ist bedingt nachvollziehbar. Als bedeutender erachte ich den niedrigschwelligen Zugang zur Poesie und die Möglichkeiten der Intermedialität, die Lyrik erfährt. Neben ‒ nicht anstelle ‒ der traditionellen Formen des Publizierens tritt eine neue und fördert möglicherweise den Stellenwert von Lyrik in unserer Gesellschaft.

 

Sibylle Berg: Nerds retten die Welt

Ich habe Sibylle Bergs letzten Roman GRM. Brainfuck noch nicht gelesen. Bisher war ich einfach noch nicht bereit für einen dystopischen Text über ein neoliberales Großbritannien nach dem Brexit. Stattdessen habe ich Nerds retten die Welt Gespräche mit denen, die es wissen vorgezogen. Hierin vereint Berg 17 Gespräche mit Wissenschaftler*innen aus der Soziologie, der Astrophysik, der Historik, der Neuropsychologie u. v. m.

Einleitend stellt Berg immer dieselbe Frage: Haben Sie sich heute schon um den Zustand der Welt gesorgt? Die von den meisten Gesprächspartner*innen bejaht wird. Davon ausgehend entwickelt sich ein Austausch über Themen der jeweiligen Fachgebiete. Die subjektiven und geistreichen Fragen der Autorin beachten gesellschaftliche Herausforderungen und Ängste unserer Gegenwart, zielen jedoch weitgehend auf die Perspektiven und die Möglichkeiten der jeweiligen Profession, beispielsweise der technischen Entwicklungen und des wissenschaftlichen Fortschritts. Die teilweise durchaus humorvollen Gespräche schaffen Zugang und Verständnis zu komplexen wissenschaftlichen Fragestellungen. Berg leistet dadurch einen unbedingt wichtigen Beitrag in einem gesellschaftlichen Diskurs, in dem Fake News und die unwissenschaftliche Infragestellung wissenschaftlicher Erkenntnisse salonfähig geworden sind.

Fotos: © Friederike Christoph

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2018 erschien ihre Übersetzung von "Mietmutterschaft: Eine Menschenrechtsverletzung" von Renate Klein. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

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