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Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Drei Autorinnen – drei Bücher: Stephanie Hanel

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Wo wir derzeit nur in Gedanken reisen können, lässt uns Stephanie Hanel, Journalistin, Autorin und ehemalige Vorsitzende der BücherFrauen, diesmal an ihren literarischen Entdeckungen aus ihrer Zeit in den USA teilnehmen.

Stephanie Hanel, Journalistin und Autorin, lebt und arbeitet nach einem zweijährigen NY-Aufenthalt in Heidelberg. Sie veröffentlichte drei Bücher über ihre Zeit in den USA, zuletzt: Goodbye New York. Abschied von der neuen Heimat.

 

© privat

Gleich vorweg: Ich komme nicht an meine Bücher ‚von früher‘ – sie sind noch eingelagert. Alles, was ich vor Augen habe, ist die sehr spezielle Auswahl, die mit nach New York durfte und sich nun in Heidelberg den wenigen Regalplatz mit meinen amerikanischen Fundstücken und aktuellen Neuerscheinungen teilt. Zudem haben hier schon jede Menge sehr belesene BücherFrauen ganz wichtige Autorinnen genannt – z. B. Anita Djafari die großartige Astrid Lindgren –, so lasse ich diese aus, auch wenn der Michel aus Lönneberga so wichtig war für meine Kindheit und bis heute das Buch ist, das ich am häufigsten gelesen habe.

Obendrein tue ich mich schwer mit Festlegungen. Da gibt es das genau richtige Buch für eine ganz bestimmte Lebenssituation, aber ist es ein Lieblingsbuch? Da gibt es eine Autorin, für die ich eine Zeit lang gar nicht genug schwärmen konnte, und plötzlich ist dieser besondere Bezug vorbei. Deshalb habe ich mich entschieden, Euch Autorinnen und Bücher vorzustellen, die mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt und sich mir besonders eingeprägt haben, und merkwürdige Bücher im direkten Wortsinn – selbst wenn anderes mein Herz mehr erfreute, dafür aber flüchtiger war. Und los geht’s:

 

Drei Autorinnen

Lily Brett (geb. 1946)

Wie kam ich auf Lily Brett? Ich weiß es nicht mehr sicher, aber das Buchcover von Chuzpe brannte sich mir ein und ich identifizierte all meine Sehnsüchte nach New York und dem Schreiben mit dieser zarten Autorin, die so alles andere als zartbesaitet schreibt. Genau: Sie schreibt alles auf, worüber andere lieber schweigen, ist voyeuristisch und zerlegt ihr Privatleben in kleine Teile. Dabei ist sie so klug, dass nichts nur autobiografisch, sondern Teil einer erschriebenen Identität ist. Lily Brett lesen ist ein intellektuelles und ein sinnliches Vergnügen – und manchmal auch ein Graus oder ein Grund, den Kopf zu schütteln. Auf alle Fälle vibriert das Leben, steht einem manchmal plakativ vor der Nase, manchmal plaudert es am Nebentisch, ganz sicher lässt es einen nicht kalt. Nach Chuzpe musste ich dringend alles von ihr lesen, z. B. Einfach so, und letztens entdeckte ich in einem Bücherschrank den Band Zu sehen. Das Kapitel New York nahm mich ein weiteres Mal für sie – und ihre unnachahmliche Art zu fühlen, zu denken und zu schreiben – ein. ‚Ja genau‘, ging es mir beim Lesen durch den Kopf, und gleichzeitig: ‚Du liebe Zeit, das ist aber auch sehr schräg‘. Diese Autorin polarisiert und elektrisiert.

 

Anne Tyler (geb. 1941)

Auf Anne Tyler stieß ich in meinem Lesekreis – eine der Mitlesenden war ein großer Fan von ihr –, und ich begann mit ihrem damals gerade aktuellen Roman Tag der Ankunft meine Freundschaft mit dieser Autorin. Das Buch nahm mich sofort gefangen, vor allem wegen seiner psychologischen Dichte, dem Wechsel der Perspektiven – ein und dieselbe Situation mit den Augen mehrerer Menschen zu sehen und das Gefühl zu haben, mit ihnen in der Küche zu stehen – und vor allem mit dem großen Einfühlungsvermögen für das Dilemma jedes Einzelnen, sich in die menschliche Gemeinschaft einzufügen. Und: Die Autorin wertet nicht, sie stellt dar, sie ist mit allen und keinem, sie überlässt die Deutungen uns und gibt uns gleichzeitig so viel an die Hand, dass wir nicht mehr vorschnell urteilen können. Es gibt kein besseres Gegengift gegen Vorurteile und gegen das Urteilen an und für sich. Ich finde, Anne Tyler lesen bedeutet zu verstehen, dass das Leben das letzte Wort spricht, nicht wir, und dass es immer gut für eine ungeahnte Wendung ist. Dinner im Restaurant Heimweh hat mich dann endgültig überzeugt. In New York habe ich mir ihr gerade neu erschienenes Buch Clock Dance (deutscher Titel: Launen der Zeit) direkt aus dem Schaufenster bei „Powerhouse 8th Street“ gekauft – es war mir von der Szenerie her sehr nahe, eigentlich zu nah, und zu traurig, aber in seiner Konzentriertheit auf einen Schauplatz auch sehr eindringlich. Gerade ist wieder ein neuer Roman von Anne Tyler erschienen, Der Sinn des Ganzen. Auch wenn keiner meine alten Favoriten toppen wird, verneige ich mich vor dieser Schaffenskraft und einem so beeindruckenden Gesamtwerk!

 

Chimamanda Ngozi Adichie (geb. 1977)

Weil ich gerade selbst dabei war, meinen Anfang in den USA zu machen, wurde ich neugierig, was diese Autorin in Americanah berichtet. Ihr Buch geriet mir mehr oder weniger zufällig bei Barnes & Nobles in die Hände. Eher weniger zufällig, weil Adichie zumindest in NY schon ein Star war, als ihr Stern in Deutschland gerade erst aufging. Adichie und ihr Buch tauchten gerade im richtigen Moment für mich auf, aber sie ist auch unabhängig davon eine derjenigen Frauen, die wir in unserer Zeit so dringend brauchen: Sie verleiht dem Feminismus neue Flügel. Adichies Dear Ijeawele, or A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions (deutscher Titel: Liebe Ijeawele. Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden) lag bei „Books Are Magic“ in Brooklyn in Stapeln an der Kasse und war einer der Bestseller dort. Mein privater Stolz – einen so dicken Roman in anspruchsvollem Englisch ‚geschafft‘ zu haben – verband sich mit meiner Freude, eine neue (Lieblings-)Autorin gefunden zu haben. Auch wenn ich mich nicht mit ihrer Romanheldin identifizieren konnte, ist diese eine glaubwürdige Persönlichkeit und wird im Verlauf des Romans zu einer Frau, deren Schicksal ich gerne weiterverfolgen würde. Und ein bisschen kann ich das ja auch, denn ob berechtigt oder nicht, überlagern sich die Heldin und ihre Autorin in meinem Kopf. Ihr Buch Purple Hibiscus (deutscher Titel: Blauer Hibiskus) habe ich verschenkt, ohne es selbst schon gelesen zu haben, und das ist zugleich mein größtes Kompliment: Adichie schreibt so gut, dass ich sie uneingeschränkt ‚einfach so‘ als Autorin empfehle.

 

Drei Bücher

Alice Herdan-Zuckmayer: Die Farm in den grünen Bergen

Dieses Buch war eine Empfehlung meiner besten Freundin aus Schulzeiten – sie hatte mein NY-Tagebuch gelesen und meinte, Die Farm in den grünen Bergen würde dazu passen. Der Ursprung des Buches von Herdan-Zuckmayer war eine Serie von Briefen, die die Autorin ihren Schwiegereltern aus der Emigration schrieb. Die Familie Zuckmayer hatte es nach Vermont auf eine Farm verschlagen. Das harte Leben dort, aber auch die intellektuellen Fluchten, Privates und Politisches verbinden sich darin zu einem sehr wahrhaftigen Stück Literatur. Für mich war es absolut faszinierend festzustellen, dass Alice Herdan-Zuckmayers Äußerungen über den anderen Himmel, die neuen Geschmäcker und viele andere Eindrücke in den USA ganz genauso auch heute noch gelten können. Sie ist eine unglaublich zupackende und dadurch beeindruckende Persönlichkeit. Bei einigem merkt die heutige Leserin natürlich deutlich, dass die Zeiten sich geändert haben, aber das meiste liest sich zeitlos und hat mir Eindruck gemacht.

Elise Hooper: Learning to See

Für mich ein Volltreffer – eine literarische Biografie über das Leben der Fotografin Dorothea Lange. Leider bisher nur in Englisch erhältlich. Viele kennen Langes Arbeiten: eindrückliche Fotos ausgemergelter Landarbeiter*innen während der Wirtschaftskrise der 30er Jahre in den USA. Langes berühmtestes Foto ist das einer sorgenvollen Mutter, deren Kinder sich an sie schmiegen, den Blick abgewendet. Ihr zweites Großprojekt waren Fotografien der Lager, in die die in den USA ansässige japanische Bevölkerung interniert wurde, als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Elise Hooper nennt Dorothea Lange „die Frau, die das wahre Amerika enthüllte“. Das Leben der Fotografin selbst bietet in jedem Fall Romanstoff genug: Von der jungen, überaus erfolgreichen Porträtfotografin mit eigenem Atelier über die Zeit als Mutter, die in marginalen Umständen die alleinige Verantwortung für zwei Söhne trägt, bis hin zur später arrivierten Künstlerin spielt sich das ganze Lebensdrama dieser großen Fotografin mitreißend dargestellt vor dem inneren Auge der Leserin ab. Diese gelungene Biografie über die Künstlerin Lange, die hinter den Fotos steht, die sich längst ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben, auch auf Deutsch zu verlegen wäre lohnenswert!

Sylvia Plath: Mary Ventura and the Ninth Kingdom

Sylvia Plath war eine echte Bildungslücke von mir und ich werde diese schließen – in der Kultbuchhandlung „Strand“ stieß ich bei meinem letzten NY-Besuch auf das schmale Bändchen (deutscher Titel: Mary Ventura und das neunte Königreich), wollte zurück in der Wohnung von Freunden nur kurz hineingucken und konnte dann nicht mehr aufschauen, bevor ich es zu Ende gelesen hatte. Geschrieben hat Sylvia Plath diese Kurzgeschichte noch als Studentin – sie wurde damals von dem Magazin, bei dem sie zuvor einen Schreibwettbewerb gewonnen hatte, abgelehnt. Die aktuelle Ausgabe ist die erste Veröffentlichung dieser als „strange, dark tale of female agency and independance“ beschriebenen Erzählung. Das Buch ist im März dieses Jahres auch auf Deutsch erschienen und ich möchte eigentlich nicht mehr verraten, als dass sich eine junge Frau auf eine Zugreise begibt, bei der es kein Zurück gibt und das Schicksal eine Entscheidung fordert. Absolut spannend und vieldeutig.

Fotos: Stephanie Hanel

 

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2018 erschien ihre Übersetzung von "Mietmutterschaft: Eine Menschenrechtsverletzung" von Renate Klein. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

4 Kommentare

  1. Eine wirklich tolle Zusammenstellung! Da bekommt man, auch ohne selbst in den USA gelebt zu haben, ganz viel Lust, diese ganzen verschiedenen Perspektiven auch mal wenigstens in den Büchern nachzuempfinden. Und nach dieser Zeit wird es wohl – speziell auch aus New York – wieder interessante persönliche Eindrücke literarisch verarbeitet geben.

  2. Liebe Stephanie,
    danke für diese tollen Buchtipps!
    Herzliche Grüße,
    Silke

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