Drei Autorinnen – drei Bücher: Karin Ballauff

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BücherFrauen gibt es nicht nur in Deutschland. Zu unserem Netzwerk gehören auch Frauen aus Österreich und anderen Ländern. Und so stellt uns heute Karin Ballauff aus Wien ihre Auswahl vor. Sie schreibt dazu: „‚Lieblings‘-… ist quasi unmöglich zu sagen. Es sind Bücher, die mich besonders berührt und/oder gefesselt haben oder begeistert, aufgrund der Figuren, des Aufbaus …“

Karin Ballauff, geb. 1962, ist Romanistin, freie Lektorin sowie Referentin von Schreibworkshops. Sie lebt und arbeitet in Wien.

 

 

 

 

Drei Autorinnen:

Patricia Highsmith (1921–1995)

Ihre Romane sind selbstverständlich Kult. Von Carol über Elsies Lebenslust bis Small g, vom Süßen Wahn über Ediths Tagebuch bis zum Schrei der Eule – immer wieder fesseln Patricia Highsmiths Geschichten, faszinieren und überraschen ihre Figuren, versteht sie aufs Grandioseste, Suspense aufzubauen.

Im Mittelpunkt stehen für sie nicht die Verbrechen und deren Aufklärung, sondern die Protagonist_innen, die sowohl als Opfer als auch als Täter_innen handlungstragend sein können. Doch bei Highsmith verschwimmen die Grenzen moralischer Kategorien, sind vermeintlich „Böse“ zugleich Betroffene, Leidtragende, wird das „Gute“ letztlich als Fassade enttarnt.

Die Autorin rückt den Fokus auf die innerpsychischen Welten, auf die Ambivalenzen, das Sonderbare und Eigensinnige im Menschlichen und Zwischenmenschlichen. Sie lotet subtil und raffiniert die psychologischen Konstellationen im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext aus und versteht es, das, was „passiert“, brillant zu erzählen. Widersprüchliche Persönlichkeiten und Identitätswaisen irren schutzlos durch ein scheinbar normales Alltagsleben. „Unbescholtene“ geraten plötzlich in kafkaeske Situationen und unentrinnbare Abgründe – und unweigerlich stellt sich die Frage nach ihrer vorgeblichen „Rechtschaffenheit“.

Praktisch jede der Hauptfiguren aus dem Highsmith-Kosmos hat eine Leiche im Keller. Auch längst vergangen geglaubte oder verdrängte Ereignisse werden an die Oberfläche gespült, und ängstlich gehütete Geheimnisse werden über kurz oder lang gelüftet.

Small g, der in der Zürcher Schwulen- und Lesbenszene spielende Roman, erschien einen Monat nach dem Tod der Autorin 1995 im britischen Verlag Bloomsbury (1996 bei Diogenes). Er wurde von ihrem New Yorker Verleger zuvor abgelehnt und erschien in den USA erst 2004. Ein ähnliches Hin und Her bezüglich einer Publikation gab es viele Jahre früher um Carol, den wunderbaren Roman einer lesbischen Liebesgeschichte mit dem bekanntlich glücklichen Ende …

Siri Hustvedt (geb. 1955)

Bereits Die unsichtbare Frau, Siri Hustvedts erster Roman von 1992, versammelt Themen und Motive, die sich in den späteren narrativen Werken wiederfinden lassen.

Die Schauplätze ihrer Romane bilden vorwiegend New Yorks Szeneviertel – Brooklyn, Lower Manhattan, und dort Galerien, Ateliers, Arbeitsräumlichkeiten …

Hustvedt belebt ihre Figurenwelt durch sich aus Vorgeschichten und Vor-Vorgeschichten zusammensetzende, immer wieder neu zu erfindende Identitäten, deren (Ver-)Wandelbarkeit, Fragilität und ungeheure Verwundbarkeit erzählerisch umkreist wird.

Das Milieu: die (mehr oder weniger) illustre Gesellschaft der Künstler_innen und Kunstaffinen, Intellektuellen und Literat_innen, die die Autorin aus eigenem Erleben gut kennt und die sie mit feinster Ironie auf hohem Niveau zu schildern versteht. Dieser Kosmos wird bevölkert von gescheiterten und scheiternden Existenzen ebenso wie von (mehr oder weniger) arrivierten, einigermaßen gut situierten, jedenfalls von sich immer wieder infrage stellenden, zweifelnden Hauptfiguren. Durch die Handlung irrlichtern zumeist liebenswert schräge „Rand“- bzw. Schlüssel-Figuren.

Die Themen: Zwischenmenschliche Beziehungen, neben heterosexuellen Paaren auch Beziehungen zwischen Mutter und Tochter, zwischen Freundinnen und Freunden – es geht mithin um Freundschaft, Liebe, Abschied, Verlassensein, um tiefste psychische und Sinn-Krisen und die Versuche des Sich-wieder-Herausmanövrierens. Um den Einbruch aller für stabil erachteten Existenzpfeiler, Invasionen in einen vermeintlich sicheren Alltag, die Komfortzone, etwa durch einen plötzlichen Unfall oder aber schleichend – durch Erkranken, Altern, das Schwinden der Liebe, das Sterben. Hustvedt erzählt über „den Kummer des Lebens“ und „den Skandal des Todes“ (Michael Naumann in Die Zeit über Was ich liebte). Über die Wucht und die Illusion der Erinnerung und die (Un-)Möglichkeit des Vergessens.

Philosophische und psychologische Reflexionen, die Siri Hustvedt in klugen und pointierten Essays ausführt, fließen ebenso in ihre Romane ein, mal mehr (wie in Die gleißende Welt), mal weniger explizit, durchwegs inspirierend und zum Weiterdenken animierend.

Auswahl:  Die unsichtbare Frau (1992), Was ich liebte (2003), Die Leiden eines Amerikaners (2008), Die zitternde Frau (2010), Der Sommer ohne Männer (2011), Die gleißende Welt (2015).

Judith W. Taschler (geb. 1970)

Die Deutschlehrerin – ein Buch, zu dem ich allein des Titels wegen höchstwahrscheinlich nicht gegriffen hätte (bloß nix mit Schule!), und der Name der Autorin sagte mir auch nichts – wurde mir von einer sympathischen Buchhändlerin im Flughafengebäude Berlin-Tegel ans Herz gelegt. Ihre Begeisterung über diesen Roman hat sich augenblicklich auf mich übertragen. Ich begann sofort am Gate zu lesen und habe bis zur Landung in Wien nicht mehr aufgehört, den Rest habe ich in der Straßenbahn nach Hause verschlungen.

Die Autorin arbeitet sowohl in Die Deutschlehrerin als auch in ihren anderen Romanen mit dem Ineinanderverschachteln von Blickwinkeln ihrer zentralen Figuren. Ein Kunstgriff, so einfach wie effektvoll, wenn er in der Weise souverän und schlüssig eingesetzt wird wie in Taschlers Werk. Die Wahl der Multiperspektive gestaltet den Stoff ihrer Geschichten dichter und komplexer, als dies durch Ein-Personen- oder Ich-Perspektiven erreicht werden kann.

So sind ihre Romane etwa durch E-Mails, Rückblicke oder Therapiegespräche strukturiert. Das subjektive Wahrnehmen und Erleben der schildernden Figuren, die objektiv gesehen „ein und dieselbe“ Situation/Begebenheit umkreisen oder beleuchten oder aus der Erinnerung hervorzerren, führt weg von Linearität und Chronologie der Handlung. Es lässt den Lesen zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem der verschiedenen Protagonist_innen switchen. Der vermeintliche Kern der Geschichte(n) wird herangezoomt, und man verharrt dort, bis die nächste Figur mit ihrem Passus zum Zuge kommt. Und ganz woanders ansetzt …

Die Autorin versteht es, Elemente des Kriminalromans galant ins Romangeschehen hineinzusieben, sodass hier rundum spannende, niveauvolle Unterhaltungsliteratur gelingt.

Auswahl: bleiben (2016), Roman ohne U (2014), Die Deutschlehrerin (2013), Sommer wie Winter (2011)

Drei Bücher:

Cecilie Enger: Die Geschenke meiner Mutter

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Die Autorin Cecilie Enger erzählt eine Geschichte – von Gabriele Haefs beeindruckend feinfühlig aus dem Norwegischen übersetzt –, die so nicht gewesen wäre, auch wenn freilich niemand weiß, wie sie hätte sein können, wenn die Alzheimerkrankheit sich nicht unaufhaltsam in die Wirklichkeit ihrer Mutter und damit auch in das fragile Gefüge ihrer Familie eingefressen hätte.

Vielleicht wäre das Gerüst der Geschichte dasselbe geblieben: detaillierte Listen, die die Mutter über Jahrzehnte hinweg führte und in denen sie festhielt, was sie wem in der Familie jeweils zu Weihnachten geschenkt hatte. Hinweise, Spuren, Überkritzeltes oder nachträglich Ergänztes – unzählige Notizen, die sich vor dem inneren Auge der Tochter jetzt, da die Mutter ihr Zuhause verlassen und in eine Pflegeeinrichtung übersiedeln musste, zu lebendigen Bildern verdichten und umso entschlossener gegen das Vergessen anzuwüten scheinen.

Erinnerungen, ebenso wach und eindringlich wie verstörend, ebenso hell und bewegend wie manchmal vage oder düster. Aufflammende Blitzlichter aus einer Zeit, die die beiden Frauen gemeinsam erlebten, aus einer Wirklichkeit, die sie noch teilten.

Denn Cecilies Mutter, „die diese Spuren so eifrig gehütet hatte, fand sie nicht mehr wieder“.

Wenn sie einen der runden und abgeschliffenen Steine berührte, die sie irgendwann einmal in die Tasche gesteckt und dann auf das Kaminsims gelegt hatte, schienen die Spuren der Freude, sie gesammelt zu haben, verwischt zu sein.

Die Autorin spürt den Fragmenten nach, fügt eins ums andere zusammen, skizziert, vollzieht nach und rekonstruiert daraus ihre Geschichte: sowohl die eigene als auch die ihrer Mutter, der Eltern und Großeltern, der Generationen. Vorgeschichten und Nacherzählungen über Träume und Hoffnungen, über das Scheitern und Hadern. Über das Zusammenfinden und Auseinandergehen. Und über den langen, den langsamen Abschied.

Hier ist nicht nur das warmherzige, liebevolle und unpathetische Porträt einer Mutter gelungen, sondern auch das wunderbare Geschenk einer Tochter, die die geraubten Erinnerungen für die Mutter zurückzuerobern und sie in Würde zu bewahren sucht.

Aber ich hätte so gern etwas anderes geschrieben.

Das steht am Ende dieser unglaublich berührend und bar jedweder Tränendrüsen-Schnörksel erzählten Geschichte, die eine andere hätte gewesen sein können.

Kann ich nicht einen Schluss ersinnen, bei dem Mutter nach dem Lesen das Buch mit einem zufriedenen Lächeln zuklappen würde?

Antje R. Strubel: Offene Blende

Antje R. Strubels erster Roman Offene Blende, erschienen 2001, ist eine großartige und bewegende Hommage an das Suchen. Das Ziel: die Suche selbst? Ein entschlossener Aufbruch ins Ungefähre, einer, der seine Wurzeln in bedingungsloses Los- und Hinter-sich-Lassen schlägt.

Umarmungen, die nichts mehr versprechen müssen. Sie sind ein Nachhall, wie das blaue Licht in der Straße; leicht und unfassbar. Das sich durch die Menschen atmet, und manchmal, wenn man Glück hat, bleibt es einen Moment länger …

„Weggehen, um anzukommen“: Sehnsucht nach Freiheit, die Form annimmt vor einer Großstadtkulisse, dem Bild – par excellence – New York.

Mitte der 1980er-Jahre verlässt Christiane einen kleinen Ort in der DDR und zieht nach Amerika. Sie taucht in die New Yorker Szene ein, freundet sich mit Jeff an und gründet mit ihm gemeinsam ein avantgardistisches Theater. Sie beginnt, ihre Erinnerungen und Erinnerungsfragmente dramaturgisch umzusetzen und sich eine – ihre – Identität neu zu gestalten.

Das Theater gehörte zu den wenigen verwunschenen Plätzen, an denen man nicht alles, was man sagen wollte, erst durch ein Geheimnis hindurchschicken musste.

Christiane wird zu der Amerikanerin Jo. Der Mikrokosmos Theater wird ihr Zuhause, eine Art ständig neu zu entwerfender, zu erarbeitender Zufluchtsort.

Etliche Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer bricht Leah, Fotografin aus Marburg an der Lahn, nach New York auf – ihre Minolta gezückt, im Bemühen, Augenblicke nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen, ständig auf der Suche nach dem „wahrhaftigen“ Bild.

Immer ist es der Mond, der die Sätze im Ungewissen enden lässt, nie die Sonne. Deshalb wurden Fotos, die nachts gemacht wurden, nie gut. Man musste mit geborgtem Licht arbeiten wie der Mond, und die Bilder sahen alle gestellt aus und falsch. Man durfte sich selbst nicht trauen im Mond.

Die beiden Frauen treffen aufeinander. Leah will Jo fotografieren, die sich jedoch hartnäckig verwehrt. Die sich nämlich keinesfalls in eine, wie auch immer geartete, Momentaufnahme einfangen, sich fest-„schreiben“ lassen will. In der Folge bestimmt diese Begegnung ihrer beider Rhythmen – sowie auch den Rhythmus des Romans. Abwechselnd aus Jos und Leahs Blickwinkel erzählt, in ebenso kargen wie kühnen Bildern.

Eine große Scheu vor Nähe – „die Einsamkeit zog eine Folie um sie, eine dünne, reißfeste Folie“ – und zugleich das intensive Verlangen danach – „die Sehnsucht beginnt in den Lippen. Es beginnt immer in den Lippen“ – kennzeichnet die jeweiligen Perspektiven. Ein stetes Sich-aufeinander-zu-Bewegen wechselt sich mit dem Einander-aus-den-Augen-Verlieren ab.

Man durfte nur tasten, die Hände wussten viel besser, was es zu verlieren gab und wie es sich anfühlte. Nur wegen der Hände wusste man überhaupt, was Leere bedeutete.

Eine Liebes-Geschichte, eingebettet in die New-York-Topografie …

Taxis preschten haarscharf am Bürgersteig entlang, und sie dachte daran, verliebt zu sein, und dass dieser Gedanke nicht viel mehr war als so eine Lichtlinie. Und wenn es gut ging, ergab die Linie den Umriss einer Person.

… wird verwoben mit einer Geschichte des Vergessens, Erinnerns, Verwaisens und (Wieder-)Findens.

Ein Tag so lang wie ein Leben … dabei hielt ein Leben kaum einen Tag, und am Abend war man schon wieder jemand anders.

Strubels Sprache besticht. Die Klarheit ihrer Bilder vermittelt jene dichte poetische Atmosphäre, die bis zur letzten Seite zu faszinieren vermag.

Intertextuelle Anspielungen auf Literatur (Guten Morgen, du Schöne von Maxie Wander, Was bleibt von Christa Wolf …), Autor_innen (wie Paul Auster) oder Filme wie Antonionis Blow Up oder Weggehen um anzukommen (Alexandra von Grote) verweisen auf die Einbindung des fiktionalen Geschehens in ein umfassenderes historisch-politisches, kulturelles, literarisches Gefüge, ohne dabei im bloßen Zitat zu verharren.

Und dann, am Ende? Ein Beginn? Der Aufbruch gestaltbar. Die geöffnete Blende …

Doris Gercke: Schweigen oder Sterben. Bella Block auf Sizilien

Er fühlte sich nicht wohl, aber er wusste, dass es keinen Grund gab, sich unwohl zu fühlen. Vor zwei Stunden war er angekommen, war mit leichtem Gepäck die Treppen zum Bahnhofsgebäude emporgestiegen, hatte auf dem Vorplatz des Bahnhofs den Stadtplan studiert, die Straße gefunden, in die er gehen sollte, und wenig später auch das Hotel. Es war ihm gesagt worden, dass es sich um ein einfaches Hotel handeln würde, in der Altstadt von Agrigent …

Bella Block wird von ihrer Freundin Annabella, Padrona des italienischen Restaurants „Da Capo“ in Hamburg, gebeten, nach Sizilien zu reisen, dort den Sohn ihres Mannes Mario zu suchen und ihn davon zu überzeugen, er möge so schnell wie möglich Sizilien verlassen und sich in ein anderes Land absetzen. Annabella fürchtet nämlich, dass Mario seinen Sohn aus erster Ehe von der Mafia – der Cosa Nostra aus Corleone –  ermorden lassen will. Der Grund sei Eifersucht, wird Bella aufgeklärt. Der schöne junge Gianluca habe sich absurderweise in sie, die um einiges ältere Annabella, verliebt und ihr nachgestellt. Sie habe sich schließlich nicht mehr anders zu helfen gewusst, als dies ihrem Mann mitzuteilen. Mario habe seinen Sohn daraufhin unter einem nicht weiter spektakulären Vorwand umgehend aus Hamburg zurück nach Sizilien geschickt. Und sie sei sich sicher, dass er seinen Dunkelmännern dort den Auftrag erteilt habe, Gianluca zu töten. Die Bitte ihrer Freundin irritiert Bella, und sie reagiert zunächst wenig begeistert darauf. Nicht nur, dass sie sich eigentlich keinesfalls in Annabellas und Marios Familiendramen involvieren lassen will, sondern es erscheint ihr auch die Tatsache, dass Mario Verbindungen zur Mafia unterhalten soll, mehr als abwegig. Doch letztlich kann sie Annabellas Bitte nicht ausschlagen; außerdem packt sie die Abenteuer- und Reiselust – zumal in das Land ihrer Muttersprache.

Die Landschaft war hügelig, von verschiedenfarbigen Feldern bedeckt, hin und wieder von bräunlichen, aus der Erde hervoräugenden Felsadern durchzogen. Ziemlich weit entfernt waren, wie kleine graue Flecke, Schafe zu erkennen, die stillzustehen schienen. Eine windschiefe dunkle Holzhütte in ein paar hundert Metern Entfernung sah aus wie die Hütte, in der Bernardo Provenzano, der letzte der berüchtigten Cosa-Nostra-Chefs, sich verborgen gehalten hatte und aus der heraus er verhaftet worden war – verdammt.

Allerdings erahnt Bella weder die Tragweite ihres Auftrages noch die Konsequenzen, die dieser nach sich zieht. Tödliche Konsequenzen …

Bella sah nach links. Die beiden Männer waren wieder da. Sie waren aus dem Schatten eines Hauseingangs herausgetreten und kamen schnell die Straße hinunter. Bella lief los. Sie rannte über die Straße und rief Gianluca an. Der sah sich kurz um, dann begann er zu laufen. Die Männer hinter Bella kamen sehr schnell näher. Sie blieb stehen, wandte sich zurück und hob abwehrend die Hände. Die Männer schossen, während sie mit ihr auf gleicher Höhe waren. Ein Schuss traf sie in die Brust. Sie fiel auf die Straße …

Mit gewohnter erzählerischer Souveränität (ent-)führt Doris Gercke ihre prominente Heldin aus Hamburg in mafiöse Strukturen über Neapel nach Palermo, Agrigent, Corleone – und damit die Leser_innen in historische, jüngst vergangene sowie teils noch immer aktuelle innerpolitische Kontexte und Konflikte im Süden Italiens. Die jeweiligen (personalen) Perspektiven der in dem „Geflecht zwischen Hamburg und Palermo“ zentralen, handlungstragenden Figuren fügen sich nach und nach wie Puzzleteile zusammen, wobei mit jedem Versatzstück die Spannung steigt. Im Showdown schließlich wird Bezug genommen auf einen Stoff aus der griechischen Mythologie: auf die Geschichte von Hippolytos und Phädra. Die Eingebung jedoch, die damit im Zusammenhang steht, kommt Bella zu spät …

Eine sicher nicht nur (aber sicher auch!) für Sizilien-Reisende spannende und vielschichtige, intelligente und auf jeden Fall empfehlenswerte Lektüre!

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2017 erschien ihre Übersetzung von "Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren" von Susan Hawthorne. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

Ein Kommentar

  1. Patricia Highsmith ist etwas. Ich mag ihren Roman The Glass Cell am meisten! Sehr guter Psychothriller, konnte nicht aufhören zu lesen.

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