RIA Novosti archive, image #308905 / Sergey Subbotin / CC-BY-SA 3.0 [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Ein Gespräch auf der „Louis Olympia“

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Älexandra Liubimova ist 23 Jahre alt und kommt aus Sankt Petersburg. Ich habe sie auf dem alten griechischen Kreuzfahrtschiff „Louis Olympia“ kennen gelernt. Es liegt als schwimmendes Hotel für die Dauer der Olympischen Spiele 2014 im Hafen von Adler, einem Ortsteil von Sochi, direkt an einem Eingang ins Olympische Dorf.

Auf dem Schiff für circa 1.400 Passagiere mischt sich ein internationales Publikum mit den unterschiedlichsten Interessen an Olympia. Viele bleiben nur für zwei oder drei Tage, viele haben sich bis zum 24. Februar, also bis zum Ende der Olympischen Winterspiele, eingerichtet. Hier trifft man Gruppen der Deutschen Sportjugend, die hier Olympia-Luft schnuppern dürfen, ein Seminar- und Ausflugsprogramm absolvieren und von Sportlegenden wie Rosi Mittermaier und Christian Neureuther besucht werden. Die schwedischen Sporttouristen, denen wir regelmäßig beim Frühstück begegnen, trafen wir gestern bei der 5.000 Meter Ski-Langlauf-Staffel der Damen im pittoresken, nur mit Seilbahnen zu erreichenden Langlauf- und Biathlon-Ressort „Laura“ und gratulierten uns zu Gold (Schweden) und Bronze (Deutschland). Techniker, Berichterstatter, Geschäftsleute und Funktionäre aus den USA, Kanada und Spanien sind auszumachen. Aber der größte Teil der Gäste neben den deutschen Reisenden von DERTOUR, dem offiziellen Partner des Deutschen Olympischen Komitees, sind doch die russischen Passagiere – Sportler, Fans, interessierte Touristen, große Familien und viele Gruppen mit eher kommerziellem als sportlichem Interesse. Und dazu gehört auch Älexandra Liubimova.

„Es ist, als ob hier ein Film aus den siebziger Jahren gedreht würde.“

Sie hat ein Studium der Linguistik absolviert, spricht Englisch und Französisch, sodass wir uns eine Stunde lang problemlos unterhalten können. Auf dem Schiff wohnt sie, weil die ursprünglich gebuchte Hotelunterkunft nicht fertig wurde und das Arbeitsteam, dem sie angehört, froh war, auf der „Louis Olympia“ unterzukommen – auch, wenn sie über die angestaubte Schiffsatmosphäre („Es ist, als ob hier ein Film aus den siebziger Jahren gedreht würde.“) ein bisschen die Nase rümpft.

Älexandra Liubimova arbeitet in Kurzzeitprojekten für russische Firmen mit internationalen Kontakten, am liebsten in einer Mischung aus Übersetzungs- und Modelltätigkeit („Meine liebste Tätigkeit ist das Modelling“). So ist es auch in Sochi. Sie wird bis in den März hier beschäftigt sein. Die Firma bleibt Geschäftsgeheimnis. Die Schwarzmeerküste kennt sie zur russischen Ferienzeit im Sommer und freut sich sehr, nun Beruf und Olympiabesuch miteinander verbinden zu können. Sie kann daher auch beurteilen, wie das Projekt „Olympia 2014“ als Entwicklungsschub einzuordnen ist: „Sie müssen sich vorstellen, hier gab es so gut wie nichts: keine Straßenführung, keine verlässlichen öffentlichen Verkehrsmittel, für den Einzelgast wenig Hotels oder Unterkünfte, das Skigebiet war sehr exklusiv, nichts war geregelt“. Putins Vision von der einzigartigen Mischung aus Badeurlaub am Schwarzen Meer und Schneesport in den Karpaten lässt sie die Einschnitte in die Natur zwar nicht vergessen, aber doch relativieren.

Russische Kritik an horrenden Kosten

Gleichzeitig teilt sie die Kritik „der weitaus meisten Russen“, wie sie es einschätzt, an den horrenden Kosten: „Die meisten Russen hätten das Geld lieber für Erziehung, soziale Einrichtungen und Entwicklungsprogramme angelegt gesehen.“ Ich frage Sie, ob sie denn glaubt, dass das Geld, das von Staat und Investoren in Sochi angelegt wurde, beim Verzicht auf die Olympischen Spiele dort angekommen wäre, wo die Russen es lieber sähen. Da lachen wir beide unseren Zweifel heraus. Auch sie glaubt zu wissen, dass nach dem Willen von Politik und Kommerz aus Sochi ein russisches Las Vegas werden soll. Putin bestreitet diese Pläne bisher mit dem Festhalten an der Vision der Familienurlaubsregion Sochi.

Die Sicherheitsmaßnahmen, die für Sporttouristen wie mich inklusive der Sportstätten pro Tag durchschnittlich (hin und zurück fünf Stationen) 40 Minuten in Anspruch nehmen, findet sie (wie ich) für ein internationales sportliches Großereignis erträglich. Die nicht gerade umwerfende Kontaktfreudigkeit der Russen dem internationalen Publikum gegenüber führt sie selbst an, erklärt sie gleichzeitig als Mangel an Erziehung und Gelegenheit zum internationalen Austausch, denen ausländische Gästen in Moskau oder Sankt Petersburg nicht begegnen würden. „Ich habe Ähnliches in walisischen Dörfern erlebt, als ich zum Studium in Großbritannien war.“

Für Älexandra Liubimova sind die Olympischen Spiele eine Zukunftschance, die für Sochi, Russland und sie persönlich viel bewirken kann. Natürlich verspricht sie sich auch berufliche Chancen im Anschluss an ihren jetzigen Kurzjob: neue kleine Projekte, für die Olympia eine gute Einstiegschance bietet. Denn ganz allgemein ist die Jobsituation für junge, ausgebildete Frauen ihrer Generation nicht gut.

Wenig Jobs für gut ausgebildete, junge, russische Frauen

„Der Staat wird mir nicht helfen, mein Mann wird für mich sorgen.“ Damit ist wohl gemeint, dass sie in (halb-) staatlichen Einrichtungen kein Jobangebot gemäß ihrer Ausbildung erwarten kann. Die Frage nach der Gleichberechtigung von Frauen und Männer kann ich ihr zunächst nicht verständlich formulieren. Doch als ich sie frage, ob sie denn genauso viel Geld verdient, wie die jungen Männer, weiß sie bescheid. Ihre Antwort: „Statistisch gesehen, verdienen Frauen etwas weniger. Das ist eine Mischung aus schlechterer Bezahlung für die gleiche Arbeit, größerer Anstrengung der Männer, wenn sie Familie haben, und der Inanspruchnahme der besser bezahlten Jobs durch Männer. Hier sind Frauen nicht so häufig.“

Auch als ich zum zweiten Mal nachfrage, besteht sie darauf: „Im Allgemeinen arbeiten Männer in Russland härter als Frauen.“ Das gilt, so betont sie, auch für ihre familiäre Erfahrung.

Älexandra Liubimova ist seit eineinhalb Jahren verheiratet. Ihr Mann besitzt eine kleine Firma für Sportkleidung der neuen, jungen Sportarten Snowboard- und Ski-Slopestyle. Als ich ihr erzähle, dass ich Wettkämpfe dieser Sportart mit großem Interesse verfolge, weist sie mich auf ein Faszinosum hin, das mir entgangen war und das von ihr kommerziell gesehen wird: Die Slope-Ski- und -Snowboardsportler hier in Sochi sind zwischen 15 und 35 Jahre alt: Zwanzig Jahre für spezielle Sportkleidung! Natürlich ist auch der Ehemann auf dem Schiff – aber nicht als ihr Chef! Sie möchten jetzt eine Familie gründen, zwei Kinder sind geplant. Kann sie dann noch arbeiten? „Wenn sich Gelegenheit für Einzelprojekte gibt, greife ich zu. Meine Mutter und die Eltern meines Mannes werden mir dabei helfen.“ Ich wünsche ihr, dass ihre so präzisen, pragmatischen Zukunftspläne in Erfüllung gehen.

Birgit Dankert, Sochi

Birgit Dankert hat den BücherFrauen zwischen 2010 und 2012 als Beirätin und darüberhinaus wichtige Impulse gegeben. Aus sportlichem und kulturpolitischem Interesse will sie die Situation der umstrittenen Spiele vor Ort mit eigenen Augen sehen und bewerten und wählt dafür erstmals die Publikation in einem Blog. Auch für die BücherFrauen ist es eine Premiere: Birgit Dankerts Reiseeindrücke eröffnen mit einem international brisantem Blick über den Tellerrand als Preview den BücherFrauen-Blog, der dann ganz offiziell am Samstag, den 8. März (Int. Frauentag) seinen Betrieb aufnimmt.

Die Autorin des Beitrags: Birgit Dankert

Autorin: Birgit Dankert

Birgit Dankert (geb. 1944) lehrte von 1981-2007 als Professorin der Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HAW Hamburg, nahm zahlreiche Bibliotheks- und kulturpolitische Ämter wahr. Sie rezensiert seit 1985 Kinder- und Jugendbücher in der Wochenzeitschrift "DIE ZEIT" und verfasste Biographien über Astrid Lindgren und Michael Ende. Mit der Internationalen Jugendbibliothek ist sie seit 1968 verbunden, als sie dort ein studentisches Praktikum absolvierte und die Arbeit Jella Lepmans kennen lernte.

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