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Tschechien – ein Land an der Küste: Ein Vorgeschmack auf den Ehrengastauftritt 2026

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In Frankfurt war die Bühne noch groß: Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse, Kameras, Mikrofone, Vertreter der Buchbranche und die offizielle Vorstellung des Ehrengastauftritts 2026. Tschechien steht in diesem Herbst im Mittelpunkt der 78. Frankfurter Buchmesse – mit einem Motto, das zunächst nach einem geografischen Fehler klingt: „Tschechien – Ein Land an der Küste“.

Wenig später wurde es deutlich persönlicher. In der Residenz der Tschechischen Botschaft in Berlin trafen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Literatur, Verlagswesen und Buchmesse zu einer kleinen, fast intimen Runde. Hier war Zeit für das, was bei einer großen Pressekonferenz schnell zu kurz kommt: Nachfragen, Austausch und direkte Gespräche.

Eine gute Gelegenheit, schon vor der Buchmesse einen genaueren Eindruck davon zu bekommen, was Tschechien 2026 in Frankfurt vorhat.

Zwischen Präsentation und persönlichem Gespräch

Simone Bühler
(c) Yvonne de Andrés

Im Mittelpunkt standen nicht nur das Programm und die großen Linien des Ehrengastauftritts. Im Gespräch mit Nicola Richter von Mikrotext und Simone Bühler von der Frankfurter Buchmesse ging es auch um die Menschen dahinter, um Verlage, Übersetzungen und die Frage, wie tschechische Literatur in Deutschland und international noch sichtbarer werden kann.

Dora Kaprálová
(c) Yvonne de Andrés

Dora Kaprálová hat uns an diesem Abend in der Botschaft mit ihrem Text verzaubert – poetisch, klug und mit einem ganz eigenen Blick auf die Welt. Die tschechische Schriftstellerin, deren Roman Die Mariborhypnose mit dem Europäischen Literaturpreis 2026 ausgezeichnet wurde, erkundet in ihrem literarischen Streifzug die Stadt Maribor mit den Facettenaugen einer Stubenfliege: aufmerksam, sinnlich und voller überraschender Perspektiven. Wir freuen uns sehr, Dora Kaprálová als eine unserer Gästinnen auf dem Panel zum Gastland Tschechien bei der Buchmesse begrüßen zu dürfen und gemeinsam mit ihr in ihre faszinierende Welt der Literatur einzutauchen.

Gerade in dieser kleinen Runde wurde deutlich, dass der Auftritt weit über einen Messestand und einige Veranstaltungen hinausgeht. Tschechische Gegenwartsliteratur soll in ihrer ganzen Breite sichtbar werden – von Romanen und Lyrik über Kinder- und Jugendliteratur bis zu Illustration und Comics. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt zudem auf Übersetzungen und dem internationalen Austausch.

Warum liegt Tschechien plötzlich am Meer?

Das Motto ist natürlich nicht geografisch gemeint. Tschechien hat keine Küste und liegt mitten in Europa. Die literarische Vorlage stammt von William Shakespeare: In Das Wintermärchen (The Winter’s Tale) lässt er Böhmen am Meer liegen.

Ein Irrtum – und gerade deshalb ein ziemlich gutes Motto.

Denn aus dieser falschen Landkarte wird eine Einladung zur Fantasie. Tschechien nimmt Shakespeares Böhmen am Meer auf und macht daraus ein Bild für Literatur, die Grenzen überschreitet. Die Küste wird zum Übergang, zum Ort des Ankommens und Aufbrechens.

Das passt zur internationalen Ausrichtung des Gastlandauftritts: Tschechische Bücher sollen übersetzt, entdeckt und in andere Literaturlandschaften getragen werden. Übersetzerinnen und Übersetzer spielen dabei eine zentrale Rolle – sie schlagen die Brücken zwischen den Sprachen.

Ein Motto mit tschechischem Humor

Dass ein geografischer Irrtum zum Leitmotiv eines großen internationalen Auftritts wird, hat durchaus etwas Tschechisches. Martin Krafl, Programmdirektor des Ehrengastauftritts, spricht von

Martin Krafl
(c) Yvonne de Andrés

Auch Tomáš Kubíček, Generaldirektor der Mährischen Landesbibliothek und Direktor des tschechischen Ehrengastauftritts, gab Einblicke in die Planungen.

Dabei soll es nicht um ein möglichst glatt poliertes Bild des Landes gehen. Im Mittelpunkt steht eine vielfältige Literaturszene mit unterschiedlichen Stimmen, Genres und Generationen. Gerade diese Vielfalt macht den Auftritt interessant.

Tschechien liegt nicht am Meer. Seine Literatur aber kann Grenzen problemlos überqueren.

Und so wird die Küste zur Metapher für neue Horizonte, Begegnungen und den internationalen Austausch von Geschichten.

Die eigentliche Stärke liegt vielleicht im Dazwischen

Vielleicht lag gerade darin der Reiz des Abends: Nach der offiziellen Präsentation wurde das Projekt greifbarer. In der Residenz der Botschaft ging es weniger um große Ankündigungen als um konkrete Begegnungen. Man konnte über Bücher und Verlage sprechen, über Übersetzungen, Autorinnen und Autoren und darüber, was ein Gastlandauftritt tatsächlich bewirken kann.

Solche Gespräche sind für die Berichterstattung oft wertvoller als die nächste Pressemappe. Sie geben einen ersten Eindruck davon, wie ein Projekt gedacht ist – und wer es mit Leben füllen wird.

Noch ist Oktober 2026 ein gutes Stück entfernt. Die Vorbereitungen laufen jedoch längst.

Ein Binnenland mit Blick aufs Meer

Der Ehrengastauftritt von Tschechien verspricht damit mehr als eine nationale Visitenkarte auf der Frankfurter Buchmesse. Er bietet die Gelegenheit, eine Literaturszene kennenzulernen, die hierzulande noch immer nicht in ihrer ganzen Breite wahrgenommen wird. Und vielleicht ist genau deshalb das Bild von der Küste so passend. Eine Küste markiert keine Grenze, an der alles endet. Sie ist ein Ort des Übergangs – zwischen Land und Wasser, zwischen Bekanntem und Unbekanntem.

Tschechien braucht dafür keine eigene Küste.

Es hat seine Bücher.

 

Autor: Yvonne de Andrés

Kulturmanagerin, BücherFrau des Jahres 2024 und Vorstand.

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