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Was ist Schreiben?

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Es stört Ehen, irritiert Muggel, zieht nette Menschen im besten Fall nackt aus und lässt sie in der Not zu Säuferinnen werden. Es will nichts weniger als Ihr Leben und gibt Ihnen dafür ständige Zweifel und prekäres Einkommen zurück: Schreiben.

Zu den Deutschen Schreibtagen 2014 in Berlin-Wannsee hielt die internationale Bestsellerautorin und BücherFrau Nina George (41) vor 140 Teilnehmerinnen, Autoren und Autorinnen in Ausbildung, die Keynote mit dem Titel: „On Writing / Was ist Schreiben?“
Auf dem BücherFrauenBlog erscheinen erstmals Auszüge der Rede.

 „Was willst du werden? Schriftstellerin?! Herrje. So findest du doch nie einen Mann“, sagte meine Großmutter.

Und da sind wir schon bei der ersten Wahrheit dessen, was Schreiben ist: Schreiben ist, diese Welt entschieden zu verlassen, und auf Regeln, Ratschläge und die Angst der Nichtschreibenden zu pfeifen.

Ich arbeite, seit ich 19 bin, und damit seit 22 Jahren als Berufsschreibende. Ich lebe jetzt, mit 41, länger schreibend als unschreibend, es gab, seit ich sechzehn bin, keine Woche, in der ich nicht schreibe oder an etwas noch zu Schreibendes denke, das Geschriebene überarbeite oder über das Schreiben spreche. Mein Grundton ist dabei stets Zweifel – Zweifel: sage ich die Wahrheit? Sage ich sie gut genug? Über was schreibe ich morgen?

Ein solches Leben geht nicht spurlos an der Psyche eines Menschen vorbei.

All der Sex, der beschrieben wurde. All die Morde, geplant und literarisch ausgeführt. All die Sehnsüchte, all die miesen Gefühle, all die großen, herrlichen Emotionen, all das Ringen um Worte. All das Leben und Beobachten und sich selbst ausräubern, um Geschichten zu verdichten! Der Alkohol, die Nächte, der ewige Zweifel, wer soll das lesen, wie soll ich die Nacht überleben wenn ich nicht wenigstens eine Zeile Wahrheit finde? Wie sagte ein alter, inzwischen leider verstorbener Kollege zu mir:

„Ach, Schätzchen. Schreiben ist eben nichts für Feiglinge.“

Aber was ist Schreiben?

(Außer zu den drei verdächtigsten Berufen zu gehören, neben Journalistin und Politikerin)


 Zehn Dinge, die Sie über das Schreiben wissen sollten. 

1. Schreiben ist Nacktsein

Ernest Hemingway hat es getan, sogar im Stehen, Victor Hugo pflegte sich nackt einschließen zu lassen, als er der Glöckner von Notre Dame schrieb, James Riley schrieb nackt, um sich davon abzuhalten, unten in der Bar einen nach dem anderen zu kippen – und Agatha Christie pflegte nackt in der heißen Badewanne eiskalte Morde zu begehen. Doch von dieser äußeren Nacktheit rede ich nicht – es ist die innere Nacktheit.

Was einen guten Text von einem unvergesslichen, berührenden Text unterscheidet, ist manchmal kaum fassbar. Es ist nicht Wortwahl, Stil, Tempo oder Figuren – es hat etwas mit der inneren Wucht der AutorIn zu tun, mit der Haltung, mit der der Schreibende den Text verfasst hat. Ich nenne diese Wucht, diese Haltung: Mut zur Nacktheit.

Je nackter sich eine AutorIn macht, je emotional aufrichtiger, je ungefilterter, schamloser, deutlicher, direkter, meinungsstärker, wortgenauer er und sie sagen, was sie wirklich sagen wollen – desto kraftvoller wirkt der Text.

Gerade wenn es um die dunklen, unruhigen Seiten des Lebens geht, schrecken Schreib-Beginner zurück, sich wortwörtlich nackig zu machen. Wenn es um Sex geht. Über Mordsgelüste. Über Alkoholexzesse. Über Neid. Über das Gefühl, wenn sich zwei Männer küssen. Über die Brutalität der Kindheit. Über Selbstmordlust, Todesangst, über den Geruch des Krankenhausfußbodens, auf dem der Geliebte krepiert.

Denn je authentischer sie davon erzählen, desto nackter stehen diese AutorInnen da – und müssen womöglich sich Fragen gefallen lassen wie: „Echt? Sie schreiben über Sex? Haben Sie das alles selbst erlebt?“ oder auch: „Wieso schreiben Sie so gern über Mord, was sagt denn Ihr Mann dazu?“ oder auch:

„Ist Ihr Text irgendwie biografisch?“

So etwas sollte der Schreibende aushalten können.

Wer über gefährliche, unübliche, schwierige Dinge schreiben will, über Dinge jenseits gesellschaftlicher Konventionen, macht sich nackt. Immer. Und wenn er es nicht tut, ist der Text kreuzöde, weil er jedem gefallen will und niemanden aufwecken.

Das Leben ist zu kurz für schwachbrüstige Texte mit angezogener Wortbremse. Haben Sie eine Meinung! Machen Sie sich nackt!

Es hilft, wenn Sie übrigens ab und an mal ohne Bekleidung schreiben. Versuchen Sie es mal. Vielleicht nicht gleich heute, aber … daheim. Da kommen wir gleich zum Nacktsein eng verknüpften Punkt:

2. Schreiben ist ein Zimmer für sich allein

Schreibende brauchen drei Dinge. Stift, Papier – und einen Raum für sich allein. Ein physischer, aber auch ein zeitlicher, ein mentaler; in jedem Fall ein geschützter Raum. Ein Kollege aus Israel, in dessen Haus jede Abseite besetzt ist, setzt sich, wenn er in „seinen“ mentalen Schreibraum geht, einen riesigen lila Hut seiner Großmutter auf, um seinen fünf Enkeln zu bedeuten: Ich bin nicht da. Die Kinder respektieren diesen Zaubertrick; der Hut gibt ihm seinen Denkschutzraum.
Eine Freundin von mir, Krimiautorin, geht in die Unibibliothek Berlin. Jonathan Franzen mietet sich für jeden Roman ein Büroräumchen im Industrie­gebiet und arbeitet an seinem alten IBM-Laptop, mit dem er keinen Internetzugang hat. Die Kinder einer Hamburger Autorin haben sich daran gewöhnt, dass, wenn ihre Mutter auf dem Sofa liegt und an die Decke starrt, das bedeutet:

„Ich schlafe nicht, Schatz. Mama arbeitet.“

Ein Kollege aus Edinburgh ist in seinem ersten Leben Podologe – Fußpfleger. Er denkt während des Massierens an anderer Leute Hornhäute, über den nächsten Roman nach und schreibt ihn nach Feierabend im leeren Pedikürensalon, bevor er in die laute WG geht, in der er lebt.

Räume für sich alleine gibt es überall – erobern Sie sich Ihren. Wenn Ihre Kinder aus dem Haus sind, gehört das Jugendzimmer Ihnen. Bauen Sie den Schuppen aus. Schreiben braucht seinen Schutzraum, aber nicht jeder kann ihn sich direkt neben dem Schlafzimmer leisten.

Ein Zimmer für Sie allein, ist der Lebens-Raum für Ihr Schreiben, eine Zuflucht des Geistes, ist die Unabhängigkeit und nötige Einsamkeit, in der Sie Ihre Stimme endlich hören können. Es ist die Freiheit der geschlossenen Tür, hinter der Sie unbeobachtet von anderen böse, erregt, verrückt, kindisch, SIE SELBST sein dürfen.

3. Schreiben ist der Rivale der Beziehung

Leider oft höre ich bei Schreibworkshops von Frauen, dass ihre Männer essigsauer eifersüchtig sind auf ihr Schreiben, was die Herren entsprechend zu „Tippen“ oder „Tippseln“ herabwerten. Diese Eifersucht auf eine Beschäftigung, bei der SIE zu seinem Unmut niemanden braucht und nicht will, oder womöglich eine Welt erschafft, die besser ist, als jene, die er ihr bieten kann – es gibt vielfältige Gründe, die manche Männer zu Eifersucht auf das künstlerische Wirken ihrer Frauen treiben.

Diese Frauen stehen zwei Stunden früher auf um heimlich auf dem WC-Deckel zu schreiben, sie schreiben in der S-Bahn auf dem Weg in ihren Erstberuf; sie verstecken ihre Hefte in Waschmittelkartons. Ein paar mal hörte ich von Männern, dass ihre Freundin vor lauter Eifersucht auf sein Schreiben alle Dateien von der Festplatte löschte. Und die Autorin May Wilson sagte:

„Ich verließ meinen Mann für die Kunst, weit bevor er mich für andere Frauen verließ.“

Kunst, ob Schreiben, Malen, Komponieren, will einen Teil von Ihnen ganz für sich allein. Wenn Sie es ihm nicht geben, wird er Sie mehr nerven als Ihr Ehemann.

Lernen Sie, eine offene Dreieckbeziehung zu führen, wenn Sie weder auf das Schreiben, noch auf Ihren Mann – oder Ihre Frau – verzichten wollen. Beides benötigt Zeit, Aufmerksamkeit – und Liebe. Beides.

4. Schreiben ist: Zur Säuferin werden

Unter Schreibenden herrscht eine doppelt so hohe Rate von schwerem Alkoholismus als unter dem Rest der Bevölkerung. Zwei, drei Glas machen es – scheinbar – leichter, der Idee zu vertrauen, den Wasserhahn der Kreativität aufzudrehen, aber vor allem: die Tür zur Anderwelt, aus der unsere Geschichten herausströmen, zu öffnen. Der Drink ist das Ticket zur Transzendenz.

Schreiben ist nicht nur hell, leidenschaftlich, rein, rational und intellektuell – es ist auch dreckig, dämonisch, angstvoll. Eine lange Zeit galt es als nötigen Akt des Schaffens, zu trinken und zu schreiben.

Wo normale Leute am nächsten Morgen sagen: „Oh, was habe ich für einen Kopf …“ sagt der Autor: „Oh, was hab ich für ein Kapitel …“

Ich will Ihnen weder zu noch abraten; nur so viel: Ich bin verdammt froh, dass ich inzwischen ohne Zigaretten schreiben kann und auch ohne Alkohol meine Dämonen treffen.

Eines kann ich Ihnen aber schwer raten: Never use social media when drunk – schreiben Sie niemals betrunken Facebookpostings.

5. Schreiben ist Lesen

Künstlerinnen haben viele ritualisierte Handlungen, um sich in Stimmung zu bringen. Da die Muse selten zwischen 9 und 17 Uhr vorbei schwebt und ihnen Eingebung und Wortschwall da lässt, bereiten sie ihren Geist und Gemüt täglich neu auf den Prozess des Schaffens und Überarbeitens vor – Schreiben heißt oft auch, sich zu disziplinieren, nicht ablenken zu lassen sondern sich täglich an die Arbeit zu zwingen.

Colette pflegte z. B. vorher ihre Katzen zu entlausen, Schiller roch an trocknen Äpfeln, eine Kollegin von mir putzt die Küche – und sehr viele lesen in einem Buch.

Am besten wirkt ein Buch, das sie hassen, weil es so schlecht ist, das sie gleich viel mehr Vertrauen in ihr eigenes Schaffen haben.

Oder eines, das sie lieben, bewundern, das sie schon seit 30 Jahren jeden Tag lesen – aber in jedem Falle eines, dass in ihnen das Summen auslöst, diese entspannte Spannung, aus der heraus das Losschreiben so leicht fällt. Das sind Anschub-Bücher, die mit dem eigenen Stil, Plot oder Sein nichts zu tun haben – es sind: Katalysatorbücher. Ich benutze z. B. Jon Kalman Stefansson, Anna Gavalda, Dominique Manotti oder Erica Jong dafür, um in mir das Summen zu fördern, wenns grad fehlt. Und man kann es, im Gegensatz zu Alkohol, auch schon vormittags genießen.

Wie heißt Ihr Katalysatorbuch, dass Sie lockt, verführt, motiviert zum Schreiben?

6. Schreiben ist Persönlichkeitsspaltung

Eine der klügsten Ratschläge zum Umgang mit Kritik – von Agentinnen, SchreibdozentInnen, Lektorat, RezensentInnen, KritikerInnen, Ihrer eigene Mutter – erhielt ich aus einem Buch von 1934, geschrieben von Dorothea Brande, „Schriftsteller werden“ (Autorenhaus Verlag).

Sie gab den Rat, seine Persönlichkeit inzweizuteilen. Mindestens. Die eine Seite sei die des Künstlers, der Künstlerin, mit all seinen Facetten – kindliche Verspieltheit, neugierige Begeisterung, Leidenschaft, Narzissmus, Abgründe, Empfindsamkeit, Sauferei, ungezügelte Schaffenslust. Diese Seite solle wahrnehmen und schreiben. Streng getrennt davon sei die des inneren Zensors, der inneren Kritikerin – oder, wie ich es nenne: der strengen Handwerkerin.

Die sei nicht vordergründig im Schreibprozess gebraucht, so Brande, aber bei der Überarbeitung, die ja manchmal nur Minuten nach dem Schaffen schon einsetzt, manchmal in einem so raschen Wechsel, dass es einem selbst kaum auffällt. Die Handwerkerin, die Kritikerin, ist auch gebraucht bei der Planung, bei der Auseinandersetzung mit Selbst- oder Fremd-Kritik. Der innere Zensor bremst jedoch, zu früh aktiviert, den Schaffensprozess, mit fiesen Kommentaren wie:

„Wer will das denn schon lesen … wieso meinst du, du könntest das … deine Mutter wird entsetzt sein …“

Wenn Sie sich Kritik aussetzen müssen, holen Sie Ihre Handwerkerin hervor. Nur sie ist fähig, die Werkqualität von der ErschafferIn und dem Kontext, in dem ein Text entstand, zu trennen. Denn wenn uns Leser-Kommentare oder Kritik so heftig verletzen, dann nur, weil wir sie als empfindsame, wunde, verletzbare Künstlerin wahrnehmen. Und nicht als Handwerkerin, die Geschmäckerlische Kommentare sehr wohl von konstruktiven Anmerkungen unterscheiden kann.

Hüten Sie sich davor, aus empfindsamer Eitelkeit heraus, Kritik an Ihren Texten zu vermeiden oder Kritik zu ignorieren. Bilden Sie eine starke, wissende, emanzipierte Handwerkerin in sich heraus – ich schwöre Ihnen bei all meinen zehn Fingern, dass Ihnen Feedback nie mehr in der Seele wehtun wird. Weil die Handwerkerin nämlich fähig ist, sogar Kritik zu zerlegen in wichtig, unwichtig – und völliger Blödsinn.

7. Schreiben ist Wahrnehmen und sich selbst vergessen

Ab und an fragen mich Journalisten, woher ich meine Ideen nehme, oder ob ich eine ganz reiche Phantasie habe. Meist gebe ich dann die Webseite: www.guteideenfürschriftsteller.de an. Oder ich sage die Wahrheit:

Ich denke mir nichts aus.

Alles ist wahr. Denn: ich nehme wahr. Ich muss mir schon lange nichts mehr ausdenken – es ist alles da, überreichlich, in dieser Welt und in allen anderen. Schreiben ist kein nach innen gekehrtes Suchen. Für mich ist die Essenz des Schreiben: Wahrnehmen.

Sehen. Hören. Zuhören! Fühlen. Mitfühlen, nachfühlen. Einfühlen. Nicht zerdenken. Denken. Nachdenken. Manchmal auch treiben lassen in Gedanken, dieses unstete Denken kurz vor dem Einschlafen, wenn das Gehörte, Gesehene, Gelesene, chemisch reagiert und eine Idee gebiert. Wahrnehmen.

Wahrnehmung ist immer eine Lustfrage. Manchen macht es wirklich keinen Spaß, sich ins zugige Café zu setzen und Leuten hinterher zu starren; eine Tätigkeit, die mir übrigens auch nie nur eine Idee einbrachte. Ich beobachte Menschen lieber in der Sauna oder bei H&M, wenn sie sich im Spiegel betrachten, oder im Restaurant, wie sie mit Kellnern umgehen, um andere zu beeindrucken.

Jede hat sein und ihr eigenes Talent, wahrzunehmen. Mich fliegen Gefühle an, ich bin hypersensibel mit jedem meiner Sinne, was schön und schrecklich zugleich ist. Mein Mann kann außerordentlich gut Schweigen deuten. Finden Sie heraus, wie Sie wahrnehmen – sehen Sie, hören Sie, fühlen Sie? Was Sie wie wahrnehmen, ist die Quelle, aus der Sie alles für Ihre Geschichten schöpfen, für Figuren, Farben, Landschaften, Sound.

Narzissten schreiben deswegen selten gute Bücher. Sie erzählen immer nur von der landschaftlichen Beschaffenheit ihres Nabels.

8. Schreiben ist, sein Thema finden

Ich habe etwa achtzehn Jahre gebraucht, um herauszufinden, über was ich wirklich schreiben will. In den Jahren hatte ich genügend Zeit, zu üben, um auch auch darüber schreiben zu können: Meine Routine und mein Schreibmut sind geübt, trainiert, ich bin jetzt bereit für die größeren (Themen)Gewichte.

Herauszufinden, was das wirklich eigene Thema ist – und gleichzeitig seine Schreibmuskeln zu üben, um dieses Thema möglichst gut, ehrfürchtig und lesbar zu stemmen, ist meines Erachtens eines der beiden lebenslangen Aufgaben eines Schreibenden, das, was er und sie lebenslang lernen wollen muss. Egal wie lange es dauert.

Aufgeben gilt nicht, siehe: Schreiben = nix für Feichlinge.

Ich habe von 1993 bis 2013 und dem Einstieg des Lavendelzimmers auf der Bestsellerliste, also nur 20 Jahre, gebraucht, um über Nacht berühmt zu werden. Es musste dieser lange Weg sein, ich musste leben und unendlich viel schreiben, lieben und weinen, ich musste alles verlieren, um das zu schreiben, was ich kann und was ich will. Jeder hat seinen eigenen Weg. Meist tut er weh.

Das Lavendelzimmer war die Folge des Durchbruchs: ich wusste, ich will immer wieder über den Tod erzählen, über die Angst vor dem Tod und wie diese Angst uns hemmt, voller Leidenschaft zu leben. Das ist mein Thema und ich werde immer wieder darauf zurückkommen.

Finden Sie im Laufe der nächsten Jahre heraus: Was muss ich schreiben? Und: Was kann ich schreiben? Manchmal ist das allerdings nicht dasselbe, manchmal muss erst das Können noch geschult werden, um das Müssen so gut wie möglich auszuarbeiten. Zwei Bitten dazu, mit Bedacht aber Überzeugung vorgetragen:

  1. Eifern Sie niemandem nach.
  2. Habe ich vergessen.
    Fügen Sie bitte hier ________________________________________
    Ihre eigene Regel ein, denn auch das ist Schreiben: Nicht auf die hören, die es geschafft haben – denn jeder hat es anders geschafft als der nächste. Und auch Sie schaffen es anders als ich, als Nele, als Stephen.

9. Schreiben ist niemals alles sagen können

Ich habe mir vier, fünf Wochen Zeit genommen, um über diese 30-minütige Rede hier nachzudenken, nachzufühlen. Ich habe mit KollegInnen über ihr Schreiben gesprochen. Ich bin zurückgekehrt an die Wendepunkte meines schreibenden Lebens. Ich habe Bücher wieder gelesen, in denen AutorInnen über ihr Leben als Schreibende berichteten, wie sie soffen, liebten, scheiterten, sich ängstigten. Wie sie ihren Arsch hochbekamen und wie sie ihr Gesicht verloren. Ich habe mich in den Quellen ertränkt, hinter dieser kleinen Rede stehen dutzende Stunden an Gedanken, Lesen, Gespräche, Träume und Erinnerungen, Entscheidungen und sehr viel Ungesagtes. Aber so ist Schreiben auch:

Es zu ertragen, sich entscheiden zu müssen und niemals alles erzählen zu können.

Auch Ihr Buch, Ihre Short Story ist nur die Spitze des Eisberges; ungesehen sind all die abertausend Stunden an Fühlen, Denken, Recherchieren, Überarbeiten.

10. Schreiben ist, (von denen, die man liebt) missverstanden zu sein

Denn Schreiben – oh, bitte, DU. Willst. Schreiben? Du? Dieses … bestenfalls exotische … Hobby? Machen das nicht nur Leute wie Günter Grass, die was zu sagen haben, oder schlimmer: die meinen, sie hätten was zu sagen? Und wer bist du, dass du glaubst, du könntest das, hm, ist dein Zeigefinger überhaupt groß genug dafür? Ist nicht eh schon alles gesagt, glaubst du etwa, du kannst Harry Potter? Du? Willst du reich werden oder so? Du. Willst. Schreiben? Also, bitte.

Wenn jemand zugibt, er oder sie wird jetzt mal Schreiben – dieses eigentlich zutiefst aufregende, freudige, heroische Bekenntnis hinterlässt bei seiner und ihrer Umwelt ein mulmiges, unbehagliches Gefühl. Wenn Sie mit solchen Menschen öfter zusammen sind, passiert oft noch etwas anderes: Sie fühlen sich immer weniger fähig, zu schreiben. Es lähmt sie. Es bedrückt sie. Glückwunsch: Sie sind Opfer eines Kleinmachers geworden.

Hüten Sie sich vor Kleinmachern. Wahren Sie im Zweifel das Geheimnis, das Sie schreiben wollen.

Gründen Sie AutorInnen-Stammtische in Ihrer Gegend. Auch wenn die nur aus zwei TeilnehmerInnen bestehen – Sie werden besser atmen, besser denken und besser schreiben können, wenn Sie sich ab und an mit Leuten aus demselben Club der Welten-Wanderer treffen. Dort wird es niemanden geben, der Sie spöttisch, mitleidig oder ratlos ansieht, weil Sie schreiben wollen. Es wird niemanden geben, der meint, Sie sollten nicht so laut, so lustig, so ernst oder so verzweifelt sein. Und das ist vermutlich die letzte Wahrheit: Niemand wird Sie so sehr für das verstehen, was Sie tun, als andere Schreibende.  Willkommen im Club der Weltenwanderer, denen eine Realität alleine niemals reicht.“

(On Writing. Die Keynote, mit der Nina George die Deutschen Schreibtage 2014 am 1.11.2014 in Berlin-Wannsee eröffnete)

Foto_ Elmar Thiel Deutsche Schreibtage 2014

Nina George eröffnet die Deutschen Schreibtage 2014 in Berlin-Wannsee mit ihre Rede: On Writing – Über das Schreiben. Foto: Elmar Thiel ©

Autorin: Nina George

Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Nina George schreibt Romane, Sachbücher, Thriller, Reportagen, Kurzgeschichten sowie Kolumnen. Ihr Roman „Das Lavendelzimmer" stand 63 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wird in 35 Sprachen übersetzt und war u.a. New York Times Bestseller. Mit ihrem Ehemann, Schriftsteller Jo Kramer, schreibt sie unter „Jean Bagnol“ Provencethriller. Nina George ist Beirätin des PEN-Präsidiums und WWC-Beauftragte, Bundesvorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, sowie Gründerin der Initiative Fairer Buchmarkt. Sie lebt in Berlin und der Bretagne. 2017 wurde George als BücherFrau des Jahres ausgezeichnet. www.ninageorge.de

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