Ein grauer Freitagnachmittag in Berlin. Draußen trommelt der Regen gegen die Scheiben, drinnen steht Tee auf dem Tisch. Vor uns ein Aufnahmegerät. Roya Soraya und ich schauen uns lange und aufmerksam an. Sie lächelt, nippt an ihrem Tee und erzählt von Iran, Identität, Verlust, Freiheit – und davon, warum Loslassen manchmal schwerer ist als fünf Jahre an einem Buch zu arbeiten.

Roya Soraya
(c) Mina Esfandiari
Der Regen ist zuerst lauter als wir.
Er trommelt gegen die Scheiben, gleichmäßig, beinahe beharrlich. Berlin liegt grau unter diesem Freitagnachmittag. Wir sitzen uns mit einer Tasse Tee gegenüber. Zwischen uns auf dem Tisch: das kleine Aufnahmegerät. Es ist eingeschaltet, aber für einen Moment scheint es nicht wichtig zu sein.
Roya Soraya schaut mich konzentriert an. Sie hört genau zu, bevor sie antwortet. Dann lächelt sie. Ein kurzer, warmer Moment, bevor sie an ihrem Tee nippt. Sie ist auf Lesereise. Ihr Buch Wind in meinem Kopftuch ist im Frühjahr bei Carlsen erschienen. Gerade ist sie viel unterwegs, von Lesung zu Lesung, und der nächste Auftritt wartet in Berlin beim Internationalen Literaturfest. Normalerweise bedeutet eine Veröffentlichung: Buch fertig, nächstes Projekt. Bei Soraya ist es gerade anders. „Ich möchte noch richtig das auskosten“, sagt sie. Man hört diesem Satz an, dass er nicht selbstverständlich ist.
Fünf Jahre hat sie an der Graphic Novel gearbeitet. Fünf Jahre, in denen aus einer Reise in den Iran eine vielschichtige Geschichte über kulturelle Identität, das Aufwachsen zwischen verschiedenen Kulturen, Trauer und Freiheit geworden ist. Nun könnte sie sich eigentlich zurückziehen und die nächste Idee suchen.
Stattdessen fährt sie durch Deutschland und erzählt immer wieder von diesem Buch. „Ich will nicht, dass das Buch veröffentlicht wird und dann einfach in die Schublade kommt und ich das nächste mache.“ Draußen trommelt der Regen weiter.
Eine Reise, die nicht bei der Reise blieb
Was zunächst wie eine Reisegeschichte begann, wurde für Roya Soraya zunehmend zu einer Suche nach der eigenen Geschichte. Sie war in den Iran gereist und erlebte dort beides: Schönheit und Schrecken. Genau dieses Schwanken blieb ihr im Gedächtnis.
Während eines Praktikums bei der Comiczeichnerin Lisa Frühbeis erzählte sie immer wieder davon. Aus diesen Erzählungen entstand irgendwann der Gedanke, die Reise selbst zum nächsten Projekt zu machen. Roya Soraya musste damals nicht lange überlegen. Sie machte es einfach.
Erst während der Arbeit merkte sie, dass die Reise allein nicht reichen würde. Wenn sie erzählen wollte, was sie im Iran erlebt hatte, musste sie auch erzählen, warum sie überhaupt dorthin gereist war. Und damit war sie mitten in ihrer eigenen Geschichte.
Zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen, bedeutet für sie auch, sich immer wieder mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen. Später kam die Trauer hinzu. Ein Verlust, von dem sie irgendwann das dringende Bedürfnis hatte, ihn mitzuteilen. Während sie davon erzählt, wirkt sie ruhig. Konzentriert. Sie spricht nicht hastig. Zwischen den Sätzen entstehen kleine Pausen. Wieder ein Schluck Tee. Vielleicht passt das zu ihrem Buch: Auch dort scheint nichts einfach nur das eine zu sein.
Nicht nur Iran. Nicht nur Deutschland. Nicht nur Schönheit. Nicht nur Schrecken. Nicht nur Freiheit. Nicht nur Kontrolle.
Der Wind kommt erst, wenn etwas locker wird

Roya Soraya, Wind in meinem Kopftuch, Carlsen, 2026
Der Titel ihres Buches ist eng mit einem solchen Zwischenmoment verbunden. Wind in meinem Kopftuch. Ein Titel, der nach Bewegung klingt. Nach Leichtigkeit. Vielleicht sogar nach Unbeschwertheit. Für Roya Soraya aber beginnt er mit Angst. Während ihrer Reise hatte sie zunehmend das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen. Sie hatte Angst, etwas falsch zu machen.
Dann steht sie auf einem Berg in Iran – und plötzlich ist dieses Gefühl für einen Moment verschwunden. Ein touristischer Ort. Keine Sittenpolizei, denkt sie. Zum ersten Mal fühlt sie sich ein wenig unbeobachtet. Da ist der Wind. Und mit ihm ein Gefühl von Freiheit.
Soraya erzählt diese Szene nicht als große Befreiungsgeste. Es ist eher ein kleiner körperlicher Moment: Der Druck lässt nach. Etwas wird lockerer. Das Kopftuch sitzt nicht mehr ganz so streng. „Wenn das Kopftuch ganz streng gezogen ist, dann kann da ja auch kein Wind drin sein.“ Sie lächelt bei dem Gedanken.
Dass überhaupt Wind hineinkommt, bedeutet für sie schon eine Lockerung. Eine Bewegung innerhalb von Regeln. Ein kleines Stück Freiheit. Vielleicht ist das die schönste Metapher ihres Buches: Freiheit muss nicht immer bedeuten, alles abzuschütteln. Manchmal reicht es, wenn etwas nicht mehr ganz so festsitzt.
„Ich will, dass sich Leute darin wiederfinden“
Die Graphic Novel ist persönlich. Sehr persönlich. Und gerade deshalb stellt sich die Frage, ob autobiografisches Erzählen nicht auch Grenzen schafft. Roya Soraya sieht es anders. Indem sie aus ihrer eigenen Perspektive erzählt, müsse sie eine Differenz gar nicht erst mühsam überbrücken. Die Leserinnen und Leser würden direkt in ihre Welt mitgenommen. Sie müssten nicht erst akzeptieren, dass jemand anders ist. Sie erleben die Geschichte aus ihren Augen.
Es ist ein Erzählen, das weniger erklärt als spürbar macht. Roya Soraya sagt nicht: So müsst ihr über den Iran denken. Sie sagt auch nicht: Das ist die richtige politische Haltung. Sie erzählt, wie es sich für sie angefühlt hat. Gerade darin liegt für sie eine Möglichkeit, Empathie entstehen zu lassen.
Auch ihr Verständnis von Vielfalt beginnt dort. Vielfalt bedeutet für Roya Soraya nicht, selbst alles sein zu müssen. Im Gegenteil: „Ich muss nicht alles sein, was es gibt.“ Entscheidend sei, auch Dinge akzeptieren zu können, die man selbst nicht ist. Es klingt fast schlicht. Aber vielleicht ist gerade diese Schlichtheit anspruchsvoll.
Die eigene Perspektive nicht verstecken
Dass Roya Soraya ihre Geschichte aus einer feministischen Perspektive erzählt, ist für sie keine strategische Entscheidung. Es gehört zu ihr. Wenn sie im Buch über das Kopftuch nachdenkt, über Gleichberechtigung, über Frauen, ist das für sie kein zusätzlicher Kommentar zu ihrer Geschichte. Es ist Teil ihrer Geschichte.
Auch das Thema „Frau, Leben, Freiheit“ beschäftigt sie. Im Comic selbst nimmt es nicht den größten Raum ein, stärker wird es im Nachwort. Die politischen Ereignisse von 2022 haben für Roya Soraya nachträglich bestätigt, was sie während ihrer Reise im Iran gespürt und erlebt hatte. Ihre Perspektive ist dabei nie losgelöst von ihrer Arbeit als Illustratorin.
Sie erzählt, dass sie sich selbst immer wieder dabei ertappt, welche Bilder und Stereotype automatisch im Kopf auftauchen. Bei Illustrationsaufträgen versucht sie, genau an dieser Stelle innezuhalten. Dann schiebt sie das erste Bild beiseite und sucht nach einem anderen. Mehr unterschiedliche Körper. Mehr unterschiedliche Hautfarben. Menschen mit und ohne Behinderung. Nicht als Pflichtübung, sondern als bewusste Entscheidung gegen das, was sich sonst allzu schnell wiederholt.
Der Moment, in dem Anerkennung wichtig wird
Dann sprechen wir über die Auszeichnung der BücherFrauen. Mit den „5 to Watch“ stellen die BücherFrauen zu Beginn jedes Jahres fünf inspirierende Persönlichkeiten aus der Buchbranche vor, deren Wirken in den kommenden Monaten besondere Aufmerksamkeit erhält. So bekommen ihre Stimmen eine größere Bühne – und ihre Impulse wirken über die Branche hinaus. Roya Soraya wurde als eine der „5 to Watch“ ausgewählt. Sie lächelt. Es ist ihre erste Auszeichnung, erzählt sie, und sie habe ihr viel Selbstbewusstsein gegeben. Viele Menschen hätten gratuliert, die Auszeichnung werde immer wieder erwähnt.
Und dann sagt sie einen Satz, der vielleicht gerade deshalb so sympathisch ist, weil er ohne falsche Bescheidenheit auskommt: „Da will ich nicht lügen: Das ist mir schon wichtig.“ Anerkennung ist ihr wichtig. Natürlich.
Fünf Jahre lang an einem Comic zu arbeiten, ohne Verlag, bedeutet schließlich auch, ständig in einer unsicheren Position zu sein. Immer wieder das eigene Projekt anzubieten, zu hoffen, dass jemand anderes darin dieselbe Bedeutung erkennt. Roya Soraya war selbst überzeugt von ihrem Buch. Aber Überzeugung schützt nicht vor Unsicherheit. Die Resonanz nach der Veröffentlichung bedeutet deshalb etwas. Aufmerksamkeit bedeutet etwas. Dass andere sagen: Schau, diese Arbeit ist wichtig – bedeutet etwas.
Was kommt nach fünf Jahren Arbeit?
Die vielleicht überraschendste Antwort des Nachmittags lautet: nichts. Zumindest noch kein neues Buch. Roya Soraya hat kein nächstes Projekt in der Schublade. Und sie weiß auch gar nicht, ob sie sofort wieder eines machen möchte. Sie möchte sich etwas erlauben. Nicht weiterzumüssen. Erst einmal schauen, was kommt.
Stattdessen will sie sich stärker auf Illustrationen konzentrieren. Auf Aufträge, auf die Frage, wo sie mit dieser Arbeit hinwill. Und wenn sie wieder erzählt, dann vielleicht nicht gleich mit dem Anspruch, die nächste große Geschichte schreiben zu müssen. Vielleicht darf es leichter werden. Humorvoller.
Vielleicht darf es einfach eine Geschichte sein, ohne dass sie sofort beweisen muss, dass sie an die fünf Jahre Arbeit davor heranreicht. Denn genau dort lauert inzwischen der neue Druck: Das nächste Buch müsste sich an Wind in meinem Kopftuch messen lassen. Und das möchte Roya Soraya eigentlich nicht. Sie möchte sich die Freiheit zurückholen, einfach weiterzuerzählen.
Loslassen

Roya Soraya
(c) Mina Esfandiari
Je länger wir sprechen, desto stärker scheint sich ein Wort durch das Gespräch zu ziehen: loslassen. Es steht im Titel. Im Wind. In ihrer Vorstellung von Freiheit. Und es steht auch vor ihrer eigenen Zukunft. Wenn sie ihrem früheren Ich heute etwas sagen könnte, wäre es ein erstaunlich kurzer Satz: „Ah, das wird gut.“ Dann lacht sie. Vielleicht ist es genau das, was sie sich selbst heute noch sagen möchte. Dass es gut wird, auch wenn nicht alles kontrolliert werden kann.
Denn Kontrolle ist etwas, das Roya Soraya kennt. Beim Zeichnen wird sie perfektionistisch, erzählt sie. Sie friemelt an Dingen herum, aus Angst, sie könnten nicht gut genug sein. Auch nach der Veröffentlichung wollte sie möglichst viel steuern.
Fünf Jahre Arbeit lagen hinter ihr. Nun sollte das Buch den richtigen Weg nehmen. Also schrieb sie Anfragen, machte auf das Buch aufmerksam, versuchte, Möglichkeiten zu schaffen. Bis sie merkte: Das Buch hat längst begonnen, seinen eigenen Weg zu gehen. „Ich kann gar nicht alles unter Kontrolle haben, welche Wege dieses Buch geht.“ Wieder wird es kurz still. Der Regen übernimmt den Raum.
Wir schauen uns an. Konzentriert, aufmerksam. Dann lächelt Soraya. Wir nippen an unserem Tee und hören einen Moment einfach nur dem Trommeln gegen die Scheiben zu. Vielleicht lässt sich dieser Moment nicht besser zusammenfassen als mit dem Titel ihres Buches.
Wind entsteht, wenn etwas in Bewegung kommt. Und manchmal muss man dafür nur ein wenig lockerer lassen. Das Buch ist unterwegs. Roya Soraya auch. Und vielleicht ist das gerade genug.