Ein Beitrag von Veronika Licher
Leicht ironisch präsentiert sich Tschechien, das Gastland des Jahres 2026, auf der Frankfurter Buchmesse als »Land an der Küste« – da dürfen die roten Leuchttürme nicht fehlen. Sie projizieren ausgewählte Zitate tschechischer Autorinnen und Autoren an die Wand – und verweisen auf die große Vielfalt, die die Literatur dieses Landes zu bieten hat.

Dora Kaprálová (l.), Yvonne de Andrés (r); Foto: Veronika Licher
Der Perspektive tschechischer Autorinnen und Verlegerinnen widmet sich am Messe-Donnerstag ein von Yvonne de Andrés moderiertes Gespräch auf der Leseinsel der unabhängigen Verlage mit der in Berlin lebenden Autorin Dora Kaprálová und der Prager Verlegerin Barbora Baronová. Beiden wurden für ihre vielfältigen Produktionen schon mit zahlreichen Preisen geehrt, zuletzt Dora Kaprálová mit dem Literaturpreis der Europäischen Union (EUPL) für ihren Titel »Die Mariborhypnose«.
Um ihre Sprache nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar zu machen, liest die Autorin einen Abschnitt aus Mariborská hypnóza auf Tschechisch – eindringlicher könnte man kaum die Erfahrung ermöglichen, die Klangfarbe, die Nachdrücklichkeit und gleichzeitige Leichtigkeit des Textes nachzuvollziehen.

Dora Kaprálová liest auf Tschechisch aus Mariborská hypnóza; Foto: Veronika Licher
Und: Wie Literatur so neue Räume zu öffnen vermag, Räume für andere Perspektiven oder für Stimmen, die sonst nicht gehört werden. So verbindet Dora Kaprálová persönliche Beobachtungen mit gesellschaftlichen Themen, das Private mit dem Politischen und verknüpft Erinnertes und Gegenwärtiges. Aus der ihr eigenen Perspektive lädt sie ein zum genaueren Hinschauen.
Barbora Baronová engagiert sich als Verlegerin, Autorin und „literarische Dokumentaristin“ ebenfalls dafür, Themen in die Sichtbarkeit zu verhelfen, die ihrem Empfinden nach bisher zu wenig Raum bekommen: Feminismus beispielsweise, Intimität und Alter, mentale Gesundheit oder Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Die Gründung des unabhängigen Verlags Wo-men gibt ihr die Freiheit, selbst zu entscheiden und diese Menschen zu unterstützen, mit ihren Geschichten sichtbar zu werden.
Welche Möglichkeiten bietet das unabhängige Arbeiten aus der Sicht der Autorin und aus der Sicht der Verlegerin?
Für Dora ist die Unabhängigkeit ein Garant dafür, dass neue und interessante Themen aufgebracht werden können, und für die Freiheit, die Stimmen zu bewahren, die sonst langsam verloren gehen könnten. Die Proportionen stimmten aktuell nicht, die Aufmerksamkeit sei ungleich verteilt.
Für Dora stellt Fiktion die größere Freiheit dar. Sie brauche die Poesie, aber auch den Humor, um soziale Themen aufzuzeigen. Und nachdrücklich betont sie: Sie glaube wirklich, mit Poesie können man die Welt retten! Die Poesie sei die rettende Küste …
Aber beide, Sachbücher wie auch fiktive Texte, könnten neue Themen aufwerfen, gesellschaftliche Perspektiven anstoßen.

Gespräch mit Dora Kaprálová und Barbora Baronová; Foto: Veronika Licher
Für Barbora ist es essenziell, unabhängige Netzwerke in der Verlagsbranche zu schaffen, über ein unabhängiges Buchökosystem nachzudenken, auch in Bezug auf die Distribution – wo immer mehr große Gruppen die Oberhand bekommen. Es sei wichtig, mehr mit unabhängigen Buchläden zu kooperieren und diese zu unterstützen, sich gegenseitig zu fördern. Dafür werbe sie auch auf Buchmessen kontinuierlich.
Bücher auf Tschechisch als „kleiner Sprache“ seien zudem häufig unter dem Radar, insbesondere wenn es dann auch noch Titel von Frauen seien. Und der derzeitige Kulturminister täte ein Übriges dazu …
Sie als unabhängige Verlegerin sei privilegiert, weil sie nicht von einem Geldgeber abhängig sei und versuche, sich auch von anderen Jobs frei zu halten. Sie bevorzuge zeitgenössische Themen und dokumentarische Projekte, beispielsweise in einer Kooperation mit ukrainischen Frauen, bei der es um die Frage geht, was macht es mit Frauen, wenn Krieg ist, mit Mutterschaft, mit Sexualität? Wie viele Tabus es da noch gebe!

Und sie könne Themen aufbringen, die bislang unterrepräsentiert oder gar nicht abgedeckt seien. Als Beispiel nennt sie die Regisseurin und Tänzerin Miřenka Čechová, die offen über ihre Erfahrungen „hinter der Bühne“ geschrieben hat, über ihre Essstörungen und die Folgen des harten Trainings als Ballerina. (»Tote Schwäne tanzen nicht« wurde gerade auf Deutsch vom Anthea Verlag herausgegeben.)
Essenziell sei für sie, die Menschen in ihrer Umgebung, beispielsweise die Lektor:innen, die Hersteller:innen, gut zu wählen – das sei ihre „Familie“. Nur so könne sie authentisch arbeiten.
Dana ergänzt dazu, dass auch für sie in der Zusammenarbeit mit ihrem Verlag Freundschaft das Wichtigste sei. Und sie sei sehr zufrieden mit ihrem Verlag Větrné mlýny – die Mitarbeitenden kenne sie schon sehr lange. Die monopolistische Verlagskultur gehe ihrer Meinung nach ohnehin zu Ende.

Miřenka Čechová; Foto: Veronika Licher
Wann sei denn aus ihrer Perspektive eine Publikation gut gelungen, fragt Yvonne nach.
Für Barbora ist dies keine einfache Frage. Sei verbringe mindestens ein Jahr mit einem Text, um sich mit seinem Potenzial vertraut zu machen, den Text weiterzuentwickeln, zu formen, sozusagen „die Orange auszuquetschen“, aber nicht gewaltsam, sondern einladend, vorschlagend. Für große Verlagshäuser sei eine solche Vorgehensweise völlig unmöglich. Sie brauche jedoch Zeit mit den beteiligten Menschen, um ein Thema zu entwickeln.
Manche hätten ohnehin ungute Erfahrungen mit großen Verlagen gemacht und sich daher dem Selfpublishing zugewandt. Aber die Unabhängigen hätten die Courage und die Chance, Veränderungen und immer wieder neue Themen anzustoßen. Sie brächten die Veränderung in die Gesellschaft. Von größeren Verlagen würden dieselben Themen dann manchmal „zwanzig Jahre später“ übernommen und als neu verkauft …
Als Unabhängige sei es jedoch ihre Aufgabe, den Stimmen nachdrücklich zum Ausdruck zu verhelfen, die stumm seien oder gar zum Schweigen gebracht wurden. Beispielsweise wäre es für eine Person mit einer besonderen Einschränkung hilfreich, in einen Buchladen gehen zu können und dort einen Titel zu eben diesem Thema zu finden. Das würde neue Perspektiven einbringen, es würde weniger Hass geschürt und so auch mehr Demokratie ermöglicht.
An Barboras gegenwärtigen Wohnort in Paris seinen ihre feministischen Kolleginnen derzeit viel lauter am Protestieren, wir sollten viel politischer sein, mehr Lärm machen, sichtbarer, hörbarer werden und für die Literatur und die Kultur geradestehen!
Wenn sie mithilfe eines Stipendiums oder auf anderem Wege gefördert werde, sei es tatsächlich etwas schwieriger. Wer kann es sich dann leisten, laut zu werden? Vielleicht bekomme sie nach der Buchmesse keine Unterstützung mehr – aber sie werde es überleben …
Für Dora wird gute Literatur auf jeden Fall bleiben; in ihrem Mikrokosmos in Berlin, ihrer kleinen Kommunität und dem Kinderbuchladen kann sie überleben – sie möchte optimistisch bleiben.

Yvonne fragt nach, ob es eine spezielle Leseempfehlung gebe für uns, ein Buch, aus dem wir etwas lernen, neue Erkenntnisse gewinnen könnten.
Barbora empfiehlt den Titel »Bibliodiversität« der australischen Feministin Susan Hawthorne (von der Bücherfrau Doris Hermanns ins Deutsche übertragen) – es habe ihr geholfen zu verstehen, welche Rolle Bücher spielten und wie beispielsweise „große“ Sprachen den Rest der Welt kolonisierten. Es sei für sie ein ganz entscheidendes Buch gewesen, um anders auf das Umfeld, das Ökosystem, das eine Buchproduktion umgibt, zu schauen. Ökologische Ansätze müssten integriert werden, wenn man gute Bücher „pflanzen“ wolle …
Sie veranschaulicht dies am Beispiel von Tomaten: Wenn sie in zwei Tagen hochgezüchtet werden, schmecken sie nach nichts …
Yvonne fragt nach der Rolle der Frankfurter Buchmesse, was diese leisten könne – ob sie ein Fenster in andere Literaturen biete oder ob die Gefahr bestünde, dass Literatur für den internationalen Markt verformt werde und bestimmte Erwartungen erfüllen müsse.
Barbora war vor 2 Jahren als Resident eingeladen von der Frankfurter Buchmesse – und das war für sie das Beste, was ihr passieren konnte. Es sei sehr fruchtbar gewesen, auch im Hinblick auf Vernetzung. Seither ist ihre Devise, dass es wichtiger ist, sich öfter zu treffen und so manche „Business-Meetings“ – so wichtig das Business natürlich sei – durch Netzwerktreffen zu ersetzen. Auf der Messe könne sie nationale Stände besuchen und erfahren, wie divers die Buchbranche in den unterschiedlichen Ländern wirklich ist. Die Zeiten würden härter, umso wichtiger sei es, leidenschaftlich Verantwortung zu übernehmen, mit unabhängigen feministischen Verlegerinnen und Buchhandlungen anderer Länder starke Bindungen zu knüpfen. Das sei umso wichtiger in einer Welt, in der immer mehr Menschen so erschöpft seien, und auch sie müsse gut auf sich achten.
Sie hat sich insofern von Facebook zurückgezogen, um nicht Opfer eines Algorithmus zu werden, und bezüglich Instagram sei es wohl nur noch eine Frage der Zeit … Stattdessen reist sie viel, liest viel und genießt die Schönheit persönlicher Treffen.
Es hilft auch, der Überstimulation entgegenzuwirken, der wir uns ja teilweise auch selbst aussetzen. Ein Buch hingegen enthielte keine Werbung, WIR könnten wählen, was wir lesen, wann und wie viel – das verstehe sie unter mentaler Gesundheit. Sie empfiehlt übrigens auch das Buch von Dora … sie liebe es sehr.
Und Dora ergänzt: Wenn sie Kinder wieder mehr lesen sieht, beruhigt es sie, dass sie nicht so schnell manipuliert werden können.
Links:
Der Verlag Wo-men:
https://www.by-wo-men.com/en/about-us.php
https://www.goethe.de/ins/cz/de/kul/the/lit/25351976.html
Erwähnte Literatur:
Auf Tschechisch im Windmühlen-Verlag (Větrné mlýny): https://www.vetrnemlyny.cz/
Auf Deutsch: https://mikrotext.de/book/dora-kapralova-die-mariborhypnose/
Susan Hawthorne »Bibliodiversität«: aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Doris Hermanns; Verbrecher Verlag:
https://www.verbrecherverlag.de/shop/bibliodiversitaet-manifest-fuer-unabhaengiges-publizieren/
Miřenka Čechová (Regisseurin und Tänzerin): Thalie Award in der Kategorie Alternatives Theater; »Tote Schwäne tanzen nicht« bei Anthea, beschreibt darin eigene Erfahrungen als Tänzerin:
Miřenka Čechová: Tote Schwäne tanzen nicht
Veronika Licher, Dipl.-Inform., arbeitet in vielfältiger Weise mit Menschen und mit Büchern, liebt nahe und ferne Länder und bringt als Redakteurin, Lektorin, Coach und Künstlerin gerne das eine mit dem anderen zusammen. Neben der Begleitung von Autor:innen ist es ihr ein Herzensanliegen, vielfältig begabte Menschen zu unterstützen, selbstbewusst ihren ganz eigenen Weg zu gehen und interdisziplinär und kreativ ihre essenziellen Träume zu realisieren.