Bloggerinnen schenken Lesefreude: Alma M. Karlin: Ein Mensch wird

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Alma Karlin, eine zierliche kleine Frau, die – von Geburt an physisch beeinträchtigt – unter unvergleichlich mühsamen Umständen zu einer kühnen Weltreisenden und Schriftstellerin wurde. Deren Werke man bis zur Unabhängigkeit Sloweniens 1991 quasi unter Verschluss hielt. Die, einst eine der bekanntesten Reiseschriftstellerinnen Europas, in völlige Vergessenheit geraten war. Die 1950 in einem Winzerhäuschen bei Celje, in dem sie mit ihrer „Seelenschwester“, der Malerin Thea Schreiber-Gammelin, ab 1934 zusammenlebte, vollkommen verarmt an Brustkrebs starb.

„Es ist nämlich sehr schwer, seine eigene Geschichte zu schreiben. Man steht da im Mittelpunkt der Dinge und gewinnt nur mit Mühe Abstand vom Ich, der wenigstens eine bedingt unpersönliche Beurteilung zulässt.“

Sie habe sich, so Alma Karlin im Vorwort ihrer Autobiografie, bemüßigt gefühlt, auf zahlreiche Nachfragen ihrer Leser_innen hin zu erzählen, wie sie zur Reisenden geworden sei und „überhaupt der Mensch, der ich bin“.

Alma M. Karlin (geboren 1889, gestorben 1950) – „Weltreisende aus der Provinz“, dem deutsch-slowenischen Cilli (Celje im damaligen Österreich-Ungarn) – schreibt 1931 ihre Geschichte auf. Karlin schildert nicht nur literarisch wunderbar und eindringlich, sondern auch emotional authentisch, bewegt und bewegend, lebendig und plastisch. Sie erzählt bedrückend und ermutigend zugleich. Nahegehend.

Ihre Kindheit

Alma Maximiliana ist ein Überraschungskind für ihre bereits betagten Eltern: der Vater an die 60, die Mutter Mitte 40. Doch das Neugeborene liefert nur bedingt Anlass zur Freude. Für den Vater, weil sie nicht der erwartete Sohn ist. Ihre halbseitige Lähmung von Geburt an, die schief stehenden Augen und ein vermeintlich überdimensional großer Kopf, den ein Arzt als „Wasserkopf“ diagnostiziert, schockieren jedoch vor allem die Mutter, für die der gutbürgerliche Repräsentationsaspekt eine immens große Rolle spielt. Nicht nur, was die von ihr stets gepredigte und stets notwendige „Sittsamkeit“ angeht. Die Tochter wächst heran, die Größe ihres Kopfes wird im Verhältnis zum Körper immerhin stimmig und der Vater zu ihrer zentralen Bezugsperson. Er schätzt und fördert das Mädchen im Rahmen des ihm Möglichen – physisch und psychisch – und gewährt Alma einen gewissen Schutz vor ihrer distanzlos-bitteren Mutter.

Der frühe Tod des Vaters hinterlässt einen tiefen Riss im Seelenleben der zu dem Zeitpunkt erst Sechsjährigen. „Nun sind wir allein!“, sagt die Mutter, was vor allem bedeutet, dass Alma ihr fürderhin auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Die Mutter erweist sich als unfähig, ihre Tochter zu nehmen, wie sie ist, geschweige denn, Alma auch nur im Ansatz zu verstehen. Für sie, eine Lehrerin, die ihren Schüler_innen gegenüber mild und geduldig und deshalb sehr beliebt gewesen sein dürfte, zählt im privaten Kontext einzig das Äußere, und die so gesehen unvollkommene Tochter ist und bleibt eine Zumutung, eine Enttäuschung, ein wandelnder Makel. So empfindet Alma es. Und fühlt sich minderwertig, miserabel und schrecklich einsam.

Unvorstellbare Bürden werden ihr in der Folge auferlegt, vermeintlich sinnvolle orthopädische Maßnahmen, foltergleiche tägliche Übungen und jahrelange fragwürdige Trainings, die Alma über sich ergehen lassen muss. Ihr Groll auf die Mutter und die Sehnsucht nach Auswegen wachsen an. Sie quält sich durch die Teenager-Zeit, ebenso widerborstig wie vehement gegen Mutter, Sittsamkeit und oberflächliches Höflichsein, streitet sich tapfer voran, sie, der es leicht fällt zu lernen, entwickelt eine Zähigkeit und Ausdauer und behält ein einziges Ziel im Blick: den Moment ihrer Volljährigkeit. Der Moment des Aufbruchs. Alma zieht sehr bald im Anschluss an die bestandenen Prüfungen nach London, um sich selbst ihr Geld zu verdienen und vor allen Dingen, um der Enge und Seelenlosigkeit der mütterlichen Schirmherrschaft endlich zu entkommen.

Aufbruch

In London wird sie aufgrund ihrer früh erworbenen Sprachkenntnisse und -begabung in einem Übersetzungsbüro angestellt. Lernt dort u. a. Maschineschreiben. Langsam findet sie (zu) sich. Taucht ein in das multinationale und -kulturelle Großstadtleben. Studiert nebenbei eine Sprache nach der anderen – im Privatstunden-Austausch mit Menschen aus den jeweiligen Ländern, denen sie wiederum Englisch, Deutsch oder Französisch beibringt. Lernt mit verbissener Disziplin und Gewissenhaftigkeit. Allein die Einsamkeit bleibt so hartnäckig wie ihr Traum vom Glück in Gestalt eines Märchenprinzen mitsamt Schloss. Zugleich wird ihr immer klarer, dass dies doch keinesfalls ihr „wahres“ Ziel im Leben ist.

Der Erste Weltkrieg bricht aus. „Ein Krieg, jeder Krieg, ob zwischen Völkern oder Einzelwesen, ist falsch, zerstörend und zwecklos.“ Plötzlich befindet Alma sich als deutschsprachige Slowenin bzw. Österreicherin im „Feindesland“. Sie fasst letztlich den Entschluss, London zu verlassen und zunächst ins neutrale Norwegen zu reisen. Wieder verdingt sie sich als Sprachlehrerin, perfektioniert ihr Norwegisch und erlebt ein knappes Jahr inneren Zur-Ruhe-Kommens. Ankommen, ohne sich indes jemals wirklich aufgehoben zu fühlen. Hier „entdeckt sie ihres Lebens Leitmotiv“: das Schreiben. „Ich wusste genau, dass die Künstlerlaufbahn viel dornenvoller als jede andere war, aber auch zu ganz anderen Höhen führen konnte, und beschloss, sie mutig einzuschlagen.“

Von Norwegen aus reist Alma weiter nach Schweden und Lappland. Verweilt dort wieder ungefähr ein Jahr. Bis sie durch andauernde Kälte und Unterernährung schwer erkrankt und außerdem zu der Erkenntnis gelangt, dass ihre Mutter inzwischen „über die Siebzig, also eine ganz, ganz alte Frau ist!“

Zurück nach Celje und erneuter Aufbruch

Sie fährt durch das kriegserschütterte Europa von Norden nach Süden über Berlin, Dresden, Prag und Wien zurück nach Celje. Wo sie eine Privatschule gründet, sich engagiert ins Unterrichten stürzt. Bis der Krieg endlich vorbei ist. Und danach, bis sie genug Geld beisammen hat, um erneut aufzubrechen. Es ist im November 1919. Alma Karlin tritt ihre nächste Reise an, die sie weit, weltweit wegführen wird.

Hier endet Karlins Autobiografie. Und man kann den Leser_innen nur wünschen, dass im Zuge der allmählichen Wiederentdeckung dieser spannenden Frau und Autorin möglichst viel aus ihrem umfangreichen Nachlass (über 50 Werke) in möglichst viele Sprachen übersetzt werden möge.

Karlins Sprache besticht durch ihre Literarizität, durch poetische Bilder, die nicht zuletzt auch im Zeitgeist und der Motivik des literarischen Expressionismus zu sehen sind. So etwa vermittelt sie ein Stimmungsbild von London – Großstadtsinfonie, schrille Zerrspiele, Illusionen und Alltag, Welt(en)hunger und Einsamkeit.

„Jener Mann mit den Bartstoppeln und dem breitrandigen Hut ist vielleicht ein alter Zuchthäusler und jenes Weib mit dem Bündel unter dem Arm, die Schultern hochgezogen, den Hals gereckt, möglicherweise eine Diebin. Unter den vorschießenden Brückenpfeilern kauern die Arbeitslosen, die nicht einmal die beiden unerlässlichen Pence für ein Nachtlager besitzen, und drüben streicht jemand ganz langsam dicht an der Brüstung entlang: ein Selbstmörder? Nebel, der Geruch von Benzin und Ruß und Brachwasser; dumpfer Lärm, ununterbrochen und unruhig wie der Herzschlag eines Kranken; Dunkelheit, Vereinsamung … In dieser Riesenstadt von sieben Millionen Seelen sucht jede Seele etwas, und keine ahnt, was die andere so herzwund und hoffnungslos sucht.“

Zugleich erzählt Karlin ihre Geschichte durchwegs beeindruckend selbstreflektiert. Aber auch humorvoll – „In Prag aß ich einen […] entsetzlichen Kuchen, der an lange in Birnensaft gelegene Sägespäne erinnerte …“ – sowie mit zum Schmunzeln feiner (Selbst-) Ironie, insbesondere wenn es um ihre Mutter geht.

Ihre intelligenten, hellsichtigen gesellschaftskritischen Betrachtungen gewähren vor allem Einblicke in die politischen Verhältnisse vor dem Ersten Weltkrieg und währenddessen, die vorrangig den Alltag und die Verfasstheit der Menschen mitdenken. Und dadurch damalige wie heutige Leser_innen mitempfinden lassen.

Alma Karlins Erzählweise weckt der Leser_innen Empathie – doch niemals ihr Mitleid, sondern ganz im Gegenteil: tiefe Bewunderung und großen Respekt. Man will diese Autobiografie nicht mehr aus der Hand legen, weil bis zum Ende spannend bleibt, wie es weiterergehen mag … Und dann? Und dann? Fortsetzungen sind u. a. Karlins Reisewerke Einsame Weltreise und Im Banne der Südsee.

Zur Autorin:

1889 kommt Alma Maximiliana Karlin im deutschslowenischen Cilli (Celje) im damaligen Österreich-Ungarn zur Welt. 1908 geht sie nach London, wo sie sich dem Sprachenstudium widmet und ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen und Privatstunden verdient. Nebenbei legt sie an der Royal Society of Arts und am Chamber Of Commerce hintereinander Prüfungen in Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch ab und lernt Sanskrit, Chinesisch und Japanisch.
Nach dem Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 verlässt sie London und lebt bis 1918 in Norwegen und Schweden, bevor sie für kurze Zeit nach Cilli zurückkehrt. 1919 bricht sie schließlich zu ihrer Weltreise auf, die sie in den folgenden acht Jahren durch fünf Kontinente führen sollte. Durch ihre Reiseerlebnisbücher „Einsame Weltreise“ und „Im Banne der Südsee“, die sie nach ihrer Heimkehr nach Cilli verfasst, wird sie zu einer der berühmtesten und meistbewunderten europäischen Reiseschriftstellerinnen.
Sie ist im Gegensatz zu den meisten ihrer zur deutschen Minderheit gehörigen Verwandten und Bekannten eine entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus, unterstützt jüdische Flüchtlinge und wird nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Deutschen sofort inhaftiert. Nach ihrer Entlassung schließt sie sich dem slowenischen Widerstand an. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist sie dennoch als deutschsprachige Schriftstellerin in Jugoslawien verpönt, bekommt auch keinen Reisepass. Sie stirbt 1950 arm und vergessen in der Nähe von Cilli. Erst seit der Unabhängigkeit Sloweniens 1991 wird sie allmählich wiederentdeckt.

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Im Rahmen der Aktion Bloggerinnen schenken Lesefreude habt ihr die Möglichkeit, dieses Buch zu gewinnen. Bitte kommentiert unter diesem Beitrag, warum gerade ihr Ein Mensch wird gewinnen möchtet. Mit eurem Kommentar nehmt ihr dann an der Verlosung teil. Es kann bis zum 4. Mai kommentiert werden. Anschließend wird die Gewinnerin/der Gewinner ausgelost. Viel Glück!

 

Karlin, Alma M.: Ein Mensch wird

Auf dem Weg zur Weltreisenden

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jerneja Jezernik

320 Seiten

gebunden, fadengeheftet, mit Leseband

978-3-932338-69-4

Euro 20,00

 

 

Autorin: Karin Ballauff

Karin Ballauff, geb. 1962, ist Romanistin, freie Lektorin sowie Referentin von Schreibworkshops. Sie lebt und arbeitet in Wien.

8 Kommentare

  1. das mit den sägespänen in saft eingelegt finde ich köstlich

  2. Ich will dieses Buch sehr gerne lesen … und weitergeben … Ich werde dazu beitragen, dass Alma M. Karlin aus dieser unangemessenen Vergessenheit geholt wird.

  3. So eine schöne und ausführliche Beschreibung 🙂
    Und für Britta: Klasse, dass du wieder eine fast vergessene Frau zu neuem Leben erweckst👍

  4. Dieser Tage hatte ich das Buch in der Buchhandlung in den Händen und fand, ich müsste es unbedingt lesen. Ich hatte nur an diesem Tag kein Geld mehr im Geldbeutel. Als Schauspielerin und Vorleserin für Blinde und andere hörfreudige Menschen, interessieren mich besonders biografische Bücher außergewöhnlicher Frauen. Letztes Buch war über Charlotte Salomon. Auf Alma M. Karlin würde ich mich besonders freuen.

  5. Wie Du immer wieder diese wunderbaren, tiefgründigen Bücher findest und dem Vergessen entreißt, ist bewundernswert!

  6. Das Buch klingt richtig toll und Alma nach einer sehr interessanten Frau.

  7. Eine beeindruckende Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau, die es trotz schwierigem Start ins Leben geschafft hat, das Beste herauszuholen. Es gibt so viele vergessene, tolle Schriftstellerinnen und Widerstandskämpferinnen aus dieser Zeit. Jede Einzelne hat es verdient, wieder bekannt gemacht und gewürdigt zu werden! Ich werde das Buch auf jeden Fall lesen, ob ich ein Exemplar Gewinne oder nicht.😊

  8. Nie zuvor habe ich von Alma Karlin gehört oder gelesen.
    Großes Danke für diese wertvolle Information.
    Für mich – und für die Teilnehmerinnen meiner Schreibwerkstatt – bin ich immer auf der Suche nach interessanten Autorinnen, nach Vorbildern.
    Das Werk „Ein Mensch wird“ passt da besonders gut, da wir uns im Grunde alle gegen große Widerstände ins und durchs Leben kämpfen.

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